Kaffeehaus versus Coffee House

Ein Vergleich zwischen dem Wiener Kaffeehaus und der Coffee House Kette Starbucks


Seminararbeit, 2014

58 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung 4

1. Kaffee 6

1. 1. Legenden und die Entdeckung der Kaffeepflanze 6

1. 2. Die Geschichte des Kaffees 7

1. 3. Von der Kaffeekirsche zum Kaffee 10

1. 3. a) Die Kaffeepflanze 11

1. 3. b) Die Verarbeitung 12

1. 4. Die Bedeutung des Kaffees in der heutigen Gesellschaft 12

1. 5. Die Geschichte des Kaffeehauses 13

2. Das Wiener Kaffeehaus 17

2. 1. Die Geschichte 17

2. 1. a) Drei exemplarische Kaffeehäuser 20

2. 2. Produkte und Inneneinrichtung 25

2. 2. a) Innenausstattung 25

2. 2. b) Die Produkte im Kaffeehaus 26

2. 3. Leben und Arbeiten im Literaturcafé 29

3. Die Coffee House Kette Starbucks 34

3. 1. Geschichte von Coffee Houses und Starbucks 34

3. 2. Produkte und Einrichtung 40

3. 2. a) Inneneinrichtung 40

3. 2. b) Getränke, Röstungen und Erfindungen 41

3. 2. c) Das Essen 42

3. 3. Das Leben im Coffee House 44

4. Vergleich der beiden Institutionen 46

4. 1. Geschichte 46

4. 2. Produkte und Einrichtung 47

4. 2. a) Inneneinrichtung 47

4. 2. b) Produkte 47

4. 3. Kundschaft und Arbeitsweisen in Cafés 49

5. Fazit 52

6. Quellenangabe 53

Literaturverzeichnis 53

Internetquellen 56

Abbildungsverzeichnis 58

Eidesstattliche Erklärung 59

Einleitung

… ein unbeschreiblicher Duft, der mich schon als Kind betörte, die Nase konnte ich nicht weit genug in die schwarze, zart verzierte Dose stecken. Tief holte ich Luft um sicher zu gehen, die gesamte Lunge mit dem Duft ausgefüllt zu haben. Vermutlich war es gut, den Geschmack, der damit zusammenhängt, erst mit gegebenem Alter herauszufinden. Doch er faszinierte mich ebenso wie der Duft und ließ mich nicht mehr los.

Kaffee auf der ersten Silbe betont bezeichnet ein Getränk, mit Betonung auf der zweiten (Café) ist das Kaffeehaus gemeint, das in Wien zu einer Lebensform wurde. Mit der Übersetzung ins englische Coffee House geht ein Trend und lifestyle einher.

Kaffee ist mehr als ein Genussmittel, mehr als eine Zeitangabe oder Vorwand zur Verabredung, er ist ein Bestandteil der Volksseele geworden. Der Ort, wo man ihn konsumiert, kann selbst als eine Weltanschauung beschrieben werden.

Wenn man an Wien denkt, gibt es viele Assoziationen zu dieser schönen Stadt. Eine davon ist der Gedanke an den Wiener Kaffee. Das Adjektiv „wiener“ hat den positiven Beigeschmack einer hohen Qualität und eines unvergesslichen Geschmacks einer cremigen Melange. Doch nicht nur der Kaffee machte die Kaffeehäuser berühmt. Viele Künstler wurden von der Atmosphäre angezogen, und etwas davon erlebte auch ich während eines Aufenthalts in Wien. Der Besuchen verschiedenster Kaffeehäuser weckte in mir das Interesse an dem Thema.

Die anfänglichen Fragen meiner Arbeit waren: Woher kamen der Kaffee und das Kaffeehaus? Wann und wie entstand diese Institution? Wenn, wie Hans Weigel sagte, „der Kaffee im Café nicht Zweck, sondern Mittel“[1] ist, warum geht man dann ins Kaffeehaus? Was fasziniert die Menschen so daran? Was haben sie in den Kaffeehäusern Wiens getrieben? Was ist eigentlich die Kaffeehausliteratur? Und wie sieht die Situation heute aus, ist ein solcher Trend auch in unserer jetzigen Gesellschaft zu beobachten? Ich stieß auf Starbucks und fragte mich, was es ist, das Starbucks hat und andere unabhängige Cafés nicht. Was macht es so einzigartig? Mit welchen Mitteln werden bestimmte Zielgruppen angesprochen und warum kann ich mich in vielen Städten, die ich in Nord- und Südamerika bereiste, nur zu gut an die Starbucks Stores erinnern? Sind die Menschen, die heute in einem Starbucks arbeiten, vergleichbar mit denen, welche früher in den Kaffeehäusern Wiens Briefe und Feuilletons schrieben? Ist das Starbucks gar das Kaffeehaus der heutigen Gesellschaft?

