Emotionserleben und Emotionsregulation in der Kinderschutzarbeit


Doktorarbeit / Dissertation, 2013

116 Seiten, Note: 3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG UND THEORIE
1.1 Geschichte der Kinderschutzarbeit
1.2 Definition und Aufgaben der Kinderschutzzentren
1.3 Kinderschutzgruppen in Österreich
1.4 Traumatischer Stress
1.5 Sekundäre Traumastörungen
1.5.1 Mitgefühlserschöpfung
1.5.2 Compassion satisfaction
1.5.3 Burnout
1.5.4 Abgrenzung von Burnout zur posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)
1.6 Auswirkungen der sekundären Traumastörungen auf Kognitionen und Emotionen
1.6.1 Gegenübertragungen der TherapeutInnen
1.6.2 Exkurs zur Emotion Ärger
1.7 Geschlechtsunterschiede bei sekundären Traumastörungen
1.8 Emotionspsychologie
1.8.1 Was ist eine Emotion?
1.8.2 Emotionsregulation
1.8.3 Geschlechtsunterschiede im emotionalen Verhalten
1.8.4 Emotionsregulation und Alter
1.9 Zum Zusammenhang zwischen traumatischen Stress und Emotionsregulation
1.10 Ableitung der Fragestellungen und Hypothesen

2 METHODE
2.1 Beschreibung der Datenerhebungsinstrumente
2.1.1 Der „Compassion Fatigue/Satisfaction-Selbsttest“ von Stamm & Figley (2002)
2.1.2 Fragebogen zur Emotionsregulation (EERQ) von Benecke et al. (2008)
2.2 Versuchsdurchführung

3 STATISTISCHE AUSWERTUNG UND DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE
3.1 Deskriptive Statistiken
3.1.1 Versuchsteilnehmer
3.1.2 Unterschiede im Alter zwischen männlichen und weiblichen Befragten
3.1.3 Unterschiede in der Berufserfahrung
3.1.4 Überprüfung der Normalverteilung aller Mittelwerte
3.1.5 Auflistung der schwierigen Gefühle in der direkten Klientenarbeit
3.2 Auswertung des „Compassion Fatigue/Satisfaction“-Selbsttests
3.3 Überprüfung der Hypothese 1:
3.4 Überprüfung der Hypothese 2:
3.5 Überprüfung der Hypothese 3:
3.5.1 Regressionsanalysen
3.6 Zusammenfassung der Ergebnisse
3.7 Ableitung eines Vorhersagemodells

4 DISKUSSION UND INTERPRETATION DER ERGEBNISSE
4.1 Qualitätssicherung und schwierige Gefühle in der Kinderschutzarbeit
4.2 Ergebnisse des Compassion-Fatigue-Tests
4.3 Der Einfluss des Geschlechts und der Berufserfahrung
4.4 Der Einfluss der Emotionsregulierung
4.5 Ableitung eines Modells
4.6 Kritik an der vorliegenden Arbeit und Ausblick

5 LITERATURVERZEICHNIS

6 INHALTSVERZEICHNIS-ANHANG

Zusammenfassung

Diese Arbeit bietet einen Überblick über die Inhalte der Kinderschutzarbeit in Österreich und untersucht das Bewältigungsverhalten der MitarbeiterInnen im Umgang mit belastenden Situationen traumatisierter Opfer und deren Bezugssystem. Dabei wird der Fokus auf die Emotionsregulierungsstrategien der HelferInnen gelegt, geschlechtsspezifische Unterschiede erforscht und der Umgang mit sekundären Traumatisierungen beleuchtet.

Figley (1995) prägte den Begriff der „compassion fatigue“, welchen er als eine natürliche, vorhersehbare, behandelbare und verhinderbare unerwünschte Folge der Arbeit mit traumatisierten Menschen definiert und durch Gleichgültigkeitsgefühle, Hypervigilanz, Reizbarkeit, Schlafstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten charakterisiert.

Der zweite Aspekt, der in dieser Arbeit beleuchtet wird, ist das Emotionserleben und die Emotionsregulation der HelferInnen in den Kinderschutzeinrichtungen.

Der Großteil der Befragten sah sich als wenig „compassion fatigue“- und „burnout“-gefährdet, aber erlebte hohe Zufriedenheit durch die Tätigkeit (Frauen signifikant höher als Männer). Allerdings zeigten sich weder Geschlechtsunterschiede noch Unterschiede in der Berufserfahrung.

Wut, Überforderung und Traurigkeit wurden am häufigsten bei den als subjektiv schwierig erlebten Gefühlen in der Klientenarbeit genannt.

Die am häufigsten angewandten Emotionsregulationsstrategien waren „soziale Unterstützung“, „Reflexion“, „Empathie“ und „Musterreflexion“. Im mäßig angewandten Bereich lagen die Körperwahrnehmungsstrategien.

Am seltensten wurden „blackout“, „sich verlieren“ und „Dissoziation“ genannt, also hauptsächlich Strategien, die mit einem Kontrollverlust einhergehen.

In nahezu allen Strategien gab es keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich Geschlecht und Berufsjahren.

Ein signifikanter Unterschied zeigte sich in der selten angewandten Strategie „blackout“, wobei die weniger berufserfahrenen diese Strategie häufiger angaben als die Befragten mit höherer Berufserfahrung.

Ein nahezu signifikanter Geschlechtsunterschied zeigte sich in der Strategie „soziale Unterstützung“, wobei die weiblichen Kolleginnen diese Strategie öfter anwenden als die männlichen Kollegen.

Die Strategien „Überlastung“, „sich verlieren“ und „Ablenkung“ sind signifikante Prädiktoren für das Ausmaß an „compassion fatigue“ (je mehr diese Strategien zur Anwendung kommen, desto eher bildet sich ein Zustand von Mitgefühlserschöpfung).

Demnach sind Überarbeitung (durch z.B. zu hohe Fallzahlen, wenig Pausen) und Ohnmachtsgefühle sowie das Vermeiden, sich mit negativen Gefühlen auseinanderzusetzen, starke Einflussfaktoren für die Ausbildung der „compassion fatigue“. Dieses Ergebnis kann in der Literatur gut nachgewiesen werden.

Die Strategien „Dissoziation“ und „Empathie“ beeinflussen die „compassion satisfaction“ (befriedigendes Gefühl durch helfende Tätigkeit).

Je mehr dissoziiert wird, desto weniger entsteht dieses Zufriedenheitsgefühl; je mehr Empathie/Perspektivenübernahme ausgesandt wird, desto höher wird dieses Gefühl erlebt.

Die Strategien „Belastung/Überforderung“, „Verwirrung“ und „Körperwahrnehmung- Ausdruck“ beeinflussen das Burnoutrisiko.

Schwierigkeiten in Situationseinschätzungen sowie widersprüchliche Gedanken wirken sich ebenfalls auf das Burnoutrisiko aus.

Die Signale des Körpers sind ebenso Prädiktoren eines Burnoutrisikos und korrelieren positiv (je mehr ich körperliche Signale, z.B. Erröten, Zittern, Weinen, setze, desto höher ist meine Burnoutgefährdung). Demnach ist das Erlernen der Kontrolle unserer Körperwahrnehmung ein wichtiger Protektionsfaktor gegen Burnout.

Die Hypothesen dieser Arbeit konnten also nur teilweise bestätigt werden. Allerdings geben die Daten einen guten Einblick in die Kinderschutzarbeit und lassen sich für Maßnahmen der Psychohygiene nutzen.

Abstract

This thesis offers an overview on Austrian child-protection-work and investigates on the coping behaviour of the helpers in dealing with traumatized victims and their systems.

Figley (1991) introduced the term „compassion fatigue“, which he defines as a natural, predictive, treatable and avoidable consequence of the work with traumatized people. It is characterized with feelings of indifference, hypervigilance, sleeping disorders, irritability and lack of concentration.

The second focus of this work is on emotional experience and emotional regulation of helpers in child-protection-institutions.

The majority of the sample described themselves as less vulnerable towards „compassion fatigue“ and „burnout“, but experienced a high level of „compassion satisfaction“ (women significantly more than men). There were no differences in gender and professional experience.

The feelings which were experienced as most difficult to deal with were anger, excessive demand and sadness.

The strategies most used in emotional regulation were „social support“, „reflection“, „empathy“ and „reflecting patterns“. The moderately used were body perception strategies.

Rarely used were strategies including loss of control such as „blackout“, „losing yourself“ and „dissociaton“.

In almost every emotional strategy no significant differences in gender and professional experience were found.

One significant finding was for „blackout“, which was used more often by the less experienced helpers than by the more experienced ones.

Female helpers used the strategy „social support“ almost significantly more often than their male colleagues.

The predictors of the level of „compassion fatigue“ were „excessive demands“, „losing yourself“ and „distraction“. Thus, the feeling of helplessness, the avoidance of confronting yourself with negative feelings and excessive demands (high number of cases, few work breaks f. e.) influence the level of „compassion fatigue“. This finding can be found in literature.

„Compassion satisfaction“ is influenced by the strategies „dissociation“ and „empathy“. The more you dissociate, the less you experience satisfaction. The more you use „empathy“, the more you experience compassion satisfaction.

The burnout-risk is influenced by the strategies „excessive demands“, „confusion“ and „body perception-expression“ as well as difficulties in estimating situations and ambivalent thoughts. Physical signals correlate positively with burnout-risk.

The hypotheses of this work could be partially verified and the data give an insight in child-protection-work and can be used for arrangements to avoid mental illness in child-protection-workers.

Vorwort

Kinderschutzarbeit stellt ein herausforderndes Berufsfeld dar, in dem mittels präventiver, pädagogischer und therapeutischer Maßnahmen psychische, physische und sexuelle Gewaltthemen im Kinder- und Jugendbereich bearbeitet werden. Kinderschutzzentren stehen für einen niedrigschwelligen und bürgernahen Schutz des Kindes und haben alle Formen von Gewalt gegen Kinder zum Gegenstand.

Diese Arbeit bietet einen Überblick über die Inhalte der Kinderschutzarbeit in Österreich und untersucht das Bewältigungsverhalten der MitarbeiterInnen im Umgang mit belastenden Situationen traumatisierter Opfer und deren Bezugssystem. Dabei wird der Fokus auf die Emotionsregulierungsstrategien der HelferInnen gelegt, geschlechtsspezifische Unterschiede erforscht und der Umgang mit sekundären Traumatisierungen beleuchtet.

Ich arbeite seit nunmehr 4 Jahren als Psychotherapeut in einem Kinderschutzzentrum und beobachtete bei mir und meine KollegInnen immer wieder Symptome der Erschöpfung, Müdigkeit sowie emotionale Reaktionen auf „schwierige“ KlientInnen. Dies veranlasste mich dazu, das Phänomen der „sekundären Traumatisierung“ im Kinderschutzbereich näher zu untersuchen und eine österreichweite Befragung der KinderschutzmitarbeiterInnen durchzuführen.

Da ich in regionalen und österreichweiten Treffen immer wieder von KollegInnen hörte, was schwierige Arbeitssituationen mit ihnen selbst machen (Müdigkeit, Verwirrtheit, Strategien im Umgang mit Traumainhalten), entschied ich mich, die Ausprägung der sekundären Traumatisierung nach dem Konzept von Figley (1994) zu erheben und auch einen Blick auf die Emotionsregulation zu werfen.

Figley (1995) prägte den Begriff der „compassion fatigue“ (Mitgefühlserschöpfung), welchen er als eine natürliche, vorhersehbare, behandelbare und verhinderbare unerwünschte Folge der Arbeit mit traumatisierten Menschen definiert.

Diese Symptome (Hypervigilanz, Reizbarkeit, Schlaf- und Konzentrationsprobleme) konnten in zahlreichen Studien nachgewiesen werden.

Im Gegensatz zu „Burnout“, den er als einen fortschreitenden Prozess emotionaler, physischer und mentaler Erschöpfung sieht, ist Mitgefühlserschöpfung plötzlich auftretend und mit Gefühlen der Hilflosigkeit, Verwirrtheit und Isolation assoziiert.

Der zweite Aspekt, der in dieser Arbeit beleuchtet wird, ist das Emotionserleben und die Emotionsregulation der HelferInnen in den Kinderschutzeinrichtungen.

Zum Konstrukt „Emotion“ gibt es zahlreiche Definitionsversuche und –probleme. Diese Arbeit fokussiert auf das bewusste subjektive Erleben verschiedener Emotionsqualitäten sowie die Emotionsregulation als schwierig erlebter Emotionen, die in der KlientInnenarbeit auftreten.

Gross (2001) definiert die Emotionsregulation folgendermassen: „Emotion regulation includes all of the conscious and nonconscious strategies we use to increase, maintain or decrease one or more components of an emotional response“ (S.215). Unter Emotionsregulation werden also Strategien verstanden, im sozialen Kontext flexibel zu reagieren (Thompson, 1994).

Bisher sind nur wenige Verfahren zur Erfassung der Dimensionen Emotionserleben und –regulation entwickelt worden. Benecke (2008) hat einen Fragebogen zur Erfassung konstruiert, der für diese Arbeit verwendet wird.

Im ersten Fragebogenteil wird das Emotionserleben innerhalb der letzten 7 Tage erfasst, während im zweiten Teil verschiedene Emotionsregulationsstrategien erhoben werden.

Diese Arbeit fokussiert also auf die Reaktionsweisen der MitarbeiterInnen in Kinderschutzeinrichtungen in Bezug auf „Mitgefühlserschöpfung“, „compassion satisfaction“, „Burnout-Risiko“, Emotionserleben und –regulation.

