Chatwins Patagonien. Zur literarischen Konstruktion und Präsentation der Region in Chatwins Werk


Bachelorarbeit, 2012

64 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Patagonien und der Reisebericht
2.1 Annäherung an die Region Patagonien
2.1.1 Historie und Besiedlung
2.1.2 Politische Situation der Region um
2.2 Der Reisebericht
2.3 Der Mythos Patagonien im europäischen Reisebericht

3. Bruce Chatwin und die “Poetik des Gehens”

4. Chatwins “Patagonia of a mind”
4.1 Charley Milward und das Mylodon: Reisemotivation und Anlass
4.2 Patagoniens Menschen
4.2.1 Neue Heimat Patagonien: Siedler und Exilanten
4.2.2 Faszination Patagonien: Sammler, Forscher, Abenteurer
4.2.3 Patagoniens indigene Völker
4.3 Patagoniens Geschichte in Geschichten: Funktionen des Intertextes
4.4 Einhörner, Riesen und goldene Städte: Mythos Patagonien
4.5 Waste land, relentless wind and sandy Storms
4.6 “The uttermost part of the earth”: Chatwins Patagonien

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

“ At last, Patagonia! How often had I pictured in Imagination, wishing with an intense longing to visit this solitary wilderness, resting far off in its primitive and desolate peace, untouched by man, remote from civilization! There it lay full in sight for me - the unmarred desert that wakes feelings in us, the ancient habitation of giants, whose footprints seen on the seashore amazed Magellan and his men, and won for it the name Patagonia.”[1]

Patagonien war und ist ein von Europäern viel bereistes Land, um das sich zahlreiche Mythen und Legenden ranken. Magellan, Darwin, Forster, Hudson: Sie alle und noch viele andere reisten in dieses - von Europa aus betrachtet - Land am Ende der Welt auf der Suche nach neuen Entdeckungen und Abenteuern, nach Geschichten und Eindrücken.

Jeder von Ihnen brachte neue Bilder und Berichte aus dieser Gegend mit nach Hause und prägte damit die europäische Sichtweise der Region.

Im letzten Jahrhundert trug ein Autor besonders zur Popularität Patagoniens bei. 1977 veröffentlichte der damals 37-jährige Bruce Chatwin sein erstes Buch In Patagonia, ein Reisebericht mit einer “mixture of fact, fantasy and folklore”, wie es Susannah Clapp in ihrer biografischen Arbeit über Chatwin nennt.[2]

Auf den ersten Blick verrät uns der Autor nicht viel über das von ihm bereiste Land. Reiserouten fehlen, Landschaften sind wenn überhaupt nur spärlich beschrieben und es mangelt an Details über geografische Gegebenheiten sowie über die politische und gesellschaftliche Situation.

Dafür wimmelt es in diesem Buch nur so von Geschichten: Geschichten von Menschen und ihren Schicksalen, von Abenteurern, Gesetzlosen und Expeditionen, von fabelhaften Tieren und Mythen oder, wie Clapp es beschreibt: ”Basically it’s a collage - like a collection of impressions - , memories, histories and stories about Patagonia, loosely bound together by an intermittent first-person narrative, but mostly functioning more or less autonomously.”[3]

Die Aufgabe dieser Arbeit wird es sein all diese lose aneinander gefügten Geschichten auf ihre Aussage über Patagonien hin zu analysieren und sie zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammenzufassen.

Dabei geht meine Arbeit davon aus, dass diese Geschichten keineswegs zufällig auf diese Weise aneinandergereiht wurden, sondern dass der Autor vielmehr ein ganz bestimmtes Bild von dieser Region entwerfen will und alle zusammengefügten Fragmente dazu benutzt, den Leser die Dinge mit seinen Augen sehen zu lassen.

Chatwin wurde in Bezug auf In Patagonien sowohl von Seiten der Forschung als auch von den von ihm im Text dargestellter Menschen mehrfach vorgeworfen, er hätte sich nicht an Fakten gehalten und Patagonien und seine Menschen in vielerlei Hinsicht falsch dargestellt.[4] Auch Chatwin gibt zu, dass er sich in seinem Buch nahe an der Grenze zwischen Fakt und Fiktion bewegt, auch wenn die Zahl der Lügen noch überschaubar sei. In seinen Werken versucht er “erzählerische Techniken auf ursprüngliche Reisestücke zu übertragen.“[5]

Es ist anzunehmen, dass seine “Lügen” strategische Funktion haben, die an den Stellen eingesetzt werden, an denen eine wahrhaftige Darstellung nicht vermag die von ihm anvisierte Botschaft zu transportieren. Innerhalb dieser Botschaft spielt Patagonien eine zentrale Rolle.