Diesen Fragen gehe ich in meiner Arbeit nach. Ich untersuche und vergleiche das Wiener Kaffeehaus und das Coffee House Starbucks – von ihrem Ursprung und der Geschichte über die Produktangebote bis hin zu Gewohnheiten und Arbeitsweisen der Gäste.

Einleitend wird über Kaffee im allgemeinen, über dessen Herkunft, den Weg von der Kaffeekirsche bis hin zum Getränk, die Legenden und Geschichten berichtet und kurz das Thema der Verarbeitung angeschnitten. Einen generellen Überblick über die Geschichte der Cafés und die Kundschaft bilden den Übergang in die nächsten Kapitel. Die Rolle der Frau in der Geschichte der Kaffeehauskultur wird vollkommen außer Acht gelassen, da sie für meine Untersuchung nicht relevant ist. Ein besonderes Augenmerk lege ich auf die Literatur in den Kaffeehäusern Wiens, die ich anhand der drei berühmtesten Cafés in der Geschichte Wiens darstelle. Das Café Central war der Nachfolger des Kaffeehauses Griensteidl, und das Café Hawelka gilt bis heute als eines traditionelle, typisch Wienerisches Kaffeehaus. Ein weiterer wichtiger Punkt sind die Textbeispiele verschiedener Autoren, die in den Cafés arbeiteten. Sie dienen der Illustrierung der Kaffeehausliteratur.

Das Kapitel über Starbucks fokussiert mehr den geschichtlichen sowie unternehmerischen Aspekt, um ein Bild der Institution zu bekommen. Die Einrichtung kann exemplarisch für weitere große Coffee House Ketten gesehen werden. Die Grundlage bilden unter anderem Internetquellen, da es sich um ein recht junges Unternehmen handelt.

In dem vergleichenden Teil gehe ich auf die gestellten Fragen ein und arbeite Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten der Wiener Kaffeehäuser und des Coffee House Starbucks heraus.

1. Kaffee

Kaffee ist weit mehr als ein Genussmittel. Er bringt Menschen zusammen, wird als Statussymbol nach außen getragen, spielt als Handelsgut eine wichtige Rolle, ist eines der beliebtesten Getränke der Welt und steht vor allem in Deutschland für „modernen Lifestyle und alte Tradition gleichermaßen“[2]. Es liegen nicht nur Jahre, viele Verarbeitungsschritte und Welten, sondern auch Tausende von Kilometern zwischen dem kleinen Samen in der Erde und dem ersten Tropfen in der Tasse.[3]

1. 1. Legenden und die Entdeckung der Kaffeepflanze

Viele Mythen und Legenden ranken sich um den Ursprung des Kaffees. Sie lassen das Genussmittel besonders faszinierend erscheinen. Begonnen hat alles vor mehr als 1000 Jahren in der Stadt Kaffa, die im heutigen Äthiopien liegt. Sie „gilt als die Urheimat der Kaffeepflanze.“ [4]

Das Wort Kaffee leitet sich aus dem Altarabischen Wort qahwah ab und bedeutet soviel wie Kaffee, aber auch Wein und andere aus Pflanzen gewonnene Getränke. Anfang des 17. Jahrhunderts wurde das Getränk in Europa auch „arabischer Wein“ genannt. [5]

Eine der Legenden von der Entdeckung der Kaffeepflanze erzählt von einem Schäfer, dessen Ziegen im abessinischen Hochland weideten. Die Ziegen bevorzugten einen Strauch mit roten kirschähnlichen Früchten. Nachdem sie dort gegrast und von den Früchten und Blättern des Baumes gefressen hatten, fingen sie an, auf den Hinterbeinen umherzutanzen und aufgeregt zu meckern; ein Anzeichen von Müdigkeit blieb längere Zeit aus. Der Hirte war verwundert. Gespannt beobachtete er seine Herde und probierte eines Tages selbst von dem Strauch. Auch er spürte eine belebende Wirkung. Schnell verbreitete sich die Geschichte von der besonderen Frucht, und Kaffee wurde ein fester Bestandteil der äthiopischen Kultur.

