Gesellschaftskritik in Heinrich Heines "Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski"

Die metaphorische Verbindung von Kulinarik und Erotik und mit Motiven des Karnevals, des Schelmenromans und der verkehrten Welt


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
25 Seiten, Note: 1,3
Lilli Zeidler (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Verbindung von Kulinarik und Erotik in Schnabelewopski

3. Begriffserläuterungen
3.1. Karnevaleske Motive
3.2. Pikareske Motive
3.3. Topos der verkehrten Welt

4. Gesellschaftskritik in Heines Schnabelewopski in Form von Motiven des Karnevals, des Schelmenromans und der verkehrten Welt
4.1. Verzerrte, karikaturhafte Personenbeschreibungen
4.2. Negative Auswirkungen der Triebunterdrückung
4.3. Anpreisung von Genuss und Sinnlichkeit
4.4. Umkehrung der sozialen Stellung der Frauenfiguren
4.5. Sensualistische Gegenpositionen zum klassizistischen Weltbild
4.6. Frivolität als Provokation

5. Abschließende Zusammenfassung der Ergebnisse

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Heinrich Heines Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski1 weißt als Prosafragment in der Traditionslinie eines Schelmenromans2 zahlreiche Besonderheiten auf: Erstmals 1834 veröffentlicht, unterscheidet es sich stark von anderen zeitgenössischen Texten. Allein die Wahl der literarischen Gattung eines Schelmenromans lässt deutlich werden, dass Heine mit Schnabelewopski nicht an vorherrschende Literaturströmungen wie etwa die Romantik oder den Biedermeier anknüpfen wollte, stattdessen finden sich in Schnabelewopski zahlreiche Merkmale und Motive früherer Literaturepochen: Beispielsweise die pikaresken Motive stammen aus dem Barock und die karnevalesken Motive, welche im Schnabelewopski zuhauf zu finden sind, haben ihren Ursprung in der Antike, im Mittelalter und in der Renaissance. In enger Verbindung zu sowohl dem Karneval als auch dem Schelmenroman steht der Topos der verkehrten Welt3: Auch dieser literarische Topos ist sehr alt, er war bereits in der Antike bekannt.4 Eine weitere Gemeinsamkeit von Karneval und Schelmenroman ist die Konzentration auf die „materiell-leibliche Sphäre“5, in welcher unter anderem Motive des Essens, Trinkens und des Sexuallebens vorherrschen. Diese Gemeinsamkeit findet in Schnabelewopski besondere Aufmerksamkeit, denn „die Liebe geht für den Erzähler Schnabelewopski ausschließlich durch den Magen.“6 Den ganzen Text durchzieht die enge Verbindung zwischen Kulinarik und Sexualität, Erotik, Liebe und Weiblichkeit.

Weiterhin auffällig in Schnabelewopski ist die Tatsache, dass Heine hier nicht nur ein komisches Sittengemälde darstellt, sondern durchaus gesellschaftskritische Tendenzen durchklingen. Hierfür eignet sich die Kombination aus pikaresken, karnevalesken, kulinarischen, erotischen und Motiven der verkehrten Welt ganz besonders gut. Cordula Hupfer erkennt in Und Zuckererbsen nicht minder ganz richtig, dass sich hinter der frivolen Komik des Schnabelewopski „aufständische, zeitkritische und progressive Tendenzen ausmachen“7 lassen; Petra Kabus erläutert in Verkehrte Welt, dass mit Hilfe von Verkehrte-Welt-Darstellungen gesellschaftliche Normen und Verhaltensweisen in Frage gestellt werden können8 ; und die Narrenfigur als Gemeinsamkeit von Schelmenroman und Karneval eignet sich insgesamt sehr gut als Mittel der Gesellschaftskritik, denn Michael Kuper erklärt in Zur Semiotik der Inversion „die moraldidaktische Instrumentalisierbarkeit der Narrenkappe als Medium der Weltanschauungskritik […]“.9 Die Kombination all dieser Motive eignet sich entsprechend besonders gut als Mittel der Gesellschaftskritik, das wird in Schnabelewopski ersichtlich.

