Der Einfluss des Migrationshintergrundes auf Bildungschancen in Deutschland


Hausarbeit, 2014

27 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Gesellschaftstheorien und Theorien sozialer Ungleichheit
2.1 Gesellschaftstheoretische Ansätze und Ungleichheitstheorien
2.2 Bildungsschichtung und Bildungsklassen (Collins, Goldthorpe)
2.3 Ökonomisches, Human- und Sozialkapital (Coleman)

3. (Bildungs-)Ungleichheit durch einen Migrationshintergrund
3.1 Bildungsungleichheiten (durch Migrationshintergrund) in Deutschland

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der heutigen (Informations-)Gesellschaft nimmt Bildung, beispielsweise in Form von „Humankapital“, oder „institutionalisiertem kulturellen Kapital“ einen immer höhe- ren Stellenwert für deren Mitglieder ein (Huinink 2008: 113). Dies geschieht durch den Wandel des Arbeitsmarktes, welcher sich u.a. durch höhere Anforderungen an die Bildung der Angestellten und (auch) einer, daraus folgenden, höheren Bildung der Gesellschaft präsentiert (Collins 1971: 1004). Dabei hat die Heterogenität einer Gesellschaft auch einen bestimmten Einfluss auf den Bildungserfolg der Akteure.

Soziale Ungleichheit beruht besonders stark auf ihrer ökonomischen Dimension, deren Merkmale nach Huinink (Aus-)Bildung und Wissen, sowie Einkommen, Vermögen und materiellen Besitz darstellen.

Messbar ist die Ungleichheit in einer Gesellschaft besonders gut am Einkommen der Bevölkerung. Klar ist jedoch, dass dieses nicht allein ausschlaggebend sein kann für die soziale Vererbung und Reproduktion (Berger, Hank, Tölke 2011: 283). Die Bil- dung erscheint mir als wichtigstes Ungleichheitsmerkmal, um einen sozialen Aufstieg zu bestehen, da sie soziale Mobilität ermöglicht. Also ist auch der sozialen, neben der wohlfahrtsstaatlichen und der emanzipatorischen Dimension, eine angemessene Bedeutung für das Erreichen von begehrten Statuspositionen in einer Gesellschaft beizumessen. Deren Merkmale sind soziale Beziehungen, Machtstellung und sozia- ler Einfluss, Diskriminierung und Privilegien und soziales Prestige (Huinink 2008: 108-109), die sich auch klar auf die Chancen auf das Erreichen einer Statusposition auswirken.

Circa ein fünftel der deutschen Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund. In Zu- kunft wird diese sozialstrukturelle Gruppe einen noch stärkeren Teil der Bevölkerung darstellen und doch sind die Lebensverhältnisse und somit -lagen (Huinink 2008:104-105) nicht an die der Bürgern ohne Migrationshintergrund angeglichen (Matzner 2012: 35-36).

Aufkommende Fragen sind nun: „Wodurch wird Bildungs- und (dadurch bedingter) Erwerbserfolg hauptsächlich bestimmt?“ und „Welchen Einfluss hat hierbei der Mig- rationshintergrund?“. Gibt es tatsächlich einen direkten Zusammenhang zwischen Migrationshintergrund und Bildungschancen, oder ist es ein allgemeinerer, nämlich der, der sozialen Herkunft und den Bildungschancen (Schlicht 2010: 38)? Die Haus- arbeit soll für diese Konstellation(-en) zuerst theoretische und dann praktische Erklä- rungsansätze finden und darstellen.

2. Gesellschaftstheorien und Theorien sozialer Ungleichheit

Dass Bildungsungleichheit besteht, ist nicht zu negieren, da sie offensichtlich in der Gesellschaft erkennbar ist. Dies ist z.B. durch die Verteilung der unterschiedlichen Arten von (Hoch-)Schul- und Ausbildungsabschlüssen messbar, wobei bemerkbar wird, dass es zu einer „Benachteiligung ausländischer Kinder im [deutschen] Bildunssystem [kommt]“ (Huinink 2008: 153). Äußern tut sich die Bildungsungleich- heit für das Individuum meist in dem (unterschiedlichen) Erreichen bestimmter Sta- tuspositionen, welche sowohl vom Wirtschaftssystem beeinflusst werden, genauso jedoch auch Auswirkungen auf das Erreichen von Statuspositionen haben können, die sich in dessen Wandel zeigen. Sichtbar wird dies u.a. durch den Wandel der Be- schäftigungsformen. Herzog-Stein, Keller, Seifert stellten beispielsweise eine Zu- nahme von atypischen Beschäftigungsformen (befristete und Teilzeitbeschäftigte, Mini-und Midi-Jobber und Leiharbeiter) zwischen 1991 und 2009 fest (Grafik siehe Anhang). Hierfür gibt es mehrere Erklärungsansätze, welche auf die Folgen der Ökonomisierung aller Lebensbereiche und die größere Wichtigkeit von Sozial- und Humankapital hinweisen (Herzog-Stein, Keller, Seifert 2009: 3-14).

Durch soziale Vererbung (Weitergabe der sozialen Lage, wobei sich die soziale Lage nach Huinink aus der „Gesamtheit der sozialstrukturellen Merkmale der Lebenslage [(Gesamtheit der Lebens- und Handlungsbedingungen in der Gesellschaft)] zusammensetzt“ (Huinink 2008: 191)) können (Bildungs-)Ungleichheiten über Generationen reproduziert werden (Huinink 2008: 104, 191-194).

Von verschiedenen Theoretikern werden das Möglichwerden von Gesellschaft, das Verhältnis vom Individuum zu solcher und andersherum, die Auswirkungen von Statusinkonsistenzen in den einzelnen Dimensionen sozialer Ungleichheit, sowie der Wandel der Gesellschaft unterschiedlich betrachtet.

Durch immer wiederkehrendes Unterscheiden (in der Soziologie) zwischen strukturellen und individuellen Begründungen werden im Folgenden Ansätze gezeigt, die einen Versuch darstellen soziale Ungleichheit und die Auswirkungen solcher auf die Gesellschaft und das Individuum, unter Beachtung beider Standpunkte, darzustellen. Anschließend sollen Theorien gezeigt werden, die auf den aufgeführten Ansätzen aufbauend sich mit Bildungsungleichheit beschäftigen.

2.1 Gesellschaftstheoretische Ansätze und Ungleichheitstheorien

Parsons lieferte einen, u.a. auf den Erkenntnissen Webers, Freuds und Dahrendorfs aufbauenden, strukturalistischen Ansatz, nach dem Gesellschaft in Systemen funkti- oniert, bei denen zwischen Organismus, Persönlichkeits-, Sozialsystem und kulturel- lem System unterschieden wird (Systeme mit Subsystemen, Funktionen, einem be- stimmten Ziel und einer Struktur, sowie dem Bestreben des Erhaltens eines be- stimmten Gleichgewichts). Die Akteure interagieren als Teil eines solchen. Dabei ist die freiwillige Einsicht der Notwendigkeit des Systems auch als Motivation wichtig, die das Individuum in der Sozialisation durch das Erlernen von Rolle und Normen internalisiert. Die Institutionalisierung in der Gesellschaft und die, in ihr stattfinden- den, Handlungen setzen bestimmte Motivationsanreize. Dabei wird soziales Handeln durch einen gemeinsamen Sinn orientiert. (Abels 2001 A: 116 - 120, 201)

Auf Parsons Strukturalismus aufbauend wurde von Davis und Moore 1973 ein Ver- such unternommen die „funktionale Notwendigkeit sozialer Ungleichheit (sozialer Schichtung in einer arbeitsteiligen Gesellschaft zu belegen“ (Huinink 2008: 163). Die soziale Ungleichheit schafft nach der Argumentation der funktionalistischen An- sätze eine Struktur, die Anreize zum Besetzen aller Positionen mit entsprechend qualifizierten Personen setzt und die Positionsbesetzung sichert. Außerdem wird ei- ne Ordnung der sozialen Positionen hergestellt, die nach der Wichtigkeit der sozialen Position für die gesellschaftliche Wohlfahrts(re)produktion und die, von der Position abhängigen, Qualifikationen beurteilen soll. Der Rang der sozialen Position steht in direktem Zusammenhang mit der Größe der Belohnung (Huinink 2008: 164). Problematisch ist hierbei die „Annahme der meritokratischen Struktur des Entloh- nungssystems“ (Huinink 2008: 165), da sie keine Erklärungen für die Abweichungen von vermuteten leistungsbezogenen Statuszuweisungen bietet. Auch ist nicht richtig, dass die höchste gesellschaftliche Position zwangsläufig zu den höchsten gesell- schaftlichen Privilegien führt (Huinink 2008: 165).

Bei Parsons wird von Strukturen ausgegangen, die das Individuum nachhaltig beeinflussen. Doch nicht nur die Strukturen beeinflussen das Individuum, auch die Individuen können die Strukturen beeinflussen.

An dieser Stelle möchte ich auf das „Mehrebenenmodell nach Coleman“ (Huinink 2008: 35) und damit auf die dort aufgezeigten Mikro-Makro-Interdependenzen in ei- ner Gesellschaft verweisen. Hier wird soziales Handeln durch „objektiv vorgegebene Rahmenbedingungen [...], die (unter anderem) durch soziologische Tatbestände und Merkmale der Sozialstruktur gekennzeichnet sind“ (Huinink 2008: 35) beeinflusst, da sie Opportunitäten und Restriktionen für die Handlungsmöglichkeiten der Akteure beinhalten. Trotzdem kann der Akteur (u.a. in seiner psychosozialen Disposition begründet (Huinink 2008: 37)) durch eine individuelle Auswahl von Alternativen sozialen Handelns Handlungsfolgen verursachen, die Auswirkungen auf die Strukturen einer Gesellschaft haben (Huinink 2008: 35).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.1.1 - Mehrebenenmodell nach Coleman (Colemansche Wanne)

Quelle: Wikipedia 2014

Luhmann erweiterte den weit gefassten Ansatz Parsons mit einer Spezialisierung auf die moderne Gesellschaft und sprach nicht mehr von Strukturfunktionalismus, son- dern von einem Funktionalstrukturalismus. Auch war sein Systemverständnis (Inter- aktions-, Organisations- und Gesellschaftssysteme (Treibel 2006: 37)) ein anderes gegenüber dem von Parsons (mit gesamtgesellschaftlich geteiltem Wertesystem), dessen Ordnung nicht durch Ränge, sondern Funktionen bestimmt wird. Deshalb kam es Luhmann nicht darauf an „welche Strukturen ein System hat und welche Leistungen für sein Erhalt zwingend sind, sondern darauf, in welchem Verhältnis Systeme zueinander stehen, wie sie funktionieren“ (Treibel 2006: 31). Dies kommt dadurch, dass Luhmann der Gesellschaft 2 Haupteigenschaften zusprach, nämlich ihre übermäßige Komplexität (als Gesamtheit von Opportunitäten und Restriktionen in der modernen Gesellschaft, durch deren Zunahme es gesellschaftliche Hauptauf- gabe ist diese Komplexität zu reduzieren) und die wachsende funktionale Differen- zierung (Ausbau von Subsystemen der Gesellschaft, Autopoiesis, Inklusion und Ex- klusion). Kommunikation gestaltet die sozialen Systeme, welche durch die Handlun- gen mehrerer möglich werden (Treibel 2006: 27-44). Marx sprach von einem Klassensystem, welches in Proletariat und Bourgeoise, also Arbeiterklasse und Kapitalisten unterteilt ist. Die Kapitalisten beuten die Arbeiter durch das Schaffen (durch die Veredlung von Gütern) eines Mehrwerts aus den Produktionsverhältnissen aus, indem sie ihre eigenen Eigentumsverhältnisse auf Kosten des Proletariats verbessern. Durch die ökonomisch geformte Sozialstruktur werden die Machtpositionen in der Gesellschaft durch ebendiese Eigentumsverhältnisse bestimmt (Huinink 2008: 161-162, Abels 2001 A: 269-270).

Für Max Weber ist diese ökonomische Dimension sozialer Ungleichheit eine Erklä- rung für die Ordnung der Gesellschaft, jedoch schon daraus, wie Weber die einzel- nen Handlungsarten (affektiv und traditionell, wert- und zweckrational (Abels 2001 B:129-130, Agulla 1964: 81-82)) definiert, wird deutlich, dass eine einzelne Dimensi- on sozialer Ungleichheit, oder Kapitalformen (nach Bourdieu neben dem ökonomi- schen auch soziales und kulturelles Kapital (Huinink 2008: 170-171)) als Erklärung für soziale Ungleichheit nicht ausreichen kann (Abels 2001 A: 271). Auch postulierte Weber, neben den sozialen Ständen, ein Modell von sozialen Klassen, untergliedert in Arbeiterschaft, Kleinbürgertum, besitzlose Intelligenz und Fachgeschultheit, sowie Besitzende und durch Bildung Privilegierte und durch eine geringe soziale Mobilität zwischen den Klassen definiert war (Huinink 2008: 182-184).

Geiger war prägend für den Schichtungsbegriff, der den Überbegriff zu den vorhandenen Konzepten, zur Beschreibung der „Struktur sozialer Ungleichheit (Klassen, Kasten, soziale Schichten, etc.)“ (Huinink 2008: 177, 186), darstellt. Die Individuen haben, nach Geiger eine bestimmte soziale Lagerung, ihre sozialstrukturelle Position wird durch Schichtdeterminaten beeinflusst und jede Schicht hat auch eine bestimmte Schichtmentalität (Huinink 2008: 177-178).

Mit dem Anwachsen der Komplexität sozialer Ungleichheitsstrukturen wurden auch die bestehenden Modelle ausdifferenziert. Bourdieu lieferte mit seiner Theorie „einen wichtigen Beitrag für die moderne Milieu- und Lebenslaufforschung“ (Huinink 2008: 171), auch wenn bei ihm noch der Klassenbegriff fiel. Von der Sinus Forschungs- gruppe wurden 2007 die Sinus-Milieus (für Deutschland) entwickelt, die an der sozia- len Lage und der Grundorientierung festhalten (Huinink 2008: 194-197).

Es kann in der Soziologie, bei der Erklärung des Möglichwerdens von Gesellschaft, auf meinen Erfahrungen aufbauend, zwischen Strukturalismus und Individualismus entschieden werden, wobei die Mischform die beste Lösung ist, um Probleme differenziert genug betrachten zu können.

Es fällt auf, dass es zahlreiche Versuche gibt, soziale Ungleichheit zu erklären und die zugehörigen Modelle neben ihrer Ausdifferenzierung immer individualistischer in ihrer Betrachtung werden. Bis zum Schichtmodell scheint die wichtigste Dimension sozialer Ungleichheit die ökonomische gewesen zu sein. Dagegen wirkt das Milieu- und Lebensstilkonzept in Ansätzen postmaterialistisch. Im Folgenden sollen weitere Theorien folgen, die sich explizit mit der Verteilung von Bildung (und den Chancen auf eine solche) beschäftigen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss des Migrationshintergrundes auf Bildungschancen in Deutschland
Hochschule
Universität Bremen  (Soziologie)
Veranstaltung
Ursachen und Folgen sozialer Ungleichheit
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
27
Katalognummer
V294152
ISBN (eBook)
9783656918011
ISBN (Buch)
9783656918028
Dateigröße
769 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
einfluss, migrationshintergrundes, bildungschancen, deutschland
Arbeit zitieren
Max Korbmacher (Autor), 2014, Der Einfluss des Migrationshintergrundes auf Bildungschancen in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294152

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