Es gibt wenige erhärtete Fakten zur Entdeckung der Kaffeepflanze. Sicher ist jedoch, das Heilkundige der afrikanischen Ureinwohner die Frucht schon früh entdeckten und nutzten. Ursprünglich war sie einmal Nahrungsmittel für die Nomadenvölker in Afrika. Sie wurde roh oder gekocht gegessen. Seit dem 9. Jahrhundert wurde dann ein Getränk aus der Frucht gewonnen, das aber mit dem Kaffee, wie wir ihn heute kennen, nicht viel gemeinsam gehabt haben dürfte. Erstmals schriftlich erwähnt wurde der Kaffee an der Wende vom 10. zum 11. Jahrhundert. Arabische Heilkundige nannten das Getränk Bunn oder Bunc, es wurde als Medizin oder religiös-kultisches Hilfsmittel gesehen. [6] Die Gewohnheit, Kaffee zu trinken, kam im 15. Jahrhundert im Jemen auf. Vermutlich wurden die Früchte schon vorher gekaut, um den Geist zu erfrischen. Mohammed al-Dhabhani, ein Gelehrter und Mitglied des mystisch-islamischen Sufi-Ordens, war wohl der erste, der 1479 ein Getränk daraus zubereitete, um die nächtlichen Exerzitien besser durchstehen zu können. [7]

Noch heute gibt es in Äthiopien kunstvolle Zeremonien der Kaffeezubereitung – „angefangen vom Waschen der Rohkaffeebohne über das Rösten über offenem Feuer bis hin zur Zugabe von Zimt und Kardamom“ [8] . Der Konsum von Kaffee ist mehr als nur der Genuss eines Getränks. Er ist ein soziales Ereignis, an dem die Leute zusammen kommen, sich unterhalten und nach dem Essen gemeinsam Zeit verbringen. [9] Die Zeremonie in Äthiopien folgt genauen Regeln. Während der Zubereitung wird Gebäck gereicht, der Kaffee wird ein- bis dreimal aufgekocht und selbst das Ausgießen aus dem speziellen Kupferkännchen, der sogenannten Jebanna, folgt vorgegebenen Abläufen. Man darf die Kanne, welche einen langen, dünnen Ausguss hat, nicht absetzen; zudem ist bei jedem Einschenken eine Bewegung von ca. 20 Zentimeter nach oben auszuführen, damit Luft an das Getränk kommt. Drei Tassen zu trinken ist Pflicht, da jede Tasse eine bestimmte Bedeutung hat. Bei der ersten geht es um den reinen Genuss, bei der zweiten werden Probleme besprochen und die dritte gilt dem Segen der Anwesenden. Zum Kaffee wird Popcorn oder Kollo, eine Mischung aus Gerstenkörnern und Kichererbsen gereicht, die zuvor auf der Holzkohle geröstet wurde. [10]

1. 2. Die Geschichte des Kaffees

Bereits im 6. Jahrhundert fand der Kaffee den Weg von Äthiopien in den arabischen Raum, und durch muslimische Mekkapilger verbreitete sich Qahwa im Lauf der Jahrhunderte im ganzen Orient. Qahwa ist wie erwähnt eigentlich das islamische Wort für Wein. Der Genuss alkoholischer Getränke ist den Muslimen jedoch untersagt, und so erhielt der Kaffee, der uneingeschränkt konsumiert werden durfte, eine besondere Stellung. [11] 1510 war er so bekannt, dass er nicht mehr nur als Zeremonialgetränk diente, sondern zum Volksgetränk wurde. Man trank ihn auf der Straße und den Marktplätzen aus kleinen Tässchen und bald auch schon in Kaffeehäusern. Der Kaffee war für Muslime ein willkommener Alkoholersatz, und die Kaffeehäuser boten einen Ort, wo sich die ehrbaren Bürger zeigen konnten. Doch der Konsum des Kaffees war nicht unumstritten. Reilgionsgelehrte machten darauf aufmerksam, dass auch dieses Getränk eine stimulierende Wirkung habe und sein Genuss nicht legitim sei. 1511 wurde erstmals ein Kaffeeverbot ausgesprochen. Der Kaffee wurde beschlagnahmt, verbrannt und die „Kaffeeverkäufer und ihre Kunden wurden verprügelt“ [12] . Es folgten mehrere Versuche, den Genuss des Getränks unter Strafe zu stellen, doch die Kaffeebefürworter hatten gute Argumente. So hieß es, dass Kaffee verboten werden müsse, weil er eine Wirkung auf Körper und Geist ausübe. Doch taten das nicht auch Gewürze und scharfe Speisen? Zudem waren sich die muslimischen Gelehrten nicht einig, ob der Prophet nun generell berauschende Getränke oder nur dessen übermäßigen Konsum verboten habe. Um das Getränk wurde vermutlich nur darum soviel Aufhebens gemacht, da es in den Kaffeehäusern auch zu politischen Debatten kam, Klatsch kursierte und die Menschen Schach und Tavla spielten, was, wenn es um Geld ging, als moralisch verwerflich galt.

