Die Irriducibili und das Problem des Rassismus im Land des Calcio. Gewalt und Diskriminierung im italienischen Fußball


Akademische Arbeit, 2010

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Die 1970er Jahre – Studentische Protestbewegungen in Italien und ihr Einfluß auf die Fankurven

2 Einnahme der Fankurven durch rechtsextreme Gruppen

3 „Auschwitz ist eure Heimat“ – Kein Ende des Rassismusproblems in Sicht

Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

Einleitung

Italienische Fußballfans werden als „tifosi“ betitelt. Der Begriff beschreibt die Leidenschaft der Fans in Italien. Birgit Schönau glaubt, das Fandasein der Italiener gehöre zur Identität wie Religion oder Familie. Politiker und Professoren zeigen sich als Fußballfans, sogar der Vatikan.[1] „Tifosi“ bezeichnet allerdings auch die Krankheit „Typhus“, die meist tödlich endet. Der Autor Franco Ferrarotti sieht in dieser Doppeldeutigkeit des Begriffs „tifosi“ einen wichtigen Einfluss auf den Charakter der Diskussion über italienische Fußballfans.[2] Woher stammt jedoch der Ruf, der den heutigen Tifosi vorauseilt?

1 Die 1970er Jahre – Studentische Protestbewegungen in Italien und ihr Einfluß auf die Fankurven

Zu Zeiten des politischen Protests auf den italienischen Straßen bildeten sich die ersten Ultra-Gruppierungen Ende der 60er Jahre. Als Spiegelbild der damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse entstand in den Stadien eine Jugend- und Fankultur, „die eng mit der linksgerichteten Protestbewegung verwurzelt war“[3], so Pilz und Wölki. Die jungen rebellischen Fußballfans verkörperten eine neue Generation, die sich alle Freiheiten herausnahm und dieses Verhalten auch in den Stadien zeigte.[4] Die Basis für die Entstehung der damaligen Ultras war die politische Einstellung der einzelnen Mitglieder. Die Fankurven änderten sich mit den Ultras sowohl visuell, z.B. durch Spruchbänder oder Rauchbomben, als auch akustisch. Der Capo [5] koordinierte die Gesänge des Fanblocks und war meist der Anführer der Gruppe. Als Hilfsmittel für die Anfeuerungen dienten das Megaphon des Capo sowie Trommeln. Dieses Bild habe sich der Tifosi den Protesten der Straße entliehen, so Gabler. Weiterhin wurde oft politisches Liedgut umgewandelt und zur Unterstützung der eigenen Mannschaft gesungen.[6] Auch die Übernahme der Kurve durch die Ultras, die mit der Zeit zum eigenen Territorium wurde, erhält eine politische Komponente. Die ersten Fanclubs in Italien hatten ihren politischen Ursprung sowohl im linken, teilweise aber auch schon im rechten Spektrum. Die ersten und bekanntesten Fangruppen der damaligen Zeit waren die Brigate Rossonere [7], die Ultras Tito Cuchiaroni von Sampdoria Genua oder die Commandos Rossoblù (FC Bologna).[8] Die rechtsgerichteten Fanclubs trugen Namen wie Boys S.A.N. (Inter Mailand), Viking Juve oder Settembre Bianco Nero (in Anlehnung an die Palästinensergruppe, die bei den olympischen Spielen 1972 in München für den Anschlag auf die israelische Mannschaft verantwortlich war).[9] Wissenschaftler sehen im politischen Zustand Italiens der damaligen Zeit einen wichtigen Grund dafür, wieso sich Ultras derart radikaler und martialischer Symbolik bedienten. So meint der Autor Antonio Roversi:

„Es ist sicher, dass der politische Extremismus […] für die jungen Ultras ein faszinierendes Beispiel darstellt, nicht nur weil er Symbole vorweist, die mit dem Bild von Härte korrespondieren, […] sondern auch, weil er ein Organisations- und Verhaltensmodell repräsentiert, das vollständig ihren Zielen entspricht.“[10]

Und auch Alessandro Dal Lago und Rocco De Biasi sind der Auffassung, dass das hohe polizeiliche Aufkommen im Zuge der politischen Unruhen dieser Zeit dazu geführt habe, dass Ultras die militärische Organisation sowie die kriegsähnliche Einstellung übernommen und gegen die Polizei verwendet hätten.[11]

