Mit dem Sachbuch "Die TARGET Falle - Gefahren für unser Geld und unsere Kinder" eröffnete der Ökonom Hans-Werner Sinn im Jahr 2012 eine breite öffentliche Debatte über die Risiken der seit der Finanzkrise stark angewachsenen TARGET-2 Salden im Euroraum. Eine seiner Kernthesen lautete, dass es bei einem Ausfall der aus dem europäischen Zahlungsverkehr resultierenden TARGET-Verbindlichkeiten der nationalen Notenbanken (im Weiteren NZBen) gegen das Eurosystem, zu einer massiven Umverteilung zu Lasten der europäischen Steuerzahler kommen würde. Deutschland müsste aufgrund seiner 17,99 % Kapitalbeteiligung an der Europäischen Zentralbank (im Weiteren EZB) einen Löwenanteil dieser Verluste stemmen (EZB, 2014a; Sinn, 2012).
Diese Seminararbeit möchte die Diskussion um TARGET-Salden im Euroraum wiedergeben und die folgenden Fragestellungen beantworten: „Was sind TARGET-Salden und wie lässt sich deren Zustandekommen erklären?“, „Welche Gefahren gehen von TARGET-Salden aus?“ und „Welche Lösungsansätze können hierfür angeführt werden?“ Die Relevanz und Aktualität dieser Fragestellungen sind auch Jahre nach dem Höhepunkt der medialen und wissenschaftlichen Diskussion von Bedeutung. Zwar ist es seit Mitte 2012 zu einem stetigen Rückgang der Forderungen und Verbindlichkeiten der nationalen Notenbanken gegenüber dem Eurosystem gekommen, dennoch summieren sich die Verbindlichkeiten der Krisenstaaten: Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Spanien (im weiteren GIIPS) im Oktober 2014 auf 506,257 Mrd. € (eigene Berechnung nach Steinkamp & Westermann, 2014).
Diese Arbeit wird im Abschnitt zwei damit beginnen die Funktionsweise des europäischen Zahlungsverkehrs über das TARGET2-System grundlegend darzustellen. Darauffolgend wer-den makroökonomische Ursachen und Erklärungsansätze für TARGET2-Salden erläutert. Hierbei sollen zunächst die Zusammenhänge zwischen TARGET2-Salden und Liquiditätsbe-reitstellung im Eurosystem aufgezeigt werden. Im Weiteren wird die Verbindung von den Konten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (im Weiteren VGR) zu TARGET-Salden hergestellt. Im vierten Abschnitt „Risiken und Lösungsansätze für TARGET2-Salden“ werden die Fragestellungen dieser Arbeit aufgriffen, indem die wesentlichen Risiken und Lösungsansätze gegenübergestellt und diskutiert werden. Abschließend resümiert eine Fazit über die in dieser Arbeit gewonnenen Erkenntnisse.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das TARGET2-System
2.1. Funktionsweise des Zahlungsverkehrs
2.2. Entstehung und Entwicklung der Salden
3. Makroökonomische Zusammenhänge und Erklärungsansätze
3.1. Liquiditätsversorgung und TARGET-Salden
3.2. TARGET-Salden und Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung
4. Risiken und Lösungsansätze der Salden-Problematik
4.1. Risikoverlagerung vom privaten zum öffentlichen Sektor
4.2. Saldenausgleich im Federal Reserve System der USA
4.3. Weitere Lösungsansätze
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Seminararbeit befasst sich mit der Entstehung, den Risiken und den Lösungsansätzen rund um TARGET2-Salden im Euroraum, insbesondere im Kontext der europäischen Staatsschuldenkrise. Die zentrale Forschungsfrage untersucht, was TARGET-Salden sind, wie sie zustande kommen, welche Gefahren sie bergen und welche Strategien zu deren Bewältigung existieren.
- Funktionsweise des europäischen Zahlungsverkehrs über TARGET2
- Zusammenhang zwischen TARGET-Salden und Liquiditätsversorgung im Eurosystem
- Verbindung zwischen Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnung und TARGET-Salden
- Analyse der Risikoverlagerung vom privaten auf den öffentlichen Sektor
- Evaluation von Lösungsansätzen, inklusive Vergleichen mit dem US-amerikanischen FED-System
Auszug aus dem Buch
2.1. Funktionsweise des Zahlungsverkehrs
Die Bezeichnung TARGET ist eine Kurzform von: „Trans european real time gross settlement express transfer system“ (Transeuropäisches Brutto-Echtzeit-Abwicklungs- und Überweisungssystem). TARGET2 ist somit ein Zahlungsverkehrssystem „über das nationale und grenzüberschreitende Zahlungen in Zentralbankgeld schnell und endgültig abgewickelt werden“ (Deutsche Bundesbank, 2014). Im Bezug auf den Waren- und Kapitalverkehr im Euroraum können diesen Zahlungen verschiedene Ursachen zugrunde liegen.
