Magie. Vergleichende Betrachtung der Theorien von James George Frazer, Bronislaw Malinowski und Edward Evan Evans-Pritchard


Seminararbeit, 2013

27 Seiten, Note: 5 (Schweizer Notengebung)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Kontroverse über die Rationalität von Magie

2. Betrachtungen der Magie von James George Frazer
2.1. Grundlagen der Magie
2.2. Die homöopathische oder imitative Magie
2.3. Übertragungsmagie
2.4. Die Rolle der Magier in der gesellschaftlichen Entwicklung
2.5. Magie, Religion, Wissenschaft
2.6. Ein Schlusswort zu James George Frazer

3. Beschreibung der Magie auf den Trobriand Inseln von Bronislaw Malinowski
3.1. Ursprung der Magie
3.2. Eigenschaften der Magie
3.3. Magie und Arbeit
3.4. Macht der Magie
3.5. Ein Schlusswort zu Bronislaw Malinowski

4. Die Zande und die Hexerei von Edward Evan Evans-Pritchard
4.1. Hexerei
4.2. Hexerei und Unglück
4.3. Medizinmänner und Orakel
4.4. Ein Schlusswort zu Edward Evans-Pritchard

5. Vergleichende Betrachtung der Theorien

6. Fazit

Bibliographie

Einleitung

Magie ist eine Sammelbezeichnung für Praktiken, mit denen ein Mensch seinen Willen auf andere Personen, Objekte oder Ereignisse übertragen möchte. Oft wird dies durch bestimmte Handlungen, Beschwörungen oder Riten erreicht. Dabei geht man von einer kausalen Verknüpfung zwischen der Handlung und dem gewünschten Effekt aus. Ihr Anwendungsgebiet ist sehr vielfältig, so kann sie eingesetzt werden um Schaden abzuwehren, ein Ereignis herbeizuführen oder zu helfen. Im Falle von negativer Magie, oft Hexerei genannt, wird dem Betroffenen durch Magie Schaden zugefügt (Vergl. Brockhaus Enzyklopädie Online 2013). Der wissenschaftliche Rationalismus bildet den Hintergrund für das Verständnis vieler anthropologischer Theorien. Magie wurde oft als das Gegenteil von Rationalität und als Produkt des Primitiven und Zurückgebliebenen verstanden. In der Sozialwissenschaft herrscht eine stetige Kontroverse über die Rationalität von Magie (Vergl. Niehaus 2012, 433). Betrachtet man den Diskurs der letzten Jahrzehnte, so ist die Problematik der Rationalität noch immer nicht gelöst. Es gibt keine tragfähige, allgemein anerkannte Definition von Magie. Weiter besteht die Tendenz sich davon zu verabschieden, dass der Magiebegriff einen einheitlichen, transkulturellen Bereich beschreiben kann (Vergl. Otto 2011, 77-127). Im ersten Kapitel soll eine kurze Übersicht über diese Debatte und ihre Entwicklung geboten werden. Im Verlauf der Arbeit wird der Schwerpunkt auf den Theorien von James George Frazer, Bronislaw Malinowski und Edward Evans Evans-Pritchard liegen. Diese werden vergleichend betrachtet, um aufzuzeigen, wie sie an das Phänomen der Magie herangetreten sind, wo ihre Differenzen und Gemeinsamkeiten liegen und wo sie einander aufgreifen und weiterentwickeln.