Mit der Etablierung dieser Ultraszenen nahm auch die Gewalt in den Stadien zu. Dabei fand sowohl der Kampf zwischen Ultras benachbarter Vereine (Bologna/Florenz, Livorno/Pisa), innerstädtischer Clubs (Rom, Mailand) sowie der Kampf zwischen den unterschiedlich politisch positionierten Fanszenen (Verona/Bologna) statt.[12] Den traurigen Höhepunkt der Auseinandersetzungen zwischen den Fanszenen markierte der Tod eines Anhängers von Lazio Rom im Jahre 1979. Beim Spiel gegen den Stadtrivalen traf eine Leuchtrakete der AS Rom Fans den jungen Römer im Gesicht. Die Folge dieses Unglücks war ein erhöhtes Sicherheitsaufgebot in den Stadien. Dieses Datum war zugleich auch ein Wendepunkt in der Geschichte der italienischen Fankurven. Nach und nach nahmen rechtsradikale Gruppierungen die Kurven für sich ein und vertrieben die restlichen Fans aus den Blöcken.

2 Einnahme der Fankurven durch rechtsextreme Gruppen

In den 80er Jahren waren fast alle Fankurven Italiens von den Ultras eingenommen worden und auch das gesellschaftliche Bild änderte sich mit der Zeit. Die wirtschaftliche Prosperität gewährte den Menschen mehr Freiheit, das politische Desinteresse nahm hingegen zu. Auch die Fanblöcke waren nun von Pluralität und Vielfalt geprägt, weswegen die bisher dominierenden Fanclubs ihren Einfluss auf die Kurve einbüßten. Anstatt Einigkeit fand man nun eine Spaltung der Fanblöcke vor, die sich in Ultras mit latenter Gewaltbereitschaft, politischen Ultras sowie in diejenige Fans aufteilte, die sich hauptsächlich als Unterstützer ihrer Mannschaft verstanden.[13] Die ursprünglichen Fanclubs verloren ihren Einfluss vor allem an immer mehr rechtsextreme Fangruppierungen, die sich mit der Zeit mehr und mehr in die Fanblöcke eingenistet haben.[14] Diese Entwicklung wird dabei auch auf die Zerschlagung der Roten Brigaden in den 80er Jahren sowie auf den verminderten Einfluß der Italienischen Kommunistischen Partei (IKP) zurückgeführt.[15]

Rassistische Gesänge und Diskriminierungen gegen Migranten durch Fußballfans nahmen in dieser Zeit deutlich zu, auch außerhalb der Stadien. Die Politik reagierte mit der Einführung des Gesetzes legge Mancino, das „neben schärferen Strafen für Diskriminierung und rechtsextremistische Gewalttaten allgemein auch ein gesetzliches Verbot von rassistischer […] Diskriminierung in Sportstätten brachte.“[16] Das Gesetz zeigte jedoch kaum Wirkung. Vielmehr trug es dazu bei, dass rechtsextreme Gruppierungen noch mehr Einfluss auf die Fankurven ausübten, da nunmehr nur noch das Stadion als einziger Ort übrig blieb, in dem sich rassistische Gruppierungen ausdrücken konnten. Vor allem verstanden es die rechten Parteien der Lega Nord sowie der Forza Nuova, Ultras zu rekrutieren. Capos kandidierten teilweise sogar in Regionalparlamenten für rechte Parteien. Rassismus und Antisemitismus waren nun ein fester Bestandteil vieler Fankurven in Italien. Aufgrund dieses ‚Rechtsrucks’ sahen sich einige traditionelle linke Fangruppierungen wie die 1977 gegründete Commando Ultra Curva Sud des AS Rom gezwungen, sich aufzulösen.[17] Mit den rechtsextremen Fans fanden nicht nur Diskriminierung und Hass ihren Weg ins Stadion, auch die Gewalt nahm deutlich zu. Ultras schreckten nicht vor dem Gebrauch von Waffen zurück und die Möglichkeit, sie illegal in die Stadien einzuschmuggeln, verschärfte die Gefahr für Umstehende zunehmend.[18] Deshalb machten immer mehr Todesfälle im Rahmen von Fußballspielen der italienischen Liga Schlagzeilen. So kam es u.a. 1995 zum Tod eines Fans des FC Genua durch einen 18 Jahre alten Milan-Anhänger, der sich Respekt und Ansehen innerhalb seiner Kurve verschaffen wollte. Verschiedene Ultra-Gruppen versuchten daraufhin, einen Ehrenkodex zu schaffen, um derartige Vorfälle in Zukunft zu vermeiden. Dieser Versuch blieb jedoch erfolglos.[19] Der Staat reagierte mit noch mehr Sicherheits-vorkehrungen, beließ es jedoch dabei, die verfeindeten Ultras von der Polizei voneinander trennen zu lassen. Gabler kritisiert dabei, dass der Staat nicht eingriff, „wenn es zu Regel- und Gesetzesverstößen innerhalb der Kurven kam.“[20] Infolge dessen gab es auch weiterhin rassistische Vorfälle in den Fankurven. Diese Entwicklung hat sich im Laufe der Jahre nicht verändert, vielmehr hat sie sich weiter verschärft.

