Auswirkungen auf das Sozialverhalten von Trennung der Eltern betroffener Kinder


Bachelorarbeit, 2013

55 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Eheschließungen und Scheidungen in Deutschland
2.1 Querschnittuntersuchungen
2.2 Längsschnittuntersuchungen

3. Der Scheidungsprozess
3.1 Ambivalenz- und Vorscheidungsphase
3.2 Trennungs- und Scheidungsphase
3.3 Nachscheidungsphase

4. Belastungsfaktoren der Kinder
4.1 Parentifizierung
4.2 Parteilichkeitskonflikt
4.3 Loyalitätskonflikt
4.4 Co-Elternschaft
4.5 Selbstkonflikt, Schuldkonflikt und Ängste

5. Scheidungsreaktionen der Kinder
5.1 Spezifische Reaktionen in den Phasen des Scheidungsprozesses .
5.2 Altersspezifische Reaktionen
5.2.1 Kleinkinder (1-3 Jahre)
5.2.2 Kindergarten- und Vorschulkinder (4-6 Jahre)
5.2.3 Latenzalter (6-12 Jahre)
5.2.4 Pubertät und Adoleszenz (13-18 Jahre)
5.3 Geschlechtsspezifische Reaktionen
5.4 Schulleistungen

6. Soziale Anpassungsmuster der Kinder nach der Scheidung
6.1 Kompetent-opportunistisch
6.2 Kompetent-verantwortungsbewusst
6.3 Kompetent-belastet
6.4 Genügsam
6.5 Aggressiv-unsicher

7. Scheidungsfolgen für Kinder
7.1 Schutz- und Risikofaktoren
7.2 Positive Folgen
7.3 Langfristige Folgen
7.3.1 Unspezifische Folgen
7.3.2 Probleme im Umgang mit Aggressionen
7.3.3 Selbstwertprobleme
7.3.4 Probleme mit der Geschlechtsidentität
7.3.5 Probleme in der Adoleszenz
7.3.6 Probleme in Partnerschaften

8. Präventions- und Interventionsmöglichkeiten bei Trennung und Scheidung in der Sozialen Arbeit
8.1 Trennungs- und Scheidungsberatung
8.1.1 Beratungskonzepte zur Klärung der Ambivalenz und Entscheidungsfindung
8.1.2 Beratungskonzepte zur Regelung der Scheidungsfolgen
8.1.3 Beratungskonzepte zur Bewältigung des Trennungs- und Scheidungserlebens
8.2 Scheidungsmediation
8.3 Gruppeninterventionen mit Kindern aus Trennungs- und Scheidungsfamilien
8.3.1 Devorce Adjustment Project - DAP
8.3.2 Children of Divorce Intervention Program - CODIP
8.3.3 Familien in Trennung und Scheidung - FITUS
8.3.4 Gruppentraining mit Scheidungskindern

9. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

„ Jede Scheidung ist eine einmalige Trag ö die, weil jede Scheidung das Ende einer einzigartigen Lebenskultur bedeutet, die aus Tausenden von geteilten Erfahrungen, Erinnerungen, Hoffnungen und Tr ä umen besteht. “ [1]

Doch wie groß ist das Ausmaß einer solchen Tragödie für betroffene Kinder und in wie weit könnte eine Trennung und Scheidung der Eltern das Sozialverhalten der Kinder beeinflussen? Dieser Fragestellung wird unter Einbezug mehrerer Faktoren und Blickwinkel in der hier vorliegenden Bachelorarbeit nachgegangen. Vorab ist zu erwähnen, dass unabhängig von den aufgeführten Auswirkungen elterlicher Trennung, jedes Kind individuell ist und dementsprechend charakteristisch reagiert. Da es aufgrund empirischer Befunde jedoch einschlägige Tendenzen gibt, wird auf die Individualität der betroffenen Kinder in den einzelnen Kapiteln nicht immer explizit hingewiesen.

Aufgrund der steigenden Familiengründungen ohne Trauschein, beziehen sich die Begriffe „Trennung“ und „Scheidung“ in der gesamten Arbeit auf Familien mit und ohne Trauschein.

