Die Orange Revolution. Eine politische Revolution?


Seminararbeit, 2013
26 Seiten, Note: 5 (Schweizer Notengebung)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die politische Revolution
1.1. Definition
1.2. Revolutionstheorien
1.2.1. Der Verlauf einer Revolution
1.2.2. Die Ursachen für eine Revolution
1.2.3. Die Theorien zur Erklärung der Revolution durch Unzufriedenheit
1.2.4. Das Konzept der Ressourcenmobilisierung
1.2.5. Die Ressourcenorientierte Theorie grosser Revolutionen

2. Betrachtung der Farbrevolutionen nach Henry E. Hale
2.1. „Patronal presidentialism“
2.2. Die Ursache für die Farbenrevolutionen
2.2. Auswirkungen auf die Staaten in Eurasien

3. Die Orange Revolution in der Ukraine
3.1. Die Ära von Präsident Kutschma
3.2. Die Präsidentschaftswahl 2004
3.2.1. Die Kandidaten
3.2.3. Der Wahlkampf
3.2.4. Erster Wahlgang und die Stichwahl am 21. November 2004
3.2.5. Der Protest der Bevölkerung
3.2.6. Die Wiederholungswahl am 26. Dezember 2004
3.3. Auswirkungen der Orangen Revolution

4. Schlusswort

Bibliographie

Einleitung

Die Ereignisse um die Präsidentschaftswahl 2004 rückten die Ukraine wochenlang in den Fokus der internationalen Medien. Die Präsidentschaftswahlen wurden als Richtungswahlen aufgefasst, in denen sich die zukünftige Orientierung der Ukraine zeigen sollte (Vergl. Boekh/Völkl 2007, 242). Die Unzufriedenheit und Frustration der Bevölkerung unter Leonid Kutschma gipfelte in der Stichwahl vom 21. November 2004 und den damit verbundenen Wahlfälschungen (Vergl. Yevtukh 2005, 15-17). Die Geschehnisse spielten sich vor allem in Kiew, aber auch in anderen Städten in der Ukraine ab und führten zu einer Bewegung die, verbunden mit der Farbe Juschtschenkos, bekannt wurde als Orange Revolution (Vergl. Boekh/Völkl 2007, 242). Die Demonstranten forderten Reformen gegen die Korruption und eine Demokratisierung in der Ukraine. Sie unterstützten Juschtschenko, der als Volkspräsident mit einer westlichen Ausrichtung angesehen wurde. Getragen wurde die Orange Revolution vor allem von Intellektuellen, Studenten, Arbeitern, der Landbevölkerung, wie auch einem Teil der politischen Elite. Die Orange Revolution zeichnet sich aus durch einen hohen Organisationsgrad, ihren humanitären Charakter und ihre Gewaltlosigkeit (Vergl. Yevtukh 2005, 16f.).

In der nachfolgenden Arbeit soll die Leitfrage, ob die Orange Revolution eine politische Revolution war, ergründet werden. Dazu werden zuerst die Definition der politischen Revolution, wie auch die wichtigsten Theorien zu politischen Revolutionen genauer beleuchtet. Ein Schwerpunkt liegt im zweiten Teil auf den Überlegungen von Henry E. Hale zu Farbrevolutionen. Dies soll zum besseren Verständnis der Orangen Revolution beitragen. Der dritte Teil beschäftigt sich mit der Anatomie der Orangen Revolution und beschreibt ihre Ursachen, den Verlauf und ihre Folgen. Im Schlusswort wird die Leitfrage beantwortet und ein kurzer Ausblick auf weiterführende Betrachtungen zum tieferen Verständnis der Orangen Revolution geboten.

1. Die politische Revolution

Der Begriff Revolution kommt vom lateinischen Wort revolutio, was Zurückwälzen, Umdrehung oder Umwälzung bedeutet (Vergl. Weiss 2004, 836). In diesem Kapitel soll zuerst eine Definition der politischen Revolution aufgezeigt und anschliessend verschiedene Theorien zur politischen Revolution erläutert werden.

