Goethes Natalie…
„Unerreichbar wird immer die Handlungsweise bleiben, welche die Natur dieser schönen Seele vorgeschrieben hat. Ja sie verdient diesen Ehrennamen vor vielen anderen, mehr, wenn ich sagen darf, als unsre edle Tante selbst“, so Lothario über seine Schwester Natalie in Goethes 1795/96 erschienenen Romans Wilhelm Meisters Lehrjahre.
Der Begriff der schönen Seele und die damit einhergehenden Vorstellungen des Typus haben eine lange Entwicklungsgeschichte zu verzeichnen. Die Vorstellung von einer inneren Schönheit wurde bereits von Platon, Plotin, Augustinus, der spätmittelalterlichen und spanischen Mystik und der italienischen Renaissance ausgebildet. Diese innere Schönheit eines „reinen, edlen, harmonischen, tugendhaften, aus eigenem Antrieb nach dem Guten strebenden Gemüts“ wird als Seelenschönheit bzw. Kalokagathie bezeichnet.
Den Höhepunkt seiner Ausbreitung erlangt der Begriff in der 2. Hälfte des 18. Jh., wo er in der deutschen Literatur zum Modetypus wird. Dafür ist besonders Goethe verantwortlich, der den Begriff der „schönen Seele“ populär machte. […] Durchschlagende Popularität erlangte er jedoch mit Goethes „Bekenntnissen einer schönen Seele“ im 6. Buch von Wilhelm Meisters Lehrjahre…
Der letzte Höhepunkt der Begriffsentwicklung ist in Schillers Definition der schönen Seele zu sehen, die er in der 1793 erscheinenden Abhandlung Über Anmut und Würde entwickelt: Er überträgt die im Kallias-Fragment formulierte Definition von Schönheit als „Freiheit in der Erscheinung“ auf den Menschen; die Definition der schönen Seele wird als der ästhetische Höhepunkt dieser Abhandlung betrachtet. (dazu 2. Kap.)
Nach der Analyse der Figur der Natalie aus Goethes Wilhelm Meister im 3. Kap. Wird im 4. Kap. erörtert, inwiefern es Goethe gelungen ist, Natalie auf verschiedenen Ebenen „gemäß Schillers Intention als Inkarnation des klassischen Ideals der ‚schönen Seele’“ zu gestalten. - Darüber, dass Natalie die schöne Seele im Sinne Schillers ist, besteht unter Literaturwissenschaftlern kein Zweifel, zumal Goethe und Schiller in diesem Punkt übereinstimmten.
Die ausführliche Gegenüberstellung der Theorie der schönen Seele und ihrer Umsetzung in der Figur der Natalie in den Lehrjahren macht deutlich, inwiefern es Goethe gelungen ist, eine schöne Seele im Sinne Schillers zu erschaffen: In allen wesentlichen Punkten kann Natalie als eine solche schöne Seele bezeichnet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Schillers Definition einer schönen Seele
2.1 Andeutungen zur schönen Seele im Kallias-Fragment
2.2 Schillers Definition in Über Anmut und Würde
3. Die Figur Natalie in Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre
3.1 Wilhelms erste Begegnung mit der „schönen Amazone“
3.2 Natalie aus der Sicht der Stiftsdame
3.3 Natalie im Kreise der Turmgesellschaft
3.4 Natalie als Ideal
4. Natalie als schöne Seele im Sinne Schillers
4.1 Voraussetzung für eine schöne Seele: Natalie ist weiblichen Geschlechts
4.2 Natalie – „die barmherzige Samariterin“
4.3 Leichtigkeit im Handeln
4.4 Neigungen als Bestimmungsgrund des Willens
4.5 Harmonie von Sinnlichkeit und Vernunft, bzw. Pflicht und Neigung
4.6 Natalies äußeres Erscheinungsbild
4.7 Natalie als Ideal
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht inwieweit die Figur der Natalie in Johann Wolfgang von Goethes Roman "Wilhelm Meisters Lehrjahre" als die literarische Umsetzung des von Friedrich Schiller definierten Idealtypus der "schönen Seele" verstanden werden kann.
