Schamanismus in Sibirien mit besonderer Beachtung der Tungusen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
14 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Ein kurzer Blick auf die Forschungsgeschichte
1.1. Der Unterschied zwischen einem Schamanen und einem Priester

2. Aufgaben und Initiation der Schamanen

3. Die Kosmologie der Tungusen

4. Der Schamane als Krankenheiler

5. Magische Hilfsmittel der Schamanen

6. Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier bei den Tungusen

7. Die Geschichte des sibirischen Schamanismus

8. Die heutige Situation des sibirischen Schamanismus

9. Schlussbetrachtung

10. Quellennachweis

Schamanismus in Sibirien mit besonderer Beachtung der Tungusen

1. Einleitung: Ein kurzer Blick auf die Forschungsgeschichte

Schamanistische Vorstellungen finden ein sehr weites Verbreitungsfeld, nicht nur in zentral Asien und Sibirien, sondern auch in Nord- und Südamerika und in Europa. Es wird vermutet, dass viele Vorstellungen bereits im paläolitischen Jäger- und Sammlertum entwickelt wurden, weshalb der Schamanismus als eine der frühesten religiösen Erfahrungen der Menschheit überhaupt gesehen wird (Stutley 2003:1, 3). Die Erforschung des Schamanismus durch die Europäer begann bei den tungusischen Völkern Ostsibiriens, weshalb auch ihre Bezeichnung „saman“[1] übernommen wurde (Stutley 2003: 3). Zunächst wurde der Begriff nur für den nord- und mittelasiatischen Raum gebraucht, heute jedoch wendet man ihn auf ähnliche Phänomene weltweit an (Weiss 1987: 189). Dies hat dazu geführt, dass die Aussagekraft des Wortes verloren gegangen ist und es immer schwieriger wird, die Person des Schamanen von anderen religiösen Mittlern abzugrenzen. Der Sibirische Schamanismus wird, wegen der Fülle an Informationen, die über ihn gesammelt wurden, und weil man davon ausgeht, dass die Nordasiaten erst nach Amerika rüberwanderten und so ihre Weltanschauung räumlich weiter verbreiteten, als „Klassischer Schamanismus“ bezeichnet (Grim 1983: 34). Allgemein werden kulturelle Ähnlichkeiten im zirkumpolaren Gebiet trotz der vergleichbaren ökologischen Voraussetzungen vor allem durch Diffusion erklärt (Pentikäinen 1994: 377). Ob die weltweit ähnlichen Vorkommnisse allerdings ausschließlich auf frühe Kulturkontakte zurückzuführen sind, bleibt bis heute fraglich.

1.1. Der Unterschied zwischen einem Schamanen und einem Priester

In vielen Gesellschaften gibt es Spezialisten, deren Aufgabe es ist, das Gleichgewicht zwischen der Gemeinschaft und der übernatürlichen Welt aufrechtzuerhalten. Manchmal werden diese Personen Schamanen genannt, manchmal Priester, Exorzisten, Wahrsager, Heiler, Magier, Hellseher, Hexer, Hexendoktoren oder noch anders (Gilberg o.J.: 21). Schamanen sind in erster Linie Heiler[2], „aber nicht jeder Medizinmann, Zauberer, Priester oder Hexer ist auch ein Schamane. Das, was ihn von anderen Fachkollegen unterscheidet, ist das substantiell radikal andere Bewußtsein...Er kann mehr als alle anderen, aber er vereinigt alle ihre Fähigkeiten in sich“ (Weiss 1987: 194). Da sich die Einflussbereiche der verschiedenen religiösen Mittler oft überschneiden, und viele Begriffe missverständlicher Weise manchmal synonym verwendet werden, möchte ich Beispielhaft zumindest eine mögliche Trennung zwischen Priestern und Schamanen vornehmen.

Betrachtet man die Verbreitung, so ist der Schamanismus vor allem bei einfachen Jäger und Sammlern, das Priestertum eher in Agrargesellschaften zu finden. Während der Schamane seine Berufung durch übernatürliche Mächte, oft auch gegen seinen Willen, erfährt, erhält der Priester seine Legitimation durch die Gemeinde, oder durch Erbe. Er muss zwar eine hohe soziale Position innehaben, aber eine bestimmte fachliche Eignung ist meist nicht erforderlich. Die Prestigehöhe des Schamanen ist abhängig von der Wirksamkeit seiner Macht, die er von den Geistern erfährt. Er kann sehr großes Ansehen geniessen und gleichzeitig gefürchtet sein. Trotzdem steht er immer ausserhalb der eigentlichen sozialen Hierarchie, sobald solch eine vorhanden ist. Der Priester hat kein direktes Verhältnis zur Geisterwelt, kennt keine Ekstase und lernt ausschließlich von alten Priestern. Für die Zeremonien, die er meist im öffentlichen Rahmen abhält, wird er bezahlt und oft ist er in einen regelmäßigen Zeremoniekalender eingebunden. Der Schamane hingegen führt seine Zeremonien vor allem auf Anfrage durch, um Individuen zu helfen. Er darf keine speziellen Gegenleistungen akzeptieren und seine Rituale sind weniger standardisiert und traditionell als die der Priester, da sie sehr vom spezifischen Schamanen und dessen Hilfsgeistern abhängig sind (Gilberg o.J.: 23; Grim 1983: 10, 14).