Meine These für die vorliegende Arbeit lautet entsprechend folgendermaßen: In Heines Schnabelewopski wird die zeitgenössische Gesellschaft mit ihren Normen und Tabus kritisiert. Die Gesellschaftskritik äußert sich anhand der kulinarischen Metaphern im Text und insbesondere durch deren Verbindung mit Erotik, Weiblichkeit bzw. Sexualität; außerdem wird die Gesellschaftskritik hauptsächlich durch den Gebrauch von pikaresken und karnevalesken Motiven, sowie durch den Gebrauch des Topos der verkehrten Welt geübt.

Im Folgenden soll zunächst die enge Verbindung von Kulinarik und Erotik im Schnabelewopski erläutert werden, anschließend werden die wichtigsten Begrifflichkeiten geklärt. Pikareske Motive, karnevaleske Motive und der Topos der verkehrten Welt werden kurz erklärt und in Zusammenhang mit Schnabelewopski gebracht, außerdem wird auf die enge Verbindung der einzelnen Begriffe, besonders in Bezug auf Schnabelewopski, eingegangen. Im vierten Kapitel wird die Gesellschaftskritik im Text untersucht, welche sich hauptsächlich in Form von karnevalesken, pikaresken und Motiven der verkehrten Welt äußert. Für diese Textanalyse wird die Art der Gesellschaftskritik in sechs Kategorien unterteilt, welche nacheinander dargestellt werden. Schließlich werden die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst und die aufgestellte These auf Gültigkeit überprüft.

2. Die Verbindung von Kulinarik und Erotik in Schnabelewopski

Von hohem idealistischen Standpunkte betrachtet haben die Weiber überall eine gewisse Ähnlichkeit mit der Küche des Landes. Sind die britischen Schönen nicht ebenso gesund, nahrhaft, solide, konsistent, kunstlos und doch so vortrefflich wie Altenglands einfach gute Kost: Roastbeaf, Hammelbraten, Pudding in flammendem Kognak, Gemüse in Wasser gekocht nebst zwei Saucen, wovon die eine aus gelassener Butter besteht? Da lächelt kein Frikassee, da täuscht kein flatterndes Vol-au-vent, da seufzt kein geistreiches Ragout, da tandeln nicht jene tausendartig gestopften, gesottenen, aufgehüpften, gerösteten, durchzückerten, pikanten, deklamatorischen und sentimentalen Gerichte, die wir bei einem französischen Restaurant finden und die mit den schönen Französinnen selbst die größte Ähnlichkeit bieten!10

Diese Gleichsetzung der kulinarischen und weiblichen Besonderheiten einzelner Länder, welche sich noch über weitere zwei Textseiten und durch mehrere Länder zieht, ist die wohl bekannteste und meist-zitierte Textstelle aus Schnabelewopski in Hinblick auf die enge Verbindung von Kulinarik und Erotik. Peter Rühmkorf nennt den Textausschnitt in „Suppentopf und Guillotine“ passenderweise einen „gastrogeografischen Reiseführer, in dem die Weiblichkeiten der verschiedenen Länder wie Nationalgerichte aufgeführt werden“.11

Und dies ist bei weitem nicht die einzige Textstelle, in der Essen und Sexualität in Verbindung gesetzt werden; Cordula Hupfer erkennt korrekt: „Dort, wo Schnabelewopski vom Essen spricht, ist das Erotische stets mitgemeint.“12 Frivol äußert der Assekuradeur in Schnabelewopski über Minka und Heloise: „Die eine möchte ich mir mal als Frühstück und die andere als Abendbrot zur Gemüte führen, und ich würde an solchem Tage gar nicht zu Mittag speisen […]“ (MS, S. 18) und der Erzähler Schnabelewopski klagt über die Frauen: „Wir geben euch das Höchste, die heiligste Flamme des Herzens, unsere Liebe – was gebt ihr uns als Ersatz? Fleisch schlechtes Rindfleisch, noch schlechteres Hühnerfleisch […].“ (MS, S. 65) Besonders deutlich wird die enge Verbindung zwischen Kulinarik und Erotik durch den Eklat mit der Wirtin zur Roten Kuh: Durch eine Affäre mit derselben erhält Schnabelewopski täglich einen Eßkorb, gefüllt mit Leckereien. Die Qualität der Speisen ist jedoch abhängig von der Liebesqualität, denn „jede […] Liebesszene influenzierte auf den Inhalt der Eßkörbe […].“ (MS, S. 43) Als die Wirtin zur roten Kuh denkt, dass sie von Schnabelewopski betrogen wird, schickt sie nur noch schlechtes Essen. Dieses schlechte Essen führt zum Duell zwischen Simson und Driksen und somit indirekt auch zum Tode Simsons. (Vgl. MS, S. 61 ff.)

Durchgehend sind erotische und kulinarische Motive in Schnabelewopski untrennbar miteinander verflochten. Gemein ist beiden Ebenen der Genussaspekt, sowohl Frauen als auch Essen stellen für Schnabelewopski Genussmittel dar, er verspürt „[…] ambivalente[n] Hunger nach Liebe und Speise“13, wie es Slobodan Grubačić treffend in Heines Erzählprosa formuliert. Wobei Liebe im Schnabelewopski eher mit Erotik oder Sexualität gleichzusetzen ist, Essen und Frauen stellen für Schnabelewopski Sinnlichkeit verkörpernde Konsumgüter dar. Sowohl Essen als auch Sexualität zählen laut Bachtins Karnevalstheorie zu der materiell-leiblichen Sphäre14, welcher im Karneval eine immense Bedeutung zukommt. Und laut Cordula Hupfer entspricht „die lockere Folge erotischer, kulinarischer und philosophischer Episoden […] dem Modell des Schelmenromans.“15 Insofern passt das Vorherrschen von Kulinarik und Erotik ausgezeichnet zu den ebenfalls den Text dominierenden karnevalesken und pikaresken Motiven, welche im Folgenden erläutert werden.

3. Begriffserläuterungen

Im Folgenden werden die Begrifflichkeiten erläutert, welche zentral für die vorliegende Arbeit sind. Um im geforderten Rahmen zu bleiben, werden die Begriffe, welche sehr umfangreich sind, nur aufs Nötigste eingegrenzt, um die Argumentation im Hauptteil dieser Arbeit verständlich zu machen. Die Begriffe werden nicht in ihrer komplexen, historisch wandelbaren Gesamtheit erläutert, sondern hauptsächlich werden die Aspekte und Motive hervorgehoben, welche in Bezug auf Schnabelewopski von Bedeutung sind.

3.1. Karnevaleske Motive

Die von Michail Bachtin entworfene Karnevalstheorie bezieht sich auf die volkstümliche Lachkultur des Mittelalters und der Renaissance. Karneval bezeichnet, im Unterschied zu der heutigen Begriffsauffassung, nicht nur den Zeitraum vor der christlichen Fastenzeit, sondern er beschreibt einen besonderen Lebenszustand, eine besondere Form der Alltags- und vor allem Lachkultur.16 Zentrale Punkte dieser Theorie sind die Umkehrung der Hierarchien, die Sinnesfreude und die Verbindung von Mensch und Welt. Diese Theorie lässt sich auch auf die Literatur übertragen: Hierbei wird die literarisierte Lachkultur durch wiederkehrende Motivkomplexe dargestellt, wobei sich die Motive vor allem auf die materiell-leibliche Ebene, d.h. auf die Darstellung des Körpers, des Essens, des Trinkens und des Sexuallebens konzentrieren.17 Wie bereits im vorigen Kapitel erläutert, spielt die materiell-leibliche Ebene auch in Schnabelewopski eine wichtige Rolle.

Im Prozess der Zivilisation wird der Karneval, das närrische Treiben, zurückgedrängt.18 Zivilisation und Karneval stellen in gewisser Weise Gegensätze dar, auch auf dieser Tatsache gründen sich einige karnevaleske Motive: sie wiedersprechen häufig der zeitgenössischen Norm, stellen gar einen Tabubruch dar. Die karnevaleske Motivik gründet sich des Weiteren auf Ambivalenzen19, beispielweise in der Verbindung des Hohen mit dem Niedrigen oder des Heiligen mit dem Obszönen.20 Überhaupt ist die Umkehrung von Hierarchien, von Oben und Unten, ein sehr beliebtes karnevaleskes Motiv. Des Weiteren widerstrebt dem Karneval monosemische Vereindeutigung21, karnevaleske Motive sind häufig durch Mehrdeutigkeit und Anspielungscharakter gekennzeichnet. Wichtige Kennzeichen des Karnevalesken sind außerdem Übertreibung und Hyperbolik.22 Ein weiteres zentrales karnevaleskes Motiv ist die Narrenwahrheit23 ; dieses Motiv ist gleichfalls auch ein zentrales pikareskes Motiv; weitere pikareske Motive werden im folgenden Kapitel erläutert.

