Geschlechterordnung im Wandel. Ist die duale Geschlechterordnung noch zeitgemäß?


Hausarbeit, 2014

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Geschlecht und seine Tücken

3. Geschlecht im historischen Kontext
3.1. Entwicklung der Geschlechtermodelle
3.2. Entwicklungen um 2000

4. Gesellschaftlicher und rechtlicher Umgang mit Intersexualität
4.1. Hermaphroditen - von der Antike bis heute
4.2. Behandlungsmaßnahmen
4.3. Intersexualität im deutschen Recht

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

"Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau" (Bibel, 1. Mose 1,27). Die naturgemäße Teilung in Mann und Frau ist nach wie vor fest eingewebt in das Alltagsverständnis der Menschen und wird als eine unabdingbare Realität betrachtet. Diese Realität spielt schon vor der Geburt des Kindes eine bedeutende Rolle. So ist für die Eltern, Verwandte und Freunde nicht nur der Gesundheitszustand des Ungeborenen, sondern vor allem auch das Geschlecht von großer Bedeutung. In jeder Art von Interaktion ordnet der Mensch seinem Gegenüber entweder das Geschlecht Mann oder Frau zu. Sein weiteres Handeln orientiert sich an dieser Zuweisung. So ist die Grundlage einer Interaktion Gleichgeschlechtlicher nicht vergleichbar mit der Zwischengeschlechtlicher (vgl. Lindemann 1992, S.95). Zu Gunsten dieser Überzeugung werden Phänomene, die nicht im Einklang mit der Zweigeschlechtlichkeit stehen, stigmatisiert und als pathologisch angesehen. Intersexuelle, Personen ohne eindeutiges Geschlecht, treten jedoch immer mehr in die Öffentlichkeit und fordern ihre rechtliche und soziale Anerkennung (vgl. Kolbe 2010, S.18). Ferner wünschen sie sich eine Welt, in der Intersexuelle anerkannt werden. Maßnahmen, die sie in das System der Zweigeschlechtlichkeit integrieren sollen, stehen immer mehr in der Kritik. Ein Schritt in Richtung Freiheit stellt ein kürzlich in Deutschland eingeführtes Gesetz dar, das sie von dem Eintrag Mann oder Frau im Geburtenregister entbindet.

Doch auch Menschen, die nicht intersexuell sind, fühlen sich in dem rigiden Zwei-Geschlechter-Modell unwohl. Sie wollen frei sein von dem Zwang, sich dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuordnen zu müssen (vgl. Schmidt, 2014 S.119). Facebook macht dies nun möglich, indem das Netzwerk Mitgliedern die Chance gibt, neben Mann und Frau ihr Geschlecht aus mehr als fünfzig weiteren Geschlechtskategorien auszuwählen (vgl. Beuth 2014). Als weiteres wesentliches Ereignis hinsichtlich Geschlechtsdualität ist Conchita Wurst zu nennen. Als Kunstfigur, die männliche und weibliche Aspekte in sich vereint, gewinnt sie den Eurovision Song Contest 2014 (vgl. Kümmel 2014).

Stellen diese Veränderungen den Beginn einer neuen Ära von Geschlecht dar, in der die Unterscheidung in Mann und Frau keine wesentliche Rolle mehr einnimmt?

In meiner Arbeit stelle ich die Entwicklungen im Umgang mit Intersexualität dar und betrachte die geänderten Sichtweisen auf das Geschlecht im Verlauf der Historie.

Es soll zum einen deutlich werden, dass das Geschlecht, aufgrund von gesellschaftlichen Veränderungen, immer neu definiert wird und zum anderen, dass sich das Zweigeschlechtersystem, so meine These, bereits im Wandel befindet.

2. Geschlecht und seine Tücken

Garfinkel (1984, S.122-128) nennt drei Aspekte von Geschlecht, die in unserer westlichen Gesellschaft immer noch tief in die soziale Struktur und ins Alltagsverständnis eingewebt sind. Er nennt die Naturhaftigkeit, die Eindeutigkeit und die Unveränderbarkeit von Geschlecht. Jene treffen nahezu immer auf Bestätigung und werden somit jeden Tag aufs Neue unter Beweis gestellt. Schon Kleinkinder lernen auf diese Art und Weise Geschlecht.