Auch in christlichen Gegenden wurde der Konsum des schwarzen Getränks angefeindet. Seine Gegner bezeichneten es als Satansgebräu – gerade recht als Strafe für die Muslime, denen der Genuss von Wein verboten war. Das letzte Wort in dieser Sache hatte Papst Clemens VIII. Nach dem Genuss einer Kostprobe soll er [13] „voller Begeisterung ausgerufen haben:‚Es wäre eine Sünde, ein so köstliches Getränk den Ungläubigen zu überlassen.‘“ [14]

Der Kaffee wurde in alle Teile Arabiens exportiert. Noch heute erinnert die Bezeichnung Mokka, ein stark aufgebrühter Kaffee, an die jemenitische Hafenstadt Mokka, von wo aus der Kaffee verschifft wurde. Handelsreisende und Pilger verbreiteten den Kaffee bis zum Ende des 15. Jahrhunderts in Persien, Ägypten, in der Türkei und in Syrien – in der gesamten islamischen Welt wurde der Kaffee zum Handelsgut. [15] Nach Europa gelangte der Kaffee vermutlich erst 1625, als venezianische Kaufleute sackweise Kaffeebohnen aus Mokka nach Italien brachten. [16] Venedig pflegte eine traditionell intensive Handelsbeziehung mit dem Orient. [17] Zuvor hatten verschiedene Reisende bereits über das Getränk berichtet. So schrieb der Italiener Pietro Della Valle aus Konstantinopel an einen Freund in Venedig:

Die Türken haben ein Getränk von schwarzer Farbe. (…) Sie schlucken es so heiß, wie es ist, wenn es vom Feuer kommt, und trinken es in langen Zügen, aber nicht zur Essenszeit, sondern als eine Art Delikatesse, die sie schlückchenweise zu sich nehmen, während sie mit ihren Freunden plaudern. Man wird bei ihnen nie ein Treffen erleben, bei dem sie es nicht trinken. (…) Es wird aus dem Korn oder der Frucht eines bestimmten Baumes namens Chave zubereitet. (…) Bei meiner Rückkehr werde ich das Wissen an die Italiener weitergeben.[18]

Mit der ersten öffentlichen Kaffeeschenke wurde der Genuss des Kaffees dann zum Kulturgut, das in Europa seinen Höhepunkt in den berühmten Kaffeehäusern fand. [19] Den Anfang machte 1645 ein Kaffeehaus in Venedig, 1650 folgten weitere in England, dann in Frankreich, Holland und später auch in Deutschland. [20] Sie alle waren Zentren politischer Debatten und Verschwörungen, hier trafen sich Kaufleute, Händler und Anwälte mit ihren Kunden. Zu trinken gab es allerdings eine Variante des uns bekannten Kaffees. Da zu dieser Zeit Kaffee wie Bier nach Gallonen besteuert wurde, war es notwendig, ihn bereits vorher zu kochen. Man hielt ihn dann in den jeweiligen Kaffeehäusern in großen Töpfen längere Zeit über dem Feuer warm und kochte ihn bei Bedarf wieder auf. Zudem trank man den Kaffee mit viel Zucker. Er hatte einen starken, bitteren Geschmack, doch waren anscheinend Atmosphäre und Koffein wichtiger als der reine „Genuss“. Zudem veränderte sich der Geschmack des Kaffees durch die feuchte Lagerung auf Schiffen oder den Transport neben Gewürzsäcken. So schmeckte er in jeden Kaffeehaus anders. [21]

Im 17. Jahrhundert war es aus hygienischen Gründen notwendig, das Trinkwasser abzukochen. Darum war es gesundheitlich unbedenklicher, schon morgens zum Bier zu greifen. Noch gesünder jedoch und bald beliebter war Kaffee: Man war morgens nicht schon berauscht und phlegmatisch, sondern wach und von scharfen Sinnen. So wurde Kaffee zum Getränk von Wissenschaftlern, Intellektuellen, Kaufleuten, Angestellten und Kopfarbeitern. Man sprach ihm sogar eine heilsame Wirkung zu. Es hiess, er sei für den Magen wohltuend, stärke das Gedächtnis und heitere den Traurigen auf. Zudem konnten sich die Denker des 17. Jahrhunderts dank des Kaffees von der Antike abgrenzen, die noch keinen Kaffee gekannt hatte. [22] „Kaffee war der große Ernüchterer, das Getränk des klaren Kopfes, der Inbegriff von Modernität und Fortschritt – kurzum, das ideale Getränk für das Zeitalter der Vernunft“ [23].