3.2. Pikareske Motive

Als pikareske Motive werden im Folgenden solche Motive bezeichnet, welche zentrale Bedeutung für die der Gattung des Schelmenromans bzw. Pikaroromans haben. Dass Schnabelewopski zahlreiche Ähnlichkeiten und Bezüge zum Schelmenroman aufweist, einer literarischen Gattung, deren Wurzeln in Spanien im 16. Jahrhundert liegen, wurde bereits von einigen Wissenschaftlern bewiesen. So beispielsweise von Manfred Windfuhr im Nachwort zur Reclam-Ausgabe des Schnabelewopski mit dem eindeutigen Titel „Heines Fragment eines Schelmenromans“ und Matthias Bauer nennt den Schnabelewopski in der Schlussbetrachtung zu Der Schelmenroman24, einem umfangreichen Nachschlagewerk zu der literarischen Gattung. In der Tat sind einige Gemeinsamkeiten des Schnabelewopski zum älteren Schelmenroman sehr auffällig. Beispielsweise die Erzählperspektive: Ein Ich-Erzähler berichtet im Stil einer Autobiographie von seinem Leben von Geburt an25, dabei werden typische Schelmenroman-Stationen berücksichtigt, wie etwa der Auszug aus dem Elternhaus und das Leben des Pikaro in schlechter Gesellschaft.26 Des Weiteren spielt Schnabelewopski, so wie der klassische Schelmenroman, überwiegend außerhalb der guten Gesellschaft, bei Außenseitern oder im niederen Milieu.27

Die Entstehungsgeschichte des Schelmenromans steht in engem Zusammenhang mit der Karnevalisierung der Literatur.28 Diese Verbindung wird von Matthias Bauer in Der Schelmenroman verdeutlicht: „In seiner Eigenschaft als betrogener Betrüger und Vertrauensschwindler ähnelt der Pikaro den Schalksnarren, die der Welt einen satirischen Spiegel vors Gesicht halten und ihren Widersachern eine lange Nase drehen, ohne selbst der Verspottung zu entgehen.“29 Das sind typische pikareske Motive, die auch in Schnabelewopski eine wichtige Rolle spielen: Schnabelewopski selbst ist eine Witzfigur, durch seinen Witz zeigt er aber gleichzeitig auch die Fehler und Abnormen seiner Gegenspieler auf. Michael Kuper folgert daraus in Zur Semiotik der Inversion, dass sich der Pikaro oder Narr, in diesem Fall Schnabelewopski, typischerweise „[…] sowohl zur komischen Person erniedrigen als auch paradoxerweise zum Weisheitsredner erhöhen“30 lässt. Dadurch eignet er sich besonders gut als Gesellschaftskritiker. Der Narr provoziert Lachen durch seine eigenen Normverstöße und gleichzeitig lenkt er aber auch den Blick auf die „Verkehrtheiten der Welt“.31 Der Topos der verkehrten Welt, welcher sowohl im Karneval als auch Pikaroroman eine zentrale Rolle spielt, wird im Folgenden erläutert.

3.3. Topos der verkehrten Welt

Bereits seit der Antike ist der literarische Topos der verkehrten Welt bekannt, er dient als seit jeher als „satirisches Zerr- und Spiegelbild der menschlichen Gesellschaft“.32 Mit Hilfe der verkehrten Welt können gesellschaftliche Normen in Frage gestellt werden33 und in der Regel wird die verkehrte Welt durch den Narren verkörpert34, welcher ja auch im Karneval und Schelmenroman die Hauptfigur darstellt. Insofern kann der Topos der verkehrten Welt als ‚gemeinsamer Nenner‘ der karnevalesken und pikaresken Motive gesehen werden. Den Zusammenhang zwischen der verkehrten Welt und dem Karneval erklärt Michael Kuper in Zur Semiotik der Inversion:

Im Karneval und in der karnevalisierten Literatur zeigt sich also die ganze Ambivalenz der verkehrten Welt-Riten in der Degradierung des Hohen, Entweihung des Sakralen gegenüber der gleichzeitigen Aufwertung des Niedrigen, Profanen und Weltlichen. Der Aufbau dieser Texte wird vom kulturellen Inversionscode als ihrem Generator und als operationelle Grundlage einer jeglichen Karnevalisierung der Riten und der Literatur geregelt.35

Die Verkehrung von Hierarchien, von oben und unten durchzieht die karnevalisierte Literatur und ebenso Schnabelewopski. Diese Umwertung und Umkehrung ermöglicht die offene Gesellschaftskritik, ohne sie zu offensichtlich zu präsentieren. In der verkehrten Welt werden die Normen auf den Kopf gestellt und dadurch entlarvt. So geschieht es auch in Heines Schnabelewopski, wie in den folgenden Kapiteln aufgezeigt wird.

4. Gesellschaftskritik in Heines Schnabelewopski in Form von Motiven des Karnevals, des Schelmenromans und der verkehrten Welt

Im vorigen Kapitel wurde dargelegt, dass in Schnabelewopski sowohl pikareske als auch karnevaleske Motive vorhanden sind und ebenso der Topos der verkehrten Welt eine Rolle spielt. Außerdem wurde erläutert, dass sich alle drei Motiv-Arten besonders für gesellschaftskritische Darstellungen eignen. Dass sie diese Rolle auch im Schnabelewopski übernehmen, wird nun aufgezeigt.

4.1. Verzerrte, karikaturhafte Personenbeschreibungen

Slobodan Grubačić erkennt in Heines Erzählprosa, dass „die Abweichung von der Norm, die Verschiebung und Travestie der konventionellen Redewendungen […] in komplementärer Weise die Beschreibung des Äußeren der Personen [betrifft].“36 Auch durch die reine Personenbeschreibung wird im Schnabelewopski Gesellschaftskritik ersichtlich. So beispielsweise durch die Beschreibung der Hamburger als Chiffren:

[…] als ich die vorüberwandelnden Menschen genauer betrachtete, kam es mir vor, als seien sie selber nichts anderes als Zahlen, als arabische Chiffren; und da ging eine krummfüßige Zwei neben einer fatalen drei, ihrer schwangeren und vollbusigen Frau Gemahlin; dahinter ging Herr Vier auf Krücken; einherwatschelnd kam eine fatale Fünf, rundbäuchig mit kleinem Köpfchen; (MS, S. 20)

Diese bizarre Figurenbeschreibung erinnert an die Darstellung einer Karnevalsgesellschaft oder eines Narrenzuges. Der Mensch wird nicht im Gesamtbild beschrieben, sondern einzelne äußerliche Figurencharakteristika vermitteln eine karikaturhafte Personenbeschreibung. Eine ähnliche Beschreibung findet sich auch ein paar Seiten zuvor:

Was die Männer betrifft, so sah ich meistens untersetzte Gestalten, verständige, kalte Augen, kurze Stirn, nachlässig herabhängende, rote Wangen, die Eßwerkzeuge besonders ausgebildet, der Hut wie festgenagelt auf dem Kopfe und die Hände in beiden Hosentaschen wie einer, der eben fragen will: was hab ich zu bezahlen? (MS, S. 11)

Offensichtlich sind die Bewohner Hamburgs keine vollwertigen Menschen, ihr Leben dreht sich nur um Zahlen und um Geld. Dieser Umstand wird dermaßen hyperbolisiert dargestellt, dass die Menschen selbst wie Ziffern wirken. Hier kritisiert Schnabelewopski die Geldgier und die starke Abhängigkeit von Geld und von Zahlen generell. Der Mensch verliert sich in den Zahlen.

[...]


1 Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski wird im Folgenden abgekürzt als Schnabelewopski.

2 In dieser Hausarbeit werden die Begriffe „Schelmenroman“ und „Pikaroroman“ synonym gebraucht. Der Begriff „pikareske Motive“ bezieht sich auf typische Motive des Schelmen- bzw. Pikaroromans.

3 Vgl. Matthias Bauer: Der Schelmenroman. Stuttgart, Weimar: Metzler 1994, S. 16.

4 Vgl. ebd. S. 5.

5 Michail Bachtin: Rabelais und seine Welt. Volkskultur als Gegenkultur. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1995, S. 70.