1 EINLEITUNG UND THEORIE

1.1 Geschichte der Kinderschutzarbeit

Die inhaltlichen Ursprünge der Kinderschutzarbeit liegen in frühen pädiatrisch-radiologischen Untersuchungen von Caffey (1946), der sich als erster die Fragen nach unerklärlichen Frakturen im Säuglings- und Kleinkindalter stellte.

1958 wurde das erste Kinderschutzteam von Elizabeth Elmers in Pittsburgh in den Vereinigten Staaten gegründet.

Die Basis der multiprofessionellen Teamarbeit bildete C. Henry Kempe, ein Erwachsenenpsychiater, der zusammen mit einem Sozialarbeiter und einem Klinikanwalt in einer Kinderklinik in Colorado arbeitete.

Meldegesetze für Kindesmisshandlung und –vernachlässigung wurden erstmals 1974 vom amerikanischen Kongress verabschiedet.

Im europäischen Raum führten die Holländer 1971 multiprofessionelle Kinderschutzteams – bestehend aus VertrauensärztInnen und SozialarbeiterInnen – ein, welche in sogenannten Vertrauensarztbüros tätig waren.

In Amsterdam wurde sechs Jahre später Jaap Doek zum weltweit ersten Professor für Kinderrechte an der Freien Universität benannt. Er prägte die moderne multiprofessionelle Teamarbeit im Kinderschutz Europas, während C. Henry Kempe die „International Society for the Prevention of Child Abuse and Neglect“ (ISPCAN) gründete. Seit 1976 finden alle zwei Jahre internationale ISPCAN-Weltkongresse statt.

Im deutschsprachigen Raum entstand die Arbeit mit misshandelten Kindern aus der Kooperation von Medizin und Soziologie in den 70er Jahren. 1976 wurde das erste Kinderschutzzentrum in Berlin eröffnet, welches sich zu Beginn am holländischen Vertrauensarztsystem orientierte.

Das erste Jahrzehnt der Misshandlungsarbeit konzentrierte sich international zuerst auf körperliche Kindesmisshandlung und –vernachlässigung. Ende der 80er Jahre wurde das Thema des sexuellen Kindesmissbrauchs aufgegriffen und dominierte schon bald aufgrund der Komplexität und hohen Emotionalität die Misshandlungsarbeit.

In Deutschland wurde 1994 die Deutsche Gesellschaft gegen Kindesmisshandlung und –vernachlässigung (DggKV) gegründet. Ihre Mitglieder stammen aus allen an Misshandlungsarbeit beteiligten Berufsgruppen.

Schon in den Anfängen der Kinderschutzarbeit wurde vor allem auf eine genaue Diagnostik sowie Hilfen für das Kind und dessen Bezugssystem Wert gelegt. Zunächst orientierte man sich auf die therapeutische Arbeit der Opfer; bald wurde das Arbeitsfeld auf die Arbeit mit TäterInnen ausgeweitet.

Heute umfasst die Kinderschutzarbeit einen zunehmend weiten Themenbereich: von körperlicher Misshandlung und Vernachlässigung über sexuellen Missbrauch bis hin zur Täterarbeit, Bekämpfung der Kinderpornographie, Kinderprostitution und des Kinderhandels sowie die Arbeit im Rahmen der Jugendhilfe.

Als Meilenstein in der internationalen Anerkennung der schweren körperlichen, seelischen und sozialen Gesundheitsfolgen durch alle Formen von Gewalt gilt die Veröffentlichung des umfangreichen „World Report on Violence and Health“ (Krug et al., 2002).

In der zukünftigen Kinderschutzarbeit wird die Integration von Kinder- und Elternarbeit, Opfer- und Tätertherapie, Frühintervention und –prävention, die Erkennung von Risikofaktoren und die Förderung von Widerstandsfähigkeit und kindlichen Schutzfaktoren an zunehmender Bedeutung gewinnen.

1.2 Definition und Aufgaben der Kinderschutzzentren

Als Bestandteiles des Jugendhilfesystems verstehen sich Kinderschutzzentren heute als Einrichtungen mit besonderen theoretischen und praktischen Kenntnissen zu Krisen in Familien und Gewalt gegen Kinder (Blum-Maurice, 2000). Sie bieten den Erziehungsberechtigten Hilfen an und setzen sich regional für Systeme ein, in denen qualitative Therapie statt krimineller Verfolgung gefördert wird. Zusätzlich werden den HelferInnen Supervision, Fortbildung und Unterstützung zur Verfügung gestellt.

Kinderschutzzentren verfolgen ein niedrigschwelliges, bürgernahes, hilfe- und lebensweltorientiertes Konzept zum Schutz des Kindes. Gegenstand der Arbeit sind alle Formen der Gewalt gegen Kinder.

Blum-Maurice et al. (2000) definieren Kindesmisshandlung als eine „nicht zufällige, gewaltsame psychische und/oder physische Beeinträchtigung oder Vernachlässigung des Kindes durch Eltern/Erziehungsberechtigte oder Dritte, die das Kind schädigt, verletzt, in seiner Entwicklung hemmt oder zu Tode bringt“. Unterschieden wird nach körperlicher Misshandlung, Vernachlässigung, seelischer Gewalt sowie sexuellem Missbrauch:

- Körperliche Misshandlung: Darunter fallen z.B. Ohrfeigen, Schläge, Vergiftungen oder Verbrennungen.
- Vernachlässigung: Hierbei werden dem Kind Schädigungen durch die sorgeberechtigten Personen mittels unzureichender Pflege und Kleidung, mangelnder Ernährung und gesundheitlicher Fürsorge zugefügt. Ausserdem fällt ein Mangel an Förderung motorischer, geistiger, emotionaler und sozialer Fähigkeiten sowie zu geringe Zuwendung und Beaufsichtigung darunter. Grundsätzlich wird zwischen passiver (unbewusster z.B. unzureichendes Wissen) und aktiver (wissentlicher Verweigerung z.B. von Schutz und Nahrung) Vernachlässigung unterschieden.
- Seelische Misshandlung: Darunter versteht man die Beeinträchtigung der kindlichen Entwicklung aufgrund von Ablehnung, Verängstigung, Terrorisierung und Isolierung.
- Sexueller Missbrauch: Diese Gewaltform umfasst jede sexuelle Handlung, die an oder vor einem Kind gegen dessen Willen vorgenommen wird, und bei der es sich aufgrund seiner körperlichen, emotionalen, geistigen oder sprachlichen Unterlegenheit nicht wehren und verweigern kann. Dabei nutzen die MissbraucherInnen ihre Autoritätsposition aus, um ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.