Der Kaffee war den Europäern also schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts bekannt, aber er galt noch einige Jahrzehnte als exotisch. Erst später, in der Mitte des Jahrhunderts, setzte er sich in Europa und kurze Zeit später auch in Nordamerika durch. [24] Auf eine besondere Weise kam er nach Wien. Als die Türken die Stadt belagerten und 1683 geschlagen wurden, hinterließen sie 300 Säcke ungerösteten Kaffee. Franz Georg Kolschitzky erhielt die wertvolle Hinterlassenschaft dank großer Verdienste während der Belagerung. Er eröffnete ein Kaffeehaus, welches zum geselligen Treffpunkt wurde. Zu dieser Zeit, etwa 1760, gab es in Venedig bereits 200 Kaffeehäuser. [25] Noch war das Getränk aber ein Luxusgut. Erst im Zeitalter der Industrialisierung, Mitte des 18. Jahrhunderts, wurden Methoden entwickelt, den Kaffee günstiger herzustellen, der ab 1850 trotz seines weiterhin hohen Preises zum Bürgergetränk wurde. In den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts wurde er schliesslich zum billigen Alltagsgetränk. [26]

1. 3. Von der Kaffeekirsche zum Kaffee

Bevor die Frucht überhaupt als Getränk zubereitet wurde, diente sie als Nahrungsmittel. So wurden die rohen und getrockneten Bohnen im 9. Jahrhundert zerstoßen, mit Fett vermischt und zu kleinen Ballen geformt. Sie waren für die Nomadenvölker eine energiereiche Wegzehrung. Ab dem 11. Jahrhundert wurde aus der Kaffeepflanze ein Heißgetränk zubereitet, wobei man nicht nur die rohen Bohnen, sondern auch die Fruchtschale, Kaffeekirsche und die getrockneten Blätter verwendete und zu einer Art Tee aufgoss. Die Idee, die Kaffeebohne zu rösten, ist wohl auf einen Zufall zurückzuführen. Das Verfahren wurde frühestens im 11. Jahrhundert bewusst eingesetzt. [27]

Kaffee wurde zunächst in Jemen auf künstlich bewässerten Küstenhängen am Roten Meer angebaut. Trotz der Versuche, den Anbau zu monopolisieren, verbreitete er sich über die ganze arabische Halbinsel [28] , die ihr Wissen ihrerseits geheim zu halten versuchte. So wurde der Samen vor der Ausfuhr mit heißem Wasser keimunfähig gemacht. [29] Den Holländern gelang es jedoch, keimfähige Bohnen zu ergattern, ja regelrecht zu stehlen. [30] Auf diese Weise entstanden 1658 die ersten Plantagen auf Ceylon, dem heutigen Sri Lanka. Eine gefährliche Pilzkrankheit, der Kaffeerost, zerstörte sie jedoch, so dass der Anbau auf Java und Sumatra weitergeführt wurde. Die Nachfrage der europäischen Länder war so groß, dass die Kolonialmächte in allen geeigneten subtropischen Gebieten Plantagen anlegten. [31] Der Kaffee der Holländer wurde von Java direkt nach Rotterdam verschifft. Da die Niederländer dank des Tulpenanbaus umfangreiche Erfahrungen im Bereich des Gartenbaus hatten, gelang es ihnen, in verschiedenen Gärten Kaffeeschösslinge heranzuziehen. Aber auch sie verheimlichten ihr Wissen und beherrschten mit ihrer ostindischen Kompanie jahrelang den Weltmarkt der Kaffeeproduktion. [32] Der arabische Kaffee war nicht konkurrenzfähig, obwohl das Aroma von Kennern bevorzugt wurde. [33]

Mit der zunehmenden Kolonialisierung fiel schliesslich auch das niederländische Kaffeemonopol. So schenkte 1714 der Bürgermeister von Amsterdam dem französischen König Ludwig XIV eine Kaffeepflanze. [34] Der Kaffeebaum gedieh, gut behütet in einem Treibhaus in Paris, aber der König hatte wenig Interesse daran. [35] Anders der französische Marineoffizier Gabriel Mathieu de Clieu: Den Erzählungen nach stiftete er eine aristokratische junge Dame an, dem Leibarzt des Königs Ableger zu entlocken, die er 1723 über den Atlantik auf die Insel Martinique brachte. [36] Die Schwierigkeiten dabei waren nicht gering: Angeblich wurde das Schiff beinahe gekapert, Zweige wurden von eifersüchtigen Mitreisenden abgebrochen und ein Sturm tränkte die Pflanze mit Salzwasser. Doch de Clieu kümmerte sich um die Kaffeepflanze, brachte sie regelmäßig auf Deck an die Sonne, opferte ihr sein Trinkwasser und schaffte es schließlich, sie in seinem Garten auf Martinique zu züchten. Seine Angst um das kleine Pflänzchen blieb allerdings bestehen. Er schrieb:

Ich behielt es im Auge doch meine Angst war groß, dass man es mir stehlen würde; schließlich pflanzte ich eine Hecke aus Dornbüschen und stellte einen Wachposten auf, bis das Bäumchen blühte und Früchte trug …[37]

Zwei Jahre später konnte er endlich Früchte ernten. Er schenkte seinen Freunden Ableger und schickte Jungpflanzen nach Santo Domingo und Guadeloupe. Auch der Kaffeeanbau in Haiti, Kuba, Costa Rica und Venezuela stammen von de Clieus Kaffeepflanzen ab. [38]

Schliesslich nutzten auch Spanien, Portugal und Großbritannien ihre Kolonien für den Kaffeeanbau, der dadurch weltweite Bedeutung erfuhr. Mit den Portugiesen gelangte der Kaffee dann nach Brasilien, dem heute wichtigsten Anbaugebiet. Der sogenannte Kaffeegürtel rund um den Äquator bestand aus Kolonien, die überall dort, wo es möglich war, Kaffee anbauten. [39]

1. 3. a) Die Kaffeepflanze

Die wichtigen und bekannten Kaffeepflanzenarten haben ihren Ursprung in Afrika und gehören zur Familie der Rubiazeen (Krapp- und Rötgewächse). [40] Sie umfassen rund 500 Gattungen mit über 6000 Arten. Coffea ist lediglich eine dieser Gattungen. Die botanisch korrekte Zuordnung in der Pflanzensystematik kam von Carl von Linné. Der schwedische Naturwissenschaftler bezeichnete die Pflanze mit Coffea arabica. [41] [Dies ist eine Leseprobe. Graphiken und Tabellen sind nicht enthalten.] Es gibt viele Bäume und Sträucher, aber nicht alle Samen sind für die Kaffee-zubereitung geeignet. [42] So enthalten nicht alle Pflanzen Koffein, was ein wichtiger Bestandteil der Nutzpflanze ist. [43] Wichtig sind Arabica und Robusta, des weiteren gibt es Liberia und Excelensa, welche aber eine weniger bedeutende Rolle spielen. Die Arabica-Pflanze aus Brasilien, Kolumbien, Mexiko und Zentral-amerika erbringt heute mehr als 70% des weltweit geernteten Kaffees. Sie wächst am besten bei viel Regen, Höhenluft (ab 900m) und gleich bleibender Temperatur. Die Arabica-Bohne hat weniger Säure und im Vergleich zur Robusta einen geringen Koffeingehalt (0,7 bis 1,5%). Bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurde nur Arabica angebaut. Da die Pflanze aber anfälliger für Krankheiten ist und keinen Frost verträgt, wurde nach einer Alternative gesucht. In Uganda wurde eine wild wachsende Robusta-Pflanze (botanisch Coffea Canephora) entdeckt und kultiviert. Sie kann in niedrigeren Lagen wachsen und ist widerstandsfähiger. Sie ist bitterer und rauer im Geschmack, hat mehr Säure und fast doppelt so viel Koffein wie die Arabica-Bohne (2 bis 2,5%). [44]

1. 3. b) Die Verarbeitung

Nach Erdöl ist Kaffee das zweitwichtigste Handelsgut der Welt. Jährlich werden rund 100 Millionen Säcke Kaffee à 60 Kilogramm produziert. Es sind über 2 Millionen Menschen mit dem Anbau und der Verarbeitung beschäftigt. [45]

Es gibt zwei Verfahren zur Verarbeitung der Kaffeekirsche. Die Frucht besteht aus einem weichen Fruchtfleisch und zwei Samen. Die frischen Fürchte müssen so schnell wie möglich weiterverarbeitet werden. Man kann man sie trocknen, bis sich die Bohnen aus der Hülle schälen lassen, oder die Bohnen maschinell schälen und waschen, bis alle Fruchtreste entfernt sind. Das Rösten und Mahlen der Bohnen erfolgt meistens in den Konsumländern. Das ist einer der Gründe, warum die Kaffeebauern nur einen Bruchteil des Endpreises erhalten. [46]