3 „Auschwitz ist eure Heimat“ – Kein Ende des Rassismusproblems in Sicht

Diese Entwicklung in den Stadien Italiens stellt auch ein gesellschaftliches Problem dar. Jürgen Scheidle erkennt hier ein Klima, in dem viele junge Italiener den Glauben an die Politik verloren haben. Vor allem der Wandel von einem Auswanderungs- zu einem Einwanderungsland sorge in vielen Regionen des Landes für wachsenden Unmut in der Bevölkerung.[21] Der Rassismus, der in den Fankurven, anders als in deutschen Stadien, offen zur Schau gestellt wird, ist daher keine Provokation oder Zeichen eines Protests, sondern tiefste politische Überzeugung der Akteure. Besonders berüchtigt sind die Ultras von Lazio Rom, die Irriducibili (Die Unbeugsamen), welche als die rassistischsten Fans in Italien gelten. Faschistische Gesänge und Spruchbänder sowie Hitlergrüße sind in der Kurve der Lazio-Anhänger keine Seltenheit. Die Irriducibili nehmen zudem mittlerweile die komplette Fankurve Lazios ein. Diese Tatsache ist dem ehemaligen Lazio-Boss Sergio Cragnotti zuzuschreiben. Nachdem er 1992 den Verein übernahm, überließ er den Irriducibili den Kartenverkauf für die gesamte Fankurve. Dadurch seien knapp 300.000 Euro pro Saison in die Kassen des Fanclubs gespült worden. Zudem erfreuen sich die Fans großzügiger finanzieller Unterstützung durch den Verein. Auf diese Weise wuchs der Einfluss der ‚Unbeugsamen’ und sie schafften es, ihr eigenes Monopol zu errichten, bestehend aus Fanartikeln und eigener Radiowerbung.[22] In dieser Zeit bestätigten sie auch ihre faschistische Haltung. Bei einem Stadtderby gegen den Rivalen AS Rom begrüßten Lazio-Fans ihre Kontrahenten mit einem Spruchband auf dem geschrieben stand: „Auschwitz ist eure Heimat, die Öfen sind eure Häuser.“[23] Bei Spielen von Lazio Rom, deren Wappen den faschistischen Adler darstellt, kommt es immer wieder zu rassistischen Vorfällen. Während der Partie gegen den A.S. Livorno Calcio schwenkten Teile der Irriducibili Hakenkreuzfahnen und präsentierten ein Transparent mit der Aufschrift: „Rom ist faschistisch.“[24] Livorno, Gründungsstadt der kommunistischen Partei Italiens gilt mit seiner rein kommunistischen Anhängerschaft als der größte Rivale der Lazio Anhänger, „schließlich bilden die jeweiligen Anhänger entgegengesetzte Pole im politischen Spektrum der italienischen Fankurven“[25], wie Andreas Kump feststellt. Dem Fanclub Irriducibili sowie anderen Ultras z.B. aus Verona, Mailand oder den Anhängern des AS Rom werden darüber hinaus ebenso enge Kontakte zu rechtsextremen Parteien nachgesagt.[26] Auch der Einfluss der Fans auf die Vereinsbosse ist in Italien enorm. Ein Zustand, der in Deutschland kaum vorstellbar wäre. Führende Ultras drohen dem Verein, rechtsextreme Symbole während der Spiele zu zeigen, was zu hohen Geldstrafen führen würde und fordern dadurch Vergünstigungen vom Club. Ein Mittel, das meist zum Erfolg führt.[27] Die Einflussnahme der italienischen Ultras geht sogar so weit, dass sich einige Klubbosse in der jüngeren Vergangenheit aus Angst vor den eigenen Fans nicht trauten, dunkelhäutige Spieler zu kaufen. Giambattista Pastorello, Vereinspräsident von Hellas Verona, gab offen zu: „Meine Fans würden es nicht erlauben, den schwarzen Spieler Patrick Mboma zu verpflichten.“[28] Auch den Kauf des Niederländers Michael Ferrier im Jahre 1996 wussten Verona-Fans zu verhindern. Mit Ku-Klux-Klan Kapuzen bekleidet gingen sie ins Stadion, hängten eine schwarze Stoffpuppe auf und versahen diese mit der Aufschrift „Negro go away.“[29] Diese Aktion hatte erneut Erfolg.

[...]


[1] Vgl. Schönau, Birgit: Calcio – Die Italiener und ihr Fußball, S. 136.

[2] Ferrarotti, Franco: „Squadra grande, squadra mia“ – Fußballkultur und Fanatismus in Italien. In: Horak, Roman et al.: „Ein Spiel dauert länger als 90 Minuten“, S. 73.

[3] Pilz, Gunter A.; Wölki, Franciska: Ultraszenen in Deutschland. In: Pilz, Gunter A. et al.: Wandlungen des Zuschauervehaltens im Profifußball, S. 162.

[4] Vgl. Gabler, Jonas: Ultrakulturen und Rechtsextremismus, S. 24.

[5] Der Capo ist meist der Kopf der Ultras und der „Vorsänger“ im Fanblock. Er ist mittlerweile auch in fast jedem deutschen Stadion zu sehen.

[6] Vgl. ebd., S. 25.

[7] Ultras von AC Mailand, in Anlehnung an die roten Brigaden.

[8] Vgl. Sommerey, Marcus: Die Jugendkultur der Ultras, S. 54.

[9] Vgl. ebd., S. 54.

[10] Roversi, Antonio: Calcio, Tifo e Violenza. In: Gabler, Jonas: Ultrakulturen und Rechtsextremismus, S. 27.

[11] Vgl. Dal Lago, Alessandro; De Biasi, Rocco: Italien football fans: culture and organization. In: Guilianotti, Richard et al.: Football, violence and social identity, S. 81.

[12] Vgl. Scheidle, Jürgen: Ultra(recht)s in Italien. In: Dembowski, Gerd; Scheidle, Jürgen: Tatort Stadion, S. 94.

[13] Vgl. ebd., S. 95.

[14] Vgl. Gabler, Jonas: Ultrakulturen und Rechtsextremismus, S. 30.

[15] Vgl. Scheidle, Jürgen: Ultra(recht)s in Italien. In: Dembowski, Gerd; Scheidle, Jürgen: Tatort Stadion, S. 95.

[16] Ebd., S. 32.

[17] Vgl. Blaschke, Ronny: Im Schatten des Spiels, S. 174.

[18] Vgl. Sommerey, Marcus: Die Jugendkultur der Ultras, S. 55.

[19] Vgl. Blaschke, Ronny: Im Schatten des Spiels, S. 174.

[20] Gabler, Jonas: Ultrakulturen und Rechtsextremismus, S. 33.

[21] Vgl. Scheidle, Jürgen: Ultra(recht)s in Italien. In: Dembowski, Gerd; Scheidle, Jürgen: Tatort Stadion, S. 100.

[22] Vgl. Blaschke, Ronny: Im Schatten des Spiels, S. 178.

[23] Ebd., S. 179.

[24] http://www.ballesterer.at/index.php?art_id=596 (Stand: 12.08.2010).

[25] Ebd., (Stand: 12.08.2010).

[26] Vgl. Scheidle, Jürgen: Ultra(recht)s in Italien. In: Dembowski, Gerd; Scheidle, Jürgen: Tatort Stadion, S. 101.

[27] Vgl. Gabler, Jonas: Ultrakulturen und Rechtsextremismus, S. 60.

[28] Sommerey, Marcus: Die Jugendkultur der Ultras, S. 56.

[29] Blaschke, Ronny: Im Schatten des Spiels, S. 177.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Irriducibili und das Problem des Rassismus im Land des Calcio. Gewalt und Diskriminierung im italienischen Fußball
Hochschule
Universität Osnabrück  (Sozialwissenschaftliches Institut)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V294096
ISBN (eBook)
9783656916031
ISBN (Buch)
9783656916062
Dateigröße
404 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
irriducibili, problem, rassismus, land, calcio, gewalt, diskriminierung, fußball
Arbeit zitieren
Sohrab Dabir (Autor), 2010, Die Irriducibili und das Problem des Rassismus im Land des Calcio. Gewalt und Diskriminierung im italienischen Fußball, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294096

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