In einer intakten Familie gibt es hin und wieder Konflikte, die Eltern untereinander oder gar mit ihren Kindern austragen und nicht jede familiäre Krise führt zwangsläufig zu einer Trennung und Scheidung der Eltern. In diesem Zusammenhang werden in Kapitel 2 tatsächliche Eheschließungs- und Ehescheidungszahlen in Deutschland aufgeführt. Anhand damit verbundener Quer- und Längsschnittuntersuchungen, liegt das Hauptaugenmerk auf der Suche nach den Ursachen, welche auf die Scheidungsstatistik zurück zu führen sind. Dies soll eine Erkenntnis über tendenzielle Scheidungsgründe bringen.

Um die Auswirkungen einer elterlichen Trennung für Kinder darzustellen, wird in Kapitel 3 zunächst der phasenhafte Scheidungsprozess beschrieben. Hierbei stellt sich die Frage, ob die einzelnen Scheidungsphasen unterschiedliche Schwierigkeiten und Belastungen für Kinder implizieren. Welche möglichen Belastungsfaktoren für Kinder während eines Scheidungsprozesses entstehen, wird in Kapitel 4 näher beleuchtet.

Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt in der Darstellung kindlicher Reaktionen und Folgen auf eine Trennung und Scheidung der Eltern (Kapitel 5 bis 7), insbesondere in Bezug auf das Sozialverhalten der Kinder. Die Betrachtung individueller Faktoren, wie die einzelnen Scheidungsphasen, das Alter und das Geschlecht, sollen Aufschluss über dessen Einfluss hinsichtlich der Reaktionen und Folgen der Scheidungskinder geben. Des Weiteren stellt sich bei der Klärung über die Auswirkungen einer elterlichen Trennung für betroffene Kinder die Frage nach der sozialen Anpassung. In wie fern eine Scheidung auf die soziale Anpassungsleistung der Kinder an Bedeutung gewinnt, wird in Kapitel 6 erläutert. Bei der Analyse möglicher Folgen für Kinder und Jugendliche, werden neben den negativen Langzeitfolgen, Risiko- und Schutzfaktoren, sowie positive Folgen benannt. In Hinblick auf mögliche negative Langzeitfolgen, werden in Kapitel 7 unter anderem Studienergebnisse im Erwachsenenalter herangezogen.

Welche Möglichkeiten zur Prävention und Intervention ergeben sich in der Sozialen Arbeit für Trennungs- und Scheidungsfamilien? Gibt es Interventionsmöglichkeiten bei denen Eltern und Kinder gleichzeitig einbezogen werden können? Dies sind Punkte die in Kapitel 8 näher erörtert werden.

In Kapitel 9 erfolgt eine Zusammenfassung. Es werden explizit die angeführten Fragen und Anliegen, auf welche ausführlich innerhalb dieser Arbeit eingegangen wird, resümiert.

Zusätzlich ist anzumerken, dass bezüglich der Klärung der Fragestellung dieser Bachelorarbeit in der wissenschaftlichen Literatur weitere Punkte vorzufinden sind. Im Zusammenhang dieser Fragestellung werden oftmals die Auswirkungen auf das Bindungsverhalten bzw. die Bindungsqualität, der verschiedenen Obsorgeformen, sowie das Zusammenleben in der Stieffamilie und die damit verbundenen kindlichen Reaktionen dargestellt. Diese Punkte sind nicht zum Gegenstand dieser Bachelorarbeit gemacht worden.

Die Grundlage der vorliegenden Bachelorarbeit bildet ausschließlich einschlägige, wissenschaftliche Literatur.

2. Eheschließungen und Scheidungen in Deutschland

Dem statistischen Bundesamt in Wiesbaden zufolge, wurden im Jahr 2012 insgesamt 387.423 Ehen in Deutschland geschlossen. Tendenziell ist in den letzten 12 Jahren ein Rückgang der Eheschließungen in Deutschland zu verzeichnen. Im Vergleich zum Jahr 2000 bedeutet dies eine Minderung um 31.127 Eheschließungen.[2]

Betrachtet man hingegen die Entwicklung der Scheidungsstatistik in Deutschland, so ist festzustellen, dass im vergangenen Jahr 179.147 Ehen in Deutschland geschieden worden sind. Dies sind 15.261 Ehescheidungen weniger als im Jahr 2000.[3] Die Ehedauer bis zur Scheidung hingegen erhöhte sich in den letzten 12 Jahren um 1,7 Jahre, so dass die durchschnittliche Ehedauer im Jahr 2012 bei 14,6 Jahren liegt.[4]