1. 4. Die Bedeutung des Kaffees in der heutigen Gesellschaft

Kaffee war seit seiner Entdeckung bis in die 1960er-Jahre ein Statussymbol. In der Nachkriegszeit war echter Bohnenkaffee auch ein Synonym für den Wiederaufbau; man zeigte, dass man sich wieder etwas leisten konnte. In Westdeutschland verlor der Kaffee diese Rolle, während er in der DDR bis zum Mauerfall ein Luxusgut blieb und in keinem Westpaket fehlen durfte. In den 1990er-Jahren galt das Kaffeetrinken als spießig und altmodisch – junge Leute tranken Softdrinks. Das hat sich inzwischen wieder radikal geändert. Heute gibt es überall Kaffee, man muss sich, um ihn zu konsumieren, nicht unbedingt in ein Café oder eine Bar setzen. Selbst in Einkaufszentren entstanden Coffee Houses, kaum eine Bäckerei, in der man sich morgens nicht auch mit einer Tasse Kaffee versorgen könnte, und selbst für Tankstellen oder Imbissbuden ist es selbstverständlich, Kaffee in verschiedenen Ausführungen anzubieten. Kaffeetrinker lieben nicht nur den aromatischen Geschmack des Getränks, sondern auch seine den Geist belebende Wirkung. Kaffee hat eine wichtige Bedeutung in der Gesellschaft, das Getränk beeinflusst auf verschiedenste Weise Politik und Wirtschaft. Der Kaffee ist überall präsent, auf der Straße als coffee-to-go, zu Hause und in Büros und der Berufswelt. Kaffee ist auch sehr eng mit dem modernen Lebensstil verknüpft. Er bedeutet Kommunikation, private oder geschäftliche Diskussionen finden nicht ohne ihn statt. Mittlerweile ist er schon zu einem Synonym für anregende Gespräche unter Vertrauten geworden: Sich auf „eine Tasse Kaffee“ zu treffen bedeutet nicht unbedingt, diesen auch zu konsumieren. Auch die Redewendung „darf ich ihnen eine Tasse Kaffee anbieten“ ist nicht nur wörtlich zu verstehen. Sie bezeichnet auch den Übergang vom Smalltalk zum offiziellen Beginn einer Besprechung. Ebenso ist die „Kaffeepause“ während Seminaren oder Tagungen zwar eine willkommene Abwechslung; aber auch hier steht nicht die Pause an sich im Vordergrund, sondern der kommunikative Austausch der Teilnehmer und die Möglichkeit zum Networking. Laut einer Studie der Universität Queensland in Australien soll Kaffee die Offenheit der Sitzungsteilnehmer und ihre Bereitschaft, sich auf Argumente der anderen Seite einzulassen, fördern. 2006 wurde 72 Probanden entweder Koffein oder ein Placebo verabreicht. Anschließend bekamen sie Texte zu lesen, zu denen sie dann Stellung beziehen sollten. Die Probanden, die Koffein bekommen hatten, stimmten eher mit den gelesenen Argumenten überein und konnten sich besser an Einzelheiten erinnern. [47]

Der Coffee-to-go-Becher ist heute nicht mehr aus dem Straßenbild wegzudenken. Er gehört als Lifestyle-Produkt genauso dazu wie das Handy, die Handtasche oder die Sonnenbrille. Ganze Berufszweige betreten morgens das Büro mit einem Kaffeebecher in der Hand. Man möchte als Kaffeetrinker gesehen und wahrgenommen werden. Von daher rühren vielleicht auch die großen Fenster in den Coffee Houses, hinter denen der Konsument zur lebhaften Werbung für sich selbst und die jeweilige Institution wird. Sogar in der heimischen Küche spielt die Kaffeemaschine eine zentrale Rolle. Während Hightech-Toaster, Entsafter oder der Sandwichmaker wieder aus der Küche verschwanden, bleibt die Kaffeemaschine fester Bestandteil und wird regelmäßig benutzt. Sie ist sogar zu einem dekorativen Prestigeobjekt avanciert und wird Freunden und Gästen stolz präsentiert. Mit der Einführung der Einzelportionengeräte für Kapseln oder Pads und der vollautomatischen Kaffeemaschine nimmt das Hightech-Gerät heute eine markante bis dominante Rolle in der Küche ein. [48]


[1] Heering, Kurt-Jürgen: Das Wiener Kaffeehaus, S. 13

[2] Zietemann, Britta / Preibisch, Holger: Faszination Kaffee, S. 10

[3] Vgl. ebd.

