Die erste (Vor-)Leseerfahrung von Kindern. Kinderbucharten und ihre entwicklungspsychologische Bedeutung


Akademische Arbeit, 2012

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Bilderbucharten
2.1. Bilderbuchgattungen
2.2. Bildgestaltung
2.3. Text-Bild-Verknüpfungen
2.4. Allererste Bilderbücher
2.5. Nachfolgende Bücher

3. Fazit

Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

1. Einleitung

Ein Kind ist bereits sehr früh in der Lage, Bilder zu verstehen (vgl. Ennemoser/Kuhl 2008: 11). Die Bilder verfügen über ein medieninhärentes Potenzial, das dem Kind ihre Symbolfunktion besonders salient macht. Dadurch wird der Erwerb sogenannter repräsentationaler Einsichten[1] erleichtert und der Weg für die symbolische Sensitivität bereitet. Die symbolische Sensitivität stellt eine wesentliche Grundlage für den späteren Erwerb komplexer Symbolsysteme – wie z.B. der Schriftsprache – dar. Hierbei spielen Bilder aus entwicklungspsychologischer Sicht eine tragende Rolle. So wurde in einer Reihe von Studien (vgl. DeLoache et al. 1998: 205ff.) beobachtet, dass Kinder mit 19 Monaten bereits verstehen, dass Bilder nicht nur Objekte selbst sind, sondern auch als Repräsentationen der dargestellten Objekte fungieren. Preissler und Bloom (2008: 512ff.) zeigten in ihrer Studie, dass Kinder bereits im Alter von zwei Jahren bei ihrer Interpretation eines vorgelegten Bildes intuitiv auf die vermeintliche Intention des Urhebers zurückschließen konnten. Dieser Befund lässt die Annahme zu, dass Kinder bei der Bildinterpretation intuitiv die mutmaßlichen Intentionen des Urhebers berücksichtigen.

2. Bilderbucharten

Nachfolgend soll auf unterschiedliche Bilderbucharten eingegangen werden. An dieser Stelle ist anzumerken, dass es sehr problematisch ist, eine allgemeine Einteilung der Bilderbuch-arten vorzunehmen. In der einschlägigen Literatur findet man hierzu unterschiedliche Kriterien und Ansätze. Die Schwierigkeit liegt darin, einheitliche Merkmale festzulegen, da es sehr viele Mischformen und Ausnahmen gibt. Daher soll im Folgenden ein Versuch unternommen werden, die unterschiedlichen Bilderbucharten nach bestimmten Kriterien zu ordnen.

Ebenso erscheint es schwierig, Bilderbücher einem bestimmten Alter zuzuordnen, da sich der Entwicklungsstand und die Vorlese- bzw. Leseerfahrungen gleichaltriger Kinder erheblich voneinander unterscheiden können. Eine generelle Faustregel ist, dass der Text mit zunehmendem Alter in den Vordergrund und das Bild immer mehr in den Hintergrund rückt. So überwiegen anfangs Bilderbücher ohne Text, danach nimmt der Textanteil zu, bis das Bild dem Text untergeordnet ist und ihn eher illustriert.[2]

2.1. Bilderbuchgattungen

Grundsätzlich lassen sich folgende Bilderbuchgattungen unterscheiden (vgl. Thiele 2003: 71; Burger-Ellermann 1985: 28; Marquardt 2005: 13ff.):

- Märchenbilderbuch, das sich altem Erzählgut bedient. Es wird dabei zwischen Volks- und Kunstmärchen unterschieden (vgl. Marquardt 2005: 19ff.).
- Fabelbilderbuch,
- das religiöse Bilderbuch mit Darstellungen aus dem Alten und Neuen Testament,
- Sachbilderbuch zur Vermittlung von Wissen. Dazu gehören auch Bild-Wörter-Bücher.
- Erzählendes Bilderbuch. Es wird zwischen dem wirklichkeitsnahen Bilderbuch, das sich an der möglichen und sinnlich greifbaren Welt orientiert, dem fantastischen Bilderbuch und der Mischform aus wirklichkeitsnahem und fantastischem Bilderbuch unterschieden.
- Reimbilderbuch mit Kinderreimen, -liedern, -gedichten und Fingerspielen für die Kleinsten.
- Beschäftigungs- bzw. Aktionsbilderbücher (vgl. Rau 2007: 25ff.). Das sind Bilderbücher mit besonderen Gestaltungsmerkmalen, die eine Zwischenform von Spielmittel und Bilderbuch darstellen.

