Von einer Spielidee, von einem Bild, einem Gedanken über Assoziationen konstruierend zum Ereignis der Schönheit zu gelangen, mit Wortzauberei Bilder durch die Ohren zu infiltrieren, grandeur und misère des Lebens auf die Bühne zu bringen und frohes Erstaunen oder wildes Entsetzen hervorzurufen, Vergnügen, Genuss, Betroffen- oder Ergriffenheit macht aus dem Figurentheater eine rauschende Festlichkeit des Geistes.
Wo dialogischer Text nicht mehr Grundlage eines narrativen Theaterstücks ist, weicht der Inszenierungsprozess einem Prozess der Stückfindung, an dessen Anfang Ideen für den szenischen Umgang mit Objekten stehen: Aus visuellen Eindrücken, bildkünstlerischen Prozessen, psychologischen Beobachtungen, gesellschaftskritischen Impulsen, intellektuellen Spielen, aufgeschnappten Handlungsminiaturen oder sonst woher tauchen sie auf. Ein solcher erster Impuls, von dem der Dramaturg vermutet, dass er das Potential für eine Dramatisierung enthält, muss im Stückfindungsprozess durch Assoziationen erweitert, in bildkünstlerischen Ausdruck transformiert, in szenisches Handeln umgesetzt und ästhetisch verdichtet werden, um letztendlich in einen stimmigen Ablauf eingeschrieben werden zu können. Dabei ist die Verwendung von Sprache keine conditio sine qua non mehr. Wo Sprache aber verwendet wird, kann sie dialogischer Natur, Lyrik oder Prosa sein. Sie kann selbst ganz reduziert werden auf bedeutungslosen präverbalen Ausdruck, wie Stöhnen und Stammeln, oder sich im semantischen Irrgarten des Nonsens bewegen.
Ein derartiger Prozess der Stückfindung birgt durch den Verzicht auf logisch-lineare Handlung grundsätzlich die Gefahr, dass er ins Beliebige verläuft, belanglos wird und die Lust des Zuschauers nicht wach zu halten vermag. Was aber diesen Prozess ausmacht und welche Komponenten ihm zugehörig sind, ist ein zugleich theoretisches Problem wie ein praktisches und soll auch als ein solches doppelgesichtiges im folgenden erfasst werden. Damit aber erhebt der vorliegende Versuch den Anspruch, Handreichung zu sein auf dem Weg postdramatischer Stückentwicklungsprozesse.
Aus dem gesammelten Material, das für dieses Buch zusammengetragen wurde, aus allen Teilaspekten, hat sich nach langen Phasen raumartig vernetzter Gedankenbezüge am Ende eine lineare, argumentative Textform herauskristallisiert, obschon der Prozess der Erarbeitung dieses Buches ein assoziativer und fraktaler war, der sich erst zum Schluss hin in logische Linearität einschreiben ließ.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Dramaturgie
Erzählstrukturen in Drama und Film – Von Helden und Konflikten
Das Wahre ist unausdrückbar – Sinnstiftung im postdramatischen Erzählen
Figurentheater im Wandel – Ein postdramatisches Genre
Figurentheater ist anders
Sampling und Fraktale – Suchen, verwerfen und montieren als dramaturgische Verfahren
Der spatial turn – Wo mehr als eins zusammenkommt, ist Raum
Animierte Objekte und Spielebenen
Die Rolle am Nagel – Das Spiel mit Identitäten
Ich will dir mal was flüstern – Wenn der Souffleur zur Rolle wird
Wo Lords bei Ratten schlafen – Die Gesellschaft der Figuren
Verwirrung, Intrige und gute Ratschläge – Über Funktionsfiguren
Von diebischen Liebenden und teuflischen Richtern – Figurenmotive
Choreographie
Stottern, Stammeln, Dialog und Poesie – Das Dirigat der Stimmen
Kollektives Handeln – Das Dirigat der Körper
Entfaltung in Zeit und Raum
Im Hexenkessel der Farben
Von Koffern und Besen – Die Requisiten
Das Kleine ganz groß – Zu Proportion und Kontrast
Leidenschaft und Schweigen – Vom Szenenwechsel
Prozess, Präsenz und Ereignis
Schmetterlinge leben nur einen Sommer
Der schöpferische Zuschauer
Happy pills und Moral – Das Drama im Dienst der Ästh/ethik
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Transformation des Figurentheaters in ein postdramatisches Genre und dient als Handreichung für Stückentwicklungsprozesse, in denen nicht mehr lineare Handlungen, sondern assoziative, raum- und körperbezogene Inszenierungsmethoden im Zentrum stehen.
