Der Film Strange Days von Kathryn Bigelow setzt eine der zentralen Aussagen von Vivian Sobchack emblematisch ins eigene Bild: In einer dystopischen Diegese kurz vor der Jahrtausendwende ermöglicht eine Technik namens SQUID, individuelle Erfahrung (scheinbar) synästhetisch aufzunehmen, auf Discs zu speichern und erneut und intersubjektiv abzuspielen. Protagonisten ‚erleben‘ – sehen, hören, fühlen – was eine andere Figur erlebt hat. Mit der Thematisierung eines solchen zukunftstechnologischen Mediums, welches durch retroaktive Simulation eine ganzheitliche, körperliche Erfahrung ermöglicht, die wiederum ihren eigenen medialisierten Status selbst zu tilgen scheint, berührt der Film STRANGE DAYS bekannte und breit bearbeitete Diskurse seiner eigenen Form, vor allem jene der kinematographischen Illusion und Fiktion.
Die Tatsache, dass der Film dieses maximal somatische Erleben in filmische Bilder zu übersetzen versucht, sorgt für eine verdoppelte Rezeptionssituation in der Diegese und einer Film-im-Film-Konstellation: Äußerst pointierte point of view-Sequenzen durchziehen den gesamten Film und setzen das SQUID-Erleben der Protagonisten ins Bild. Gleichzeitig scheinen diese virtuos und intensiv gestalteten Szenen subjektiver Wahrnehmungsbilder aber auch eindeutig auf den tatsächlichen Zuschauer des Films abzuzielen und diesen in die Struktur verdoppelter Wahrnehmungsebenen einweben zu wollen.
Das thematisch verhandelte seeing-seen schreibt sich in der tatsächlichen rezeptionstheoretischen Situation (außerhalb der Leinwand) fort. Diesen Vorgang gilt es genauer in den Blick zu nehmen. Dafür sollen im ersten Teil dieser Arbeit die Überlegungen zu einer filmtheoretischen Körpertheorie von Vivian Sobchack und Christiane Voss, die in STRANGE DAYS bereits auf Handlungsebene eine äußerst anschauliche Repräsentation erfahren, rekapituliert werden.
Im Vergleich zur semiotischen und psychoanalytischen Filmtheorie werten diese die Rolle der Körperlichkeit beim Filmerleben deutlich auf und proklamieren eine konkrete Verbindung von Zuschauerkörper und Film, ohne diese jedoch wirklich anschaulich zu machen. Erstes Ziel dieser Arbeit ist es daher, diese Ins-Bild-Setzung für den speziellen Fall STRANGE DAYS analytisch zu konkretisieren. Dies soll im Analyseteil mit einer dichten Beschreibung der Inszenierungsstrategien einerseits und der dadurch im Zuschauer ausgelösten affektiven Reaktionen und modulierten Emotionen andererseits erreicht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Körperlichkeit im Kino
2.1 Rückbezug 1: Die leibgebundene Wahrnehmung (Merleau-Ponty)
2.2 Rückbezug 2: Der Körper des Films (Sobchack)
2.3 Der Illusionsbegriff und die Körperlichkeit der Immersion bei Voss
2.4 Der Kinozuschauer als Resonanzkörper
3. Die filmanalytische Methode: Audio-Vision und Zuschauergefühl
3.1 Added Value
3.2 Sound und Raum
3.3 Temporalisierung und Modi des Hörens
3.4 Das Zusammenspiel von Ton und Bild in der Zeit
4. STRANGE DAYS – Eine audiovisuelle Analyse
4.1 Eine Thriller-Dystopie mit verdoppelter Erlebnis-Struktur
4.2 Der Beginn des Films und die (brüchige) Verflechtung von Film- und Zuschauerkörper
4.3 Alternation und das Affektbild des maximal erfahrenden Gesichts
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die audiovisuelle Inszenierung des Films STRANGE DAYS (Kathryn Bigelow, 1995) vor dem Hintergrund phänomenologischer Körpertheorien, um zu untersuchen, wie durch die Verknüpfung von Bild und Ton eine „verkörperte“ Filmwahrnehmung beim Zuschauer erzeugt und moduliert wird.
- Phänomenologie der leibgebundenen Wahrnehmung nach Merleau-Ponty und Sobchack
- Analyse der audiovisuellen Inszenierungsstrategien mittels Michel Chions Konzept der „Audio-Vision“
- Untersuchung der „verdoppelten“ Rezeptionssituation durch SQUID-Technologie und POV-Sequenzen
- Wechselspiel von Sound Design und Zuschauergefühl zur Erzeugung von Immersion und Affekt
Auszug aus dem Buch
3.1 Added Value
Hören funktioniert anders als Sehen. Im komplexen Vorgang menschlicher Wahrnehmung besitzt die auditive Komponente verglichen mit der dominant insistierenden visuellen eine andere Qualität. Sie offenbart sich weniger bewusst, erscheint vielschichtiger und funktioniert vor allem auch körperlicher. Akustisches Wahrnehmen ist zwar primär an das Sinnesorgan Ohr gebunden, verwirklicht sich aber durchaus, in Verbindung mit dem Tastsinn, synästhetisch. Vor allem bei sehr hohen Lautstärken gerichteter Töne, wie sie bei einer Filmvorführung im Kinosaal vorkommen, werden die von Schallwellen erzeugten Vibrationen auch taktil aufgenommen. Und dies schon von einem kaum früher zu denkenden Zeitpunkt an: Hören ist im Vergleich zu etwa Schmecken oder Sehen der primärste (archaischste) unserer Sinnesvorgänge, schon vor unsere Geburt nehmen wir im Mutterleib Geräusche war (vgl. Chion 1994: VIIf. und ausführlicher das erste Kapitel in Chion 1984).