Bemerkenswert ist jedoch, dass in den letzten 12 Jahren konstant mit nur minimalen Abweichungen, jährlich etwa die Hälfte der geschiedenen Ehepaare minderjährige Kinder hat. So sind im Jahr 2012 insgesamt 143.022 minderjährige Kinder von der Scheidung ihrer Eltern betroffen.[5] Statistisch gesehen sinken die Ehescheidungen in Deutschland, jedoch bleibt bei jeglicher Auswertung zu berücksichtigen, dass sich gleichzeitig die Eheschließungen rückläufig entwickeln.

Des Weiteren ist die Anzahl der außerehelichen Geburten in Deutschland seit dem Jahr 2000 um etwa 10% gestiegen. Im Jahr 2011 sind demnach 33,9% außerehelich geborene Kinder zu verzeichnen.[6]

2.1 Querschnittuntersuchungen zur Scheidung

Bei dieser Methode hat die psychologische Forschung Unterschiede und Faktoren in gelungenen und gescheiterten Ehen, welche zum Zeitpunkt der Untersuchung relevant sind, stichprobenartig erfasst und untersucht. Basierend auf Untersuchungsergebnissen aus Querschnittuntersuchungen liegen die Argumente für Ehescheidungen in partnerschaftlichen Problemen bezüglich der Kommunikation, der generellen Unzufriedenheit, des unterschiedlichen sexuellen Interesses oder der Veränderung der emotionalen Bindung. Darüber hinaus sind Untreue, Suchtmittelkonsum, physische und psychische Gewalt in der Ehe und wirtschaftliche Schwierigkeiten Hintergründe von Scheidungen. Zum einen war ersichtlich, dass Frauen im Gegenteil zu den Männern zahlreiche Scheidungsgründe anführen konnten und zum anderen war die Dauer der Ehejahre für die Scheidungsgründe maßgebend. Ehepaare in kürzeren Partnerschaften nannten des Öfteren finanzielle oder erzieherische Aspekte, wogegen Paare in langjährigen Partnerschaften eher Probleme in der Kommunikation und die Veränderung ihrer Interessen in jeglicher Hinsicht anführten. Weitere Faktoren bei Ehescheidungen sind das Alter, voreheliche Schwangerschaften, die Dauer der vorehelichen Partnerschaft, berufliche und soziale Situationen und Scheidungserfahrungen in der Herkunftsfamilie. Aufgrund dieser Untersuchungsergebnisse ist es jedoch nicht möglich eine fundierte Prognose über Ehescheidungen zu erstellen.[7]

2.2 Längsschnittuntersuchungen zur Scheidung

In diesen Studien werden Paare über einen längeren Zeitraum wissenschaftlich begleitet. Diese Methode hat sich in den letzten Jahren wesentlich weiterentwickelt und signifikante Übereinstimmungen in den unterschiedlichen Studienverläufen mehrerer Forscher aufgezeigt.[8] Der höchste Stellenwert wird den Kompetenzen beider Partner für einen Beziehungsprozess zugesprochen. Untersuchungsergebnissen zufolge ist das Scheidungsrisiko am höchsten bei Paaren mit geringen Kompetenzen bezüglich der Kommunikation, Problemlösung und Stressbewältigung.[9] Insbesondere durch die Studie im Jahre 1994 von Walper et al., welche über einen Zeitraum von 5 Jahren mit 145 Paaren per Fragebogenuntersuchung durchgeführt wurde, wird die Relevanz der Kompetenzen in punkto funktionierende Partnerschaft und auch der Trennung bei unglücklichen Partnerschaften beigemessen. Walper et al. haben obendrein festgestellt, dass einigen Paaren sogar die Kompetenz fehlt sich von einer unglücklichen Partnerschaft trennen zu können.[10]