Die Beschäftigungs- bzw. Aktionsbilderbücher eignen sich durch ihre interaktiven, dialogorientierten Elemente insbesondere für die Sprachentwicklung bzw. -förderung im frühen Kindesalter. Zusätzlich gibt es zahlreiche Mischformen und Überschneidungen, da sich diese Unterkategorien häufig durchmischen.

2.2. Bildgestaltung

Die Bilderbücher von heute sind in sehr unterschiedlichen Stilen und Techniken gehalten. Zu unterscheiden sind der grafische und malerische Stil, die Karikatur, der Fotorealismus sowie die Abstraktion und Collage (vgl. Thiele 2003: 72ff.). Bei Ersterem dominiert die Zeichnung, die mit Bleistift, Feder oder Buntstift ausgeführt ist. Figuren und Szenen werden mit wenigen Strichen charakterisiert, wodurch den Assoziationen der betrachtenden Person viel Freiraum gelassen wird.

Beim malerischen Stil tritt die Linie zugunsten der Farbfläche zurück. Da die Bilder in der Regel mit dem Pinsel gemalt sind, ist die Darstellung allerdings weniger detailliert. Figuren und Bildraum werden flächiger und die Farbe spielt als Ausdrucksmittel eine wichtige Rolle.

Der Karikatur geht es vor allem um die Reduzierung und Zuspitzung auf wesentliche, typische Merkmale sowie die Übertreibung bestimmter Eigenschaften der Figuren.

Für den Fotorealismus ist ein Bildstil charakteristisch, der sich am genauen fotografischen Abbild orientiert und einen möglichst hohen Illustrationsgrad vermitteln will (vgl. Thiele 2003: 75). Hierzu werden extreme Winkelperspektiven eingenommen und Verzerrungen nachgemalt, wie sie durch optische Linsen entstehen.

Kennzeichen der Abstraktion ist die bewusste Abkehr von der figurativen, realistischen Darstellung einer Figur oder Szene. Der Handlungsablauf ergibt sich aus der Kombination und Variation der abstrakten Formen (vgl. Thiele 2003: 76).

Bei der Collage entstehen Bilder aus geschnittenen oder gerissenen Papieren, die nachträglich mit Stift oder Pinsel überarbeitet werden (vgl. ebd.)

Ferner gibt es verschiedene bildnerische Techniken wie flächenbetonte Malerei, Zeichnung, Hologramm, Schneide-, Druck-, Kratz-, Wisch- und Reißtechnik (vgl. Sahr/Schlund 1992: 4).

Ein Bilderbuch ist dann richtig ausgewählt, wenn das Kind bei der Betrachtung des Bildes dessen Aussage verstehen kann und Freude daran empfindet. In der wissenschaftlichen Erörterung sowie auch unter den Illustratoren gibt es widersprüchliche Auffassungen darüber, welche Darstellungsweise es dem Kind erleichtert, Bilder zu verstehen (vgl. Rau 2007: 23f.).

Die meisten Bilderbücher bestehen aus monoszenischen Bildern.

„[Dies sind] Einzelbilder, die auf einen zentralen Zeitpunkt hin ausgerichtet sind, auf die Darstellung eines markanten Augenblicks, der sich aus der visuellen Erzählstruktur klar herauslesen lässt.“ (Thiele 2000: 56)

Reihen sich mehrere Szenen bzw. handlungsbezogene Momente innerhalb einer Fläche aneinander oder verweben sie sich in einem Bild, spricht man von einem pluriszenischen Bilderbuch (vgl. ebd.: 57).

2.3. Text-Bild-Verknüpfungen

Bilderbücher mit Text weisen unterschiedliche Bild-Text-Verknüpfungen auf. Nehmen Bild und Text aufeinander Bezug, laufen sie parallel. Dem Text kommt dabei die Funktion der Handlungsentwicklung zu, und das Bild übernimmt die Rolle des Darstellers ausgewählter Handlungsmomente (Thiele 2003: 78ff.). Passen Bild- und Textebene im Sinne einer harmonischen Einheit nicht zusammen, verhalten sie sich kontrapunktisch. Ziel solcher

gegenläufigen Positionen ist, Irritation oder Komik hervorzurufen. Wenn sich bildnerische und textliche Erzählstränge ineinander verschlingen, bilden beide einen geflochtenen Zopf. Dabei tritt mal der eine, mal der andere Strang deutlicher hervor. Dennoch bleiben Bild und Text eine eng geflochtene Einheit.

2.4. Allererste Bilderbücher

Bereits vor Sprechbeginn ist es förderlich, gemeinsam mit dem Kind Bilderbücher anzuschauen und ihm daraus vorzulesen. Es bereitet sowohl dem Kind als auch seiner Bezugsperson Freude, und dieses gemeinsame Tun bindet beide aneinander. Zudem existieren Hinweise aus der Forschung von Whitehurst et al. (1988) und Debaryshe (1993), dass sich ein solcher Frühbeginn günstig auf die kindliche Sprachentwicklung auswirkt.

Das erste Bilderbuchgut des Kindes sind die sogenannten abbildbetonten Bilderbücher. Diese allerersten Bilderbücher entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts und sind für die ersten zwei Lebensjahre bestimmt (vgl. Rau 2007: 20). Sie haben meistens ein kleines handliches Format, sechs bis sieben dicke glänzende – meist textfreie – Pappseiten aus strapazierfähigem Karton, Stoff, Holz oder Plastikmaterial, auf denen ein bis drei Objekte aus der Erlebniswelt des Kindes einfach, aber charakteristisch abgebildet sind (vgl. Stiftung Lesen 2008: 15). Die allerersten Bilderbücher haben vor allem die Intention, die Gegenstände, Personen oder Tiere aus der Umwelt des Kindes sachlich abzubilden, zu veranschaulichen und zu beschreiben (vgl. Minke 1958: 45). Auf dieser Stufe der Sprachentwicklung stellen die Bilder Informationsquellen für die Wortbedeutung dar und bereiten den eigentlichen Sprachbeginn vor: das Verstehen von Wörtern aus Symbolen. Das Kind erwirbt Wörter für Objekte, die es noch nicht gut kennt, oder für Unbekanntes und Neues.

Mit dem ersten Bilderbuch wächst das Kind in die frühe Literacy[3] hinein. Es erfährt Grundsätzliches über das Medium Buch und entdeckt, dass Bücher aufklappbar sind und dass man die Seiten umblättern kann. Es lernt, mit dem Buch umzugehen und Bilder zu verstehen. Das Kind verfolgt fasziniert, wie auf jeder Seite ein Bild erscheint, das für etwas steht und nicht die Sache selbst ist. Auf solche Weise entwickelt es ein Symbolverständnis, das wesentliche Voraussetzung dafür ist, später auch komplexere Symbole entschlüsseln zu können, wie Zeichen, Logos und Schrift (vgl. Näger 2005: 52).

[...]


[1] „Repräsentationale Einsicht“ wird in der entwicklungspsychologischen Forschung als „das grundlegende Verständnis, dass Bilder, ebenso wie andere Symbole, stellvertretend für bestimmte Entitäten stehen“ definiert (DeLoache 1995, 2002, zitiert nach Ennemoser/Kuhl 2008: 12).

[2] BIBF, in http://www.bibf.uni-bremen.de/drupal/?q=gr%C3%Bcndungsprogramm. Letzter Zugriff am 24.06.2012.

[3] Der Begriff 'Literacy-Erziehung' stammt aus dem englischsprachigen Raum und meint das Hineinwachsen des Kindes in die Schrift- und Medienkultur (vgl. Adler 2011: 212ff.). Dieser kann in zweierlei Hinsicht betrachtet werden: Im engeren Sinne bedeutet das, dass Kinder durch den frühen Kontakt mit der Schrift Konventionen, Funktionen und Formen der Schriftlichkeit erfahren. Im weiteren Sinne wird darunter der Erwerb von Fähigkeiten im Umgang mit unterschiedlichen Medien – dazu zählt auch das Bilderbuch – verstanden.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die erste (Vor-)Leseerfahrung von Kindern. Kinderbucharten und ihre entwicklungspsychologische Bedeutung
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V293675
ISBN (eBook)
9783656918530
ISBN (Buch)
9783668138018
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vor-, leseerfahrung, kindern, kinderbucharten, bedeutung
Arbeit zitieren
M.A., B.A. Natalia Lemdche (Autor), 2012, Die erste (Vor-)Leseerfahrung von Kindern. Kinderbucharten und ihre entwicklungspsychologische Bedeutung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293675

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die erste (Vor-)Leseerfahrung von Kindern. Kinderbucharten und ihre entwicklungspsychologische Bedeutung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden