Die berufstätige Frau und Mutter: Weibliche Erwerbstätigkeit in der DDR


Seminararbeit, 2003

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Die Rolle der Frau im sozialistischen System der DDR

3. Die Entwicklung der Erwerbsarbeit der Frauen in der DDR
3.1 Ursachen, Merkmale und Ausprägungen der Frauenerwerbstätigkeit
3.2 Die Nachkriegszeit- „Mythos Trümmerfrau“
3.3 Die fünfziger und sechziger Jahre
3.4 Die siebziger und achtziger Jahre

4. „Die berufstätige Frau und Mutter“ am Beispiel der Industriearbeit in der DDR
4.1. Die Ausweitung der Frauenbeschäftigung in der Industrie
4.2 Frauen in der Industrie am regionalen Beispiel des Büromaschinenwerkes Söm- merda

5. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einführung

Seitdem es die DDR nicht mehr gibt, stehen die Geschichte und die Eigenarten der DDR-Gesellschaft stärker als je zuvor im Brennpunkt des Interesses. Man wollte sehen, welche Alltagsrealität sich hinter dem klischeehaften Bild der glücklich lachenden, verheirateten Kranführerin mit Kindern verbirgt.[1]

„Die berufstätige Frau und Mutter“ gilt als das Frauenbild in der DDR. Dieses zieht sich wie ein roter Faden durch die wechselnden Frauenleitbilder der vierzigjährigen DDR-Geschichte.[2] Unter dem Blickwinkel dieses Frauenbildes soll hier besonders die weibliche Berufstätigkeit zum Gegenstand der Untersuchung gemacht werden. Die Gestaltung, Umsetzung und Entwicklung der Frauenerwerbstätigkeit werden aufgezeigt. Am konkreten Beispiel eines Industriebetriebes, dem Büromaschinenwerk Sömmerda, wird die weibliche Berufstätigkeit in Bezug auf Entwicklungschancen, Probleme und vielfältige Auswirkungen genauer betrachtet. Geschlechterverhältnisse, –differenzen, sowie -traditionen spielen dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Fragen nach der Gleichberechtigung der Frau und den differenten Rollen der Geschlechter durchziehen einen großen Teil der Arbeit.

2. Die Rolle der Frau im sozialistischen System der DDR

„Die DDR-Frau“ gilt als das Markenzeichen der sozialistischen deutschen Republik.[3] Was beinhaltet der Begriff „DDR-Frau“? Welche Lebensweisen und Lebenseinstellungen verbergen sich in ihren Biographien? Diese Fragen werden bei der Betrachtung der weiblichen Erwerbstätigkeit in der DDR aufgeworfen. Unter Einbeziehung eigener Erfahrungen und Erinnerungen entstehen die vielseitigsten Bilder. Es sind die Bilder unserer Mütter und Großmütter, die über ganz persönliche Familienereignisse und Alltägliches berichten. Es handelt sich um Erzählungen vom Krieg, von der Berufstätigkeit, von der Kindererziehung, vom Haushalt oder vom Leben in der Wohngemeinschaft im Neubaublock. So individuell diese Lebensgeschichten auch scheinen, es verbergen sich in ihnen wesentliche Gemeinsamkeiten. Diese liegen in der Frauenpolitik des Sozialismus und deren Auswirkungen begründet.

Der gleichberechtigte Zugang von Frauen zur beruflichen Arbeit war in der DDR von Anfang an programmatischer Bestandteil des Aufbaus des Sozialismus. Die Gleichberechtigung, als eines der wesentlichen Ziele des Sozialismus, war bereits in der ersten Verfassung des DDR von 1949 verankert. Alle noch geltenden Gesetze des alten BGB, die diesem Grundsatz widersprachen, wurden aufgehoben. Des weiteren wurden das Recht auf Arbeit und gleichen Lohn bei gleicher Arbeit, das gleiche Recht auf Bildung, der besondere Schutz der Frauen im Arbeitsprozess, die gemeinsame Verantwortung von Mann und Frau für die Erziehung der Kinder und anderes festgeschrieben.[4]

Die Frauen wurden als Arbeitskräfte gebraucht und die weibliche Berufstätigkeit wurde als selbstverständlich angesehen. Die Erwerbsquote der Frauen war sehr hoch, wodurch der Lebensstil und die Mentalität wesentlich mitgeprägt wurden.[5] Die DDR galt als „...kinder- und familienfreundliches Land. Glücklich strahlende Muttis mit gesunden Babys auf dem Arm gehörten zu den beliebtesten Bildern der sozialistischen Propaganda“.[6] Die Frauen heirateten im Allgemeinen eher, als dies in Westdeutschland üblich war und bekamen auch früher ihre Kinder. Nach der Geburt wurde die Arbeit nach Ablauf der Mutterschutzfrist mehrheitlich sofort wieder aufgenommen. Dem Ziel der Frauenpolitik, die Frauen in den Arbeitsprozess zu integrieren, dienten viele sozialpolitische Maßnahmen. Die Orientierung lag hier in der Zusammenführung von Berufstätigkeit und Mutterrolle. Beruf und Qualifizierung, sowie Kindererziehung und Haushalt, welcher hauptsächlich auf den Schultern der Frauen lastete, führten zu einer Doppel- bzw. Dreifachbelastung.[7]

Es stellt sich die Frage nach der wirklichen Gleichberechtigung der Frauen in der DDR. Das prägendste Leitbild war das der berufstätigen Frau und Mutter, wobei den Frauen ein gesteigertes Selbstwertgefühl und eine gewachsene gesellschaftliche Bedeutung zukam. Allerdings schienen Frauen und Männer in den alten Geschlechterrollen und Stereotypen zu verharren. Die alten Rollenbilder hielten eine Mehrbelastung der Frau gegenüber dem Mann aufrecht.[8] Die Frage nach der vollen Gleichberechtigung wird bis heute heftig diskutiert. Ich möchte sie hier nur kurz erwähnen, um sie im weiteren Verlauf der Arbeit weiterzuführen und zu diskutieren.

Beim Versuch ein konkretes Frauenleitbild der DDR zu beschreiben, stößt man auf Schwierigkeiten. Es ist notwendig, die Entwicklung in den verschiedenen Zeitabschnitten zu betrachten, da die propagierten Leitbilder von gesellschaftlichen Wandlungsprozessen beeinflusst wurden und variierten.[9]

3. Die Entwicklung der Erwerbsarbeit der Frauen in der DDR

Die Frauenerwerbstätigkeit in Deutschland nach 1945 und später in der DDR lässt sich beschreiben als ein Wechselspiel zwischen Kontinuität und Umbruch, Tradition und Innovation. Das politische und theoretische Konzept der DDR-Gesellschaft beinhaltete die weibliche Berufsarbeit. Die Frauen wurden demzufolge sehr stark in den Arbeitsmarkt eingegliedert und Berufstätigkeit galt als Voraussetzung für die Emanzipation in allen anderen Lebensbereichen.[10]

Im Folgenden soll zuerst in Abschnitt 3.1 ein allgemeiner Überblick über die Frauenerwerbstätigkeit in der DDR gegeben und anschließend in den Abschnitten 3.2 bis 3.4 differenziert auf die einzelnen Entwicklungsabschnitte der Frauenerwerbsarbeit eingegangen werden. Wesentlich ist hierbei die Unterteilung in die Nachkriegszeit, die fünfziger und sechziger Jahre, sowie die siebziger und achtziger Jahre.[11]

3.1 Ursachen, Merkmale und Ausprägungen der Frauenerwerbstätigkeit

Die Gründe für die Eingliederung der Frauen in den Arbeitsprozess lagen vorrangig in der Wirtschaft, im Arbeitskräftebedarf, in der demographischen Struktur des Landes und in der Notwendigkeit der Deckung der Lebenshaltungskosten. Eine weitere Ursache war der ideologische Standpunkt, der auf propagandistische Art und Weise die Frauen zur Erwerbsarbeit animierte. Das Einbeziehen der Frau in das Erwerbsleben wurde als Grundlage für das Erreichen der vollständigen Gleichberechtigung, als Basis für Selbstständigkeit und eine mögliche unabhängige Lebensführung gesehen.[12] Frauenförderungsmaßnahmen über umfangreiche Qualifizierungsprogramme und vielseitige sozialpolitische Errungenschaften zum Beispiel in der Kinderbetreuung sollten die Integration der weiblichen Bevölkerung in den gesellschaftlichen Produktionsprozess gewährleisten. Ein weiteres Ziel der Frauenpolitik war hierbei auch die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Familie. Außerdem wurde die notwendige Berufstätigkeit der Frauen durch die grundsätzliche Verpflichtung aller zur Arbeit und die Lohnpolitik abgesichert, denn vom Lohn eines Ehepartners konnte keine Familie leben. Ein ausreichender Lebensstandard konnte nur durch doppeltes Einkommen erreicht werden.[13]

In der Zeit nach 1945 kam es zu einer kontinuierlichen Zunahme der Frauenerwerbstätigkeit. Mitte der fünfziger Jahre waren ca. 50 Prozent der Frauen in der DDR erwerbstätig und bis zum Ende der achtziger Jahre war der häufig zitierte Anteil von 91,2 Prozent erreicht. Selbst abzüglich der hier noch mitberücksichtigten Anzahl weiblicher Studentinnen und Lehrlinge betrug der Anteil der Frauen noch fast 80 Prozent. Der hohe Prozentsatz berufstätiger Frauen wurde auch begünstigt durch die Multifunktionalität des Arbeitsplatzes. Berufliches und privates Leben waren eng verbunden und es erfolgte eine Identifikation mit dem Arbeitsplatz. Gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen feierte man Brigadefeste und organisierte Freizeitaktivitäten. Die Arbeitsstätte stellte häufig vielseitige Versorgungseinrichtungen beispielsweise Kinderbetreuung, Einkaufsstellen und medizinische Versorgung zur Verfügung.[14]

Aus der Berufstätigkeit der Frauen ist scheinbar keine wirkliche Gleichberechtigung entstanden. Wie bereits erwähnt, war die Gleichberechtigung in der Verfassung verankert, doch in der DDR waren gesetzliche Bestimmungen und Alltag häufig zwei verschiedene Dinge. Bereits durch die These, dass die Befreiung und Gleichberechtigung der Frau primär durch ihre Einbeziehung in die Erwerbsarbeit zu erreichen sei, wurde eine Bewertung und Trennung von Erwerbsarbeit und Hausarbeit vorgenommen. „Produktive“ Erwerbsarbeit wurde als Arbeit im eigentlichen Sinne dargestellt und die „unproduktive“ Hausarbeit wurde als Nicht-Arbeit abgestempelt. Einige sozialpolitische Regelungen wie zum Beispiel der Haushaltstag bekräftigten, dass der Balanceakt zwischen Beruf und Familie ausschließlich von Frauen zu bewältigen war.[15] Das Festhalten an dem geschlechtsspezifischen Rollenverständnis von Frau und Mann, die nur langsame Preisgabe männlicher Privilegien, die männliche Dominanz in allen Entscheidungsgremien und anderes verhinderten, dass die volle Gleichberechtigung Wirklichkeit wurde und garantierten das Spannungsfeld zwischen Familien- und Erwerbsarbeit. Frauen hatten den größten Teil der Reproduktionsarbeit zu bewerkstelligen und ihnen oblag nahezu die gesamte Verantwortung für den häuslichen Bereich.[16]

Ebenfalls in der Berufsarbeit hatten Frauen und Männer ungleiche Bedingungen und auch unterschiedliche Chancen für die berufliche Qualifikation. In der Erwerbsarbeit gab es männliche und weibliche Domänen und spätestens seit Ende der sechziger Jahre kann man von einer nach Geschlecht polarisierten Wirtschafts- und Berufsstruktur sprechen. Frauen waren seither in Dienstleistungs- bzw. nichtproduzierenden Wirtschaftszweigen, wie im Sozialwesen (1988:91,8%), Bildungswesen (1988:77%), Gesundheitswesen (1988:83,1%) und Handel (1988:72%) deutlich überrepräsentiert. Unterproportional war der Frauenanteil dagegen in produzierenden Bereichen, wie in der Bauwirtschaft, in der Verkehrswirtschaft, im Handwerk und in der Industrie. Zwar waren in den unmittelbaren Fertigungsbereichen der Industrie fast ausschließlich Frauen beschäftigt, aber nur auf dieser untersten Ebene.[17]