Im ersten Teil dieser Arbeit wird das komplexe Konstrukt Geschlecht untersucht. Das Geschlecht wird gemäß dem aktuellen wissenschaftlichen Stand in mehrere Ebenen unterteilt, die in gegenseitiger Wechselwirkung stehen. Auf der Grundlage dieser Definitionen wird deutlich, dass die geschlechtliche Teilung in Mann und Frau nicht so eindeutig ist wie oftmals im Alltagsverständnis geglaubt wird. Die Erklärungen zu Intersexualität und Transsexualität stellen die Vielseitigkeit der geschlechtlichen Vielfältigkeit dar und dienen dem Verständnis meiner weiterführenden Arbeit.

Voneinander abzugrenzen ist das Körpergeschlecht, das soziale Geschlecht sowie das psychische Geschlecht. Die Biologie unterscheidet vier Merkmale des Geschlechts. Erstens sind die Chromosomen bzw. Gonosomen zu nennen. Ein Chromosomensatz von 46, XX wird als weiblich, ein Chromosomensatz von 46, XY als männlich definiert. Zweitens sind die Gonoden, auch Keimdrüsen genannt, anzuführen; Eierstöcke machen demnach eine Frau aus und Hoden einen Mann (vgl. Kolbe 2010, S.23f.). Drittens stellen die Hormone bzw. Sexualhormone ein Indiz für die Geschlechtszuordnung dar. Diese sind jedoch entgegen der üblichen Meinung nicht strikt männlich oder weiblich. Sie unterscheiden sich bei Mann und Frau jedoch deutlich in ihren Konzentrationswerten, sind aber sowohl im männlichen als auch im weiblichen Körper vorhanden (vgl. Dt. Ethikrat 2012, S.32). Als viertes Merkmal gilt in der Biologie das morphologische Geschlecht, also die primären und sekundären Geschlechtsmerkmale, ebenso Körperbau und Fettverteilung (vgl. Christiansen 2001, S.17).

Gerade bei dem morphologischen Geschlecht erkennt man die Schwierigkeit der Biologie, eine feste Definition zu dem einen oder anderen Geschlecht zu geben. So ist beispielsweise naturgemäß der Fettanteil der Frau höher und die Körpergröße geringer im Vergleich zum Mann. Doch nicht immer stimmen diese Relationen, trotzdem wird mit großer Wahrscheinlichkeit nicht an dem Geschlecht gezweifelt (vgl. ebd. S.22f.). Desweiteren sprechen Knußman und Christiansen davon, dass in jedem Menschen nicht nur das eine, sondern auch das andere Geschlecht angelegt ist und erst im Verlauf der embryonalen Entwicklung das Geschlecht sich herauskristallisiert. Auch das Vorhandensein gleicher Geschlechtshormone führt zu ihrer Annahme: "Gerade die Biologie mit der exakten Methodik, zeigt uns, wie vielfältig die Erscheinungsformen weiblicher und männlicher Individuen und wie fließend die Übergänge von Mann zu Frau sind." (vgl. ebd. S.13). Intersexuelle im Besonderen lassen sich auf Basis ihres Körpergeschlechts nach den biologischen Richtlinien nicht eindeutig in das Zweigeschlechtersystem einordnen. Sie stehen zwischen den Geschlechtern (vgl. Vetter 2010, S.46). Häufig gehen mit der Diagnose Intersexualität verschiedene medizinische Behandlungsmaßnahmen einher, die nicht frei von Nebenwirkungen psychischer, aber auch körperlicher Natur sind. Eine gängige Maßnahme ist die Entfernung der Gonaden, welche durch die Herstellung der Geschlechtshormone zu Virilisierung oder Feminisierung der körperlichen Merkmale führt. Oftmals wird dies von den Betroffenen als Kastration empfunden, da eine eventuell mögliche Fruchtbarkeit durch die Operation ausgeschlossen wird. Desweiteren werden mehr oder weniger kosmetische Behandlungen durchgeführt, um das Genital der Norm entsprechend zu konstruieren und vor allem heterosexuellen Geschlechtsverkehr zu ermöglichen. Unter solchen Operationen, die häufig nur dem Aussehen dienen, leidet die Empfindsamkeit der Patienten. Letztendlich ist eine Hormontherapie vonnöten, um ein erwachsenes Erscheinungsbild zu erreichen und die Geschlechtsmerkmale des gewünschten Geschlechts zu erreichen. Häufige Nebenwirkungen sind beispielsweise Depressionen (vgl. Kolbe 2012, S. 139-143). Für Intersexuelle gibt es eine Vielzahl an Begrifflichkeiten. Während früher häufiger der Begriff Hermaphroditismus benutzt wurde, der eher auf eine Person, die beide Geschlechter in sich vereint, schließen lässt, wird in der aktuellen Literatur am häufigsten der Begriff Intersexualität gebraucht, der offen lässt, ob es sich um eine Person mit beiden Geschlechtern handelt oder um eine Person ohne Geschlecht (vgl. Schweizer 2012, S.27f.).