- Analyse postdramatischer Dramaturgie im Figurentheater
- Methoden der Stückfindung und assoziativen Montage (Sampling)
- Die Rolle von Raum, Objekt und Körperchoreographie
- Reflexion über Identitäten und Funktionsfiguren in hybriden Spielformen
Auszug aus dem Buch
Die Rolle am Nagel – Das Spiel mit Identitäten
Der Schauspieler tritt als Mensch auf, der einen Menschen darstellt. Er verkörpert mit seiner eigenen Körperlichkeit eine Rolle. Wie sehr er die Illusion, eins zu sein mit der Rollenfigur, aufrecht erhält, hängt vom Inszenierungsstil ab: „Avantgardistisches Theater versucht auch die untrennbar erscheinende Einheit von Schauspieler und Rollenfigur zu sprengen“30. In dem Moment des Zerreißens der Einheit von Schauspieler und Rolle, in dem Moment der reflektierten Distanzierung des Spielers von der Figur, wird die dargestellte Figur zum Objekt. Und das, obwohl die Figur (das Objekt) physisch identisch mit dem Spieler ist. Es ereignet sich damit durch bloße veränderte reflektierende Haltung die Grenzüber schreitung zum Figurentheater. Figuren- oder Objekttheater definiert sich so gelesen nicht über eine physische Objektifizierung sondern über eine Aufspaltung von Spieler und Figur, die als Denkstruktur zur Darstellung kommt.
Figur oder Objekt des Figurentheaters müssen nicht unbedingt physisch vom Figurenspieler verschieden sein. Überall da, wo die Illusion der Einheit von Schauspieler und Rolle Risse bekommt, vollzieht sich per definitionem der Übergang zum Figurentheater. Es schiebt sich in solchen Augenblicken eine weitere Spielebene in das szenische Geschehen: Der Schauspieler hängt die verkörperte Figur, ohne auch nur das Kostüm ausziehen zu müssen, mitten im Stück als Akt der Distanzierung kurzerhand an den Nagel. Physisch verändert er sich dabei nicht zwangsläufig. Vielmehr ist es eine Bewusstseinsabspaltung vom illusionistischen Ich der Rolle. Eine „der-da“-Zuweisung. Es sah vielleicht gerade so aus, als sei ich Gretchen, man möchte meinen, meine Kleidung spreche dafür, mich für Gretchen zu halten, aber vertut euch da nicht, ich bin nicht Gretchen. So dumm wäre ich nie.
Zusammenfassung der Kapitel
Dramaturgie: Dieses Kapitel kontrastiert klassische, handlungsorientierte Erzählstrukturen mit postdramatischen, pluralistischen Sinnstiftungsmodellen, die Assoziation über Linearität stellen.
Figurentheater im Wandel – Ein postdramatisches Genre: Hier wird die Eignung des Figurentheaters für postdramatische Ansätze untersucht, wobei insbesondere die Personalunion von Dramaturg und Regisseur sowie der Umgang mit Objekten hervorgehoben werden.
Sampling und Fraktale – Suchen, verwerfen und montieren als dramaturgische Verfahren: Das Kapitel beschreibt den Prozess des "Samplens" als notwendige, assoziative Arbeitsweise, bei der aus einem Fundus an Fragmenten neue Stücke entstehen.