Um diese Rolle herauszuarbeiten, möchte ich zunächst einmal die Region Patagonien kurz beleuchten und einen groben Überblick über ihre Geschichte sowie über die politische und soziale Situation zur Zeit von Chatwins Reise geben. Da es sich bei dem von mir betrachteten Text um einen Reisebericht handelt, werde ich im folgenden Versuchen dessen Besonderheiten und Probleme zusammenfassend darzustellen, um dann auf Patagonien als Reiseland in Verbindung mit der Mythenbildung, die diese Region erfahren hat, einzugehen.

Des weiteren werde ich mich dem Autor widmen und dabei vor allem seinen Theorien zu Nomadentum und Sesshaftigkeit, da diese für die anschließende Betrachtung des Textes durchaus Relevanz haben und daher mit einbezogen werden sollten.

Der Hauptteil der Arbeit schließlich wird sich direkt am Text orientieren. Mithilfe der Textanalyse möchte ich hier versuchen ein Bild Patagoniens herauszuarbeiten. Dazu werde ich mir zunächst einzelne Themenbereiche des Textes vornehmen wie die Betrachtung der Menschen, die Funktion der Intertexte, die Reisemotivation und spezifische landschaftliche und klimatische Gegebenheiten Patagoniens, die Chatwin zur Darstellung des Landes verwenden, um diese Fragmente zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammenzufügen.

Im anschließenden Fazit werde ich meine Erkenntnisse zusammenfassen und versuchen die Intention des Autors herauszuarbeiten.

Meine Arbeit kann nicht den Anspruch der Vollständigkeit erheben, denn dazu wäre es notwendig, das Buch in seiner Gesamtheit zu analysieren, was den vorgegebenen Rahmen leider sprengen würde. Auch die Fotografien Chatwins, die er in In Patagonia veröffentlichte und die auf das Bild von Chatwins Patagonien prägend wirkten, können leider nicht in die Analyse mit einbezogen werden. Vielmehr muss ich mich auf die Betrachtung einiger ausgewählter Stellen und Themenbereiche konzentrieren, an denen ich verdeutlichen möchte, welche Funktion Patagonien vom Autor zugesprochen wird, für welche Idee das Land steht.

2. Patagonien und der Reisebericht

2.1 Annäherung an die Region Patagonien

2.1.1 Historie und Besiedlung

Versucht man Patagonien als einheitliche Region zu umschreiben, erweist sich das schnell als schwierig. Dies fängt mit der Bestimmung der Grenzen an, die schon seit der europäischen Entdeckung nicht klar festgelegt sind.

Umstritten ist hier die nördliche Grenzziehung, allerdings werden meistens der

Rio Colorado und der Rio Negro mit der Stadt Bahia Blanca als Grenze genannt.

Von hier aus bildet Patagonien die gesamte südliche Spitze des südamerikanischen Kontinents bis hin zur Magellanstraße. Diese trennt das Festland von den Feuerland-Inseln, die mal zu Patagonien dazugezählt werden und mal nicht.[6]

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass Patagonien sich über zwei Länder hinweg erstreckt. Der westliche Teil, der etwa ein Drittel der Region ausmacht, gehört zu Chile, der größere östliche Teil zu Argentinien.

Daher hat Patagonien auch keine einheitliche politische und gesellschaftliche Entwicklungsgeschichte.

Patagonien weist nur eine geringe Besiedlungsdichte auf. Die höchsten Einwohnerzahlen haben der nördliche Andenrand, das Rio Negro-Tal sowie einzelne Küstenregionen mit größeren Häfen und Verwaltungsstädten. Große Regionen sind dagegen fast unbesiedelt.[7]

In einer Analyse von Wolfgang Eriksen zur Problematik kulturgeografischer Entwicklungsprozesse ist anhand von Statistiken zu erkennen, dass die durchschnittliche Einwohnerzahl in Ostpatagonien um 1960 bei nur etwa einem Einwohner pro Quadratkilometer lag, oftmals sogar noch darunter.[8]

Die Bewohner Patagoniens sind zum großen Teil Nachfahren eingewanderter Europäer, vor allem aus dem romanischen Raum.

Die indigene Bevölkerung hingegen bildet einen sehr geringen Anteil. Im Norden Patagoniens dominieren die von den Spaniern araucanos genannten Stämme (mapuches, picunches, huiliches), die heute als Mapuches zusammengefasst werden. Die Stämme der Mapuches bilden die größte Gruppe der heute noch lebenden indigenas.

In Osten Patagoniens in der patagonischen Pampa leben die Stämme der tehuelches ( wie aonikenk, günün a küna und huache kenk). In Feuerland waren die alacalufes und yamanas, sowie die selk’nam und die haush die dominierenden Gruppen, wobei fast alle diese Stämme nahezu ausgelöscht sind.