6 Slobodan Grubačić: Heines Erzählprosa. Versuch einer Analyse. Stuttgart: Kohlhammer 1975, S. 85.

7 Cordula Hupfer: >>Und Zuckererbsen nicht minder<<. Die kulinarische Metaphorik im Gesamtwerk Heinrich Heines. Düsseldorf: Grupello Verlag 2005, S.138.

8 Vgl. Petra Kabus: Verkehrte Welt. Zur schriftstellerischen und denkerischen Methode Grimmelshausens im ‚Abenteuerlichen Simplicissimus Teutsch‘. Frankfurt am Main: Lang 1993, S. 6.

9 Michael Kuper: Zur Semiotik der Inversion. Verkehrte Welt und Lachkultur im 16. Jahrhundert. Berlin: VWB - Verlag für Wissenschaft und Bildung 1993, S. 17.

10 Heine, Heinrich: Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski 1834. Stuttgart: Reclam 2007, S. 40. Für Heines Prosafragment Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski wird im Folgenden die Sigle ‚MS‘ festgelegt.

11 Peter Rühmkorf: Suppentopf und Guillotine. Zu Heinrich Heines Frauengestalten. In: Heine Jahrbuch 24 (1985), S. 255-278, hier S.165 f.

12 Hupfer, Und Zuckererbsen nicht minder, S.135.

13 Grubačić, Heines Erzählprosa, S. 85.

14 Vgl. Bachtin, Rabelais und seine Welt, S. 70.

15 Hupfer, Und Zuckererbsen nicht minder, S.134.

16 Vgl. Markus Symmank: Karnevaleske Konfigurationen in der deutschen Gegenwartsliteratur. Untersuchungen anhand ausgewählter Texte von Wolfgang Hilbig, Stephan Krawczyk, Katja Lage-Müller, Ingo Schulze und Stefan Schütz. Würzburg: Königshausen & Neumann 2002, S. 32.

17 Vgl. Sylvia Sasse: Michail Bachtin zur Einführung. Hamburg: Junius 2010, S. 162.

18 Vgl. Bauer, Der Schelmenroman, S. 17.

19 Vgl. Helmut Merschmann: Karnevalisierung/das Karnevaleske. In: Lexikon der Filmbegriffe (31.07.2011). URL: http://filmlexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=1051 (Zugriff am 27.07.2014).

20 Vgl. Symmank, Karnevaleske Konfigurationen, S. 26.

21 Vgl. ebd. S. 44.

22 Vgl. Bachtin, Rabelais und seine Welt, S. 345.

23 Vgl. Merschmann, Karnevalisierung/das Karnevaleske.

24 Vgl. Bauer, Der Schelmenroman, S. 188.

25 Vgl. Manfred Windfuhr: Heines Fragment eines Schelmenromans. Nachwort zu: Heine, Heinrich: Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski. Stuttgart: Reclam 2007, S. 71-95, hier S. 79.

26 Vgl. Hans Gerd Rötzer: Der europäische Schelmenroman. Stuttgart: Reclam 2009, S. 120.

27 Vgl. Windfuhr, Heines Fragment eines Schelmenromans, S. 84.

28 Vgl. Bauer, Der Schelmenroman, S. 16.

29 Ebd. S. 17.

30 Kuper, Zur Semiotik der Inversion, S.18.

31 Kabus, Verkehrte Welt, S. 12.

32 Bauer, Der Schelmenroman, S. 5.

33 Vgl. Kabus, Verkehrte Welt, S. 6.

34 Vgl. ebd. S. 10.

35 Kuper, Zur Semiotik der Inversion, S.26.

36 Grubačić, Heines Erzählprosa, S. 87.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Gesellschaftskritik in Heinrich Heines "Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski"
Untertitel
Die metaphorische Verbindung von Kulinarik und Erotik und mit Motiven des Karnevals, des Schelmenromans und der verkehrten Welt
Hochschule
Universität Bayreuth
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
25
Katalognummer
V293904
ISBN (eBook)
9783656914549
ISBN (Buch)
9783656914556
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heinrich Heine, Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski, Schelmenroman, Pikaroroman, Verkehrte Welt, Karneval, Michail Bachtin
Arbeit zitieren
Lilli Zeidler (Autor), 2014, Gesellschaftskritik in Heinrich Heines "Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293904

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