Bsp.: Für die Bezahlung eines importierten deutschen PKW muss ein griechischer Privatmann bei seiner (griechischen) Geschäftsbank die Überweisung des entsprechenden Kaufpreises an ein deutsches Kreditinstitut in Auftrag geben. Die betroffene griechische Bank benutzt nun das TARGET2-System, indem sie der griechischen Notenbank (Bank of Greece) den Auftrag erteilt, die Überweisungssumme der deutschen Notenbank (Deutsche Bundesbank) zukommen zu lassen. Dies geschieht mittelbar über die EZB, welche der deutschen Bundesbank eine Forderung und der Bank of Greece eine Verbindlichkeit gegenüber dem Eurosystem verbucht. Der deutsche Exporteur erhält seinen Erlös aus dem Verkauf des PKW nun dadurch, dass die Deutsche Bundesbank der deutschen Geschäftsbank eine Gutschrift des entsprechenden Betrages verbucht und diese dann letztlich an das Kundenkonto weitergeleitet wird. Auf diese Weise wird von der Bundesbank Zentralbankgeld geschöpft, ohne das die deutsche Geschäftsbank eine Sicherheit hinterlegen muss (Sinn & Wollmershäuser, 2012).
Weitere generelle Beispiele lassen sich für den grenzüberschreitenden Erwerb von Wertpapieren oder die Gewährung von Darlehen konstruieren. Möglich sind auch Transfers ohne direkten realwirtschaftlichen Hintergrund wie Überweisungen im Zuge des Liquiditätsmanagements internationaler Banken und Konzerne (Cour-Thimann, 2013).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Debatte um TARGET2-Salden im Zuge der Finanzkrise vor und definiert die Fragestellungen sowie den Aufbau der Arbeit.
2. Das TARGET2-System: Dieses Kapitel erläutert die Funktionsweise des Zahlungsverkehrssystems sowie die Ursachen für das Entstehen und die Entwicklung der entsprechenden Salden.
3. Makroökonomische Zusammenhänge und Erklärungsansätze: Hier wird der Zusammenhang zwischen der Liquiditätsversorgung durch das Eurosystem, der Leistungsbilanz und den TARGET-Salden analysiert.
4. Risiken und Lösungsansätze der Salden-Problematik: Dieses Kapitel diskutiert die Risiken einer Risikoverlagerung auf den öffentlichen Sektor und vergleicht Lösungsansätze, wie das FED-Modell oder Maßnahmen zur Ursachenbeseitigung.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und resümiert die Bedeutung der TARGET-Problematik für die europäische Integration.
Schlüsselwörter
TARGET2-Salden, Europäische Staatsschuldenkrise, Eurosystem, Zentralbankliquidität, Leistungsbilanz, Risikoverlagerung, Öffentlicher Sektor, Zahlungsverkehr, FED-System, Interdistrict Settlement Accounts, Finanzmarktstabilität, Kapitalverkehr, Geldpolitik, Refinanzierungsgeschäfte, Währungsunion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die ökonomischen Hintergründe, die Entstehung und die Risiken der TARGET2-Salden im Euroraum während der Staatsschuldenkrise.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören das TARGET2-Zahlungssystem, die Verbindung zur Zentralbankliquidität, Leistungsbilanzsalden und verschiedene Lösungsansätze für die auftretenden Ungleichgewichte.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, TARGET-Salden verständlich zu erklären, die damit verbundenen Risiken für den öffentlichen Sektor zu analysieren und mögliche Lösungsstrategien kritisch zu diskutieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse sowie die Auswertung von Zentralbankstatistiken und volkswirtschaftlichen Modellen, um Zusammenhänge zwischen Liquiditätsflüssen und Saldenentwicklungen aufzuzeigen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der technischen Funktionsweise, die makroökonomische Analyse der Ursachen und die Diskussion von Risiken sowie Lösungsvorschlägen, inklusive eines Vergleichs mit dem US-amerikanischen FED-System.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie TARGET2-Salden, Risikoverlagerung, Eurosystem, Zentralbankliquidität und Währungsunion charakterisiert.
Wie unterscheidet sich das FED-System vom Eurosystem in Bezug auf Salden?
Im FED-System existiert ein jährlicher Saldenausgleich über ein gemeinsames Sicherheitenportfolio, was den Rückgang von Salden unter normalen Marktbedingungen fördert, während dies im Eurosystem in dieser Form nicht vorgesehen ist.
Warum wird die Übernahme des FED-Systems für Europa als problematisch angesehen?
Aufgrund der institutionellen Unterschiede zwischen einem föderalen Nationalstaat (USA) und einer Wirtschafts- und Währungsunion mit vielen souveränen Nationalstaaten (Europa) ist eine direkte Übertragung mit politischen Implementationshemmnissen verbunden.
Welche Rolle spielt die Leistungsbilanz bei der Entstehung von TARGET-Salden?
Die Leistungsbilanz ist ein Bestandteil der Zahlungsbilanz; die Arbeit zeigt auf, dass in einigen Krisenländern ein direkter Zusammenhang zwischen Leistungsbilanzdefiziten und dem Anstieg von TARGET-Verbindlichkeiten besteht.
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- Peter Schmidt (Author), 2015, TARGET2-Salden und die europäische Staatsschuldenkrise, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293652