Auch Forscher wie Markman (1984) und Huston/Vangelisti (1991) u.v.m. kommen zu der Erkenntnis, dass sich Partnerschaften im Laufe der Zeit verändern und verschlechtern können, so dass mit den fehlenden Kompetenzen beider Partner die Wahrscheinlichkeit einer Trennung weitaus höher liegt. Ebenfalls weisen Personen mit einer schwachen psychischen Verfassung eine höhere Wahrscheinlichkeit zur Trennung auf.[11] Da anhand dieser Studien davon auszugehen ist, dass die Ursachen von Trennungen und Scheidungen nicht in Persönlichkeitsmerkmalen, Schichtzugehörigkeit, Bildung, Einkommen etc. liegen, sondern an ausschließlich erlernbaren Kompetenzen, hat man aufgrund dieser Ergebnisse in den letzten Jahrzehnten Präventionskurse für Paare entwickelt.[12]

3. Der Scheidungsprozess

Eine Scheidung ist ein langer prozesshafter Verlauf, der von einer Vielzahl an Forschern, welche ihre Erkenntnisse überwiegend aus der eigenen Praxis in Scheidungstherapien erlangt haben, in Phasenmodellen aufgeschlüsselt wurde. Die meisten unterschiedlich entwickelten Modelle können in zwei Bereiche eingeordnet werden. Zum einen in die Verhaltens-Erlebnis- Dimension und zum anderen in die affektive Dimension.[13]

Das namhafteste Modell im Bereich Verhaltens-Erlebnis-Dimension ist im Jahre 1970 von Bohannan entwickelt worden. Dieses Modell umfasst sechs Phasen, welche teilweise parallel ablaufen. Bohannan unterteilt das Phasenmodell in emotionale Trennung, juristische Scheidung, materielle Trennung, Aufteilung des Sorgerechts, Trennung vom sozialen Umfeld und die psychische Scheidung.[14]

Phasenmodelle, die die affektive Dimension hervorheben, wurden häufiger und beispielsweise von Kessler im Jahre 1975 dargelegt. Kessler führte eine differenzierte Analyse der Emotionen im prozesshaften Scheidungsverlauf auf. In diesem Phasenmodell wird in sieben Phasen unterschieden, welche Enttäuschung, Ablösung, emotionale Abgrenzung, physische Trennung, Ärger, Trauer und Harmonie umfassen.[15]

Von vielen Autoren wurde an den entwickelten Phasenmodellen drastische Kritik geübt, da die Daten teilweise aus Stichprobenuntersuchungen stammen oder einige Forscher abweichende Ergebnisse erzielt haben. [16]

In der Forschung wird inzwischen meist, entgegen den genannten aus der therapeutischen Praxis entstanden Modellen, von einem Dreiphasenmodell ausgegangen. Dieses Modell gliedert den Scheidungsprozess in die Ambivalenz- und Vorscheidungsphase, die Trennungs- und Scheidungsphase und die Nachscheidungsphase.[17]

Da jede dieser drei Phasen ihre eigenen Aspekte und Schwierigkeiten mit sich bringt und je nach Ressourcen des Individuums in unterschiedlichem Maße durchlaufen werden kann, ist zu beachten, dass die einzelnen Phasen nicht immer klar voneinander zu trennen sind bzw. differierend erlebt werden können.[18]

Dieser Zyklus wird im Einzelnen, in Hinblick auf die spezifischen Belastungsfaktoren, sowie den Auswirkungen und Folgen für Scheidungskinder in den nachfolgenden Kapiteln immer wieder aufgegriffen und näher beleuchtet.

3.1 Ambivalenz- und Vorscheidungsphase

Zu welchem Zeitpunkt diese Phase beginnt ist nicht genau festzulegen, da Beziehungskonflikte zu jeder Partnerschaft dazugehören und kritische Phasen zunächst zuversichtlich von Neuanfängen geprägt sind. Schwerwiegende und konstante Konflikte, welche letztendlich oftmals erst nach Jahren zur Scheidung führen, können aus diesem Grund erst retrospektiv bestimmt werden.[19]

Diese Phase ist ein langwieriger Vorgang, der in der Partnerschaft geprägt ist von andauernden, sich verschärfenden Konflikten und verminderter Kompromiss- und Problemlösebereitschaft, verknüpft mit Verzweiflung, Trennungsgedanken, Ernüchterung, Enttäuschung, Verdrängung und Suche der Trennungsgründe, ambivalenten Gefühlen, sowie dem Heranziehen Verbündeter. Häufig entstehen währenddessen Koalitionen zwischen einem Elternteil und dem Kind, um den anderen Elternteil auszuschließen. Dies kann bei Geschwistern ebenfalls zu einem Bruch führen, da sie jeweils mit dem einen oder anderen Elternteil koalieren.[20]