Fast alle indigenas lebten als Nomaden (mapuches, yamanas, selk’nam) oder Halbnomaden (tehuelches).[9]

Zu den ersten Europäern, die Patagonien und Feuerland sichteten, gehörte der portugiesische Seefahrer Ferdinand Magellan, der auf diesen Landstrich stieß, als er einen Seeweg zwischen Atlantik und Pazifik suchte. Man geht jedoch davon aus, dass er zumindest in Bezug auf Feuerland keinen Fuß an Land gesetzt hat, sondern nur die Feuer der indigenas aus der Ferne sah, nach denen er der Region ihren Namen gab.

1527 erkundete Sebastian Cabot, ein venezianischer Entdecker, der in Diensten der spanischen Krone stand, zum ersten Mal die Region La Plata und berichtete über Königreiche voller Silberschätze. 1534 gab es erste Bemühungen der spanischen Krone, einen Sieg über die mapuches zu erringen und so das spanische Hoheitsgebiet nach Süden hin zu erweitern, doch das Vorhaben scheiterte an der Unbeugsamkeit der indigenen Stämme. Auch erste Siedlungsversuche scheiterten, da den Europäern Klima und Landschaft zu rau waren und für eine sesshafte Lebensweise nicht geeignet erschienen.

Im 17. Jahrhundert versuchte man erneut, dass patagonische Binnenland zu erobern, da man an die Existenz einer legendären Ciudad de los Césares glaubte. Eine solche wurde jedoch nie gefunden und trotz einiger Missionierungsversuche blieb Patagonien weiterhin nahezu unbesetzt.

Erst ab 1740 gewinnt die Region in der militärischen Auseinandersetzung mit England wieder an Bedeutung. Besonders wichtig wird hier der Bericht “A Description of Patagonia” des Jesuitenpfarrers Thomas Falkner von 1774, der dort empfiehlt die Region für eine britische Besiedelung und Kolonialisierung zu nutzen. Nun erwachte auch das Interesse der spanischen Krone an Patagonien wieder, die dort erste militärische Standorte errichtete.[10] Patagonien wird zunehmend zum Ziel imperialer Interessen und Kolonisationsabsichten.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts streben die spanischen Kolonien des südamerikanischen Kontinents zunehmend nach Unabhängigkeit, beeinflusst von den Geschehnissen und Umbrüchen in Europa. Trotzdem gab es immer wieder Besiedlungsversuche von Seiten der Europäer, die ihr Interesse an der Region niemals ganz aufgaben. Argentinien erlebte die goldenen Zwanziger Jahre mit Buenos Aires als Zentrum. In den 30er Jahren übernahm General Juan Manuel de Rosas die Führung und baute bis zu seinem Sturz 1852 ein Militärregime um sich herum mit zunehmender Verlagerung des Machtzentrums von der Stadt aufs Land. Nach Rosas Sturz erhielt das Land den Charakter eines Nationalstaates nach US-amerikanischem Vorbild. Im Jahre 1865 kamen schließlich die ersten Europäer aus Wales, um sich im argentinischen Teil Patagoniens anzusiedeln. Ab den 1870er Jahren unter Präsident Sarmiento setzten die großen Einwanderungsströme aus Europa ein unter dem Motto gobernar es poblar. Die Vergabe großer Landkonzessionen an europäische und nordamerikanische Aktiengesellschaften sollte die Besiedlung beschleunigen.[11]

In den Jahren 1879 und 1880 führte man unter General Rocas einen sogenannten Wüstenfeldzug, die Conquista del desierto, der große Teile der indigenen Bevölkerung auslöschte und die Pampa durch die Vernichtung der indigenas nutzbar machen sollte. Die Maßnahmen hatten die erwünschte Wirkung: Immer mehr europäische Siedler ließen sich in Patagonien nieder, um ihr Glück zu versuchen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Patagonien noch immer dünn besiedelt, in Ostpatagonien dominierten britische Zuwanderer, die zum größten Teil von der Schafzucht lebten.[12]

Nach der Schlacht von Chacabuco im Jahre 1817, die mit einem Sieg über die Royalisten endete, wurde 1818 auch in Chile unter Führung von O’Higgins die Unabhängigkeit ausgerufen.

Ab den 1860er Jahren unter dem Begriff der Pacificación de la Araucania versuchte man die indigenen Stämme der Mapuches zu unterwerfen und in Reservate zu drängen. Nach langem und hartem Widerstand der Mapuches galt dieses Unterfangen 1883 als geglückt. Zwischen Chile und Argentinien entbrannten immer wieder Auseinandersetzungen um die Frage der Grenzziehung und der Zugehörigkeit Patagoniens. 1881 unterzeichneten die beiden Nationalstaaten schließlich einen Vertrag, der die gegenseitige Anerkennung der nationalstaatlichen Grenzen regelte. Die Region blieb jedoch immer im Blickfeld des europäischen Imperialismus. Mehr und mehr wurde Patagonien von europäischen Zuwanderern besiedelt; ein überragender Anteil der argentinischen Staatsbürger hat beispielsweise heute europäische Wurzeln. Dagegen verzeichnet man nur noch einen geringen indigenen Bevölkerungsanteil von unter zehn Prozent.[13]

Die Germanistin Jenny Haase spricht in ihrer Habilitationsschrift von einer “doppelten Kolonialisierung” der indigenen Patagonier, einmal durch eine “zunehmende Kolonisierung Patagoniens durch europäische Einwanderer,” zum anderen durch das Vordringen der beiden Staaten Argentinien und Chile in den Süden bis nach Feuerland zur Erschließung der patagonischen Landschaft.[14]

2.1.2 Politische Situation der Region um 1976/77

Zur Zeit des Reiseantritts Chatwins und dem Erscheinen des Buches befanden sich sowohl Chile als auch Argentinien in einer Zeit des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs.[15]

In Chile endete 1973 der Versuch einer sozialistischen Regierung unter Salvador Allende mit dessen Selbstmord und einem Militärputsch unter General Pinochet. Unter Allende hatte es große Bodenreformen gegeben, Bodenschätze sollten zum großen Teil verstaatlicht und Ländereien neu verteilt werden. Viele Großgrundbesitzer wurden vom Staat enteignet, was auf vielen Seiten zu Protesten führte. Sowohl rechte als auch linke extremistische Strömungen erfuhren starken Zulauf, Allende wurde ein Misstrauensvotum ausgesprochen.

Nach dem Putsch löste sich die Militärjunta jedoch nicht wie erwartet auf, um den Weg zu ebnen für freie Wahlen, sondern sie übernahm die Regierungsgewalt. Pinochet wurde zum Kopf des Regimes und errichtete eine Militärdiktatur.

Auch in Argentinien fand 1976 ein Militärputsch statt, der ähnliche Konsequenzen nach sich zog wie im Nachbarland Chile.

Péron, der 1973 mit 78 Jahren bei Neuwahlen zum dritten Mal das Amt des Präsidenten übernahm, war nicht in der Lage die immer stärker werden rivalisierenden Kräfte der Rechten und Linken zu bändigen. Nachdem Perón 1974 an Herzversagen gestorben war, übernahm seine Ex-Frau Isabel Perón die Staatsführung. Nachdem im November 1974 der Chef der Nationalpolizei, Antonio Vilar, erschossen worden war, setzte eine Zeit des Staatsterrorismus ein. Versuche Isabel Peróns, ihre Autorität zu wahren, scheiterten.

1976 schließlich putschte das Militär mit dem Ziel den Peronismus endgültig zu zerschlagen.

Nach dem Putsch bildete sich eine Militärjunta unter dem Befehl der Generäle Videla und Agosti sowie Admiral Massera mit Videla als Staatspräsident.

Oppositionelle Kräfte wurden radikal verfolgt, die florierende Wirtschaft Argentiniens brach zusammen, was zu zunehmendem Widerstand in der Bevölkerung führte. Die Regierung versuchte durch massiven Staatsterror jegliche Kritik am Regime im Keim zu ersticken.

Erst im Jahre 1983 gelangte Argentinien zurück zur Demokratie. Der Falklandkrieg zwischen Argentinien und England, in dem sich Chile auf die Seite der Europäer stellte, leitete das Ende der der Militärdiktatur ein.

In Chile sollte erst in den Jahren 1989/90 der demokratische Wandel eingeleitet werden.[16]

Patagonien wurde von beiden Regierungen in dieser Zeit vor allem zur Einrichtung von Straf- und Konzentrationslagern genutzt, in die man unliebsame politische Gefangene abschob und wurde daher von vielen Einheimischen in Verbindung damit eher negativ wahrgenommen.[17]

Aufgrund des zunehmenden Tourismus gerät die Region in den letzten Jahren jedoch wieder ins Blickfeld der Regierungen. Bis heute ist die Estancia als landwirtschaftlicher Großbetrieb ein prägendes Merkmal des patagonischen Hinterlandes. Neben der Großviehhaltung dominiert nach wie vor die Schafzucht, zudem setzt man seit 1945 verstärkt auf Erdölförderung und Erdgasgewinnung.[18]

2.2 Der Reisebericht

Gegenstand der Betrachtung ist ein Reisebericht, eine Gattung, die aufgrund ihrer Vielfältigkeit und Vielgestaltigkeit nur schwer zu definieren ist.

Allen Reiseberichten liegt jedoch, wie aus dem Gattungsnamen bereits hervorgeht, eine Reise zugrunde. Seit der Mensch reist, ob nun als Händler, Pilger oder Abenteurer, als Missionar oder Wissenschaftler oder ab dem 19. Jahrhundert einfach als Tourist, hat er das Bedürfnis von seinen Reisen zu berichten - eine Tatsache, die das Reisen und das Erzählen eng miteinander verknüpft.

Während diese Berichte im 16. und 17. Jahrhundert vor allem geprägt sind durch Entdeckungs- und Eroberungsreisen, die dem Europäer neue fremde Welten erschließen und Raum schaffen für abenteuerliche Erlebnisse und Mythenbildung in Verbindung mit der exotischen Fremde, dominieren im 18. und 19. Jahrhundert die Bildungsreise, die sich vor allem mit der Betrachtung und Entwicklung des Inneren und der persönlichen Entwicklung und Reifung während der Reise befasst, und die Forschungsreise, die wissenschaftlich und geopolitisch motiviert ist.[19]

Der Reisebericht ist vor allem deshalb schwer eingrenzbar, weil er einen stark hybriden Charakter besitzt und zahlreiche Ausformungen aufweisen kann. Versuche einer Eingrenzung der Gattung von Seiten der Wissenschaft durch Forderungen beispielsweise nach Literarizität der Werke oder Authentizität, erwiesen sich bislang als wenig erfolgreich, da solche Kriterien zur Beschneidung der Fülle des Materials sich meist als untauglich oder wenig sinnvoll erwiesen. So gibt es beispielsweise Forderungen wie die Strelkas, Reiseberichte nur dann als literarisch einzuordnen, wenn sie eine “gewisse Sprachkraft” aufweisen und somit den Ansprüchen der Literaturwissenschaft genügen.[20]

Problematisch ist ein solcher Ansatz, da er viele historische Reiseschilderungen gänzlich aus der Betrachtung ausschließen und damit, in Barbara Kortes Worten, “den Reiz der Gattung verstellen”[21] würde. Sie plädiert für einen Einschluss auch sprachlich und ästhetisch weniger hoch geschätzter Texte, da man eine Entwicklung der Gattung nur in ihrer Vielfalt betrachten kann.[22]

Ein weiteres Problem wirft die Frage nach der Authentizität und dem autobiografischen Anspruch auf. Wird der Reisebericht als autobiografisch verstanden und setzt man wie Zladko Klátik voraus, dass “was veranschaulicht und beschrieben wurde“, vom Autor ”wirklich beobachtet und festgehalten war” und die Person des Erzählers mit dem Autor identisch ist[23], so vernachlässigt man, dass Objektivität und Faktizität in einer literarischen Beschreibung immer auch beeinflusst sind von subjektiven Sichtweisen des Autors. So setzt sich in der Forschung immer mehr die Ansicht durch, dass die Gattung der Reisebeschreibung nicht notwendigerweise an Authentizität gebunden ist, sondern vielmehr jede Beschreibung der Wirklichkeit fiktive Elemente enthält.[24] Tatsächlich liegt die Besonderheit des Genres gerade darin, “dass sie auf thematisch-inhaltlicher wie auch formal-strukturaler Ebene über vielfältige Möglichkeiten verfügt, ihre Welt nach Bedarf erzählerisch zu ordnen oder der Kontingenz auszusetzen.”[25]

So kann der Reisebericht verschiedene “Beobachtungen, Erfahrungen und Reflexionen in einem Text nebeneinander stellen.”[26] Zudem gibt er uns wie keine andere Gattung Einblick in die Gewohnheiten anderer Kulturen und gewährt uns durch seine meist subjektive Schilderung bei deren Betrachtung auch Einblick in das schreibende Subjekt. Allerdings wirft der Vorwurf der Lüge und der Vermischung von Fakt und Fiktion Probleme bei der Untersuchung der Texte z.B. hinsichtlich der Frage nach der Erfahrung der Fremde auf. Reiseschriftsteller unterliegen, gerade in der Darstellung fremder Kulturen und wegen der damit einhergehenden Beschuldigungen der Lüge, dem großen Druck ihre Texte konsistent und einleuchtend zu beschreiben, um so den Eindruck von Wirklichkeitstreue zu erwecken. Diese Wirklichkeit ist aber immer auch geprägt von bereits zirkulierenden Imaginationen über die Fremde und unterliegt demnach “so von vornherein den Vorstellungen, welche die eigene Kultur hervorgebracht hat.”[27]

Das macht es notwendig Reisetexte und ihre Autoren hinsichtlich ihrer sozialen Einbindung und Gesinnung in ihrer Zeit einzuordnen, um so sowohl gesellschaftliche Entwicklungen als auch individuelle Fremdsichten beleuchten zu können. Denn die Beziehung des Fremden zum Eigenen beruht auf einem dynamischen Verhältnis, sie generieren sich gegenseitig. Wer über das Fremde schreibt, erkundet sich selbst und umgekehrt.[28] Daher ist bei der Betrachtung von Texten der Reiseliteratur immer auch Vorsicht geboten, wenn man sie als rein kulturgeschichtliche Zeugnisse betrachtet, denn meist sind sie auch mit einer bestimmten Aussageabsicht des Autors verbunden.

2.3 Der Mythos Patagonien im europäischen Reisebericht

Patagonien war seit seiner Entdeckung ein Land, dass gerade den Europäern immer wieder neuen Raum gab für Spekulationen und sagenhafte Geschichten. So wurden um Patagonien nicht nur immer wieder neue Sagen und Mythen aufgebaut, sondern das Land selbst hat den Status eines Mythos erlangt und dieser ist bis heute erhalten geblieben.

Roland Barthes bezeichnet den Begriff Mythos als ein “Mitteilungssystem”, dass “nicht durch das Objekt seiner Botschaft […]” definiert wird, “sondern durch die Art und Weise, wie er diese ausspricht.” Der Mythos besteht also weniger in einer festen Idee oder Begrifflichkeit, sondern ist eine “Form des Bedeutens” und wird durch soziale Aneignung geschaffen und aktiviert[29].

Auf welchem Wege er transportiert wird, spielt dabei keine Rolle, denn alle Materialen werden “auf die reine Funktion des Bedeutens” reduziert.[30]

Gerade in Bezug auf die Reise wirkt ein Raum, der mythenbehaftet ist und die Vorstellungskraft beflügelt, besonders attraktiv. Die Vorstellungen, die eine Gesellschaft auf eine solche Region projiziert, sind dabei so mächtig, dass eine objektive Wahrnehmung der Region kaum möglich ist. Im Gegenteil: Der Reisende erwartet auf seiner Reise genau diese Vorstellungen zu erfahren.[31]

Antonio Pigafetta, der Begleiter und Chronist Magellans, begründete durch seinen Bericht die ersten Elemente des Mythos Patagonien. Diese beginnen bei der Namensgebung. Magellan soll die patagonischen Ureinwohner, als er ihre Fußabdrücke erblickte, als Riesenfüßler bezeichnet haben. Das spanische pata, dass übersetzt eigentlich Pfote bedeutet, kann ebenfalls als Bezeichnung für den menschlichen Fuß verwendet werden.[32] Ungeklärt wäre bei dieser Bezeichnung jedoch, welche Bedeutung der Endung gón zuzuschreiben ist. Eine weitere Erklärung für den Namen Patagonien wurde erstmals von María Rosa Lida de la Malkiel im Jahre 1952 aufgeworfen, die den Ursprung des Namens auf die Gestalt des Patagón zurückführt, eine riesenhafte Sagengestalt aus dem Zyklus Primaleon of Greece. Laut Fernanda Penaloza wurde das Buch einige Jahre vor Magellans Reise in Spanien veröffentlicht und war dem Seefahrer angeblich bekannt. Eine Benennung der Einwohner des fremden Landes nach dem Untier Patagón wäre also prinzipiell denkbar. Doch diese Version ist bislang rein spekulativ, auch wenn sie in der neueren Forschung einige Anhänger findet und sogar auf der offiziellen Homepage des chilenischen Teils von Patagonien als Namensgeber genannt wird.[33] Chatwin hat Malkiels Aufsatz wohl ebenfalls gelesen, denn er erwähnt den Primaleon als Variante des Ursprungs für die Namensgebung in In Patagonia, ein Name übrigens, der zwar bis heute üblich ist für die zusammenfassende Benennung der Region, der jedoch keine offizielle politisch-administrative Bezeichnung ist, sondern vor allem in der europäischen Welt geprägt wurde.[34]

So entstand der Mythos der patagonischen Riesen, der sich in der europäischen Literatur lange halten konnte. Pigafetta beschrieb die Region als weitgehend menschenleer und unbesiedelt[35]. Auch diese Vorstellung des waste land, der weiten patagonischen Wüstenlandschaft, hat sich bis heute in den Köpfen erhalten.