Deegener & Körner (2008) definieren Kindesmisshandlung als „ein das Wohl und die Rechte eines Kindes (nach Maßgabe gesellschaftlich geltender Normen und begründeter professioneller Einschätzung) beeinträchtigendes Verhalten oder Handeln bzw. Unterlassen einer angemessenen Sorge durch Eltern oder andere Sorgeberechtigte in Familien oder Institutionen (wie z.B. Kindertagesstätten, Schulen, Heimen oder Kliniken), das zu nicht-zufälligen, erheblichen Verletzungen, Schädigungen und/oder Entwicklungsgefährdungen eines Kindes führt, die das Eingreifen von Jugendhilfeeinrichtungen im Interesse der Sicherung der Bedürfnisse und des Wohls des Kindes notwendig machen“.

Damit wird eine multiperspektivische Sichtweise vertreten; als Entstehungsbedingungen von Gewalt nennen Deegener & Körner (2008):

- soziale und wirtschaftliche Belastungen von Familien
- autoritäre bzw. desorientierende Eltern-Kind-Beziehungen
- schwere persönliche und lebensgeschichtliche Belastungen der Eltern
- und soziale Isolation, mangelnde soziale Integration und fehlende soziale Netze.

Die zentrale Aufgabe des Kinderschutzes besteht in der Vermeidung oder Beendigung (drohender) Kindeswohlgefährdung mittels Diagnostik und Risikoeinschätzung. Zusätzlich sollen Angebote früher und rechtzeitiger Unterstützung von Familien bzw. Angebote zur Versorgung und Intervention nach Kindesmisshandlung gestellt werden.

Elterliche Beziehungs- und Erziehungskompetenzen sollen durch Informationsvermittlung sowie gezielte Anleitung und Unterstützung gefördert werden.

Dennoch bleibt Kinderschutz immer eine individuelle Güterabwägung mit der Gefahr, zu früh oder zu spät einzugreifen. Durch eine Qualitätssicherung im Fortbildungs- und Supervisionsbereich, standardisierte Einzelfalldiagnostik, interdisziplinäre Zusammenarbeit sowie einem Frühwarnsystem wird versucht, den Kinderschutz zu optimieren.

1.3 Kinderschutzgruppen in Österreich

Einer in Österreich durchgeführten Fragebogenerhebung an allen 43 Kinderspitälern und 7 Kinderchirurgien zufolge (Thun-Hohenstein, 2005) verfügen nur 32% der Kinderspitäler über keine Kinderschutzgruppe, alle anderen Institutionen schon. Die Teams bestehen zu einem Großteil aus ÄrztInnen (94%), SozialarbeiterInnen (92%), Krankenschwestern (73%) und aus weiteren Berufen, wie PsychologInnen und KinderpsychiaterInnen (53%).

Die rechtliche Grundlage für das Umgehen mit Gewalt am Kind ist im Ärztegesetz, §54, Abs. 4, 1998 zugrunde gelegt: „Ergibt sich in Ausübung des ärztlichen Berufes der Verdacht, dass durch gerichtlich strafbare Handlung, Tod oder schwere Körperverletzung eine volljährige Person ihre Interessen nicht selbst wahrnehmen kann, misshandelt, gequält, sexuell missbraucht worden ist, ist unverzüglich Anzeige an die Sicherheitsbehörde zu erstatten“.

In einem Leitfaden für Kinderschutzgruppen vom Bundesministerium für Umwelt, Jugend und Familie wurden die Kinderschutzgruppen definiert. Demnach stützt sie sich auf drei Säulen: medizinisches Personal, Psychologie und Jugendwohlfahrt.

Der Leiter einer Kinderschutzgruppe muss ein Mediziner sein. Die Hauptaufgaben sind Früherkennung von Gewalt am Kind, eine familienzentrierte interdisziplinäre Beratung der behandelnden Teammitglieder, die Empfehlung der einschlägigen Vorgangsweise sowie die Aus- und Fortbildung für alle Berufsgruppen, die mit Kindern arbeiten. Die Vorteile einer Kinderschutzgruppe sind die Entlastung des einzelnen Arztes sowie eine raschere und fachlich korrekte Abklärung und Betreuung.

In Österreich wurde die erste Kinderschutzgruppe 1990 gegründet und bis 2003 hat sich eine Dichte etabliert, die amerikanischen Kinderspitälern entspricht.

Neben klinischen Einrichtungen gibt es 27 Kinderschutzzentren (in Ballungszentren angesiedelt), die aus unterschiedlichsten Fördertöpfen finanziert werden (Ministerien, Spenden, Länder etc.) und in denen multidisziplinäre Teams Kinderschutzarbeit leisten.

1.4 Traumatischer Stress

Für KinderschutzarbeiterInnen hat diese Art von Stress eine ganz besondere Bedeutung, weil sie, bedingt durch ihre Arbeit, immer wieder mit dem Erzählen traumatischer Situationen konfrontiert werden.

Vor allem die Schilderung von Misshandlungs- und Missbrauchssituationen im Beratungskontext mit Kindern wird von vielen KollegInnen als hoher Stress erlebt.

Die objektiven Kriterien für ein traumatisches Ereignis sind nach dem DSM IV, dem Manual der „Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft“, so definiert: “… ein Ereignis, mit dem eine Person konfrontiert wird, das den tatsächlichen oder drohenden Tod oder eine ernsthafte Verletzung oder Gefahr für die körperliche Unversehrtheit der eigenen Person oder anderer Personen beinhaltet.“

Nach dem ICD 10, dem Manual der WHO, ist die Definition für ein traumatisches Ereignis weiter gefasst und nicht nur auf körperliche Schäden reduziert: “... ein belastendes Ereignis oder eine Situation aussergewöhnlicher Bedrohung oder katstrophenartigen Ausmaßes (kurz- oder langanhaltend), die bei fast jedem eine tiefe Verstörung hervorrufen würde.“

Voraussetzung für traumatischen Stress ist aber neben diesen objektiven Kriterien - der Situation - auch noch ein subjektives Kriterium - das Empfinden/Erleben der betroffenen Person:

Das DSM IV definiert dieses Kriterium folgendermaßen: „... die Person muss in der Situation intensive Furcht, Hilflosigkeit oder Entsetzen empfinden.“

Im ICD 10 ist die Definition weiter gefasst und es wird dort von einem „überwältigenden traumatischen Ereignis“ gesprochen. Hier wird begrifflich die Überwältigung - das Erkennen einer sehr großen Diskrepanz zwischen Situationsanforderungen und eigenen Bewältigungsmöglichkeiten bzw. Erwartungshaltungen – genannt.

Erst bei Erfüllung der subjektiven Kriterien kann es zu traumatischem Stress kommen; die Reaktionen darauf können individuell sehr unterschiedlich ausfallen. Das entscheidende Element ist die Bedeutungszuschreibung der Opfer und die persönliche Einschätzung, wie hilflos und bedroht sie sich fühlen (Krampl, 2007). Trauma muss also sowohl objektiv als auch subjektiv definiert werden.