„ Kinder werden im Verlauf der Ehekrise zu existentiellen, emotionalen St ü tzen f ü r die Eltern, sie werden zu Bündnispartnern oder dienen als Partnerersatz, Kummerkasten, Geheimnistr ä ger oder Vermittler. “ [21]

3.2 Trennungs- und Scheidungsphase

Mit der räumlichen Trennung und der Beantragung der juristischen Ehescheidung von mindestens einem Partner beginnt die Trennungs- und Scheidungsphase. Bis zu diesem Zeitpunkt werden die Kinder häufig aufgrund der starken Schuldgefühle von ihren Eltern nicht über den Sachverhalt aufgeklärt und im Unklaren gelassen. In dieser Zeit sind Kinder einem kontinuierlichen von Hass, Bitterkeit und Rache erfüllten familiären Klima ausgesetzt. In fortlaufenden Machtkämpfen der Eltern bezüglich des Sorge-, Umgangs- und Unterhaltsrecht, werden die Kinder zwischen ihnen hin- und hergerissen, sowie die Justiz und öffentliche Behörden (z.B. das Jugendamt) hinzugezogen. Ebenso wird häufig die Schuld an der Heirat oder der Scheidung nicht selten den Kindern zugewiesen. Die Eltern registrieren aufgrund ihrer eigenen seelischen Krise, oftmals nicht mehr die Bedürfnisse und das Leid ihrer Kinder.[22]

3.3 Nachscheidungsphase

Diese Phase beginnt mit in Kraft treten der juristischen Scheidung und schließt erst mit der absoluten, emotionalen Ablösung vom geschiedenen Partner ab. Die Nachscheidungsphase bringt insbesondere für Alleinerziehende und ihre Kinder signifikante Probleme mit sich. Oftmals betreffen diese die finanzielle und soziale Situation, sowie den Verlust des sozialen Netzwerkes, bedingt durch einen notwendigen Umzug. Des Weiteren können finanzielle und soziale Abhängigkeiten an die Herkunftsfamilie entstehen. Nicht selten steigen gleichzeitig in dieser Phase die schulischen Anforderungen an die Kinder, da die Alleinerziehenden ihnen durch die berufliche Situation oder die psychische Überbelastung keine Unterstützung bieten können.[23]

Zur Neuorientierung und Individualisierung der geschiedenen Partner ist im Anschluss an die juristische Scheidung, die psychische Ablösung unabdingbar. Bei einer optimalen Entwicklung ist von einem drei- bis vierjährigen Trauerprozess der Geschiedenen nach der juristischen Scheidung auszugehen. Anhaltende Konflikte zwischen den geschiedenen Partnern verlangsamen jedoch diesen Prozess beträchtlich. Ferner werden die Kinder weiterhin mit den jahrelangen, unbewältigten Beziehungskonflikten konfrontiert. Die Nachscheidungsphase ist für Kinder mit psychischen Auseinandersetzungen gespickt, da sie den Verlust eines Elternteils und die neue Familien- und Lebenskonstellation verarbeiten müssen.[24]

4. Belastungsfaktoren der Kinder

Für Kinder ist eine Trennung und Scheidung ein kritisches Lebensereignis, welches zwei Schwerpunkte umfasst. Zum einen sind dies der Verlust der gewohnten Beziehung zum getrenntlebenden Elternteil und die veränderten sozioökonomischen Lebensbedingungen, welche häufig einen Wechsel des Wohnortes und des sozialen Umfeldes mit sich bringen. Zum anderen sind es die Eltern, die so stark mit ihren eigenen Konflikten beschäftigt sein können, dass sie die ohnehin schon bestehende Überbelastung ihrer Kinder nicht mehr registrieren und sie mit in ihre persönlichen Angelegenheiten hineinziehen.[25]

Im Folgenden wird der zweite Schwerpunkt analysiert, um die Belastungen der Kinder zu verdeutlichen und in den Kapiteln 5 und 7 mit den Scheidungsreaktionen und -folgen zu verknüpfen.

