Ein Kind ist bereits sehr früh in der Lage, Bilder zu verstehen. Die Bilder verfügen über ein medieninhärentes Potenzial, das dem Kind ihre Symbolfunktion besonders salient macht. Dadurch wird der Erwerb sogenannter repräsentationaler Einsichten erleichtert und der Weg für die symbolische Sensitivität bereitet. Die symbolische Sensitivität stellt eine wesentliche Grundlage für den späteren Erwerb komplexer Symbolsysteme – wie z.B. der Schriftsprache – dar. Hierbei spielen Bilder aus entwicklungspsychologischer Sicht eine tragende Rolle. So wurde in einer Reihe von Studien beobachtet, dass Kinder mit 19 Monaten bereits verstehen, dass Bilder nicht nur Objekte selbst sind, sondern auch als Repräsentationen der dargestellten Objekte fungieren. Preissler und Bloom zeigten in ihrer Studie, dass Kinder bereits im Alter von zwei Jahren bei ihrer Interpretation eines vorgelegten Bildes intuitiv auf die vermeintliche Intention des Urhebers zurückschließen konnten. Dieser Befund lässt die Annahme zu, dass Kinder bei der Bildinterpretation intuitiv die mutmaßlichen Intentionen des Urhebers berücksichtigen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Bilderbucharten
2.1. Bilderbuchgattungen
2.2. Bildgestaltung
2.3. Text-Bild-Verknüpfungen
2.4. Allererste Bilderbücher
2.5. Nachfolgende Bücher
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die entwicklungspsychologische Bedeutung von Bilderbüchern für Kinder und deren Rolle bei der frühen Sprachförderung sowie der Entwicklung eines Symbolverständnisses. Die Forschungsfrage fokussiert sich darauf, wie unterschiedliche Bilderbucharten und deren Gestaltungselemente den Spracherwerb und die kognitive Entwicklung in der frühen Kindheit beeinflussen.
- Entwicklungspsychologische Grundlagen des Bildverständnisses bei Kleinkindern
- Kategorisierung und Merkmale verschiedener Bilderbuchgattungen
- Einfluss unterschiedlicher Bildgestaltungsstile auf die kindliche Wahrnehmung
- Bedeutung von Interaktion und Dialog beim gemeinsamen Bilderbuchbetrachten
- Förderpotenziale moderner Aktions- und Beschäftigungsbilderbücher
Auszug aus dem Buch
Allererste Bilderbücher
Bereits vor Sprechbeginn ist es förderlich, gemeinsam mit dem Kind Bilderbücher anzuschauen und ihm daraus vorzulesen. Es bereitet sowohl dem Kind als auch seiner Bezugsperson Freude, und dieses gemeinsame Tun bindet beide aneinander. Zudem existieren Hinweise aus der Forschung von Whitehurst et al. (1988) und Debaryshe (1993), dass sich ein solcher Frühbeginn günstig auf die kindliche Sprachentwicklung auswirkt.
Das erste Bilderbuchgut des Kindes sind die sogenannten abbildbetonten Bilderbücher. Diese allerersten Bilderbücher entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts und sind für die ersten zwei Lebensjahre bestimmt (vgl. Rau 2007: 20). Sie haben meistens ein kleines handliches Format, sechs bis sieben dicke glänzende – meist textfreie – Pappseiten aus strapazierfähigem Karton, Stoff, Holz oder Plastikmaterial, auf denen ein bis drei Objekte aus der Erlebniswelt des Kindes einfach, aber charakteristisch abgebildet sind (vgl. Stiftung Lesen 2008: 15). Die allerersten Bilderbücher haben vor allem die Intention, die Gegenstände, Personen oder Tiere aus der Umwelt des Kindes sachlich abzubilden, zu veranschaulichen und zu beschreiben (vgl. Minke 1958: 45). Auf dieser Stufe der Sprachentwicklung stellen die Bilder Informationsquellen für die Wortbedeutung dar und bereiten den eigentlichen Sprachbeginn vor: das Verstehen von Wörtern aus Symbolen. Das Kind erwirbt Wörter für Objekte, die es noch nicht gut kennt, oder für Unbekanntes und Neues.
Mit dem ersten Bilderbuch wächst das Kind in die frühe Literacy hinein. Es erfährt Grundsätzliches über das Medium Buch und entdeckt, dass Bücher aufklappbar sind und dass man die Seiten umblättern kann. Es lernt, mit dem Buch umzugehen und Bilder zu verstehen. Das Kind verfolgt fasziniert, wie auf jeder Seite ein Bild erscheint, das für etwas steht und nicht die Sache selbst ist. Auf solche Weise entwickelt es ein Symbolverständnis, das wesentliche Voraussetzung dafür ist, später auch komplexere Symbole entschlüsseln zu können, wie Zeichen, Logos und Schrift (vgl. Näger 2005: 52).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel erläutert das frühe Bildverständnis von Kindern und die Bedeutung von Bildern für den Erwerb repräsentationaler Einsichten sowie symbolischer Sensitivität.
2. Bilderbucharten: Hier erfolgt eine systematische Einordnung verschiedener Bilderbuchtypen, ihrer Gestaltungstechniken und der Verknüpfung von Text und Bild.
2.1. Bilderbuchgattungen: Dieser Abschnitt differenziert verschiedene Kategorien wie Märchen-, Sach- oder Aktionsbilderbücher und deren spezifische Funktion in der Sprachentwicklung.
2.2. Bildgestaltung: Das Kapitel analysiert unterschiedliche Stile wie Grafik, Malerei, Fotorealismus oder Collage und deren Wirkung auf die Wahrnehmung des Kindes.
2.3. Text-Bild-Verknüpfungen: Hier wird das Zusammenspiel von visueller und textueller Ebene thematisiert, welches von harmonischen Einheiten bis hin zu kontrapunktischen Inszenierungen reicht.
2.4. Allererste Bilderbücher: Der Fokus liegt auf der Bedeutung abbildbetonter Bücher für Kinder unter zwei Jahren und dem Hineinwachsen in die frühe Literacy.
2.5. Nachfolgende Bücher: Dieser Teil widmet sich den interaktiven Beschäftigungs- und Aktionsbilderbüchern, die gezielte Anreize für Kleinkinder setzen.
3. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Betrachtung über die Rolle der Bilderbücher als Unterstützung für die sprachliche Entwicklung und die Notwendigkeit einer bewussten Auswahl durch pädagogische Fachkräfte und Eltern.
Schlüsselwörter
Bilderbuch, Sprachentwicklung, Literacy, Symbolverständnis, Bildgestaltung, Kleinkind, Frühe Förderung, Vorlesen, Aktionsbilderbücher, Spracherwerb, Bild-Text-Verknüpfung, Pädagogik, Wahrnehmung, Interaktion, Mentales Lexikon.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der entwicklungspsychologischen Bedeutung von Bilderbüchern als Medium zur Förderung des Spracherwerbs und des frühen Verständnisses von Symbolen bei Kindern.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Zu den Schwerpunkten zählen die Kategorisierung von Bilderbucharten, die Analyse von Bildstilen, die Bedeutung von Text-Bild-Verknüpfungen sowie die Rolle interaktiver Elemente für die Sprachentwicklung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Bilderbücher gezielt eingesetzt werden können, um die kognitiven und sprachlichen Kompetenzen von Kindern von Geburt an zu unterstützen.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Untersuchung zugrunde?
Die Autorin stützt sich auf eine fundierte theoretische Literaturanalyse aktueller entwicklungspsychologischer und pädagogischer Studien und Forschungsergebnisse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Bilderbuchgattungen, gestalterischen Merkmalen, die Einordnung erster Bilderbucherfahrungen bis hin zu komplexen interaktiven Aktionsbüchern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Werk?
Zentrale Begriffe sind Bilderbuch, Sprachentwicklung, Literacy, Symbolverständnis sowie pädagogische Interaktionsmuster.
Warum sind "abbildbetonte" Bilderbücher für Kleinkinder so wichtig?
Sie fungieren als Informationsquelle zur Wortbedeutung, da sie reale Objekte aus der Umwelt des Kindes sachlich abbilden und so den Weg zur symbolischen Repräsentation ebnen.
Welchen Einfluss hat die "Vorlesesituation" auf die kindliche Entwicklung?
Das gemeinsame Betrachten von Büchern fördert die Bindung zwischen Bezugsperson und Kind und schafft durch das Frage-Antwort-Spiel eine ideale Interaktionsbasis für den Spracherwerb.
Wie unterscheiden sich "monoszenische" von "pluriszenischen" Bildern?
Monoszenische Bilder konzentrieren sich auf einen einzelnen markanten Augenblick, während pluriszenische Bilder mehrere handlungsbezogene Momente in einer Fläche vereinen.
Welche Herausforderung ergibt sich bei der Auswahl von Bilderbüchern?
Aufgrund der großen Vielfalt und der individuellen Unterschiede im Entwicklungsstand der Kinder müssen Sprache, Erzählstil und Bildkonstruktion stets an die Wahrnehmungskompetenzen des jeweiligen Kindes angepasst werden.
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- M.A., B.A. Natalia Lemdche (Author), 2012, Die erste (Vor-)Leseerfahrung von Kindern. Kinderbucharten und ihre entwicklungspsychologische Bedeutung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293675