Ein weiterer Umstand, der das Bild Patagoniens und Feuerlands maßgeblich prägte, war die raue See und die starken Strömungen vor den Küsten ausgelöst durch den beständigen Westwind, die den Seefahrern das Leben schwer machten und so manches Schiff zum Kentern brachten. “Kap Hoorn galt als Maximum dessen, was sich auf den Weltmeeren erleben lässt.”[36] Die damit verbundenen Gefahren befeuerten natürlich auch die Abenteuerlust der europäischen Seefahrer.

Auch der Mythos eines Eldorados fand in Patagonien seine Entsprechung in Form von Berichten über eine legendäre goldene Stadt, die Ciudád de los Césares oder Trapalanda. In den Legenden um sagenumwobene Schätze und Reichtum spiegelt sich die Gier der Eroberer, sie dienten jedoch auch als Argument zur Eroberung der Region und Niederwerfung der Einheimischen.[37] Gefunden wurde eine solche Stadt in Patagonien nie. Berichte anderer Seefahrer und Reisender relativierten mit der Zeit die Berichte der spanischen Conquistadores. Nach Pigafetta prägte vor allem der Bericht des Engländer Francis Fletcher, der Francis Drake auf seiner Weltumsegelung 1577 bis 1580 begleitete, das Bild Patagoniens. Ziel war das Auffinden des sagenumwobenen Kontinents Terra Incongnita Australis, den man im südlichen Pazifik vermutete und nach dem bereits Magellan suchte. Fletchers Bericht war deutlich von Pigafetta beeinflusst und diente wohl als Vorlage für Shakespeare während seiner Arbeit an The Tempest.[38]

Im 17. Jahrhundert geriet der Süden des südamerikanischen Kontinents aus dem Blickfeld der Reisenden und erst im Jahre 1740 wurde durch eine Reise John Byrons das Interesse an dieser Region wieder entfacht. Byrons offizieller Bericht schien ein erneuter Beweis für die Existenz der großgestaltigen Patagonier und wurde erst durch den Jesuiten Thomas Falkner, der 30 Jahre in Südamerika als Missionar stationiert war und während dieser Zeit Patagonien bereiste, im Jahre 1774 relativiert. In A Description of Patagonia umschrieb er Lebensweise und gesellschaftliche Strukturen der nomadischen Völker und lieferte so erste Einblicke in das Leben der indigenas. Zudem war ein Hauptanliegen seines Berichts auch die geografische Erschließung der Region mit durchaus imperialistischen Absichten, denn er empfahl eine Besiedlung Patagoniens durch die britische Krone. Durch die Beschreibung und Vermessung des Landes, konnte er die Legende der Existenz einer Goldenen Stadt stark einschränken.[39] Im 19. Jahrhundert gab es eine wahre Flut von Patagonienreisen, dieser abgelegene Teil der Welt faszinierte vor allem die englischsprachigen Reiselustigen. In dieser Zeit entstanden zahlreiche Reiseberichte wie auch die zwei wohl bekanntesten: Charles Darwins Reise auf der Beagle mit FitzRoy und George Chaworth Muster’s At home with the Patagonians. Darwins Beobachtungen hatten damals großen Einfluss auf die Sicht Patagoniens und sind bis heute ein wesentlicher Bestandteil wissenschaftlicher Betrachtungen der Region. Dabei erlebt er Patagonien vor allem als monotone Einöde und steht damit in der Tradition früherer Reisender wie Pigafetta. “In calling up images of the past, I find the plains of Patagonia cross frequently before my eyes: yet These plains are pronounced by all most wretched and useless. They are characterised only by negative possessions; without habitations, without water, without trees, without mountains, they support merely a few dwarf plants. Why then, and the case is not peculiar to myself, have these arid wastes taken so firm possession of the memory?”[40]

Er liefert auch detaillierte Beschreibungen der indigenen Bevölkerung vor allem der Feuerländer, die er als wenig zivilisiert und primitiv beschreibt, ihre Sprache klingt für ihn schauderhaft und verdient seiner Meinung nach kaum Sprache genannt zu werden.[41]

Musters durchwanderte Patagonien zusammen mit Angehörigen eines Stammes der Tehuelches. Dies diente vor allem dazu die ökonomischen Möglichkeiten Patagoniens zu erschließen, weshalb das Buch reich ist an botanischen und geologischen Beobachtungen. Dank der großen Nähe zu den Indios erhielt er aber auch Einblick in deren Gewohnheiten und Rituale und fertigte sogar ein kleines Wörterbuch der indigenen Sprache an. Sein Blick auf die Tehuelches bleibt dabei der eines Europäers, ihr Leben erscheint ihm vor allem fremd und kurios.[42]

Hudson’s Idle days in Patagonia entstand Ende des 19. Jahrhunderts. Anders als Darwin steht bei Hudson nicht der wissenschaftliche Aspekt des Sammelns von Fakten und Beschreibungen über Geografie, Botanik und andere naturwissenschaftliche Disziplinen im Vordergrund, sondern ”Kontemplation der Natur.”[43] “In Patagonia the monotony of the plains, or expanse of low hills, the universal unrelieved greyness of everything, and the absence of animal forms and objects new to the eye, leave the mind open and free.”[44]

[...]


[1] William H. Hudson 1954 ,S. 4

[2] Susannah Clapp 1997, S.27

[3] Ebd, S.27

[4] Nicholas Travers 2002, S. 6

[5] Michael Ignatieff 2002, S. 16

[6] siehe hierzu Jenny Haase 2009: S. 45 ff

[7] Wolfgang Eriksen 1970, S. 113

[8] Ebd, S.112f

[9] J. Haase 2009, S. 49

[10] s. hierzu Jenny Haase 2009, S. 50f und Asal/Stadler S. 24ff sowie Michael Riekenberg 2009

[11] Oliver Hauswald 2006, S. 23

[12] s. Michael Riekenberg 2009, bis S.104

[13] genaueres dazu bei Stefan Rinke 2007 bis S. 57 und Jenny Haase 2009, S. 51ff

[14] Jenny Haase 2009, S.61

[15] Zur den Entwicklungen der Jahre von ca. 1910 bis 1970 möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen, denn das würde den Rahmen der Arbeit sprengen und erscheint mir nicht notwendig. Eine gute Übersicht dazu fändt man bei Rinke 2007 zu Chile und bei Riekenberg 2009 zu Argentinien

[16] zu lesen bei Stefan Rinke 2007, S.154ff

[17] z.B. Rawson in Trelew (Argentinien) oder Isla Dawson (Chile), Jenny Haase 2009, S. 59

[18] Oliver Hauswald 2006, S. 58

[19] s. hierzu Ralph-Rainer Wuthenow 1980, S. 15ff

[20] Joseph Strelka 1971, S. 65

[21] Barbara Korte 1996, S. 20

[22] ebd., S. 21

[23] Zladko Klátik 1969, S. 136

[24] Boomers Susanne 2004, S. 189

[25] Jürgen Raithel 1999, S.6

[26] Barbara Korte 1996, S. 9

[27] Peter Brenner 1989, S.15

[28] vgl. Christoph Bode 1994 , S. 81ff

[29] Roland Barthes 2003(1957) S. 85

[30] Ebd. S. 93

[31] Oliver Hauswald 2006, S. 13

[32] vgl. Fernanda Penaloza 2005, S. 2

[33] http://www.patagonia-chile.comHYPERLINK "http://www.patagonia-chile.com/" http://www.patagonia-chile.com (aufgerufen am 06.02.2012)HYPERLINK "http://www.patagonia-chile.com/" http://www.patagonia-chile.com

[34] Oliver Hauswald 2006, S, 58

[35] Jenny Haase 2009, S. 66

[36] Oliver hauswald 2006, S.93

[37] Ebd. S. 69

[38] Fernanda Penaloza 2005, S. 4

[39] vgl. Jenny Haase 2009, S. 70f, oder auch: Fernanda Penaloza 2005, S. 6

[40] Darwin 1945, S. 375

[41] vgl. Ebd., S. 220 - 240

[42] George Chaworth Musters: At home with the Patagonians, London 1871

[43] Jenny Haase 2009, S. 77

[44] William H. Hudson 1954, S. 138

Ende der Leseprobe aus 64 Seiten

Details

Titel
Chatwins Patagonien. Zur literarischen Konstruktion und Präsentation der Region in Chatwins Werk
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Literaturwissenschaften)
Autor
Jahr
2012
Seiten
64
Katalognummer
V294092
ISBN (eBook)
9783656920472
ISBN (Buch)
9783656920489
Dateigröße
680 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konstruktion, literarischer Raum, Landschaft, Patagonien, Intertextualität, Bruce Chatwin, Paul Theroux, Indigene, Mythos, El dorado, Pfister, Landschaftsdarstellung, Siedler, Nomaden, Nomadentheorie, Ende der Welt, Migration, Auswandern, Exilanten, Exil, Wüste, Klima, Sturm, Reisebericht, Magellan, Caliban, Pigafetta, Shakespear
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Nicole Heubach (Autor), 2012, Chatwins Patagonien. Zur literarischen Konstruktion und Präsentation der Region in Chatwins Werk, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294092

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Titel: Chatwins Patagonien. Zur literarischen Konstruktion und Präsentation der Region in Chatwins Werk



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