Straight Edge Punk. Eine soziale Bewegung?


Seminararbeit, 2014
28 Seiten, Note: 5.25 (Schweizer Notengebung)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Begriff der sozialen Bewegung
1.1. Protest und soziale Bewegung
1.2. Kultur und soziale Bewegung
1.3. Die kollektive Identität
1.4. Mobilisierung und die Theorie der Frames

2. Die Straight Edge Punks
2.1. Old School 1981 - 1988
2.2. New School 1989 - 2000
2.3. Straight Edge seit 2001
2.4. Straight-Edge-Identität und Ideologie

3. Analyse
3.1. Soziale Bewegung, kollektive Identität und Protest
3.2. Die Frames

Schlusswort

Bibliographie

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

Straight Edge wird als Ausläufer der Punks in den 1980er Jahren in den USA bezeichnet. Die Musikgruppe Minor Threat beeinflusste Straight Edge im Entstehungsprozess massgeblich. Die Grundzüge lassen sich an einem Auszug aus ihrem Song Straight Edge erkennen, der 1981 erschien (Vergl. Stelter o.J.):

Der Titel des Liedes, wie auch sein Inhalt, charakterisierten die Gruppierung und waren namensgebend. Die Straight Edge Punks wenden sich gegen die Gesellschaft und den Konsum. Des Weiteren verneinen sie den Nihilismus der Punks. Im Zentrum steht der Verzicht auf Drogen, Alkohol und eine promiskuitive Lebensführung (Vergl. Copes/Williams 2005, 69).

In der nachfolgenden Arbeit soll untersucht werden, inwiefern die Straight Edge Punks als soziale Bewegung gesehen werden können. Zuerst wird der Begriff der sozialen Bewegung genauer definiert und im Kontext des Protestes, der kollektiven Identität und der Mobilisierung betrachtet. Auch wird aufgegriffen, wie die Wechselwirkung von Kultur und sozialer Bewegung aussehen kann. Anschliessend wird der Fokus auf die Straight Edge Punks und ihre Entstehung gelegt. Es ist abschliessend wichtig, ihre Ideologie und die Faktoren, welche zur Bildung ihrer kollektiven Identität führen, genauer zu betrachten. In der Analyse erfolgt die Auswertung der Fragestellung und im Schlusswort wird das Ergebnis diskutiert.

1. Der Begriff der sozialen Bewegung

Ein auf gewisse Dauer gestelltes und durch kollektive Identität abgestütztes Handlungssystem mobilisierter Netzwerke von Gruppen und Organisationen, welche sozialen Wandel mit Mitteln des Protests – notfalls bis hin zur Gewaltanwendung – herbeiführen, verhindern oder rückgängig machen wollen. (Rucht 1994, 77)

Soziale Bewegungen zielen auf einen tiefgreifenden und umfassenden gesellschaftlichen Wandel ab. Der Begriff bezeichnet somit eine kontinuierliche Handlung einer kollektiven Einheit. Es handelt sich hier um soziale Gruppen. Die Tatsache, dass viele Menschen das gleiche Ziel verfolgen, macht aber noch keine Gruppe aus ihnen. Die Mitglieder müssen in Verbindung stehen, miteinander zu tun haben und ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln. Dieses Bewusstsein entsteht durch Teilnahme und gemeinsames Handeln. Vorausgesetzt ist daher eine gewisse Dauer der Verbindung. Wenn wir soziale Bewegungen als Gruppen verstehen, so sehen wir, dass sie typischerweise nicht überreifend organisiert sind. Nach Heberle bestehen somit drei Faktoren, die eine soziale Gruppe definieren: Das Zusammengehörigkeitsgefühl, das gemeinsame Handeln, und der fehlende Organisationsgrad (Vergl. Heberle 1967, 8-12).

Nach Diani und Della Porta sind Aktivisten einer sozialen Bewegung, involviert in Konfliktsituationen mit klar identifizierbaren Gegenspielern, verbunden in einem kompakten Netzwerk und durch eine gemeinsame Identität geprägt. Träger einer sozialen Bewegung engagieren sich in politischen oder sozialen Konflikten. Ziel ist es, entweder sozialen Wandel herbeizuführen oder diesen zu verhindern. Ein Anliegen, welches von gesellschaftlichen Problemen oder der Steigerung moralischer Werte handelt, muss noch keine soziale Bewegung auslösen. Eine soziale Bewegung muss bestimmte Ziele identifizieren und festlegen, welche sie erreichen möchte. Das heisst, es werden der Gesellschaft oder der Politik konkrete Bedingungen vorgelegt. Werden jedoch die Menschheit als Ganzes oder aber nur das Verhalten eines spezifischen Individuums angeprangert, kann man nicht von sozialer Bewegung sprechen. Kompakte Netzwerke unterscheiden soziale Bewegungen von kollektiven Aktionen (Vergl. Della Porta/Diani 2008, 20-22).

Die soziale Bewegung beschreibt für Johnston eine Kernkraft des sozialen Wandelns, basierend auf Ideologien, Werten und Frames. Ein weiteres Merkmal ist, dass sie meist abseits von politischen Institutionen mobilisieren (Vergl. Johnston 2014, 1). Der Aktionsplan sozialer Bewegungen umfasst Demonstrationen, Meetings, Protestaktionen und weitere Tätigkeiten, welche auf staatliche Entscheidungsträger Druck ausüben sollen. Des Weiteren zeichnen soziale Bewegungen eine gewisse Kontinuität und Kohäsion aus, welche auf ihrer kollektiven Identität beruhen (Vergl. Johnston 2014, 24-25). Sie bestehen grundlegend aus Gruppen und Organisationen, welche das Individuum zur Partizipation und Handlung anregen. Johnston unterscheidet vor allem drei Sphären bei sozialen Bewegungen und betont ihren starken Netzwerkcharakter. Netzwerke verbinden auch verschiedene Bewegungen miteinander durch überlappende Mitgliedschaften oder Führerpersönlichkeiten. Dies bezeichnet er als structural sphere. Die Werte, die Ideologie, die Ideen und Ziele bezeichnet er als ideational-interpretative sphere. Darin ist auch die Betrachtung der sozialen Bewegung als sozialen Gruppe, ihrer kollektiven Identität und der Frames enthalten. Diese kollektive Identität und die Frames führen zu einer Interaktion. In der performative sphere sind die kollektiven Handlungen enthalten, wie beispielsweise Strassenproteste, Demonstrationen, Streiks und Märsche. Johnston versteht dabei soziale Aktion als Theater und unterstreicht ihren symbolischen Charakter (Vergl. Johnston 2014, 3-7).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Dimensionen von sozialen Bewegungen (Johnston 2014, 6)

Abschliessend kann gesagt werden, dass sich alle vier Autoren einig sind, dass soziale Bewegungen einen sozialen Wandel anstreben, auch wenn die Eingriffstiefe nicht immer klar definiert ist. Ein weiteres Merkmal liegt in der kollektiven Identität. Auch das Element des Protestes, welcher ausgedrückt wird, um Druck auszuüben, ist bei allen vertreten und der Netzwerkcharakter wird betont. Ausser Diani und Della Porta legen alle Autoren Wert auf eine gewisse Dauer der Verbindung. Johnston ergänzt die Darstellung durch drei Sphären, die eine soziale Bewegung ausmachen.

1.1. Protest und soziale Bewegung

Der Modernisierungsprozess bedingt Probleme und Spannungen, für die Lösungen gefunden werden müssen. Das Aufbrechen von neuen Konkurrenzen, Verteilungskonflikte, die Entstehung von neuen und Zerstörung von alten kollektiven Identitäten, die Externalisierung von Kosten des gesellschaftlichen Nachteils Dritter (Vergl. Kern 2008, 12).

Eine soziale Bewegung sieht Opp als bestimmten Typ der Protestgruppe. Es besteht eine Organisation, auch wenn diese nicht klar festgelegt sein muss, und die Anzahl der Mitglieder spielt eine Rolle. Je grösser und formeller organisiert die Gruppe ist, desto näher kommt sie dem Bereich der sozialen Bewegung. Je kleiner und informeller, umso eher entspricht sie einer Protestbewegung (Vergl. Opp 2009, 41):

(…) we suggest to define protest as a joint (i.e. collective) action of individuals aimed at achieving their goal or goals by influencing decisions of a target. A protest group is defined as a collectivity of actors who want to achieve their shared goal by influencing decisions of a target. A social movement is a type of protest group with several distinguishing characteristics such as size and degree of organisation. (Opp 2009, 44)

Soziale Bewegungen können als Funktionssysteme erfasst werden, wobei sie eng mit dem Protestbegriff verbunden sind. Die Kritik der Gesellschaft ist ein Teil der Gesellschaft und dies ist für Luhmann die Funktion der sozialen Bewegungen. Er betont hier auch die Bedeutung der Massenmedien. Soziale Bewegungen an sich haben nicht das Ziel, ihre Anliegen selbst zu lösen, sondern richten sich an eine dritte Institution. Es geht darum, Menschen zu mobilisieren, Aufmerksamkeit zu gewinnen und Druck auszuüben, um die anvisierten Ziele zu realisieren. Protest, oder auch Kritik, begründen die sozialen Bewegungen (Vergl. Luhmann 1996, 175-188).

Demonstrationen unterscheiden soziale Bewegungen von anderen Netzwerken. Um ihre Ziele zu erreichen müssen soziale Bewegungen die Öffentlichkeit mobilisieren, damit Druck aufgebaut werden kann. Protest bleibt also nach wie vor ein wichtiges Instrument und bestimmt daher weiterhin die Strukturen und Taktiken von sozialen Bewegungen (Vergl. Della Porta/Diani 2008, 28-29).

Karl-Dieter Opp legt vier Punkte dar, die eine Definition von Protest liefern: (1) Protest ist eine soziale Aktion oder ein Verhalten. (2) Die Akteure verbindet mindestens ein gemeinsames Anliegen. Protest wird somit als Ausdruck von Beschwerde oder Klage verstanden. (3) Die Akteure können ihre Anliegen nicht selber umsetzen. Sie müssen sich an eine Instanz richten und auf sie Druck ausüben. (4) Das Verhalten wird als nicht regulär und unkonventionell empfunden (Vergl. Opp 2009, 34-35).

Zwischen der Modernisierung und dem Protest besteht ein enger Zusammenhang. Nicht nur die Gesellschaft verändert sich auf Grund der Protestbewegungen, umgekehrt passen sich die Protestbewegungen den veränderten sozialen Rahmenbedingungen an. Dabei lassen sich vier wesentliche Tendenzen beobachten: In den meisten Gesellschaften hat die „Eingriffstiefe“ sozialer Bewegungen immer stärker abgenommen. Der Anspruch und die Wirkung sozialer Proteste sind immer geringer geworden. Sie haben ihren radikalen Charakter verloren und beschränken sich meist auf die Reform gewisser Missstände in der Gesellschaft. Ein zweiter Trend wird mit dem Begriff der „Bewegungsgesellschaft“ in Verbindung gebracht. Darunter versteht man, dass die Themen für soziale Proteste mit zunehmender Modernisierung immer zahlreicher werden. Als Instrument zur Artikulation und Durchsetzung von Ansprüchen stossen Proteste auf immer mehr Akzeptanz. Protest ist somit nicht mehr das Instrument der Marginalisierten, sondern wird vermehrt von akzeptierten Gruppen, Parteien und Interessenverbänden genutzt. Drittens spielt die weltweite Ausbreitung der sozialen Bewegungsform eine Rolle. Beschränkten sich früher die ersten modernen sozialen Bewegungen noch auf Europa und Nordamerika, so sind sie heute global vertreten und haben sich als dauerhafter Bestandteil des politischen und sozialen Lebens etabliert. Der vierte Trend ist die Entstehung und das enorme Wachstum sogenannter transnational advoacy networks im Kontext der Globalisierung. Individuelle und kollektive Akteure setzen sich international für spezifische Reformen ein. In diesen Netzwerken werden nicht nur Informationen ausgetauscht, sondern auch gemeinsame Werte geteilt (Vergl. Kern 2008, 14-16).

Protest ist somit ein Ausdruck von Kritik, der eine öffentliche Austragung in einer gewissen Form braucht, um Aufmerksamkeit zu erhalten und Druck auszuüben auf Entscheidungsträger. Durch diesen Druck ist es für sie möglich, einen Wandel zu erreichen. Protest ist ein fester Bestandteil von sozialen Bewegungen und kann als Unterscheidungsmerkmal zu anderen Gruppierungen und Nerzwerken gesehen werden. Interessant ist hier die Betrachtung von Opp, der ein Phänomen je nach Grösse und Organisation entweder eher den sozialen Bewegungen oder der Protestgruppe zuordnet. Protest wird oft als eigentliche Funktion der sozialen Bewegung betrachtet. Kern bietet hier eine wichtige Ergänzung mit dem Verweis auf die veränderte Eingriffstiefe.

1.2. Kultur und soziale Bewegung

Culture is composed of shared thoughts, feelings, and morals, along with the physical embodiments we create to express or shape them. It is through cultural process (…) that we give the world meaning, that we understand ourselves and others. Culture permeates protestors actions, and also those of all the other players with whom they interact, such as judges, police, legislators, reporters, and others. (Jasper 2014, 7)

Kultur lässt sich insofern in sozialen Bewegungen wiederfinden, als dass die Mitglieder ihre Werte, Glaubenssätze und ideologische Orientierung mitbringen oder sich kritisch damit auseinandersetzen. Johnston stellt sich die Frage, wie die Wechselwirkung von Bewegungen und Kultur erfasst werden kann. Er spricht von der Matrix der Kultur und nennt drei Kategorien, mit denen sich der Einfluss der Kultur in sozialen Bewegungen untersuchen lässt: performances, artifacts und ideations. (1) Performances sind symbolische Handlungen, die von Zuschauern gedeutet werden. Also Demonstrationen, Märsche, Pressekonferenzen und Debatten. Dies ist der Ort, an dem Kultur erschaffen und erreicht wird. (2) Bei den artifacts handelt es sich um individuell oder kollektiv produzierte, materielle, kulturelle Objekte, die allen zugänglich sind. Sie resultieren aus den perfomances und bilden gleichzeitig die Basis für weitere symbolische Handlungen. Damit sind Musik, Graffiti, Symbole und Kunst gemeint. (3) Ideations bilden die Idee hinter der eigentlichen Handlung. Dabei handelt es sich um Werte, Mentalitäten, Normen, Verhaltensregeln und Glaubensansichten. Diese drei Kategorien befinden sich in Wechselwirkung miteinander. Soziale Handlungen bilden, nach Johnston, die Basis der Kultur. Artifacts sind nicht nur materiell sondern auch sozial konstruiert. Sie können auch als soziale Handlung gesehen werden, da der Erschaffer das Publikum, an den er sein Werk richtet, immer im Kopf hat. Die artifacts und die performances sind direkt mit den ideations verbunden. Der Begriff der Matrix der Kultur umfasst alle strukturellen Elemente der Kultur und ihre Wechselwirkungen. Er umfasst ihre Komplexität und Diversität. Soziale Bewegungen sind für Johnston im Bereich der performances angesiedelt. Demonstrationen und Protest richten sich an ein Publikum. Johnston bezeichnet sie als oppositionelle Handlungen. Sie sind somit ein Teil der Diversität und des Konflikts in der Kulturmatrix. Soziale Bewegungen sind eine Sammlung von Kritiken und Protest. Beim gemeinsamen Handeln werden die Akteure von den Betrachtern als Mitglieder einer Bewegung assoziiert. Aus der kulturellen Perspektive stellen Bewegungen ein Netzwerk von oppositionellen Meinungen und Symbolen dar. Dies wird wiederum von den restlichen Mitgliedern der Kulturmatrix gedeutet. Es handelt sich also um zwei Seiten der Betrachtung: Die kollektive Handlung und die Betrachtung vom Publikum (Vergl. Johnston 2009, 3-9).

Every social movement is not only a creation and affirmation of its own ideoculture, but also the creation of the larger culture in which it is embedded. (Johnston 2009, 9-10)

Kultur hat, nach Jasper, drei Hauptkomponenten. (1) Kognition umfasst die Glaubenssätze, die wir über die Welt gebildet haben und die Beschwerden, welche wir an sie richten. Auch sind darin Unterscheidungen zwischen zwei Sachverhalten oder Dingen gemeint. Hier werden Frames und die kollektive Identität erfasst. Auch gehören Geschichten und Taktiken dazu. (2) Emotionen verlinken die Menschen mit ihrem aktuellen Leben. Emotionen geben Antrieb und sind funktionell. Sie durchdringen die Kognition und sorgen dafür, dass kollektive Identität wichtig ist. Zusätzlich gibt es die Moral (3). Sie besteht aus zwei Teilen: Prinzipien und Intuition. Prinzipien bestehen aus klar formulierten Verhaltensregeln. Wohingegen Intuition ein Gefühl beschreibt, welches aussagt, ob etwas richtig oder falsch ist. Diese drei Teile sind präsent in politischen Statements und Handlungen und beeinflussen einander (Vergl. Jasper 2014, 7-8).

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Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Straight Edge Punk. Eine soziale Bewegung?
Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)
Veranstaltung
Sozialanthropologie
Note
5.25 (Schweizer Notengebung)
Autor
Jahr
2014
Seiten
28
Katalognummer
V294126
ISBN (eBook)
9783656917311
ISBN (Buch)
9783656917328
Dateigröße
714 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Punk, Straight Edge, Straight Edge Punk, soziale Bewegung, Bewegung
Arbeit zitieren
Susanne Ilg (Autor), 2014, Straight Edge Punk. Eine soziale Bewegung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294126

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