Es kommt bei einem traumatischen Ereignis immer zu zwei akuten, immensen Bedrohungen:

1) einer Bedrohung des Seins (körperliche Unversehrtheit)
2) einer massiven Bedrohung des Selbst (Verlusterlebnisse bezüglich des Selbst- und Weltbildes)

Da die bisher angewandten Bewältigungsstrategien des Opfers nicht ausreichen, fühlt es sich überfordert und es kommt zu einer Diskrepanz zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und individuellen Bewältigungsmöglichkeiten. Die Betroffenen kommen von einer Stressbelastung in eine traumatische Erfahrungssituation hinein, in der die regulativen Schemata versagen. Ist die Überwältigung der individuellen Bewältigungskapazitäten auf Dauer, kann sich eine posttraumatische Störung entwickeln.

Krampl (2007) führt eine Trias von reaktiven Stresssymptomen an, die einen Zustand anhaltender Erregung und wiederkehrender Belastungszustände beschreiben. Abhängig vom individuellen Bewältigungsstil der Betroffenen können die folgenden Symptombereiche einzeln oder gemeinsam in unterschiedlicher Intensität und Ausprägung auftreten:

1) Wiedererleben

Im DSM IV werden folgende Arten des Wiedererlebens unterschieden:

a) wiederkehrende eindringliche und belastende Erinnerungen
b) wiederkehrende belastende Träume
c) Handeln und Fühlen, als ob das traumatische Ereignis wiederkehrt (Flashbacks)
d) intensive psychische Belastung bei der Konfrontation mit Hinweisreizen
e) physische Reaktionen bei der Konfrontation mit Hinweisreizen

Das intrusive Wiedererleben geschieht vorwiegend in Form sensorischer Eindrücke und werden dabei erlebt, als würden sie gerade im gegenwärtigen Moment geschehen und nicht als Erinnerung an eine vergangene Erfahrung. Affekte und Emotionen treten in den Vordergrund und als Schutzmechanismus des Organismus wird die Strategie des Vermeidens eingesetzt.

2) Vermeidung

Die kognitive Vermeidung ist der Versuch des Organismus, das Gleichgewicht herzustellen. Die Vermeidungsstrategien erschweren aber die gelungene Integration des Traumas in die eigenen Schemata.

Im DSM IV sind folgende Vermeidungsarten angeführt:

a) bewusstes Vermeiden von Gedanken, Gefühlen oder Gesprächen, die mit dem Trauma assoziiert werden
b) bewusstes Vermeiden von Aktivitäten, Orten oder Menschen, die Erinnerungen an das Trauma wachrufen
c) Unfähigkeit, sich an einen wichtigen Aspekt des Traumas zu erinnern
d) deutlich vermindertes Interesse oder verminderte Teilnahme an wichtigen Aktivitäten
e) Gefühl der Losgelöstheit oder Entfremdung von anderen
f) eingeschränkte Bandbreite des Affekts (emotionale Taubheit)
g) eingeschränkte Zukunftsperspektiven

Diese Reaktionen führen zu einer starken Erregung.

3) Erregung

Den Betroffenen fällt es schwer, sich zu konzentrieren und es kommt zu Schlafstörungen, Nervosität, Ängstlichkeit usw.

Im DSM IV sind folgende Erregungsarten aufgelistet:

a) Schwierigkeiten ein- oder durchzuschlafen
b) Reizbarkeit oder Wutausbrüche
c) Konzentrationsschwierigkeiten
d) übermäßige Wachsamkeit (Hypervigilanz)
e) übertriebene Schreckreaktion

1.5 Sekundäre Traumastörungen

Aber nicht nur bei den Betroffenen, sondern auch bei den KinderschutzarbeiterInnnen können sich traumatische Reaktionen entwickeln.

In zahlreichen Vernetzungen und Supervisionen fand ich rückblickend viele Schilderungen wieder, die in diesem Forschungsgebiet untersucht worden sind.

Leider zeigt sich die Befundlage als sehr widersprüchlich und ich werde einen kurzen Überblick älterer und aktueller Studien geben. Zusätzlich werden in den Untersuchungen unterschiedliche Bezeichungen und Konzepte der „sekundären Traumastörung“ verwendet, was die Generalisierung der Ergebnisse erschwert. In dieser Arbeit liegt der Fokus der Arbeit auf Figleys Konzepte, da diese dem von mir verwendeten Fragebogen zugrundeliegen.

Dennoch möchte ich auch kurz die anderen Modelle zur sekundären Traumatisierung anführen.

Kira (2001) beschreibt die Transmission von Traumata auf andere Personen als kollektiv und transgenerational. Dabei werden traumatische Erfahrungen innerhalb eines Familiensystems, zum Beispiel der sexuelle Missbrauch eines Kindes als indirektes Trauma für die Eltern, weitergegeben. Die Übertragungen von Traumata erfolgen in sozialen Beziehungen, Partnerschaften und Gemeinden mit einer stark ausgeprägten kollektiven Identität durch Mechanismen wie Bindung, Empathie, Identifikation, Abhängigkeit und elterliche Fürsorge. Die Transmission von Traumatisierung kann von einer Person zu einer anderen oder von einem Individuum zu einer verbundenen Berufsgruppe stattfinden. Betroffen sind vor allem Berufsgruppen wie medizinisches Personal, Feuerwehrleute, PolizistInnen, SanitäterInnen, PsychotherapeutInnenen und MitarbeiterInnen internationaler Hilfsorganisationen, die in ihrer täglichen Arbeit mit einer großen Anzahl traumatisierter Personen zu tun haben. Indirekte Formen von Traumatisierung können Folgen ihrer Arbeit sein (Kira, 2001).

Bereits 1974 wurden die speziellen Schwierigkeiten beschrieben, mit denen sich PsychotherapeutInnen im Umgang mit Vietnamveteranen konfrontiert sahen (Daniels, 2004). In diesen Aufzeichnungen fanden sich Beschreibungen von emotionaler Taubheit, Angstzuständen und sadistischen Rachephantasien. Erstmals wurden Reaktionen der therapeutisch Arbeitenden unter Rückgriff auf die klassischen Symptomkategorien der „posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)“ beschrieben.

Eine systematische Erforschung der „Ansteckung“ mit Traumasymptomen gibt es jedoch erst seit kurzem. Ausgangspunkt dafür waren klinische Beobachtungen in Intervision und Supervision. Viele PsychotherapeutInnen berichteten, dass sie sich von den Erfahrungen ihrer KlientInnen belastet fühlten und unter Albträumen, Schlafstörungen und einem diffusen Entfremdungsgefühl litten.

Diese Berichte decken sich mit meinen eigenen Erfahrungen als Psychotherapeut. Besonders nach sehr detaillierten, „bildreichen“ Schilderungen von traumatischen Situationen habe ich auch Schlafprobleme sowie Albträume erlebt.