[4] Ebd., S. 12

[5]Vgl. Karaoglu, Yasar: Kaffee Kult, S. 8

[6] Vgl. Zietemann, Britta / Preibisch, Holger: Faszination Kaffee, S. 15

[7] Vgl. Standage, Tom: Sechs Getränke, die die Welt bewegten, S. 126

[8] Zietemann, Britta / Preibisch, Holger: Faszination Kaffee, S. 15

[9] Vgl. ebd., S. 15

[10] Vgl. Böhm, Almaz: Die äthiopische Kaffeezeremonie [online]

[11] Vgl. Zietemann, Britta / Preibisch, Holger: Faszination Kaffee, S. 16

[12] Standage, Tom: Sechs Getränke, die die Welt bewegten, S. 127

[13] Standage, Tom: Sechs Getränke, die die Welt bewegten, S. 126 ff.

[14] Ebd., S. 129

[15] Vgl. Zietemann, Britta / Preibisch, Holger: Faszination Kaffee, S. 16 ff.

[16] Vgl. Karaoglu, Yasar: Kaffee Kult, S. 9

[17] Vgl. Zietemann, Britta / Preibisch, Holger: Faszination Kaffee, S. 17

[18] Ebd.

[19] Vgl. Zietemann, Britta / Preibisch, Holger: Faszination Kaffee, S. 16 ff.

[20] Vgl. Karaoglu, Yasar: Kaffee Kult, S. 9

[21] Vgl. Standage, Tom: Sechs Getränke, die die Welt bewegten, S. 129 ff.

[22] Vgl. ebd., S. 123 ff

[23] Ebd., S. 125

[24] Vgl. Zietemann, Britta / Preibisch, Holger: Faszination Kaffee, S. 17

[25] Vgl. Karaoglu, Yasar: Kaffee Kult, S. 9

[26] Vgl. ebd., S. 10

[27] Vgl. Zietemann, Britta / Preibisch, Holger: Faszination Kaffee, S. 230

[28] Vgl. Karaoglu, Yasar: Kaffee Kult, S. 9

[29] Vgl. Zietemann, Britta / Preibisch, Holger: Faszination Kaffee, S. 18

[30] Vgl. Standage, Tom: Sechs Getränke, die die Welt bewegten, S. 134

[31] Vgl. Karaoglu, Yasar: Kaffee Kult, S. 9

[32] Vgl. Zietemann, Britta / Preibisch, Holger: Faszination Kaffee, S. 19 ff.

[33] Vgl. Standage, Tom: Sechs Getränke, die die Welt bewegten, S. 134

[34] Vgl. Zietemann, Britta / Preibisch, Holger: Faszination Kaffee, S. 20

[35] Vgl. Standage, Tom: Sechs Getränke, die die Welt bewegten, S. 134

[36] Vgl. Zietemann, Britta / Preibisch, Holger: Faszination Kaffee, S. 20

[37] Standage, Tom: Sechs Getränke, die die Welt bewegten, S. 135

[38] Vgl. ebd., S. 134 ff.

[39] Vgl. Zietemann, Britta / Preibisch, Holger: Faszination Kaffee, S. 21

[40] Vlg. Karaoglu, Yasar: Kaffee Kult, S. 10

[41] Vgl. Zietemann, Britta / Preibisch, Holger: Faszination Kaffee, S 32 ff.

[42] Karaoglu, Yasar: Kaffee Kult, S. 10

[43] Zietemann, Britta / Preibisch, Holger: Faszination Kaffee, S. 33

[44] Vgl. Karaoglu, Yasar: Kaffee Kult, S. 10

[45] Vgl. ebd.

[46] Vgl. ebd., S. 11

[47] Vgl. Zietemann, Britta / Preibisch, Holger: Faszination Kaffee, S. 216 ff.

[48] Vgl. ebd., S. 224 ff.

Ende der Leseprobe aus 58 Seiten

Details

Titel
Kaffeehaus versus Coffee House
Untertitel
Ein Vergleich zwischen dem Wiener Kaffeehaus und der Coffee House Kette Starbucks
Hochschule
ecosign/Akademie für Gestaltung  (Akademie für Gestaltung)
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
58
Katalognummer
V293555
ISBN (eBook)
9783656910060
ISBN (Buch)
9783656910077
Dateigröße
1233 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kaffeehaus, coffee, house, vergleich, wiener, kette, starbucks
Arbeit zitieren
Milena Wälder (Autor), 2014, Kaffeehaus versus Coffee House, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293555

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