1. Die Kontroverse über die Rationalität von Magie

Seit man sich mit dem Phänomen der Magie bei fremden Völkern beschäftigt, stellt sich die Frage, wie man als empirische Wissenschaft den magischen und religiösen Vorstellungen dieser Kulturen gerecht werden kann. Der Evolutionismus vereinte die Magie und die Wissenschaft durch die Idee der Entwicklung. Der Funktionalismus suchte nach dem Sinn der magischen Handlung in der Gesellschaft und beschreibt sie oft als Basisfunktion. Lange Zeit hat die Magie als Beispiel für falsches Bewusstsein gegolten, doch heute werden sozialwissenschaftliche Theorien unter dem Fokus der Kritik des Ethnozentrismus neu betrachtet (Vergl. Kippenberg 1978, 9f.). Das grundsätzliche Problem liegt darin, dass erklärt werden muss, warum Magie eine wichtige Rolle spielt und immer noch vorhanden ist. Nach Ian Jarvie und Joseph Agassi wird einem Handeln dann Rationalität zugeschrieben, wenn ein Ziel vorhanden ist, auf das es sich richtet. Einem Glauben hingegen wird erst unter Erfüllung verschiedenen Kriterien Rationalität angerechnet. Frazer ging davon aus, dass Magie darauf beruht, dass die Menschen nicht zwischen Realität und Imagination unterscheiden konnten. Sie vollführten eine magische Handlung im Glauben, dass so ein Ziel herbeigeführt werde. Interessant ist, dass Frazer, obwohl er religionskritisch war, die Religion, in seiner evolutionistischen Einteilung, über die Magie stellt. Diese Abneigung gegenüber der Religion, wie auch der Versuch ihr gegenüber offen zu sein, ist charakteristisch für das 19. Jahrhundert. Wenn Frazer jedoch Recht behält und Magie deshalb angewendet wird, weil man einen bestimmten Zweck anstreben möchte, dann ist sie durchaus als rational zu bezeichnen, auch rationaler als Religion. In dieser legen die Menschen ihr Schicksal in die Hoffnung, dass höhere Wesen, welche die Welt lenken, beeinflussbar wären. Wenn man magische Handlungen als rational bezeichnen möchte, so muss man ipso facto auch die Ansicht vertreten, dass Glauben Handlungen erklären kann. Ian Jarvie und Joseph Agassi differenzieren im Folgenden die Definition von rationalem Handeln weiter aus und beschreiben sie wie folgt (Vergl. Jarvie/Agassi 1967, 120-130): „Eine rationale Handlung ist eine solche, die – unter anderem – auf den Zielen und Intentionen des Handelnden, seinem vorhandenen Wissen und seinen Anschauungen beruht“ (Ebd. 130). Eine andere Möglichkeit, Magie und Rationalität zu erklären, findet man bei Émile Durkheim und der symbolistischen Position. Magische Vorstellungen werden als Symbole verstanden, denen soziale und natürliche Beziehungen zu Grunde liegen. Émile Durkheim postuliert, der Gläubige sei davon überzeugt, dass er mit Übernatürlichem in Kontakt ist. Dies ist für ihn eine Tatsache, jedoch liegen dahinter natürliche Kräfte. Für Durkheim liegen diese Kräfte im Kollektiv, also in der Gesellschaft, ihrer Moral und ihrer Werte. Darin hat auch das Denken seinen Ursprung und nicht in der individuellen Beobachtung der Natur und ihrer Gesetze. Das Individuum ist somit der Gesellschaft unterworfen. Die Magie ist jedoch beschränkt in ihrem öffentlichen Charakter und somit wurde sie auch von Durkheim abgetrennt vom Bereich der Religion (Vergl. Kippenberg 1978, 17f.). Problematisch daran ist der vom westlichen Denken geprägte Ansatz, dass ein Antagonismus zwischen Magie und Religion besteht, der nach heutigen Forschungen in nicht-europäischen Völkern meist nicht vorhanden ist (Vergl. Universität Hannover o.J.). J.H.M. Beattie hat sich unter anderem mit dem Werk „Nuer Religion“ von Edward Evan Evans-Pritchard auseinander gesetzt und sich in seinem eigenen Werk „Other Cultures“ mit Werten, Weltanschauungen und Magie beschäftigt. Beattie versucht die allgemeine Theorie zu ergänzen, wonach Werte Faktoren sind, welche die von den Menschen erkannten Möglichkeiten einen Zweck zu erreichen, beeinflussen. Er kritisiert sehr stark die Anschauung, dass das Denken von primitiven Menschen kindlich wäre und dass sie nicht zwischen Imagination und Kausalität unterscheiden könnten. Dabei stützt er sich auf Evans-Pritchard (Vergl. Jarvie/Agassi 1967, 131f.):

Hexerei erklärt, warum Ereignisse für Menschen schädlich sind, und nicht, wie sie geschehen. Er sieht nicht etwa den Hexer, der einen Menschen angreift, sondern einen Elefanten. […] Seine Wahrnehmung dessen, wie Ereignisse ablaufen, ist ebenso klar wie unsere (Evans-Pritchard 1978, 67f.).

