Grin logo
de en es fr
Shop
GRIN Website
Publish your texts - enjoy our full service for authors
Go to shop › Philosophy - Philosophy of the Ancient World

Gerechtigkeit, Staat und Individuum in Aristoteles' Nikomachischer Ethik

Title: Gerechtigkeit, Staat und Individuum in Aristoteles' Nikomachischer Ethik

Term Paper (Advanced seminar) , 2002 , 21 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Sven Behrisch (Author)

Philosophy - Philosophy of the Ancient World
Excerpt & Details   Look inside the ebook
Summary Excerpt Details

Es wird häufig darauf hingewiesen und ist auch an vielen Stellen im Text deutlich, dass Aristoteles bei der Behandlung der Gerechtigkeit im fünften Buch der Nikomachischen Ethik dem großen Entwurf Platons in der Politeia etwas entgegensetzen wollte. So zutreffend diese Beobachtung auch sein mag, bleibt nicht zu übersehen, dass Aristoteles’ Fragestellung in eine fundamental andere Richtung als bei Platon zielt. In der Politeia wird ein dem Anspruch nach vollkommenes Staatsmodell gezeichnet, das allen in ihm versammelten Menschen diejenige Bestimmung zuweist, die ihrer Eigenart am ehesten entspricht und damit ein möglichst reibungsloses, konfliktfreies und mithin gerechtes öffentliches Leben garantieren soll.

Die Nikomachische Ethik dagegen geht grundsätzlich vom einzelnen Menschen aus und untersucht die Bedingungen, unter denen ein jeder seine eigenen Charakteristika finden und nach deren Verwirklichung ein tugendhaftes, glückliches Leben führen kann. Unter den Tugenden wie Tapferkeit, Besonnenheit, Freigiebigkeit usw. hält die Gerechtigkeit aber in zweierlei Hinsicht eine Sonderstellung: zum einen hat sie die Doppelbedeutung als areth teleia insofern sie alle Tugenden in ihrer Bezogenheit auf andere in sich vereinigt (allgemeine Gerechtigkeit) sowie als Einzeltugend insofern sie gegen die Untugend des Mehr-haben-wollens widerständig ist (partikuläre Gerechtigkeit). Zum anderen, daraus hervorgehend, ist ihre für den Tugendbegriff in der NE übliche Charakterisierung als Mitte zwischen zwei Extremen entgegen Aristoteles’ Bemühung1 problematisch, wo nicht gar unmöglich. Bezeichnend für die Gerechtigkeit, sei sie allgemein oder partikulär, ist ihre Bezogenheit auf eine Gemeinschaft von Personen oder zumindest das Verhältnis mindestens zweier Menschen zueinander. Aus dieser Funktion heraus ist es für Aristoteles ein nur konsequenter Schritt, einen Blick auf die gesellschaftlichen Bedingungen zu werfen, unter denen eine gerechte Grundhaltung in seinem Sinne zu verwirklichen ist.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der eudaimonistisch relevante Ort der Gerechtigkeit: die Polis

1.1. Gerechtigkeit und Autarkie

1.2. Das Gesetz - Ursprung und Funktion

2. Das Wesen des Polisrechts

2.1. politikon dikaion - physikon dikaion

2.2. Polisrecht im allgemeinen und besonderen

3. Unterwegs zur Tat

3.1. Analyse: Die Kriterien

3.2. Resultat: Die Kategorien

4. Das Urteil

4.1. Der status qualitatis

4.2. recht-gerecht-billig-gut?

Abschließende Bemerkungen

Zielsetzung und Themen der Arbeit

Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht die Struktur der Gerechtigkeit in Aristoteles’ Nikomachischer Ethik, wobei der Fokus auf dem Zusammenhang zwischen der individuellen Tugend und den gesellschaftlichen Bedingungen in der Polis liegt. Die zentrale Forschungsfrage zielt darauf ab, wie Aristoteles das Wesen gerechten Handelns und dessen Einbettung in ein funktionierendes Rechtsgefüge konzeptionell begründet.