Der spatial turn – Wo mehr als eins zusammenkommt, ist Raum: Die Analyse der performativen Raumtheorie zeigt, wie Theaterorte jenseits des klassischen Bühnenraums – wie Off-Locations – als raumbildende Kraft agieren.
Animierte Objekte und Spielebenen: Im Zentrum steht die Aufspaltung von Spieler- und Rollenidentität, die das Figurentheater vom klassischen Schauspiel unterscheidet und durch Reflexion neue Fiktionsebenen erschließt.
Choreographie: Das Kapitel widmet sich der Arbeit mit präverbalen Soundpatterns und der kollektiven Körperarbeit, die das Stück statt linearer Dialoge strukturieren.
Entfaltung in Zeit und Raum: Diese Ausführungen befassen sich mit der Kohärenzbildung im fragmentierten Stück sowie der Verwendung von Farbe und Requisiten als visuelle und motivische Anker.
Prozess, Präsenz und Ereignis: Hier wird der Fokus auf das "Ereignis" gelegt, bei dem der Zuschauer durch somatische Erregung und unmittelbare Präsenz zum schöpferischen Teilhaber wird.
Happy pills und Moral – Das Drama im Dienst der Ästh/ethik: Abschließend wird untersucht, wie postdramatisches Theater durch ästhetische Erfahrung ethisch wirken kann, ohne dabei normativ-belehrend zu sein.
Schlüsselwörter
Postdramatisches Theater, Figurentheater, Dramaturgie, Stückfindung, Objekttheater, Spielebenen, Identität, Performanz, Spatial Turn, Choreographie, Kohärenz, Epiphanie, somatische Erfahrung, Requisite, Montage
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Buch grundsätzlich?
Das Buch bietet einen theoretischen und praktischen Leitfaden für die Entwicklung postdramatischer Stücke im Bereich des Figurentheaters, abseits von klassisch linearen Erzählweisen.
Welche Themenfelder stehen im Fokus?
Die Themen umfassen dramaturgische Verfahren wie Sampling und Montage, die performative Raumauffassung, das Spiel mit Rollenidentitäten sowie die Arbeit mit Objekten und Körperchoreographien.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, dem Figurentheaterschaffenden Handreichungen zu bieten, wie er durch gezielte Transformationen und das Spiel mit verschiedenen Spielebenen komplexe, postdramatische Aufführungen konstruieren kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verknüpft theaterwissenschaftliche Theorien, etwa zum postdramatischen Theater nach Hans-Thies Lehmann, mit praktischen Analysen des Figurentheaters und eigenen dramaturgischen Überlegungen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Aspekte des Inszenierungsprozesses, von der Materialsuche und Raumwahl bis hin zur funktionalen Gestaltung von Figuren, dem Einsatz von Farbe und der Rolle des Zuschauers.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie "elliptische Figur", "Sampling", "performative Räume", "Spielebenen" und "somatische Erregungsjustierung" sind zentral für das Verständnis der hier vorgestellten Dramaturgie.
Wie unterscheidet die Autorin zwischen Figurentheater und Schauspiel?
Der entscheidende Unterschied liegt für die Autorin in der Reflexion der Spielebenen: Wo die Illusion der Einheit von Schauspieler und Rolle gebrochen wird, beginnt für sie das Figurentheater, unabhängig davon, ob Objekte eingesetzt werden oder nicht.
Was bedeutet der Begriff "elliptische Figur"?
Dies beschreibt eine Figur, die eine thematische Dimension verkörpert, aber kaum soziale Details oder psychologische Tiefe besitzt und somit keine direkte Identifikation durch den Zuschauer ermöglicht.
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- Natalie Zweiböhmer (Autor), 2015, Dramaturgie und Inszenierung im Figurentheater, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293970