Beattie beschreibt, dass es unabdingbar ist die Glaubensgrundsätze im Kontext der Kultur zu verstehen und darin die innere Logik zu erfassen. Er versucht, in dem er der Magie einen Sinn gibt, sie zu schützen vor der Anschuldigung Frazers, wonach Magie zurückgeblieben und kümmerlich sei. Er definiert eine neue Rationalitätstheorie, wonach eine Handlung, wenn sie für die Gesellschaft einen Sinn ergibt, rational ist. Dies ähnelt sehr dem Verständnis von Bronislaw Malinowski, welcher aussagt, dass Magie ihre Rationalität daraus bezieht, dass sie ein Teil des sozialen Lebens ist. Weiter liefert sie, nach Malinowski, eine psychologische Methode zur Bewältigung von Frust und Angst vor dem Unbekanntem. Sie ist somit ein zweckrationales Verhalten gegenüber übernatürlichen Mächten (Vergl. Jarvie/Agassi 1967, 132-134). Malinowksi versteht Magie als eine spezielle Verhaltensweise, eine pragmatische Haltung, die auf Vernunft, Gefühl und Willen basiert. Sie ist eine Handlungsweise aber auch ein Glaubenssystem und ein soziologisches Phänomen, deren Ursprung in Erfahrungen liegt (Vergl. Stolz 2004, 257). J.H.M. Beatties Theorie bietet jedoch Anlass für Kritik. Magie ist für ihn kein zweckgerichtetes Handeln, doch gemessen an seinem Kriterium, dem gesellschaftlichen Sinn, rational. Wenn man dies nun auf andere Bereiche von Gesellschaften anwendet, zum Beispiel auf eine alltägliche Handlung wie das Spazieren gehen mit einem Hund oder Hochzeitsfeiern, so erkennen wir, dass seine Theorie Lücken aufweist. Viele Handlungen benötigen die Einbeziehung eines Zweckes um sie als rational auszuweisen. Beattie verleiht magischen Symbolen gesellschaftlichen Wert. Macht dies sie rational, obwohl viele der Handelnden sich dessen nicht bewusst sind? Es stellt sich weiter die Frage, ob es einen Unterschied macht, ob dem Handelnden der gesellschaftliche Sinn klar ist oder nicht (Vergl. Jarvie/Agassi 1967, 134-138)? Edward E. Evans-Pritchard hat mit seinen Forschungen ein methodisches Paradigma geschaffen für das Verstehen und Erklären von fremdem Denken. Nach Evans-Pritchard unterliegt jedem magischen Ritual ein rationaler Denkprozess. Dieser mag falsch sein, aber er gründet auf reeller Beobachtung. Worin ein Magier irrt, ist die Annahme, dass zwei Dinge in mystischer Verbindung stehen, nur weil sie gleich sind. Tatsächlich ist es eine gedankliche Verknüpfung. Es ist nicht die Aufgabe des Ethnologen, die Sinneseindrücke bei einem magischen Ritual oder der Verwendung eines Gegenstandes zu erklären, sondern die sozialen Qualitäten aufzudecken. Magie entspringt keiner Verwechslung von Realität und Imagination sondern beruht auf kollektiven Urteilen und Erfahrungen. Evans-Pritchard unterscheidet zwischen Inhalten, welche überprüft werden können, und der Logik ihrer Anwendung. Dies ermöglicht es ihm fremdes Denken nachzuvollziehen, ohne ihre Wahrhaftigkeit zu hinterfragen. Dies muss man so verstehen, dass er unterschiedliche Kriterien hat. Kriterien zur Beurteilung der Wahrheit und Kriterien zur Beurteilung der inneren Logik und Kohärenz (Vergl. Kippenberg 1978, 31f.). Abschliessend kann gesagt werden, dass das heutige Verständnis von Magie stark von Evans-Pritchard geprägt wurde. Nach ihm spielt bei indigenen Völkern der Glaube an Magie die gleiche Rolle wie in der westlichen Kultur das Glück oder der Zufall. Die Stärke der magischen Weltanschauung liegt darin, dass sie allumfassend ist. Sie erklärt alles unter Bezugnahme auf Magie, fehlgeschlagenen Magie und Verschwörung. Um hinter das Wesen der Magie zu blicken, müssen wir unsere wissenschaftliche Beschränktheit aufgeben und ihr Wesen und ihre innere Logik verstehen. Es muss versucht werden Magie durch die Augen jener zu betrachten, für die Magie die gleiche Wirksamkeit hat, wie für die westliche Kultur die Wissenschaft (Vergl. Jarvie/Agassi 1967, 146-149). Im Folgenden werde ich auf die Theorien von James George Frazer, Bronislaw Malinowski und Edward Evan Evans-Pritchard vertieft eingehen und sie erläutern.

2. Betrachtungen der Magie von James George Frazer

Abbildung 1: Sir James George Frazer

„Der goldene Zweig“ ist das Hauptwerk von James George Frazer und kann als sein Lebenswerk betrachtet werden, da er 25 Jahre daran arbeitete. Er studierte die Berichte von Missionaren und Handelsleuten um aus ihnen seine Theorien zu entwickeln. Sein Einfluss im akademischen Milieu war gross und auch heute werden seine Schriften immer noch gelesen und zitiert (Vergl. Ackermann 1987, 1f.). Dies gilt, obwohl er in seinen Theorien und Positionen als überholt gilt. Seine Hauptinteressengebiete lagen in der klassischen Antike, Mythen, Religion und Magie (Vergl. Wissmann 2004, 80-88). Im Folgenden betrachte ich die Theorien von James George Frazer hinsichtlich der Magie.

2.1. Grundlagen der Magie

Frazer beschreibt, dass die Magie auf zwei Prinzipien aufgebaut ist. Erstens, dass Gleiches immer wieder Gleiches hervorbringt oder das eine Wirkung ihrer Ursache gleicht. Dies nennt er das Gesetz der Ähnlichkeit und definiert es als homöopathisch. Weiter legt Frazer dar, dass Dinge, die einmal in einer Beziehung zueinander standen, auch aus weiter Ferne noch aufeinander einwirken. Dieses Prinzip definiert er als das Gesetz der Berührung oder das Gesetz der direkten Übertragung. Das erste Gesetz erlaubt es, dass man durch Nachahmung jede gewünschte Wirkung erzielen kann. Das Gesetz der Berührung gestattet, einen Gegenstand mit einem Zauber zu belegen, sodass dieser wiederum auf den Besitzer des Gegenstandes wirkt. Für den Magier sind diese beiden Gesetze allgemeingültig. Frazer unterscheidet die theoretische- und die praktische Magie. Unter der theoretischen Magie versteht er Regeln und Grundgesetze. Die praktische Magie hingegen umfasst Vorschriften und Handlungen um ein Ziel zu erreichen. Der Magier hingegen kennt nur die praktische Seite der Magie, die geistige hinterfragt er nie, da Logik für ihn versteckt und nicht erfassbar ist. Magie ist für ihn eine reine Kunst und keine Wissenschaft, da diese in seinem Geist und seiner gesamten Kultur nicht vorhanden ist. Die homöopathische Magie findet ihren Ursprung im Fehler anzunehmen, dass Dinge, die gleich aussehen auch gleich sind. In der Berührungsmagie herrscht das Missverständnis, dass Gegenstände, die einmal in Berührung miteinander waren es immer bleiben werden. Beide Arten von Magie fasst Frazer zusammen unter dem Begriff der sympathetischen Magie, da beide darauf beruhen, dass Objekte aus der Ferne aufeinander einwirken (Vergl. Frazer 1928, 15-17).

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Details

Titel
Magie. Vergleichende Betrachtung der Theorien von James George Frazer, Bronislaw Malinowski und Edward Evan Evans-Pritchard
Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)
Veranstaltung
Klassiker der britischen Sozialanthropologie
Note
5 (Schweizer Notengebung)
Autor
Jahr
2013
Seiten
27
Katalognummer
V294021
ISBN (eBook)
9783656916376
ISBN (Buch)
9783656916383
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Magie, Frazer, Malinowski, Evans-Pritchard
Arbeit zitieren
Susanne Ilg (Autor), 2013, Magie. Vergleichende Betrachtung der Theorien von James George Frazer, Bronislaw Malinowski und Edward Evan Evans-Pritchard, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294021

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