In der Medizin ist seit 2005 der Begriff Disoders of Sexual Development (DSD) geläufig, der wegen dem Wort disorders, übersetzt Störungen, in Kritik geraten ist. Aus diesem Grund wird er in der aktuellen Literatur selten verwendet und Betroffene lehnen ihn oftmals ab (vgl. ebd. S.32). Allgemein bekannt ist der Begriff Zwitter, der allerdings mehr im Alltagsgebrauch auftaucht. In diesem Teil soll aufgezeigt werden, dass es das Phänomen der Intersexualität gibt und schon allein deswegen keine grundsätzliche Zweigeschlechtlichkeit existiert. In welcher Häufigkeit Intersexualität vorliegt, ist aus verschiedenen Gründen schwer zu bestimmen. Zum einen kommt es auf die Definition von Intersexualität an und zum anderen wird nicht immer bei der Geburt die Intersexualität auch erkannt sondern fällt erst zu einem späteren Zeitpunkt auf, zum Beispiel, weil die Menstruation ausbleibt. Biologin Fausto-Sterling schätzt, dass 17 von 1000 Menschen als Intersexuelle geboren werden (vgl. Kolbe 2010, S.29).

Studien mit Transsexuellen und Intersexuellen gelten als Grundlage für die Unterscheidung in sex als den angeborenen Unterschied von Geschlecht und gender als kulturell vorgegeben und sozial erworbenen. Heterogene Geschlechterrollen, die von der Gesellschaft produziert und sanktioniert werden, befinden sich im ständigen Wandel. Die Unterscheidung in sex und gender ändert jedoch nichts daran, dass die Definitionsmacht weiterhin bei den Ärzten liegt. Diese entscheiden nach den oben genannten medizinischen Richtlinien über die Geschlechtszugehörigkeit (vgl. Schössler 2008, S. 10). Butler (1997, S.20f.) kritisiert diese Unterscheidung, definiert das Körpergeschlecht ebenso wie das soziale Geschlecht, konstruiert von Naturwissenschaften wie Biologie und Medizin, welche die Entscheidung darüber treffen, welches Organ für das anatomische Geschlecht entscheidend ist und eine Norm festlegen. Das soziale Geschlecht ist relevant für die Zuordnung zu einem Geschlecht durch andere (vgl. Dt. Ethikrat 2012, S.27). Das psychische Geschlecht ist die individuelle Einordnung zu einem Geschlecht oder auch zu keinem Geschlecht auf Basis biologischer und genetischer Anlagen. Dieses kann im Einklang mit dem anatomischen stehen oder aber konträr sein (vgl. Schweizer 2012, S.24). Transsexuelle lassen sich biologisch nach medizinischen Richtlinien klar dem einen oder anderen Geschlecht zuordnen, jedoch empfinden sie sich selbst nicht diesem biologischen Geschlecht entsprechend. Das Körpergeschlecht stimmt nicht mit dem psychischen Geschlecht bzw. der Geschlechtsidentität überein (vgl. Vetter 2010, S.49).

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Details

Titel
Geschlechterordnung im Wandel. Ist die duale Geschlechterordnung noch zeitgemäß?
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Veranstaltung
Ist die duale Geschlechterordnung noch zeitgemäß?
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V294104
ISBN (eBook)
9783656918257
ISBN (Buch)
9783656918264
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geschlechterordnung, wandel
Arbeit zitieren
Nicole Memmer (Autor:in), 2014, Geschlechterordnung im Wandel. Ist die duale Geschlechterordnung noch zeitgemäß?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294104

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