1.1. Definition

Unter einer Revolution versteht man die grundlegende und dauerhafte strukturelle Veränderung eines oder mehrerer Systeme. Dem zufolge kann man verschiedene Arten der Revolution unterscheiden, wie beispielweise die technische, ökonomische, soziale, politische und wissenschaftliche Revolution. Unter einer politischen Revolution versteht man, im Gegensatz zu einem Staatsstreich oder einer Revolte, eine grundlegende Umwälzung der politischen Institutionen und ein Austausch der Eliten. Diese Veränderung kann friedlich oder gewaltsam erfolgen, ist jedoch dadurch charakterisiert, dass es kein allmählicher Vorgang sondern ein abrupter Prozess ist. Zum Erfolg ist eine breite Bevölkerungskoalition nötig. Die Revolutionsforschung hat Verlaufsmuster untersucht und die Kausalität von Revolutionen nach exogenen und endogenen Faktoren differenziert. Exogene Faktoren bezeichnen äussere Einflüsse wie Kriege und wirtschaftliche Abhängigkeiten. Unter endogenen Faktoren versteht man innere Bedingungen wie eine breite Unzufriedenheit der Bevölkerung oder Modernisierungsprozesse und deren Folgen. Weiter ist es interessant zu betrachten, wer die Träger der Revolution sind und wie die Organisation und Ressourcenmobilisierung vonstatten geht (Vergl. Weiss 1998, 563). Heute werden Revolutionen und ihre tatsächliche Wirkung kritisch hinterleuchtet. Vor allem die grossen Revolutionen, wie die Französische Revolution oder die Oktoberrevolution werden betrachtet, ihr Anspruch und ihr Selbstbild dekonstruiert und analysiert. Es besteht die Ansicht, dass neue Revolutionen, wie jene in Osteuropa, Entwicklungsländern und im islamischen Raum kritisch zu betrachtet sind hinsichtlich ihrer Aussagekraft (Vergl. Weiss 2004, 836).

1.2. Revolutionstheorien

Neben den konstitutiven Merkmalen einer Revolution ist eine Reihe von Variablen zu betrachten, welche für die typologische Differenzierung von Revolution entscheidend sind. Iring Fetscher unterscheidet entsprechend den Trägern der Revolution in bürgerliche, bäuerliche, proletarische, Intellektuellen- und Managerrevolutionen. Mathew Shugart hingegen differenziert zwischen Revolutionen welche in traditionellen und semimodernen Gesellschaften stattfinden. Wenn man die angewandten Mittel betrachtet, kann man friedliche und gewaltsame Revolutionen unterscheiden. Liegt der Fokus auf dem Ziel, so erkennt man bürgerliche, sozialistische und islamistische Revolutionen. Eine Revolutionstheorie muss drei Fragen beantworten: 1. Welchen typischen Verlaufsprozess nimmt eine Revolution? 2. Unter welchen Bedingungen kommt es zu Revolutionen? 3. Welche kurzfristigen (output) und langfristigen (outcome) Folgen hat die Revolution für das politische System und darüber hinaus für dessen Umfeld (impact)? Historisch betrachtet beschäftigten sich die Forscher zuerst mit dem Verlauf der grossen Revolutionen, um dann auf die zugrunde liegenden Motivationen, Ursachen und Gründe zu schliessen. In der heutigen Revolutionsforschung werden auch die Auswirkungen der Revolutionen verstärkt erforscht (Vergl. Wolf/Zürn 1995, 553f.).

1.2.1. Der Verlauf einer Revolution

In den 1920er Jahren versuchte man vor dem Hintergrund der grossen Revolutionen eine „natural history of revolutions“ herauszuarbeiten. Der Fokus lag dabei vor allem auf dem Verlauf der Revolution. Zunächst entzieht die Mehrheit der Intellektuellen dem politischen System die Unterstützung und fordert Reformen. In der nächsten Phase versucht die alte Elite die Zufriedenheit zu fördern, indem sie halbherzige Reformen durchführen. Die eigentliche Revolution wird durch eine akute politische oder wirtschaftliche Krise eingeleitet. Diese Krise steht stellvertretend für das Versagen des politischen Systems. In der Krise entstehen spontane Protestbewegungen, die in einen revolutionären Umsturz münden. Nach der Machtübernahme durch eine revolutionäre Koalition entwickeln sich zunehmend Konflikte innerhalb den ehemals vereinigten Revolutionsgruppen. Die erste Gruppe, welche sich bei diesen Konflikten durchsetzt, besteht aus moderaten Reformern. Sie wird jedoch nach und nach von Gruppen mit radikaleren Vorstellungen verdrängt.

Samuel Huntington unterscheidet zwischen westlichen und östlichen Revolutionen. Westlichen Revolutionen beginnen in der Hauptstadt und werden von Eliten getragen. Das schwache Regime, das über praktisch keine Zwangsmittel (Militär, Polizei) mehr verfügt, wird verdrängt. Östliche Revolutionen beginnen auf dem Land mit Guerilla-Aktivitäten und entwickeln sich immer mehr zur Massenbewegung. Das Militär wird in einem Bürgerkrieg besiegt und letztendlich auch das Regime in der Hauptstadt. Robert Dix fügt der Theorie von Huntington noch die lateinamerikanische Revolution hinzu. Diese beginnt ebenfalls mit Guerilla-Aktivitäten auf dem Land, die es jedoch nicht schafft die ländlichen Massen zu mobilisieren und sich als Folge dessen mit den städtischen Eliten verbündet. Dieses Bündnis führt dann zum Stürz der politischen Elite (Vergl. Ebd. 553-554).

1.2.2. Die Ursachen für eine Revolution

Bei den Ursachen für revolutionäre Umwälzungen lassen sich verschiedene Erklärungstypen und –stränge beobachten. Revolutionen sind der Ausdruck der Überzeugung der Moderne, dass der Mensch fähig ist, seine Umgebung zu kontrollieren und zu verändern und dass er dazu auch das Recht besitzt. Dies zeigt sich in der Haltung, dass Revolutionen dem Fortschritt und der Freiheit der Menschen dienen. Eine Revolution setzt mindestens zwei Bedingungen voraus. Zum einen bedarf es einer grossen Anzahl von Menschen, welche mit den politischen Bedingungen unzufrieden sind (Unzufriedenheits-Aspekt). Weiter müssen diese Menschen sich in einer Art und Weise organisieren, dass sie sich gegen das politische Regime durchsetzen können (Organisations- und Ressourcen-Aspekt). Revolutionstheorien neigen dazu einen dieser Aspekte in den Mittelpunkt ihrer Konzeptualisierung zu stellen. Wenn man betrachtet, unter welchen Bedingungen die Unzufriedenheit ein solches Ausmass annimmt, dass sich Menschen politisch organisieren und zu einer Massenbewegung werden um weitreichende Auswirkungen zu erreichen, so stellt sich vorrangig die Frage der politischen Organisation und der Bereitstellung der Ressourcen. Ein anderer Ansatz beschäftigt sich damit, dass Menschen sich immer einen besseren politischen Zustand als den jetzigen vorstellen können. Hier ist es interessant zu betrachten, in welchen Situationen die Organisations- und Konfliktfähigkeit der Unzufriedenen stark genug ist um das alte politische System zu beseitigen (Vergl. Ebd. 554 – 555).

1.2.3. Die Theorien zur Erklärung der Revolution durch Unzufriedenheit

James C. Davies und Ted Gurr zählen zu den wichtigsten Vertretern des Ansatzes, welcher Revolutionen durch die Kategorie der Unzufriedenheit zu erklären versucht. Sie entwickelten die Theorie relativer Deprivation, die auf der Frustrations-Aggression-Theorie aufbaut. Die Massen rebellieren, wenn sich die psychologischen Zustände negativ verändern. Es herrscht Frustration, wenn die Erreichung bestimmter anstrebenswerter Zielvorstellungen unmöglich erscheint oder vorenthalten bleibt. Die Ursachen dafür können in langfristigen Auswirkungen der Modernisierung und Verstädterung, in kurzzeitigen ökonomischen Krisenerscheinungen oder aber im systematischen Ausschluss oder der Diskriminierung bestimmter ethnischer oder sozialer Bevölkerungsschichten liegen. Für Davies liegt der Schlüsselmoment in einem plötzlichen negativen wirtschaftlichen Umschwung. Beispielsweise wenn nach einer langen wirtschaftlichen Aufschwungphase, plötzlich ein radikaler Einbruch mit einschneidenden Auswirkungen auf die Bevölkerung stattfindet. Bei Gurr wird das kritische Stadium erreicht, wenn die Schere zwischen Erwartungen der Massen und den Einlösekapazitäten des Staates zu gross wird. Beide Autoren stimmen darin überein, dass es die Aufgabe der Forschung ist, jene Formen ökonomischer, sozialer und politischer Krisenphänomene zu betrachten, die zu derartigen Veränderungen führen, dass sich eine kollektive Unzufriedenheit ausbreitet (Vergl. Ebd. 556).

1.2.4. Das Konzept der Ressourcenmobilisierung

Charles Tilly, Arthur Stinchcombe und Samuel Popkin haben ihren Fokus auf die Ressourcenmobilisierung gelegt. Sie sind sich darin einig, dass revolutionäre Veränderungen eine eskalierte Form des alltäglichen Ringens gesellschaftlicher Gruppen um die Verteilung verschiedener Werte, wie Herrschaft, Sicherheit und Wohlfahrt sind. Krieg, ökonomische Modernisierung, Veränderungen im Wertesystem, Verstädterung oder auch der Einfluss von Ideologien führen dazu, dass die Intensität des Konfliktes gesteigert wird. Dies geschieht in Abhängigkeit der Organisation und der Mobilisierung von Ressourcen. Der Konflikt wird somit immer weiter verschärft. Die üblichen Mechanismen der Konfliktbewältigung können derartigen Auseinandersetzungen nicht standhalten und das politische System zerbricht. Es bilden sich „multiple Souveränitäten“, indem zwei oder mehr konkurrierende Gruppen über derart grosse Ressourcen verfügen, dass sie einen grossen Einfluss auf bestimmte politische Einheiten auszuüben vermögen. Die Ressourcen bestehen aus politischen, finanziellen, organisatorischen und militärischen Einheiten. Ein gewaltsamer Konfliktaustrag ist meistens unvermeidbar (Vergl. Ebd. 556).

1.2.5. Die Ressourcenorientierte Theorie grosser Revolutionen

Zu den Vertretern einer ressourcenorientierten Theorie der grossen Revolutionen gehören Barrington Moore, Theda Skocpol und Samuel Huntington. Der Ausgangspunkt für die Arbeit von Moore bildet die Feststellung, dass alle Gesellschaften sich ständig in einer Situation der vielfachen und wiederholten Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Gruppen befinden. Soziale Normen, Werte, ideologische Weltbilder sowie staatliche Sanktionen verhindern eine Eskalation, wandeln sich jedoch im Laufe von Modernisierungsprozessen. Moore unterscheidet drei Ausprägungen von Modernisierungsprozessen. 1. Einen westlichen Typus, der begründet ist auf bürgerlichen Revolutionen und zu Kapitalismus und pluralistischen Demokratien führt. 2. Einen Typus, bei dem die bürgerliche Revolution gescheitert ist und der sich zu Totalitarismus und Faschismus entwickelt. 3. Der östliche Typus, der auf grossen bäuerlichen Revolutionen basiert und in Folge dessen zu einem kommunistischen Regime führt. Welchen Weg eine Gesellschaft einschlägt hängt nach Moore davon ab, wie das Mit- und Gegeneinander der verschiedenen Klassen, Gruppen und Schichten der Gesellschaft funktioniert. Wenn das Bürgertum und die Kleinbauern den Modernisierungsprozess dominieren, so ist das Ergebnis eine bürgerliche Revolution mit Kapitalismus und Demokratie. Wenn Grossgrundbesitzer und Staatsbürokratie die auschlaggebenden Kräfte in der Modernisierung sind, so scheitert die bürgerliche Revolution und in Folge dessen etabliert sich ein totalitäres System. Verhindern die Grossagrarier und die Staatsbürokratie sogar die Modernisierung, so ist das Bürgertum schwach und dies führt zu bäuerlichen Revolutionen und einem kommunistischen Regime.

Skocpol baute auf diesem Ansatz auf und vervollständigte ihn zu einer strukturellen Theorie der Revolution. Ihren Schwerpunkt legte sie auf Strukturen und Institutionen wie auch auf die wechselnden Zielvorstellungen des Staates, die möglichen Einflüsse internationaler Rahmenbedingungen, die Struktur der bäuerlichen Gesellschaft, den inneren Zusammenhalt, die Stärke des Militärs und das Verhalten bürgerlicher Elite. Skocpol sagt aus, dass grosse soziale Revolutionen nur in agrarisch-bürokratischen Gesellschaften stattfinden. Dazu formuliert sie drei Voraussetzungen.

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Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Orange Revolution. Eine politische Revolution?
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Veranstaltung
Einführung in die politischen Systeme in Mittel- und Osteuropa
Note
5 (Schweizer Notengebung)
Autor
Jahr
2013
Seiten
26
Katalognummer
V294022
ISBN (eBook)
9783656916659
ISBN (Buch)
9783656916666
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
War die Orange Revolution im Jahr 2004 in der Ukraine eine politische Revolution?
Schlagworte
Ukraine, Orange Revolution, Revolution
Arbeit zitieren
Susanne Ilg (Autor), 2013, Die Orange Revolution. Eine politische Revolution?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294022

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