- Historische Herleitung des Begriffs der "schönen Seele"
- Analyse der Schillerschen Definition aus "Über Anmut und Würde"
- Literarische Untersuchung der Figur Natalie in Goethes Roman
- Vergleich zwischen theoretischem Konzept und narrativer Ausgestaltung
- Diskussion zur Geschlechtsspezifik und Idealität im 18. Jahrhundert
Auszug aus dem Buch
2.1 Andeutungen zur schönen Seele im Kallias-Fragment
Um darzulegen, was Schiller unter „moralischer Schönheit“ versteht, erläutert er das biblische Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Hierbei geht es um einen Mann, der – verletzt und ausgeraubt – auf Hilfe angewiesen ist. Schiller stellt fünf verschiedene Handlungsweisen vor, die vom gutherzigen Affekt über nützliche Hilfe bis hin zum Handeln aus reinem Pflichtbewusstsein reichen. Als der fünfte Reisende, ein Lastträger, des Weges kommt, kommt es zum ersten Mal zur tatsächlichen Hilfeleistung: Der Verletzte hat sich bereits dazu entschlossen, nun nicht mehr um Hilfe zu bitten; stattdessen bietet der Samariter aus eigenem Antrieb seine Hilfe an. Es kümmert ihn nicht, ob er aufgrund dessen etwa finanzielle Nachteile zu erwarten hat oder Mühe auf sich nehmen muss. Warum diese Handlungsweise im Gegensatz zu den anderen vorgestellten als „schön“ bezeichnet werden kann, erklärt Schiller, indem er verdeutlicht, wodurch sie sich von den anderen unterscheidet: „Aber nur der fünfte hat unaufgefordert und ohne mit sich zu Rate zu gehen geholfen, obgleich es auf s[eine] Kosten ging. Nur der fünfte hat sich selbst dabei vergessen und ‚seine Pflicht mit Leichtigkeit erfüllt, als wenn bloß der Instinkt aus ihm gehandelt hätte’.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Das Kapitel bietet einen historischen Überblick über den Begriff der schönen Seele von der Antike bis zum 18. Jahrhundert und führt in die theoretischen Grundlagen bei Goethe und Schiller ein.
2. Schillers Definition einer schönen Seele: Hier werden Schillers Reflexionen im Kallias-Fragment sowie seine Abhandlung "Über Anmut und Würde" analysiert, um die Kernmerkmale des Idealtypus zu definieren.
3. Die Figur Natalie in Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre: Das Kapitel widmet sich der konkreten Untersuchung der Natalie-Figur im Roman, unterteilt in verschiedene Begegnungssituationen und Perspektiven.
4. Natalie als schöne Seele im Sinne Schillers: In diesem Hauptteil wird geprüft, inwiefern die Romanfigur die theoretischen Kriterien Schillers bezüglich Handlungsweise, Harmonie und Idealität erfüllt.
5. Fazit: Die Ergebnisse werden zusammengefasst und die Frage diskutiert, ob Natalie trotz ihres idealistischen Charakters als Humanitätsideal Bestand hat.
Schlüsselwörter
Schöne Seele, Friedrich Schiller, Johann Wolfgang von Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, Anmut, Würde, Kallias-Fragment, Moralische Schönheit, Idealismus, Frauenideal, Tugend, Pflicht und Neigung, Literaturwissenschaft, 18. Jahrhundert, Humanitätsideal
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die literarische Entsprechung des philosophischen Begriffs der „schönen Seele“ (nach Friedrich Schiller) in der Figur der Natalie aus Goethes Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die ästhetisch-ethische Definition Schillers, die Romananalyse von Goethes „Lehrjahren“ und die ideengeschichtliche Debatte über das Frauenbild und Idealvorstellungen des ausgehenden 18. Jahrhunderts.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das Ziel ist der Nachweis, dass Goethe seine Figur Natalie bewusst als Inkarnation des Schillerschen Ideals der schönen Seele gestaltet hat.
Welche wissenschaftliche Methode findet Anwendung?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Textanalyse in Kombination mit einer vergleichenden Untersuchung von Primär- und Forschungsliteratur angewandt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung bei Schiller und die detaillierte figurenanalytische Überprüfung von Natalie hinsichtlich ihrer Handlungsweisen, ihrer Erziehung und ihrer Funktion als Ideal.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wesentlichen Begriffe umfassen „Schöne Seele“, „Anmut“, „Pflicht und Neigung“, „Idealismus“ sowie die entsprechenden Werke von Schiller und Goethe.
Inwieweit spielt die Erziehung eine Rolle für Natalies Idealität?
Natalie ist durch die Erziehung des Abbé geprägt, die ihre Neigungen früh mit dem Verstand in Einklang brachte, was sie zur prädestinierten Trägerin des Ideals macht.
Warum wird Natalie in der Forschung teilweise kritisch gesehen?
Einige Literaturwissenschaftler kritisieren ihre Darstellung als „euphemistische Verschleierung“ und bemängeln, dass ihr eine echte menschliche Leidenschaft fehlt, was sie abstrakt und unterwürfig erscheinen lassen könnte.
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- Eliane Rittlicher (Author), 2014, Goethes Natalie. Die Inkarnation des klassischen Ideals der "schönen Seele", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293803