  • Die Eudaimonia als Ziel und die Rolle der Polis als Rahmen für ein tugendhaftes Leben.
  • Die Unterscheidung zwischen Naturrecht und Gesetzesrecht innerhalb des Polisrechts.
  • Die Kriterien für freiwilliges Handeln und deren juristische Relevanz für die Beurteilung von Ungerechtigkeit.
  • Das Konzept der „Billigkeit“ als Korrektiv zur Allgemeinheit des Gesetzes.

Auszug aus dem Buch

1. Der eudaimonistisch relevante Ort der Gerechtigkeit: die Polis

„[D]aß von euch allen, du wunderbarer [Sokrates], die ihr Lobredner der Gerechtigkeit zu sein vorgebt, von den uranfänglichen Heroen an, von denen nur irgend noch die Rede geht bis auf die heutigen Menschen, noch nie einer die Ungerechtigkeit getadelt oder die Gerechtigkeit anders gelobt hat, als immer nur um den Ruhm, die Ehren, die Gaben, die ihnen daraus entspringen (...)“, beklagt Adeimantos zu Beginn der „Politeia“ und bewegt Sokrates mit diesen Worten, seine Vorstellungen vom idealen, gerechten Staat darzulegen.

Aristoteles hat an dieser Stelle nicht gegen instrumentalistische Ansichten der Sophisten anzuargumentieren und kommt doch eben dieser Forderung nach, indem er zunächst an das Eudaimonie-Ziel der Autarkie erinnert und diesem dann einen Rahmen, die Polis, gibt, innerhalb dessen es allein und nur durch gerechte Lebensweise möglich ist, diese zu erreichen. Dem schließt sich eine knappe Erläuterung an, wie die Gerechtigkeit, zum Recht (tò díkaion) präzisiert, in der Gemeinschaft verankert werden kann. Er definiert dabei also nicht nur die Anwendungsgrenzen seiner Rechtsauffassung, sondern gibt auch das Bild einer Gesellschaft vor, in der sich seine Rechtsvorstellung verwirklicht.

Mit dem Eingehen auf die Polis-Strukturen kommt Aristoteles freilich auch seinem hier wiederholten Ziel nahe, eine Ethik zu entwerfen, die den realen Menschen betrifft, nicht zuletzt den Athener Bürger, der in der Schilderung seinen Staat wiedererkennt und dem damit brauchbare Verhaltenshinweise gegeben werden sollen.

Zusammenfassung der Kapitel

Einleitung: Die Arbeit grenzt Aristoteles’ Ansatz in der Nikomachischen Ethik von Platons Politeia ab und etabliert vier inhaltliche Blöcke zur Analyse der Gerechtigkeit.

1. Der eudaimonistisch relevante Ort der Gerechtigkeit: die Polis: Dieses Kapitel erläutert die Verbindung zwischen der menschlichen Autarkie, dem Eudaimonie-Ziel und der notwendigen Einbettung in die Gemeinschaft der Polis.

1.1. Gerechtigkeit und Autarkie: Hier wird dargelegt, warum das glückselige Leben auf eine Gemeinschaft angewiesen ist, in der Gerechtigkeit als Tugend für andere wirkt.

1.2. Das Gesetz - Ursprung und Funktion: Dieses Kapitel behandelt die Notwendigkeit von Gesetzen innerhalb der Polis, um das Zusammenleben zu strukturieren und Ungerechtigkeit zu begrenzen.

2. Das Wesen des Polisrechts: Es wird die Unterscheidung zwischen Naturrecht und Gesetzesrecht erörtert, um den rechtlichen Raum der Polis zu beschreiben.

2.1. politikon dikaion - physikon dikaion: Eine tiefgehende Analyse der Begriffe „Naturrecht“ und „Gesetzesrecht“ sowie deren Veränderlichkeit in der menschlichen Sphäre.

2.2. Polisrecht im allgemeinen und besonderen: Dieses Kapitel diskutiert das Verhältnis zwischen der Allgemeinheit des Gesetzes und der Mannigfaltigkeit konkreter Einzelhandlungen.

3. Unterwegs zur Tat: Fokus auf die Handlung selbst und die notwendige Unterscheidung zwischen dem Tatbestand und dem Motiv des Handelnden.

3.1. Analyse: Die Kriterien: Hier werden die Bedingungen für freiwilliges Handeln (in unserer Macht, bewusst, ohne Zwang) definiert.

3.2. Resultat: Die Kategorien: Aufstellung einer Hierarchie der Freiwilligkeit in vier Kategorien, um den Grad der individuellen Ungerechtigkeit zu bestimmen.

4. Das Urteil: Erörterung der richterlichen Aufgabe bei der Anwendung von Gesetzen auf spezifische, komplexe Fälle.

4.1. Der status qualitatis: Diskussion der rhetorischen und juristischen Ebene bei der Schuldfrage vor Gericht.

4.2. recht-gerecht-billig-gut?: Analyse der „Billigkeit“ als Anwendungstugend, die das starre Gesetz korrigiert und im Sinne der Gerechtigkeit ergänzt.

Abschließende Bemerkungen: Zusammenfassendes Fazit über Aristoteles' Methode der Harmonisierung von theoretischen Modellen mit der konkreten menschlichen Realität.

Schlüsselwörter

Aristoteles, Nikomachische Ethik, Gerechtigkeit, Polis, Eudaimonie, Naturrecht, Gesetzesrecht, Freiwilligkeit, Autarkie, Billigkeit, Handlungsanalyse, Pleonexia, Tugendethik, Rechtsraum, Urteilsfindung.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht die philosophischen Grundlagen der Gerechtigkeit bei Aristoteles im fünften Buch der Nikomachischen Ethik und deren Anwendung in der Praxis der Polis.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die thematischen Schwerpunkte liegen auf der Verknüpfung von Ethik und Politik, der Unterscheidung zwischen Natur- und Gesetzesrecht sowie der philosophischen Kategorisierung von Handlungen und deren moralischer Bewertung.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist es, den aristotelischen Rechtsbegriff als Teil einer eudaimonistischen Ethik zu explizieren und aufzuzeigen, wie Gerechtigkeit als eine auf die Gemeinschaft bezogene Tugend strukturiert ist.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit nutzt eine textanalytische, hermeneutische Methode, indem sie zentrale Textstellen der Nikomachischen Ethik interpretiert und in den Kontext der antiken Philosophie und Sekundärliteratur stellt.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in vier inhaltliche Blöcke: den Ort der Gerechtigkeit (Polis), das Wesen des Polisrechts, die Analyse von Handlungen (Kriterien der Freiwilligkeit) und die juristische Beurteilung durch den Richter (status qualitatis und Billigkeit).

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Zu den wichtigsten Begriffen zählen Eudaimonia, Autarkie, Polisrecht, Billigkeit, Pleonexia und das Verhältnis von Allgemeinem zum Besonderen.

Warum spielt der Begriff der „Billigkeit“ eine so zentrale Rolle?

Die Billigkeit fungiert als ein entscheidendes Korrektiv, da sie Aristoteles zufolge die starre Allgemeinheit des Gesetzes auf die Besonderheit der Situation anwendet und somit echte Gerechtigkeit im Einzelfall ermöglicht.

Inwieweit unterscheidet Aristoteles zwischen verschiedenen Stufen der Handlungsverantwortung?

Aristoteles unterscheidet anhand von Freiwilligkeitskriterien (wie Absicht und Überlegung) zwischen einem unglücklichen Zufall, einem Irrtum, einem Unrecht aus Affekt und einer böswilligen Tat, um die moralische Schuld präzise zu graduieren.

Excerpt out of 21 pages  - scroll top

Details

Title
Gerechtigkeit, Staat und Individuum in Aristoteles' Nikomachischer Ethik
College
University of Hamburg
Course
HS: Aristoteles, Nikomachische Ethik
Grade
1,0
Author
Sven Behrisch (Author)
Publication Year
2002
Pages
21
Catalog Number
V29407
ISBN (eBook)
9783638309165
Language
German
Tags
Gerechtigkeit Staat Individuum Aristoteles Nikomachischer Ethik Aristoteles Nikomachische Ethik
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Sven Behrisch (Author), 2002, Gerechtigkeit, Staat und Individuum in Aristoteles' Nikomachischer Ethik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29407
Look inside the ebook
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
Excerpt from  21  pages
Grin logo
  • Grin.com
  • Shipping
  • Contact
  • Privacy
  • Terms
  • Imprint