4.1 Parentifizierung

Viele Eltern tauschen insbesondere innerhalb des Scheidungsprozesses mit ihren Kindern die Rollen, indem sie ihnen Aufgaben der Haushaltsführung übergeben oder bei ihnen Trost, Rat und emotionalen Rückhalt suchen. Aufgaben, die der geschiedene Partner früher übernommen hat, werden an die Kinder abgegeben.[26]

In engen Mutter-Kind-Beziehungen sehen die alleinerziehenden Mütter ihre Kinder (meistens Töchter) oftmals als enge Freunde, mit denen sie sich über alles (Ängste, Depressionen, Einsamkeit, Finanzen, Beziehungen etc.) austauschen können. Ähnliches kann sich auch in Vater-Kind-Beziehungen widerspiegeln. Väter, die ihren Kindern gegenüber zu viele Ängste und Schwäche offenbaren, zerrütten zusätzlich das sonst so vorherrschende Bild von Schutz und Männlichkeit, durch einen weinenden, zerbrechlichen Vater.[27]

Kinder haben ein feines Gespür dafür, die Gefühle und Bedürfnisse ihrer Eltern wahrzunehmen. Sie tragen alles mit ihnen gemeinsam und versuchen die Wünsche und Bedürfnisse ihrer Eltern zu befriedigen.[28]

4.2 Parteilichkeitskonflikt

Wie bereits in der Ambivalenz- und Vorscheidungsphase erwähnt, leiden Kinder an den alltäglichen Streitereien, Kränkungen und der beständigen Feindseligkeit zwischen den Eltern. Sie erleben selbst als nicht direkt am Streit Beteiligte, die Beziehungskonflikte ihrer Eltern und wünschen sich ihre gewohnte, ruhige Familienatmosphäre zurück.[29]

Fangen Kinder an zu begreifen, dass sich ihr Wunsch nach dem glücklichen Familienleben nicht erfüllt, befällt sie ein Gefühl von Ohnmacht. Obwohl sie beide Eltern lieben, beginnen sie für denjenigen, der für den Erhalt der Familie kämpft, Partei zu ergreifen. Je nach Beschaffenheit des zum Zeitpunkt ausgetragenen Konflikts, kann die Partei auch immer wieder gewechselt werden. Da die Parteilichkeit im absoluten Widerspruch zu den persönlichen Empfindungen der Kinder steht, geraten sie in einen inneren Zwiespalt ihrer Gefühlswelt.[30]

4.3 Loyalitätskonflikt

Der Wunsch von Kindern besteht darin an beiden Elternteilen festzuhalten und ihnen, so gut es durch die räumliche Trennung möglich ist, gleichermaßen treu zu sein. Jedoch geraten sie des Öfteren in der Nachscheidungsphase, durch weiterführende Konflikte (insbesondere in Bezug auf das Sorge- und Umgangsrecht) ihrer Eltern, in eine innere Zerrissenheit. Kinder sind in solchen Fällen gegenseitiger Hetzerei und übler Nachrede des jeweils abwesenden Elternteils ausgesetzt. Vorhandene Schuldgefühle der Eltern, sollen durch das Erreichen einer ebenfalls ablehnenden Haltung der Kinder gegenüber dem geschiedenen Partner, aufgelöst werden. Eltern nutzen die ihnen entgegengebrachte Treue aus und erhoffen sich so eine Solidarisierung mit ihren Kindern. Häufig erteilen sie den Kindern Verbote, strafen sie mit Missachtung oder setzen materielle Dinge zur Bestechung ein, um ihre gewünschte Loyalität zu erhalten. Besuchskontakte oder Telefonate werden vorsätzlich an Tagen anberaumt, an dem der andere Elternteil nicht teilnehmen kann oder Briefe an die Kinder werden abgefangen.[31]

Kinder sind in solchen Situationen (je nach Ausgeprägtheit des Elternkonflikts) einem immensen Druck ausgesetzt, sich zwischen zwei Menschen, die sie gleichermaßen lieben entscheiden zu müssen.[32]

4.4 Co-Elternschaft

Es gibt in der Regel drei unterschiedliche Varianten einer Co-Elternschaft. Je nach Beschaffenheit der Elternbeziehung kann man zwischen einer konflikthaften, kooperativen und parallelen Co-Elternschaft unterscheiden.[33] Eine konflikthafte Co-Elternschaft besteht aus Provokationen und Streitereien bei der Übergabe der Kinder, sowie der Abwertung des anderen Elternteils den Kindern gegenüber. Absprachen zwischen den geschiedenen Eltern sind geprägt von Spannungen und verlaufen selten konfliktfrei.[34]

In einer kooperativen Co-Elternschaft geht es den Eltern ausschließlich um das Wohl des Kindes. Sie haben sich ein angemessenes Verhältnis erarbeitet und erziehen ihre Kinder in stetiger Absprache miteinander auf die gleiche Art und Weise. Die Kommunikation zwischen den Eltern verläuft reibungslos.[35]

Am meisten wird nach der Trennung und Scheidung eine parallele Co- Elternschaft geführt. Bei dieser Variante ignorieren sich die geschiedenen Partner gegenseitig und jeder Elternteil erzieht die Kinder entsprechend seinen eigenen Ansichten. Die Kommunikation der geschiedenen Partner entfällt vollständig. Der Kontakt zum Ex-Partner wird maximal aufgrund erheblicher Erziehungsdifferenzen aufgenommen und bringt dann geringe, offene Konflikte mit sich.[36]

4.5 Selbstwertkonflikt, Schuldkonflikt und Ängste

Innerhalb eines Scheidungsprozesses entsteht bei Kindern häufig das Gefühl nicht mehr von den Eltern erwünscht zu sein. Gerade jüngere Kinder denken, dass sie im Zentrum der Familie stehen und alles was geschieht auch gleichzeitig mit ihrem Dasein und ihrem Verhalten im Zusammenhang steht. Daraus entwickeln sich oftmals schwere Schuldgefühle. Die betroffenen Kinder fühlen sich für die Probleme und die Trennung ihrer Eltern verantwortlich. Besonders kleinere Kinder glauben daran, dass Wünsche und Äußerungen, die sie in Momenten der Wut entgegneten, real werden können.[37]

Mit dem Auszug eines Elternteils wächst bei Kindern die Angst und Verunsicherung. Gerade in Familien, in denen die Eltern mit ihren Kindern nicht über die räumliche Trennung sprechen, schwindet das Vertrauen der Kinder gegenüber anderen Personen.[38]

5. Scheidungsreaktionen der Kinder

Das Erleben von Trennung und Scheidung und die damit verbundenen Auswirkungen für die betroffenen Kinder wurden mehrfach in Langzeitstudien untersucht. Vor allem die seit 1974 in den USA veröffentlichten Untersuchungsergebnisse von Wallerstein/Kelly und Hetherington setzten sich in den letzten Jahren in der Literatur durch und werden immer wieder von den verschiedensten Autoren aufgegriffen und beschrieben.[39]

Die Erkenntnisse bezüglich der Scheidungsreaktionen der Kinder, brachten eine Unterscheidung zwischen sichtbaren und unsichtbaren Symptomen hervor. Die sichtbaren Symptome umfassen das äußere Verhalten der Kinder, während unsichtbare Symptome innerpsychische Prozesse der Kinder berühren.[40]

Als typische emotionale Reaktionen der betroffenen Kinder, wurden bei einer zuvor liebevoll erlebten Beziehung zu den Eltern, Wut, Trauer, Angst davor verlassen zu werden, Schuldgefühle, Misstrauen, Selbstwert- und Loyalitätskonflikte, festgestellt. In welchem Ausmaß sich daraus seelische Störungen und symptomatisches Verhalten entwickeln können, ist von mehreren, individuellen Faktoren abhängig. Neben der Beschaffenheit der Beziehung der Kinder zu beiden Elternteilen und der Beziehung der Eltern untereinander während des Scheidungsprozesses, spielen Alter, Geschlecht, Entwicklungsstand, sowie kognitive und soziale Kompetenzen der Kinder für die Entstehung von Scheidungsreaktionen und -folgen eine bedeutende Rolle.[41]

Auf Basis der in Kapitel 3 dargestellten, spezifischen Phasen des Scheidungsprozesses und den damit verbundenen Belastungsfaktoren aus Kapitel 4, werden nachfolgend die daraus resultierenden Scheidungsreaktionen der betroffenen Kinder aus unterschiedlichen Blickwinkeln erläutert.

