Die Demokratie in ihrer heutigen Ausgestaltung wäre ohne die politischen Arbeiten von John Locke nicht entstanden. Locke war einer der Ersten, der den Menschen natürliche Rechte auf Leben, Freiheit und Eigentum zugesprochen hat, unabhängig von konstitutionellen Systemen. Damit hatte er bereits im 17. Jahrhundert die moralische Basis für die politischen Systeme der Neuzeit geschaffen, wie sich beispielsweise an Überschneidungen der Lockeschen Theorie mit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung erkennen lässt. Locke war auch einer der Ersten, der Politik als einen Bestandteil der Moralphilosophie anerkannte und damit auch die Notwendigkeit einer moralischen Begründung von Staaten und Regierungen sah.
Innerhalb der lockeschen Staatslehre findet sich insbesondere eine moralische Begründung des privaten Eigentums. Die Definition von privaten Eigentumsrechten ist einer der zentralen Punkte Lockes, ohne welche moderne kapitalistische Wirtschaftssysteme nicht funktionieren würden. Die moralische Legitimität dieser Systeme ist insbesondere seit dem Zusammenbruch der Lehman Brothers 2008 und der darauf folgenden weltweiten Wirtschaftskrise wieder im Diskurs. Dabei stehen insbesondere die zur Allgemeinheit völlig disproportionalen Gehälter von Topmanagern und anderen Wirtschaftsakteuren in der Kritik. Lockes „Zweite Abhandlung über die Regierung“ wird oft als eine moralische Fundierung für die unlimitierte Aneignung von Besitz gesehen, weswegen ich es mir zur Aufgabe gemacht habe, dies näher zu beleuchten.
Locke legitimiert in seinem Werk Eigentum naturrechtstheoretisch durch Arbeit. Er unterscheidet dabei zwei verschiedene Arten des Naturzustandes, den vor der Einführung von Geld und den danach. Dies ist von entscheidender Bedeutung, da erst im monetären Zustand die Möglichkeit der unbegrenzten Akkumulation von Eigentum geschaffen wird. Um zu untersuchen, inwiefern moderner Wohlstand durch Lockes Theorie legitimiert wird, werde ich die Arbeitstheorie zunächst ausführlich herausarbeiten, um sie dann im kritischen Teil dieser Arbeit auf die Herkunft von Reichtum anwenden zu können.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. DARSTELLENDER TEIL
2.1. PRÄMONETÄRER NATURZUSTAND
2.1.1.EINLEITENDE EIGENTUMS- UND STAATSANALYSE
2.1.1.1. EIGENTUM ALS NATURRECHT
2.1.1.2. NOTWENDIGKEIT DER ANEIGNUNGSTHEORIE
2.1.2.APPROPRIATIONSTHEORIE
2.1.3.GRENZE DER NATÜRLICHEN APPROPRIATION
2.1.3.1. SPOILATION KLAUSEL
2.1.3.2. SUFFICIENCY KLAUSEL
2.2. MONETÄRER NATURZUSTAND
2.2.1.AKKUMULIERUNG VON EIGENTUM
2.2.1.1. FUNKTIONELLE RECHTFERTIGUNG
2.2.1.2. PRAKTISCHE BEGRÜNDUNG
2.3. ZUSAMMENFASSUNG DER LOCKESCHEN EIGENTUMSTHEORIE
3. KRITISCHER TEIL
3.1. THEORETISCHE KRITIK
3.1.1.DER GESELLSCHAFTLICHE MEHRWERT PRIVATER ANEIGNUNG
3.1.2.DAS LOHNVERHÄLTNIS
3.2. ANGEWANDTE KRITIK: REICHTUM DURCH...
3.2.1.REGELMÄßIGE ZAHLUNGEN
3.2.2.GRÜNDUNG
3.2.3.ERBSCHAFT
4. AUSBLICK UND FAZIT
5. LITERATURVERZEICHNIS
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Frage, inwieweit John Lockes Eigentumstheorie, die primär auf dem Konzept der Arbeit basiert, als moralische Legitimation für modernen, oft ungleichen Reichtum herangezogen werden kann. Dabei wird analysiert, ob die theoretischen Voraussetzungen des 17. Jahrhunderts auf heutige ökonomische Strukturen übertragbar sind.
- Lockes Theorie des Naturrechts und des Privateigentums.
- Die Rolle der Arbeit als Distributionsprinzip und Legitimation.
- Der Übergang vom prämonetären zum monetären Naturzustand und die Folgen für die Eigentumsakkumulation.
- Kritische Reflexion des gesellschaftlichen Mehrwerts privater Aneignung.
- Problematisierung des Herr-Knecht-Verhältnisses im Kontext moderner Lohnarbeit.
- Anwendung der Theorie auf zeitgenössische Reichtumsquellen wie Erbschaften und Unternehmertum.
Auszug aus dem Buch
2.1.1.1. Eigentum als Naturrecht
Locke konzeptioniert seinen Naturzustand als einen Idealzustand, der bei Einhaltung der Naturgesetze zu einer funktionierenden und fairen Sozialgesellschaft führen. Es ist ein Zustand vollkommener Freiheit und Gleichheit, da alle Menschen „von gleicher Gattung und von gleichem Rang“ sind. Kein Mensch ist einem anderen Menschen natürlich über- oder untergeordnet oder in seiner Freiheit von einem anderen eingeschränkt. Obwohl die Freiheit im Naturzustand vollkommen ist, ist sie nicht absolut. Das heißt, sie ist zwar nicht von anderen Menschen limitiert, jedoch ist sie durch normative Gesetze beschränkt. Diese normativen Prinzipien werden dementsprechend Naturgesetze genannt. Der Naturzustand in Locke ist damit kein anarchistischer Zustand der zwingend zu einem „Krieg eines jeden gegen jeden“ und absoluter Zügellosigkeit führt, wie dies bei Hobbes der Fall ist. Diese verpflichtenden Naturgesetze entsprechen der menschlichen Vernunft und sind damit jedem a priori zugänglich.
Das zentrale Recht im Lockeschen Naturzustand ist das auf Privateigentum. Privateigentum beinhaltet ein exklusives Genussrecht, das in einer Gesellschaft nur durch gesetzliche Rahmenlinien geschaffen werden kann. Diese rechtlichen Linien sind bei Locke, entgegen vielen anderen Naturrechtstheoretikern, bereits im Naturzustand geschaffen, weswegen Eigentum kein politisches Recht, sondern ein natürliches Grundrecht jedes Menschen ist. Er sorgt mit dieser Theorie für eine grundsätzliche natürliche Rechtsphäre ohne staatliche Instanz. Wird diese Rechtsphäre von den Menschen respektiert und eingehalten, ist der Naturzustand der „Zustand des Friedens, des Wohlwollens, der gegenseitigen Hilfe und Erhaltung“. Privateigentum ist garantiert und es existiert kein Anlass zur Bildung einer politischen Gesellschaft. Das Privateigentum ist von so entscheidender Bedeutung, da es die Voraussetzung zur allgemein verpflichtenden Selbsterhaltung ist. Es wird sich zeigen, dass ohne Privateigentum die Selbsterhaltung nicht garantiert werden kann. Die Legitimation von Eigentum ist bei Locke naturrechtstheoretisch, weswegen der kontraktualistische Staat für eine Legitimation irrelevant ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Einführung in John Lockes politische Philosophie und die zentrale Fragestellung, ob sein Werk Reichtum legitimiert.
2. DARSTELLENDER TEIL: Detaillierte Darlegung der Lockeschen Appropriationstheorie, der Rolle des Geldes und der Akkumulation von Eigentum im Naturzustand.
3. KRITISCHER TEIL: Theoretische und angewandte Kritik an Lockes Annahmen, insbesondere bezüglich des Mehrwerts für die Gesellschaft und des Lohnverhältnisses.
4. AUSBLICK UND FAZIT: Zusammenfassende Bewertung der Anwendbarkeit von Lockes Theorie auf heutigen Reichtum und Aufzeigen von Grenzen.
5. LITERATURVERZEICHNIS: Aufstellung der verwendeten Quellen.
Schlüsselwörter
John Locke, Eigentumstheorie, Naturzustand, Appropriation, Arbeitstheorie, Reichtum, Privateigentum, Selbsterhaltung, Geld, Akkumulation, Lohnverhältnis, Moralische Legitimation, Naturgesetz, Mehrwert, Erbschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Eigentumstheorie von John Locke unter der spezifischen Fragestellung, inwieweit sie als moralische Rechtfertigung für die heutige Entstehung und den Besitz von Reichtum tauglich ist.
Welche zentralen Themenfelder behandelt das Dokument?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung von Privateigentum aus Arbeit, der Rolle des Geldes für die unbegrenzte Akkumulation und der kritischen Hinterfragung von Lohnverhältnissen im historischen und modernen Kontext.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu prüfen, ob Lockes naturrechtstheoretische Argumentation heutigen ethischen Standards und ökonomischen Gegebenheiten standhält oder ob sie bei einer Anwendung auf den modernen Kapitalismus an ihre Grenzen stößt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor führt eine theoretische Analyse der Lockeschen Originalschriften durch und wendet diese anschließend kritisch auf moderne Wirtschaftsformen wie Unternehmensführung und Erbschaften an.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine präzise Darstellung der Lockeschen Konzepte (Appropriation, Geldwirtschaft) und eine anschließende kritische Dekonstruktion dieser Annahmen, insbesondere in Bezug auf den vermeintlichen gesellschaftlichen Mehrwert und das feudale Lohnverhältnis.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Die Kernbegriffe sind die Lockesche Appropriationstheorie, die Arbeitstheorie, die Spoilation- und Sufficiency-Klausel, das monetäre Eigentum sowie die moralische Legitimation von Ungleichheit.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Geldes bei Locke?
Der Autor zeigt auf, dass Geld bei Locke als Werkzeug dient, die natürlichen Grenzen der Aneignung (wegen Verderblichkeit von Gütern) zu umgehen, was erst die unbegrenzte Akkumulation von Vermögen ermöglicht.
Warum spielt das Herr-Knecht-Verhältnis eine so zentrale Rolle für die Arbeit?
Es ist entscheidend, da Lockes Theorie nur durch die Annahme dieses Verhältnisses größere Eigentumsansprüche legitimiert. Da dieses feudalistische Konzept modernen Angestelltenverhältnissen widerspricht, scheitert eine direkte Übertragung auf heutige Wirtschaftsverhältnisse.
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- Frederik Brandis (Author), 2014, Inwiefern eignet sich Lockes Eigentumstheorie zur Legitimation von Reichtum?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293948