Walter Murch beschreibt diese spezifische Qualität des (Film-)Tons in seinem Vorwort zu Michel Chions Monographie Audio-Vision metaphorisch als „dancing shadow“ (Chion 1994: XVIII), welcher über eine „mysterious perceptual alchemy“ (ebd.: VIII) das Filmbild zwar entscheidend, aber gewissermaßen unsichtbar beeinflusst. Mit einer weiteren Metapher leitet Murch das Programm von Chions Ausführungen zum Film ein: Die unterdrückte Königin Sound soll endlich Gleichberechtigung erfahren gegenüber dem regierenden König Bild, das Ungleichgewicht in der theoretischen wie analytischen Auseinandersetzung der beiden Parameter getilgt werden. Dabei, und das macht bereits der Titel des Buches auf prägnante Art und Weise deutlich, geht es Chion weder um eine Polemik gegen eine nun mal äußerst visuell geprägte Kultur noch um einen Vorzeichenwechsel im Sinne einer das Bild dominierenden (Re-)Positionierung des Filmsounds. Mehrfach soll durch die genauere Betrachtung der auditiven Ebene des Films (gerade eben auch in ihrer spezifischen Singularität) ein Gleichgewicht hergestellt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die filmtheoretische Problemstellung von STRANGE DAYS ein und beschreibt das Ziel, die Körperlichkeit beim Filmerleben analytisch zu konkretisieren.
2. Körperlichkeit im Kino: Dieses Kapitel erläutert die phänomenologischen Grundlagen der leibgebundenen Wahrnehmung durch Merleau-Ponty, Sobchack und Voss.
3. Die filmanalytische Methode: Audio-Vision und Zuschauergefühl: Hier wird Michel Chions Konzept der Audio-Vision als Werkzeug für die Analyse der Tonebene eingeführt.
4. STRANGE DAYS – Eine audiovisuelle Analyse: Dieser Hauptteil analysiert die Inszenierung der SQUID-Sequenzen und die Rolle des Sounds in Bezug auf die Zuschauerwahrnehmung.
5. Schlussbetrachtung: Die Arbeit resümiert die Erkenntnisse zur somatischen Filmtheorie und deren Anwendung auf das dystopische Medienkonsum-Narrativ von STRANGE DAYS.
Schlüsselwörter
Audio-Vision, Filmtheorie, Phänomenologie, Körperlichkeit, Vivian Sobchack, Michel Chion, STRANGE DAYS, SQUID-Technologie, Zuschauergefühl, Immersion, Affekt, Point of View, Sound Design, Kinematographie, Körpererleben.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Masterarbeit befasst sich mit der filmtheoretischen Analyse von Körperlichkeit und Wahrnehmung in Kathryn Bigelows Film STRANGE DAYS, wobei ein Fokus auf dem Zusammenspiel von Bild und Ton liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Untersuchung verknüpft die phänomenologische Filmtheorie (Embodiment) mit der Analyse der audiovisuellen Gestaltung, insbesondere des Sound Designs nach Michel Chion.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die theoretischen Ansätze zur verkörperten Filmwahrnehmung am Beispiel von STRANGE DAYS analytisch zu konkretisieren und die Affektmodulation durch audiovisuelle Inszenierung aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine dichte filmanalytische Beschreibung angewandt, die durch die kritische Anwendung von Michel Chions Konzept der Audio-Vision und die phänomenologische Körpertheorie von Vivian Sobchack und Christiane Voss methodisch fundiert ist.
Was wird im Hauptteil der Analyse behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische SQUID-Sequenzen im Film hinsichtlich ihrer Montage, der Sound-Ebenen und der Auswirkungen auf die affektive körperliche Reaktion des Zuschauers.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Audio-Vision, Körperlichkeit, SQUID, Zuschauergefühl, Point-of-View-Sequenzen und Affektpoetik.
Warum spielt die Technologie SQUID eine zentrale Rolle für die Analyse?
SQUID dient im Film als zentrales „Plot Device“, das eine verdoppelte Rezeptionssituation (Film-im-Film) schafft, an der sich die somatische Filmtheorie besonders gut demonstrieren lässt.
Welche Rolle spielt der Sound für die Wahrnehmung des Zuschauers in STRANGE DAYS?
Sound dient in der Analyse nicht nur als Hintergrundkulisse, sondern als aktives Gestaltungsmittel zur Rhythmisierung, zur Erzeugung von Atmosphäre und zur Verankerung des Zuschauers in der subjektiven Sichtweise der Figuren.
- Arbeit zitieren
- Danny Gronmaier (Autor:in), 2013, Seeing the seen, hearing the heard. Körperlichkeit und Audio-Vision in Kathryn Bigelows "Strange Days", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294263