In Anlehnung an den Aufsatz von Eugen Drewermann, der die Gedanken Søren Kierkegaards über Angst und Verzweiflung in die Neurosenlehre der Psychoanalyse überträgt, möchte ich die vier dort analysierten Formen der Verzweiflung (Zwangsneurose, Hysterie, Depression und Schizoidie) an einigen Figuren Musils aus Der Mann ohne Eigenschaften darstellen. Meine Seminararbeit versucht auch, Ulrich als Menschen zu beschreiben, der frei von Daseinsangst und deren Konsequenzen lebt – fern jeder Verzweiflung.
Ich möchte versuchen, einen Zusammenhang herzustellen, zwischen Ulrichs Streben nach einem essayistischen Lebensprogramm ohne Angst und Verzweiflung und seinem Denken als Möglichkeitsmensch. Zum besseren Verständnis der vier Formen der Verzweiflung werde ich diese nicht nur (negativ) am Mann ohne Eigenschaften zeigen (wie sie bei Ulrich gerade nicht auftreten), sondern auch (positiv) in ihrem Vorkommen bei anderen Figuren.
Dabei wäre es allerdings falsch, sich vorzustellen, das Schema der vier Verzweiflungsformen wäre bei Menschen tatsächlich streng gegliedert vorzufinden. Auch wenn Neurosenformen nicht nur als Krankheit oder als Konsequenz frühkindlicher Schäden zu sehen sind, sondern als „Spiegel von Konflikten die dem menschlichen Dasein insgesamt zukommen oder sogar deren Grundlage bilden“ , wäre es naiv, sich vorzustellen, es gäbe einen rein depressiven oder rein zwangsneurotischen Menschen. Diese vier Typen sind der Versuch einer vereinfachenden Darstellung seelischer Konflikte und menschlicher Verzweiflung. Weder treffen wir in unserer Wirklichkeit auf diese vier Typen in Reinform, noch in den Figuren in Der Mann ohne Eigenschaften.
Ich setze voraus, dass der Leser diese vier Kategorien als Werkzeug versteht, als Methode der Figurenanalyse ohne zu glauben, man könne die Figuren nach diesem Muster ausreichend charakterisieren. Daher werde ich zugleich immer auch mögliche Einwände anführen, warum die Figuren jenen Typen auch widersprechen. Sicher wäre es interessant, mehrere Charaktere nach diesem Schema zu analysieren und noch andere Belegstellen für eine Typisierung zu finden. Das übersteigt aber den zeitlichen Rahmen meiner Seminararbeit, deren Ziel die Charakterisierung Ulrichs, des Manns ohne Eigenschaften ist – als Mann ohne Angst und Verzweiflung.
Inhaltsverzeichnis
I. Verzweiflung und Angst – zwei Aspekte einer Figurenanalyse
II. Verzweiflung als Konsequenz von Daseinsangst
1. Freiheit als Zwang?
2. Was ist Verzweiflung?
3. Die Angst des Menschen
III. Vier Formen der Verzweiflung
1. Die Zwangsneurose – Verzweiflung der Notwendigkeit
2. Hysterie – Verzweiflung der Möglichkeit
3. Depression – Verzweiflung der Unendlichkeit
4. Schizoidie – Verzweiflung der Endlichkeit
IV. Heilung durch Literaturwissenschaft?
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit verfolgt das Ziel, basierend auf der neurosenpsychologischen Perspektive von Eugen Drewermann, die bei Søren Kierkegaard verwurzelten Konzepte von Angst und Verzweiflung auf die Figuren aus Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ anzuwenden. Dabei soll insbesondere analysiert werden, wie die Figur Ulrich als ein Mensch charakterisiert werden kann, der frei von Daseinsangst lebt, während andere Charaktere unterschiedliche Formen der Verzweiflung verkörpern.
- Analyse der vier Grundformen der Verzweiflung: Zwangsneurose, Hysterie, Depression und Schizoidie.
- Untersuchung von Ulrichs essayistischem Lebensprogramm als Gegenentwurf zur Verzweiflung.
- Darstellung von seelischen Konflikten der Romanfiguren im Spiegel der Neurosenlehre.
- Reflexion über die Rolle der Literaturwissenschaft bei der Existenzanalyse fiktiver Charaktere.
Auszug aus dem Buch
Die Zwangsneurose – Verzweiflung der Notwendigkeit
Der Zwangsneurotiker verwandelt jeden seiner Wünsche in einen Zwang. Er versucht, all seinen Tätigkeiten einen höheren Zweck einzustiften – oder besser gesagt, sich diesen einzureden. Er muss bei allem, was er tut einem Gesetz, einer Ordnung folgen. Sein ganzes Leben wird zur Pflicht. Die Balance zwischen den beiden Polen Notwendigkeit und Möglichkeit misslingt. Gefangen am Pol der Notwendigkeit lebt der Zwangsneurotiker aufgrund des Fehlens der Möglichkeit in dem Irrglauben, alles was er macht, müsse notwendig Sinn machen. Der Zwangsneurotiker glaubt nur aufgrund von Leistung eine Daseinsberechtigung zu verdienen und kann den anderen immer nur als Konkurrenten wahrnehmen.
Möglichkeit wird geleugnet aus Angst vor der Tatsache, dass unser Dasein durchaus nicht notwendig ist. Im Mann ohne Eigenschaften existiert durchaus das Bewusstsein, das Leben und Menschen nicht notwendig sind, zum Beispiel wenn es heißt: „Ich bin nur zufällig, feixte die Notwendigkeit“. Darin kommt auch zum Ausdruck, dass die erschreckende Kontingenz der Wirklichkeit für Ulrich eine Erleichterung darstellt (wenngleich man sagen muss, dass diese Zeilen weniger von Ulrich, als vielmehr von Musil selber stammen.) „Selbst Gott würde am liebsten von dieser Welt im Konjunktiv potentials sprechen...“, schreibt Ulrich, „...denn Gott macht die Welt und denkt dabei, es könnte ebenso gut anders sein.“
Zusammenfassung der Kapitel
I. Verzweiflung und Angst – zwei Aspekte einer Figurenanalyse: Einführung in die methodische Herangehensweise, die Kierkegaards Gedanken zur Angst auf Musils Romanfiguren überträgt.
II. Verzweiflung als Konsequenz von Daseinsangst: Theoretische Grundlegung der Begriffe Freiheit, Angst und Verzweiflung als Bedingungen menschlichen Daseins.
III. Vier Formen der Verzweiflung: Zentrale Analyse der verschiedenen psychologischen Typologien und deren Manifestation in den Figuren des Romans.
IV. Heilung durch Literaturwissenschaft?: Reflektion darüber, wie literaturwissenschaftliche Analysen fiktiver Charaktere zu einem vertieften Verständnis menschlicher Existenz beitragen können.
Schlüsselwörter
Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Existenzanalyse, Angst, Verzweiflung, Eugen Drewermann, Søren Kierkegaard, Zwangsneurose, Hysterie, Depression, Schizoidie, Ulrich, Möglichkeitsmensch, Essayismus, Neurosenlehre.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die verschiedenen Erscheinungsformen der Verzweiflung in Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ unter Anwendung neurosenpsychologischer Kategorien.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konzepte von Freiheit, Angst und Verzweiflung sowie deren Einfluss auf die Konstitution menschlicher Identität und Lebensentwürfe.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Ulrich als eine Figur zu charakterisieren, die durch ihr essayistisches Lebenskonzept frei von den Zwängen der Daseinsangst und Verzweiflung lebt, und die anderen Charaktere kontrastierend dazu als Neurosentypen zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Figurenanalyse angewandt, die auf der Existenzanalyse nach Kierkegaard und der psychoanalytischen Neurosenlehre von Eugen Drewermann basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Darstellung der vier Verzweiflungsformen – Zwangsneurose, Hysterie, Depression und Schizoidie – und deren Abgleich mit dem Verhalten verschiedener Romanfiguren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Existenzanalyse, Angst, Verzweiflung, Möglichkeitsmensch, Essayismus und Neurosenlehre.
Warum wird Ulrich als Möglichkeitsmensch bezeichnet?
Ulrich wird so bezeichnet, weil er sich seiner Kontingenz und Bedingtheit bewusst ist, anstatt einer festgelegten, notwendigen Identität zu folgen.
Inwiefern unterscheiden sich Ulrichs Mitfiguren von ihm?
Andere Figuren wie Diotima, Leinsdorf oder Walter unterliegen in ihrer Verzweiflung zwanghaften Mustern oder suchen Fluchtmöglichkeiten, während Ulrich sich den Herausforderungen der Freiheit ohne festgeformte Eigenschaften stellt.
- Quote paper
- Renate Enderlin (Author), 2004, Der Mann ohne Eigenschaften - ein Mann ohne Angst und Verzweiflung?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29413