Frauenarbeitsplätze waren häufig gekennzeichnet durch monotone und einseitige Bela-stung, niedrige Qualifikationsanforderungen, geringe Arbeitseinkommen, engen Entscheidungsspielraum, hohen Zeitdruck und einseitige körperliche Beanspruchung oder sie entsprachen dem Stereotyp des fürsorglichen, helfenden weiblichen Geschlechts. Frauen wurden häufig nicht qualifikationsgerecht eingesetzt, Leitungsverantwortung erhielten sie fast nur auf unteren Ebenen und in schlechter bezahlten Bereichen. Ab einer bestimmten Stufe aufwärts kann in allen Bereichen der Erwerbsarbeit nicht mehr von Gleichberechtigung gesprochen werden. Selbst in Bereichen wie dem Gesundheitswesen, in denen mehrheitlich Frauen beschäftigt waren, wurden die leitenden Positionen auf höheren Ebenen primär von Männern besetzt.[18]

[...]


[1] vgl. Kaelbe/ Kocka/ Zwahr, 1994, S. 9, Nickel, 1992, S. 15.

[2] vgl. Merkel, 1994, S. 376.

[3] Merkel, 1994, S. 359.

[4] vgl. Hausen/ Krell, 1993, S. 14, Trappe, 1995, S. 55.

[5] vgl. Dölling, 1993, S. S. 32, Merkel, 1994, S. 359.

[6] Wolle, 1998, S. 117.

[7] vgl. Merkel, 1994, S. 359, S. 376f, Trappe, 1995, S. 20, Klenner, 1992, S. 102f, F.-E.-Stiftung, 1987, S. 53.

[8] vgl. Trappe, 1995, S. 55, Klenner, 1992, S. 102f, F.-E.-Stiftung., 1987, S. 54, Merkel,S. 376f.

[9] vgl. Merkel, 1994, S. 376-378.

[10] vgl. Budde, 1997, S.16, Kaufmann/ Schroeter/ Ullrich, 1997, S.18, F.-E.-Stiftung., 1987, S.10.

[11] vgl. Helwig, 1998, S.24-28, Hampele, 1993, S.285.

[12] vgl. Wolle, 1998, S.174, Schrutka-Rechtenstamm, 1992, S.17, F.-E.-Stiftung, S. 7f.

[13] vgl. Budde, 1997, S.10, Joester/ Schöningh, 1992, S. 2, F.-E.-Stiftung, 1987, S.12.

[14] vgl. Budde, 1997, S. 10f.

[15] vgl. Dölling, 1993, S. 26, Budde, 1997, S. 15.

[16] vgl. F.-E.-Stiftung, 1987, S. 6, Klenner, 1992, S. 102.

[17] vgl. Klenner, 1992, S. 100-102, 121, 166, Nickel, 1992, S.13.

[18] vgl. Dölling, 1993, S. 34, F.-E.-Stiftung, 1987, S. 17, Klenner, 1992, S. 98f, Wolf-Braun, 1992, S. 121f.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die berufstätige Frau und Mutter: Weibliche Erwerbstätigkeit in der DDR
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Veranstaltung
Wirtschaftsbezogene Kulturgeschichte Deutschlands
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
20
Katalognummer
V29381
ISBN (eBook)
9783638309004
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frau, Mutter, Weibliche, Erwerbstätigkeit, Wirtschaftsbezogene, Kulturgeschichte, Deutschlands
Arbeit zitieren
Susanne Brutscheck (Autor), 2003, Die berufstätige Frau und Mutter: Weibliche Erwerbstätigkeit in der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29381

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