5.1 Spezifische Reaktionen in den Phasen des Scheidungsprozesses

Hinsichtlich der oftmals jahrelangen Ambivalenz- und Vorscheidungsphase, welche durch Unentschlossenheit und Streitigkeiten der Eltern geprägt ist, steigt bei den Kindern in dieser Zeit die Verunsicherung, die Verminderung ihrer Wertschätzung und die Angst des Verlustes eines oder beider Elternteile.

Besonders am Anfang neigen Eltern dazu ihre Kinder mit in die Beziehungskonflikte einzubinden. Die Kinder rutschen in Folge dessen in eine Position, in der sie sich selbst als unverzichtbare und zentrale Helferfigur wahrnehmen. Lernen Eltern derweil Konflikte ohne Einbindung ihrer Kinder auszutragen, besteht bei den Kindern die Gefahr durch den Verlust ihrer „Helfer-Rolle“ ihren zentralen Halt zu verlieren und depressiv zu werden.[42]

Ein weiteres Problem in dieser Phase ist die Triangulierungsfunktion des Vaters, die in Konfliktsituationen zwischen Mutter und Kind eine große Entlastung im Beziehungsdreieck darstellt. Kinder brauchen die Möglichkeit mit ihrer Mutter in Konflikt geraten zu dürfen und dann auf den Vater ausweichen zu können. Besteht zwischen den Eltern keine warmherzige Beziehung mehr, kann dieses Verhalten der Kinder in solchen Situationen schnell als Seitenwechsel verstanden werden und die Kinder gelangen in einen Loyalitätskonflikt.[43]

[...]


1 Hetherington/Kelly 2003, S. 12

2 Vgl. Tabelle 1, Anhang

3 Vgl. Tabelle 2, Anhang

4 Vgl. Tabelle 4, Anhang

5 Vgl. Tabelle 2, Anhang

6 Vgl. Tabelle 3, Anhang

7 Vgl. Bodenmann 2006, S. 78-81

8 Vgl. ebd., S. 78, 81, 82

9 Vgl. ebd., S. 88

10 Vgl. ebd., S. 88, 89

11 Vgl. Bodenmann 2006, S. 95

12 Vgl. ebd., S. 96, 97

13 Vgl. Sander 2002, S. 268

14 Vgl. Sander 2002, S. 268

15 Vgl. ebd., S. 269

16 Vgl. ebd., S. 270

17 Vgl. Sander 2002., S. 271

18 Vgl. Schulz 2007, S. 31

19 Vgl. Schmitt 1997, S. 22, 23

20 Vgl. ebd., S. 23-25

21 Schmitt 1997, S. 25

22 Vgl. Bauers 1993, S. 48, 49

23 Vgl. ebd., S. 52, 53

24 Vgl. Bauers 1993, S. 53, 55

25 Vgl. Krieger 1997, S. 116

26 Vgl. Hetherington/Kelly 2003, S. 184, 185

27 Vgl. Hetherington/Kelly 2003, S. 185, 186

28 Vgl. Lederle 1993, S. 246

29 Vgl. Krieger 1997, S. 119, 120

30 Vgl. ebd., S. 120

31 Vgl. Krieger 1997, S. 120, 121

32 Vgl. Figdor 1998, S. 43

33 Vgl. Hetherington/Kelly 2003, S. 187

34 Vgl. ebd., S. 187-189

35 Vgl. ebd., S. 189, 190

36 Vgl. ebd., S. 190-191

37 Vgl. Figdor 2004, S.34-38

38 Vgl. Lederle 1993, S. 245, 246

39 Vgl. Bauers 1993, S. 39

40 Vgl. ebd., S. 41, 42

41 Vgl. Bauers 1993, S. 40

42 Vgl. ebd., S. 43, 44

43 Vgl. Figdor 1998, S. 32, 33

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Auswirkungen auf das Sozialverhalten von Trennung der Eltern betroffener Kinder
Hochschule
Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
55
Katalognummer
V293567
ISBN (eBook)
9783656910978
ISBN (Buch)
9783656910985
Dateigröße
833 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Trennung- und Scheidungsverhalten, Trennung der Eltern
Arbeit zitieren
Nadine Ruppelt (Autor), 2013, Auswirkungen auf das Sozialverhalten von Trennung der Eltern betroffener Kinder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293567

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