In ihrer Diplomarbeit untersuchte Daniels (2008) 130 PsychotherapeutInnen aus den USA, Deutschland, Kanada, Italien, der Schweiz, den Niederlanden, Österreich, Belgien, Australien und Großbritannien. Sie fand heraus, dass sich sekundäre Traumatisierung vor allem in Form von Intrusionen zeigte. Die Befragten berichteten, dass sie oft an das Erzählte dachten, auch wenn sie dies nicht wollten. Ihnen kamen unwillkürlich Bilder in den Kopf und sie träumten von dem, was ihre KlientInnen so deutlich in Worte gefasst hatten. Sie fand, dass bei 13% der Befragten von einem hohen bis sehr hohen „Compassion Fatigue“-Risiko (siehe unten) ausgegangen werden kann.

Da in Kinderschutzzentren unterschiedliche Berufsgruppen tätig sind, werden hier auch Studien anderer Berufsgruppen angeführt. Green et al. (2011) befragten NotärztInnen zu ihren Erfahrungen mit TraumapatientInnen. Diese berichteten von unangenehmen Gefühlen bei Themen wie Vergewaltigung oder häuslicher Gewalt. Sie führen einige Beispielaussagen der 31 befragten ÄrztInnen an, was für sie ein „schwieriger Patient“ sei. Demnach sind dies schwer traumatisierte PatientInnen, jammerndes und distanzloses Verhalten und ein nicht-kooperativer Umgang mit Behandlungsversuchen.

Als die häufigsten emotionalen Reaktionen führten die Befragten Frustrationsgefühle, Entmutigung, Hilflosigkeit sowie Schuldgefühle an. Oft schilderten sich die ProbandInnen als zu wenig kompetent im Umgang mit Traumatisierten und werteten sich in Folge selbst ab („Ich mache meinen Job nicht gut genug“ „Es gibt nichts, was ich tun kann“). Wut auf die Verursacher der Traumata wurde ebenfalls häufig genannt („am liebsten würde ich den Vergewaltiger umbringen“ „Ich verliere meine Geduld“). Laut den AutorInnen der Studie wurde die sekundäre Traumatisierung bei MedizInnern noch eher wenig ausreichend untersucht.

Meinen Beobachtungen zufolge kann ich mich mit den Aussagen der Befragten in dieser Studie zum größten Teil wiedererkennen und viele der Erlebnisberichte decken sich mit denen meiner ärztlichen KollegInnen. Die emotionalen Reaktionen wurden mir aber auch von allen anderen Berufsgruppen im Kinderschutzbereich geschildert, sodaß ich mich dazu entschied, nach den für sie am schwierigst erlebten Gefühlen in der KlientInnenarbeit zu fragen.

1.5.1 Mitgefühlserschöpfung

Als eine natürliche, vorhersehbare, behandelbare und verhinderbare unerwünschte Folge der Arbeit mit leidenden Menschen prägte Figley (1995) den Begriff der Mitgefühlserschöpfung („compassion fatigue“).

Will man einem Traumatisierten oder Leidenden helfen, entwickelt sich ein sekundärer traumatischer Stress. Darunter fallen Verhaltensweisen und Emotionen, die durch das Wissen entstehen, dass ein anderer Mensch ein traumatisierendes Ereignis erlebt hat.

Im Gegensatz zu „Burnout“, den er als einen fortschreitenden Prozess emotionaler, physischer und mentaler Erschöpfung sieht, ist Mitgefühlserschöpfung plötzlich auftretend und mit Gefühlen der Hilflosigkeit, Verwirrtheit und Isolation assoziiert.

In seinem Modell postuliert Figley (1995), dass das System des Opfers sich mit dessen Leid identifizieren muss, und sich Fragen nach dem Warum stellen. Dabei erleben sie ähnliche Gefühle wie das Opfer (z.B. Schlafprobleme). Er führt sechs interagierende Variablen an, die an der Entstehung der sekundären Stressreaktion beteiligt sind. Die Fähigkeit zur Empathie ist eine der Voraussetzungen, die zur „emotionalen Ansteckung“ führt. Die HelferInnen fühlen sich aufgrund der empathischen Beteiligung motiviert zu handeln. Die Folge ist die empathische Reaktion (z.B. Gefühle von Hoffnung und Sicherheit geben). Die HelferInnen fühlen schließlich eine Leistung, die sie erbracht haben, was ihnen ein Befriedigungsgefühl („compassion satisfaction“) vermittelt. Inwieweit sie fähig sind, sich vom Leid des Betroffenen zu distanzieren, entscheidet schließlich über das Ausmaß an sekundärem Stress. Wie in Abbildung1 dargestellt, wird versucht, den Stress zu bewältigen, und hält dieser über längere Zeit an, so kann er in einen Zustand der Mitgefühlserschöpfung übergehen.

Abbildung 1: Modell der Mitgefühlserschöpfung nach Figley (1995)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Symptome beschreibt er auf einem Kontinuum von akut bis chronisch und untergliedert sie in sieben Bereiche:

1) kognitiv: Konzentrationsmängel, Apathie, Selbstwertdefizite
2) emotional: Gefühle von Angst, Schuld und Ärger bis hin zu Ohnmachtsgefühlen
3) Verhaltensebene: Launenhaftigkeit, Veränderung des Appetits, Schlafstörungen
4) personale Ebene: Rückzugsverhalten, Misstrauen, Isolation
5) somatische Beschwerden: Schmerzen, geschwächtes Immunsystem
6) Arbeitsleistung: Erschöpfung, geringe Motivation, Apathie
7) spirituell: Infrage stellen des eigenen Glaubenssystems, der eigenen Weltanschauungen (Sicherheit und Vertrauen) und Werte

Figley (1995) gibt Faktoren an, die die Vulnerabilität von HelferInnen erklären:

1. Mitgefühl ist eine wichtige Ressource in der Traumaarbeit, da es hilft, sich in die Perspektive der Betroffenen zu versetzen und zu Verständnis führt.
2. Ungelöste Traumata der HelferInnen können in der Klientenarbeit reaktiviert werden.
3. Selbstberichten zufolge sind HelferInnnen besonders traumatisierten Kindern gegenüber vulnerabel.

HelferInnen, die sich mit den Auswirkungen von Traumata beschäftigen, konfrontierten sich mit den Reaktionen der Betroffenen (z.B. Schmerz, Angst oder Wut).

Figley (1995) postuliert ein Fünf-Phasen-Modell, welches HelferInnen durchlaufen, um die Folgen der sekundären Stressreaktion zu bewältigen.