2. Aufgaben und Initiation der Schamanen

Durch die weltweite Verbreitung des Schamanismus, auf alle kulturellen und sozialen Ebenen, kommt es zu sehr verschiedenen Ausprägungen, die von ökologischen, historischen, politischen, kulturellen, und anderen Aspekten beeinflusst sind, so dass die Funktionen der Schamanen nicht universell gleich, sondern jeweils im kulturellen Umfeld zu betrachten sind. Es gibt jedoch einige Merkmale, die in allen Regionen übereinstimmend auftreten. Die Berufung zum Schamanen geschieht zwischen dem 6. und dem 50. Lebensjahr, meist jedoch im Alter von etwa 20 Jahren (Stutley 2003: 6). Oft wird die Person im Traum direkt von Geistern gerufen. Sie kann aber auch zum Beispiel den Vorfahrengeist eines toten Schamanen des Klans erben, oder in Folge einer schweren Krankheit, die er oder sie allein überwindet, und somit die Geister zu kontrollieren lernt, zum Schamanen werden[3] (ebd.: 8, Grim 1983: 45). Die Initiationsphase dauert von einigen Tagen bis zu mehreren Jahren und ist oft mit Isolation, Meditation und Askese verbunden[4]. In dieser Zeit findet und zähmt der Schamane seine Hilfsgeister[5], von denen er heilende Kräfte erhält und die ihm von da an begleiten und in das alte kosmische Wissen einführen. Die Einweisung geschieht zusätzlich meist durch einen alten Schamanen (Weiss 1987: 190, Grim 1983: 8,9 ). Die Initiation ist immer mit großer physischer und psychischer Belastung verbunden, deren Höhepunkt die Erfahrung eines rituellen Todes mit anschließender Wiedergeburt zum Schamanen ist (ebd.: 200). In Sibirien ist die Erfahrung des Initianten von seiner eigenen Zerstückelung im Traum sehr häufig. G.V. Ksenofontov sammelte einige Selbstberichte von Sibirischen Schamanen. „Nach der Erzählung des Jakuten Ivanov Pjotr, Insel Tojon-Aryy, Dschobulga, 13. Januar 1925 (...), geht die Zerstückelung so vor sich“:

„Die Geister haken mit einem eisernen Haken ein, zerreißen und zerlegen alle Gelenke und reinigen die Knochen, indem sie das Fleisch auskratzen und die Säfte des Körpers entfernen. Sie nehmen beide Augen aus den Höhlen und legen sie besonders hin. Darauf vereinigen sie die Knochen von neuem und nähen sie mit Eisendraht zusammen. Die Augäpfel legen sie an ihren Platz zurück. Erst nach all diesem verwandeln ihn die Geister in einen Schamanen“ (Zitiert nach Mankowski 1988: 141).

Die Geister, die von seinem Fleisch etwas abbekommen haben, sind ihm von jetzt an gehorsam, da er ein Teil von ihnen geworden ist (Mankowski 1988: 140). Von diesem Zeitpunkt an stellt der Schamane eine zentrale Figur in seiner Gemeinschaft dar und übernimmt wichtige Funktionen (Gilberg o.J.: 22). Er heilt Kranke, sorgt für Jagdglück, interpretiert Träume und Visionen, übergibt Opfergaben an die Geister, um sie positiv zu stimmen, macht Feinde krank und bringt ihnen Pech, kann wahrsagen, hellseherisch verlorene Gegenstände oder Verbrechen entdecken, begleitet die Seelen Verstorbener Gemeinschaftsmitglieder ins Totenreich und ist für die Initiation neuer Schamanen verantwortlich (Weiss1987: 199; Grim 1983: 11,12 ).

[...]


[1] „Der Begriff „Schamane“ stammt ursprünglich aus der tungusischen Sprache und bedeutet so viel wie „Zauberer“ “ (Eliade 1991: 176).

[2] Obwohl es auch sehr viele weibliche Schamaninnen gibt, einige Wissenschaftler sogar davon ausgehen, dass der Schamanismus ursprünglich nur von Frauen vertreten wurde (vgl. Stutley 2003: 8), werde ich, der Einfachheit halber, durchgängig in der männlichen Form von „der Schamane“ schreiben, womit aber beide Geschlechter gemeint sein sollen.

[3] In manchen Gesellschaften, wie zum Beispiel bei den Inuit, kann das Amt des Schamanen auch vererbt, oder sogar erkauft werden. Trotzdem muss auch in solch einem Fall die Einwilligung der Geister erbeten und eine Initiation durchgemacht werden (Paulson, Hultkrantz, Jettmar 1962: 398; Eliade 1991: 178).

[4] Bei einigen Völkern, vor allem in Südamerika werden zusätzlich halluzinogene Mittel zu sich genommen, dies geschieht bei den zirkumpolar Völkern traditioneller Weise jedoch nicht (Weiss 1987: 191, Eliade 1991: 179, 180).

[5] Die Hilfsgeister sind bei den zirkumpolar Völkern meist zoomorpher Gestalt. So können einflussreiche Schamanen zum Beispiel Ochsen, Elche, Bären, Wölfe oder Pferde als Schutzgeister haben, während bei schwächere Hunde oder Eulen wahrscheinlicher sind (Stutley 2003: 20).

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Details

Titel
Schamanismus in Sibirien mit besonderer Beachtung der Tungusen
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Institut für Völkerkunde)
Veranstaltung
Hauptseminar: Kulturen der Kälte. Ethnologie zirkumpolarer Gesellschaften
Autor
Jahr
2003
Seiten
14
Katalognummer
V29385
ISBN (eBook)
9783638309035
ISBN (Buch)
9783640270217
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schamanismus, Sibirien, Tungusen, Hauptseminar, Ethnologie, Initiation, Kosmologie, Forschungsgeschichte, Zirkumpolar
Arbeit zitieren
Lotte von Lignau (Autor), 2003, Schamanismus in Sibirien mit besonderer Beachtung der Tungusen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29385

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