Nach der ersten Phase, in der das traumatische Ereignis stattgefunden hat, und dem Helfer mitgeteilt worden ist, folgt eine Periode eines „Sicherheitsgefühls“, in der er zu sich selbst sagt, dass es vorbei ist. In der dritten Phase wird versucht, das Gehörte in die eigenen Weltanschauungen zu integrieren. Gelingt ihm dies nicht, zeigt er eine akute sekundäre Stressreaktion, welche zur Mitgefühlserschöpfung führen kann.

Die von Figley beschriebenen Symptome konnten in zahlreichen Studien nachgewiesen werden:

Bereits 1982 analysierten Taylor und Fraser die Reaktionen von SanitäterInnen, die nach einem Flugzeugabsturz für die Opfer zuständig waren. Dabei stellten sie fest, dass 80% der HelferInnen Veränderungen im Schlaf- und Essverhalten wahrnahmen. Ihrer Meinung nach geht es bei der Exposition von Trauma nicht nur um „Wissen“, sondern auch um das Spüren der Folgen des Traumas.

In einer Längsschnittuntersuchung von Collins & Long (2003) wurde ein multidisziplinäres Kriseninterventionsteam begleitet, das traumatisierte KlientInnen betreute. Im ersten Jahr fanden sie erhöhte Werte in den Dimensionen „Mitgefühlserschöpfung“ und „Burnout“. „Compassion satisfaction“ korrelierte negativ mit den anderen beiden und diente als protektiver Faktor. Die Befragten erlebten nicht nur ihre Tätigkeit als befriedigend, sondern auch das Gefühl, Teil eines Teams zu sein, Teamgeist zu erleben, Supervision und Unterstützung zu bekommen sowie zu sehen, dass es den KlientInnen mit der Zeit besser geht. Als negativ erlebten die ProbandInnen Teamdynamiken zwischen Vorgesetzten und HelferInnen sowie Neidgefühle von KollegInnen aus anderen Abteilungen.

Lauvrud und seine MitarbeiterInnen (2009) untersuchten sekundäre Traumatisierungen an 100 psychiatrischen Krankenschwestern in einer schwedischen forensischen Psychiatrieabteilung und verwendeten die „Professional Quality of Life Scale“, welche die Dimensionen Mitgefühlserschöpfung, Burnout und „compassion satisfaction“ (damit wird ein Zustand von Befriedigung hinsichtlich der eigenen wahrgenommenen Effektivität des Helfens verstanden) erfasst. Hinsichtlich „compassion satisfaction“ fanden sich geringe Werte. Die Länge der Berufserfahrung korrelierte negativ mit den Dimensionen Burnout und Mitgefühlserschöpfung. Als protektive Faktoren nannten sie soziale Unterstützung und positives Betriebsklima.

Eine der gründlichsten Untersuchungen stammt von Gurris (2005) an 100 TherapeutInnen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz. Er verschickte das Maslach-Burnout-Inventory, die „Professional Quality of Life Scale“ sowie den Compassion Fatigue/Satisfaction Test von Figley und wertete diese quantitativ aus. 29% der TherapeutInnen gaben eigene traumatische Erfahrungen an, wobei der Grad der Aufarbeitung nicht aufgelöst wurde. An Belastungen zeigten die TherapeutInnen ein hohes Risiko für Compassion Fatigue mit etwa 37% und für Burnout mit etwa 36%. 52% der Therapeutinnen empfanden „Compassion satisfaction“. Etwa die Hälfte der Befragten berichtete von Ohnmachtsgefühlen, Wut, Ärger und Hilflosigkeit. Etwa ein Drittel gab Unruhe, Hypervigilanz, Schlaflosigkeit, Erregung, Unruhe und Vermeidung an.

Beck (2011) fand in den Studien zur „Compassion Fatigue“ Raten zwischen 40% und 85% in den unterschiedlichsten helfenden Berufsgruppen. Einer Untersuchung an KinderschutzarbeiterInnen in Colorado zufolge berichteten die HelferInnen von „Compassion fatigue“-Raten in der Höhe von 50% (Conrad et al., 2006).

Rossi et al. (2012) identifizierten Risiko- und Schutzfaktoren in Zusammenhang mit Mitgefühlserschöpfung. Sie bezogen sich auf mehrere Studien und fassten zusammen, daß die Berufserfahurng und spezifische Traumausbildung der HelferInnen protektiv wirken, während eine hohe Fallzahl traumatisierter KlientInnen und eine persönliche Traumageschichte der HelferInnen als Risikofaktoren für die Ausbildung der „Compassion Fatigue“ angesehen werden. In ihrer Studie befragten Sie 311 HelferInnen aus Gesundheitsberufen in Italien mittels Fragebögen. 260 der Befragten bearbeiteten die Tests, welche „Compassion Fatigue“ (CF) und „Burnout“ erhoben. PsychiaterInnen und SozialarbeiterInnen zeigten die höchsten CF-Werte und eine eigene Traumageschichte korrelierte positiv mit den Burnoutwerten. Sie konnten den Zusammenhang zwischen hoher Fallzahl und CF-Ausprägung nachweisen. Ausserdem zeigte sich, daß Frauen eher zur CF neigen als Männer, was im Widerspruch zu anderen Untersuchungen steht.

Andere Studien legten den Fokus auf die Arbeitsumgebungen und institutionelle Gegebenheiten. So konnten Williams et al. (2012) nachweisen, daß körperliches und emotionales Wohlbefinden mit sekundärem Stress negativ korreliert. HelferInnen, die sich gesund ernährten, Sport betrieben, genug Schlaf hatten, sich sozial und spirituell engagierten und Humor bewahrten, berichteten von weniger sekundärem Stress. Die Befragung erfolgte mit einem Fragebogen zum körperlichen, kognitiven, emotionalen und sozialem Wohlbefinden. Eine hohe Fallzahl wirkte sich negativ auf sekundäre Stressreaktionen aus.

Dieses Ergebnis kann ich gut auf meine Erfahrungen mit dem Umgang mit sekundärem Stress umsetzen, da ich auch beobachte, daß ein Lebensstil, der zu Wohlbefinden führt, mir sehr hilft, inneren Stress abzubauen. Immer wieder stelle ich fest, daß ich mehr sekundäre Stressreaktionen bei mir bemerke, je weniger ich auf die oben genannten Faktoren des Wohlbefindens achte. Diese Beobachtungen geben auch meine unmittelbaren KollegInnen wieder.

Elwood et al. (2010) verglichen viele bisherig durchgeführten Untersuchungen im Bereich „sekundäre Traumastörungen“ und stellten die Widersprüchlichkeit vieler Ergebnisse tabellarisch dar. Da das Konstrukt der „sekundären Trauamstörung“ sehr unterschiedlich betrachtet wird, und die Ausprägungen mit sehr unterschiedlichen Testverfahren erhoben wurden, entstehen sich widersprechende Ergebnisse. Während einige Studien zum Schluss kamen, daß die befragten HelferInnen über hohe CF-Ausprägungen berichteten, fanden andere Untersuchungen nur sehr geringe Ausprägungsgrade. Der Zusammenhang zwischen hoher Fallzahl und sekundärem traumatischen Stress konnte auch nicht in allen Studien belegt werden.

Im Kinderschutzbereich führen sie 2 Untersuchungen an, in denen sehr hohe Ausprägungsgrade von CF (64%) und Burnout (40%) festgestellt wurden (Conrad et al., 2006). Die 363 KinderschutzmitarbeiterInnen berichteten auch von einer hohen Ausprägung an „Compassion satisfaction“ (CS, siehe nächsten Abschnitt), nämlich 75% von ihnen. Die Berufserfahrung hatte keinen signifikaten Einfluss (Nelson-Gardell et al., 2003).

Ausserdem kritisieren die AutorInnen, daß die Messzeitpunkte und Messdauer in den Untersuchungen sehr stark variieren und sie plädieren für mehr Längsschnittuntersuchungen.

Diese Kritik muss ich nach meiner Literaturrecherche teilen, da sehr viele Termini für die sekundäre Traumastörung, wie zum Beispiel „Compassion Fatigue“, „stellvertretende Traumatisierung“ oder „sekundärer traumatischer Stress“ verwendet werden. Daher beziehe ich mich in dieser Arbeit auf Figleys Konstrukt.

1.5.2 Compassion satisfaction

Stamm (2002) ergänzte die „Professional Quality of Life Scale“, welche „Compassion Fatigue“ und „Burnout“ misst, mit der Dimension „Compassion Satisfaction“, da nicht alle HelferInnen sekundäre Stressreaktionen entwickeln, sondern auch über protektive Mechanismen verfügen, um das eigene Wohlbefinden zu behalten. Die Motivation, zu helfen, besteht zum Teil aus einem Gefühl von Befriedigung, die in der Tätigkeit erlebt wird. Laut Stamm (2002) handelt es sich bei „Compassion Satisfaction“ um das Wohlbefinden, das aus dem Gefühl entsteht, seine Arbeit gut machen zu können.

Die Kulturanthropologin Rösing (2007) führte das Konzept des „Verwundeten Heilers“ ein und bezieht sich auf Victor Frankl, der aus seinen Erlebnissen im Konzentrationslager eine ressourcenorientierte Therapierichtung entwickelt hat. Gerade im Leiden könne auch Sinn gefunden werden und seine imaginären Gespräche mit seiner Frau gaben ihm Kraft zum Überleben. Bei traditionellen HeilerInnen, Schamanen in der Anden-Kultur und in der tibetischen Kultur hat Rösing herausgefunden, dass diese immer selbst Verwundete sind, z.B. durch Blitzschlag oder infolge Misshandlung, frühem Tod von Eltern, Kindern oder Partnern. In der schwarzen Heilung können sich die HeilerInnen mit den Betroffenen solidarisieren und ihnen helfen. Damit bringt Rösing die Resilienzforschung ins Spiel, was zur Studie von Hernandez et al. überleitet. Sie haben eine qualitative explorative Untersuchung an 12 PsychologInnen vorgenommen, die mit Gewaltopfern arbeiteten. Darin sprechen die Befragten von der Kraft, die sie aus der KlientInnenarbeit schöpfen. Die Überlebensstrategien der Opfer hätten die Sicht der TherapeutInnen auf sich selbst und auf die Welt verändert. Die Selbstheilungskräfte der Opfer hätten zu Angstabbau und neuen Perspektiven auf eigene Probleme geführt.

In einer Längsschnittuntersuchung von Collins & Long (2003) wurde ein multidisziplinäres Kriseninterventionsteam begleitet, das traumatisierte KlientInnen betreute. Im ersten Jahr fanden sie erhöhte Werte in den Dimensionen „Mitgefühlserschöpfung“ und „Burnout“. „Compassion satisfaction“ korrelierte negativ mit den anderen beiden und diente als protektiver Faktor. Die Befragten erlebten nicht nur ihre Tätigkeit als befriedigend, sondern auch das Gefühl, Teil eines Teams zu sein, Teamgeist zu erleben, Supervision und Unterstützung zu bekommen sowie zu sehen, dass es den KlientInnen mit der Zeit besser geht. Als negativ erlebten die ProbandInnen Teamdynamiken zwischen Vorgesetzten und HelferInnen sowie Neidgefühle von KollegInnen aus anderen Abteilungen.

Linley & Joseph (2007) konzentrierten sich in ihrer Studie an PsychotherapeutInnen auf die positiven Aspekte wie posttraumatisches Wachstum und “compassion satisfaction”. Mithilfe der „Professional Quality of Life Scale“ befragten sie 156 PsychotherapeutInnen und konnten nachweisen, dass Frauen von mehr persönlichem Wachstum berichteten als Männer. Als besten Prädiktor der „compassion satisfaction“ wurde die therapeutische Beziehung genannt. Supervisionen begünstigen ebenfalls das Ausmaß an positiver Befindlichkeit. Ebenso zeigten die Ergebnisse, dass die Anzahl der Fälle (traumatisiertes Klientel) und die Berufsjahre positiv mit negativer Befindlichkeit und Burnout korrelierten.

1.5.3 Burnout

Der Begriff “Burnout” wurde vom Psychoanalytiker Freudenberger (1974) geprägt, der in einem Aufsatz seine Beobachtungen über die Arbeitseinstellung von ehrenamtlichen MitarbeiterInnen einer Hilfsorganisation festhielt. Demnach veränderte sich deren Verhalten von zuerst motivierten und engagierten MitarbeiterInnen zu leicht reizbaren und demotivierten Personen. In diesem Verlauf des „Ausbrennens“ verspürt der Betroffene chronische Müdigkeit, die ihn zu einem erhöhten Energieeinsatz zwingt. Um dies zu erreichen, werden negative Gefühle verdrängt, welche in empfindungslosen Stadien Symptome wie zum Beispiel Zynismus, Ungeduld, erhöhte Reizbarkeit und psychosomatische Beschwerden bis hin zu Depressionen auslösen können.

[...]

Ende der Leseprobe aus 116 Seiten

Details

Titel
Emotionserleben und Emotionsregulation in der Kinderschutzarbeit
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Psychologie und Sportwissenschaften)
Note
3
Autor
Jahr
2013
Seiten
116
Katalognummer
V294215
ISBN (eBook)
9783656939962
ISBN (Buch)
9783656939979
Dateigröße
957 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kinderschutz, Emotionsregulation, sekundäre Traumarisierung, Burnout, Compassion Fatigue, Compassion Satisfaction, Figley
Arbeit zitieren
Matthias Reitzer (Autor), 2013, Emotionserleben und Emotionsregulation in der Kinderschutzarbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294215

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Emotionserleben und Emotionsregulation in der Kinderschutzarbeit



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden