Untersuchung der bildkünstlerischen Arbeiten von Barbara Beisinghoff zu Christa Wolfs Erzählung "Kassandra"


Wissenschaftliche Studie, 2015
35 Seiten

Leseprobe

Elke Riemer-Buddecke

Barbara Beisinghoff (geb. 1945) und Christa Wolf (1929-2011)

Was verbindet die 1945 geborene, jetzt in Diemelstadt-Rhoden lebende westdeutsche Künstlerin Barbara Beisinghoff mit der 1929 geborenen ostdeutschen Christa Wolf, einer der wichtigsten, welt­weit bekannten Schriftstellerinnen der DDR und lange Zeit auch ihr Aushängeschild? Im Gegensatz zu Literaten wie Reiner Kunze, Hartmut Lange, Günter Kunert, Sarah Kirsch, Wolf Biermann, Stefan Heym, Robert Havemann, um nur einige zu nennen, denen es in der DDR deutlich schlechter ging, genoss sie durchaus Privilegien, konnte ungehindert ins Ausland, selbst in die USA, reisen und dort Gastvorlesungen halten. Und dies trotz ihrer zunehmend kritischen Haltung gegenüber der Kulturpo­litik der DDR und ihres Mutes, auch heikle Themen in ihren Werken anzusprechen und dafür Restrik­tionen bei deren Veröffentlichungen hinzunehmen.[1] [2] Schon diese Frage ist nicht einfach zu beantwor­ten und wird Gegenstand dieses Essays sein. Dass es eine engere Verbindung gegeben haben muss, ergibt sich nicht nur daraus, dass Beisinghoff sich vielfach und über Jahre hinweg mit Wolfs Erzählung Kassandra (1983) und ihren 1982 an der Frankfurter Goethe-Universität gehaltenen Poetik­Vorlesungen zur Entstehung der Erzählung auseinandersetzte, sondern auch daraus, dass die Künst­lerin das Schriftsteller-Ehepaar Gerhard und Christa Wolf persönlich in Berlin aufsuchte, ihm ihre Arbeiten vorlegte, widmete und etliches sogar schenkte, darunter eines ihrer auf zwölf Unikat- Exemplare begrenzten Künstlerbuches zu Kassandra (Verkaufspreis: 2000 €), bestehend aus elf handgeschöpften Wasserzeichenblättern mit Radierungsanteilen. Die Galerie Forum Amalienpark in Berlin-Pankow richtete daraufhin auf die Empfehlung der Wolfs eine Ausstellung für sie aus. Die Künstlerin konnte zudem Gerhard Wolf dazu gewinnen, für ihre Bad Arolser Ausstellung von 2014: Das Gesetz des Sterns und die Formel der Blume im Residenzschloss von Bad Arolsen einen Katalog­beitrag zu leisten. Das wurde das Kapitel: Zu den Motiven der Kunst Barbara Beisinghoffs aus der Sicht unmittelbarer Begegnungen damals und heute. Aus all diesem wird deutlich, dass sich ein enge­rer und persönlicher Kontakt zwischen dem Schriftstellerehepaar und der Künstlerin ergeben haben muss, auch über den Tod von Christa Wolf (2011) hinaus.

2009 hatte Barbara Beisinghoff die Wolfs zum ersten Mal besucht und ihre Wasserzeichenbilder zur Kassandra auf deren Tisch ausgebreitet, Produkte vieler Jahre intensiver künstlerischer Auseinander­setzung, die bald nach dem Hören der Poetik-Vorlesungen in Frankfurt begann. Im Jahr 2000 stellte Beisinghoff in der Zitadelle Berlin einen Turm für eine Hell-Seherin aus, 77 Wasserzeichnungen und drei Treppen, dazu ein Tischproszenium für 12 Wasserzeichenbilder. Noch im selben Jahr gab es auch in einer Ausstellung in Offenbach einen Raum für eine Hellseherin. 2003 erfolgte im Deutschen Buch- und Schriftmuseum der deutschen Nationalbücherei Leipzig eine Ausstellung: Die Wasserzeichenbil­der gefielen dem Ehepaar Wolf, bezauberten es. Darunter z.B. das Blatt Nr. 10: Ich flog, das von Christa Wolf besonders geliebt wurde. Sie schrieb noch 2002 an die Künstlerin: Das Blatt, das Sie uns einmal zugesandt haben (Ich flog, ja ich flog) hängt in meinem Zimmer in Mecklenburg in unserem

Sommerhaus, in dem ich jedes Jahr mehrere Monate lang lebe. Ich sehe es oft und mit Freude.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Ich flog, ja ich flog

Auch die Künstlerin selbst als Persönlichkeit, dem Ehepaar Wolf zuvor unbekannt, scheint in beson­derem Maße gefallen zu haben; so liest sich Gerhard Wolfs Katalogbeitrag von 2014 wie die Hom­mage eines Schriftstellers an eine Künstlerin, die zu beeindrucken verstand, wenn er von ihrer Zart­heit, ihrem Mut zum Risiko, ihrer Courage mit Herz spricht, ihrem körperlichen Einsatz bei den schweren Herstellungstechniken, der Selbstschöpfung des Papieres, dem Aufgautsch-Verfahren für die Papiere und den Wasser-Performances. Von ihrer künstlerischen Leidenschaft, ihrer Fähigkeit, Verstand aus Anmut des Geistes und des Herzens einzusetzen für ihre anmutigen Schöpfungen, ihrer Bescheidenheit und Bereitschaft, die eigenen Arbeiten selbst zu erläutern, den Herstellungsprozess zu erklären. Noch 2014 zeigt sich Gerhard Wolf beeindruckt und überzeugt, dass Barbara Beisinghoff mit ihren Arbeiten zu Kassandra den Worten seiner Frau neues Gewicht verliehen, ihnen Raum gege­ben habe, den sie bis dahin nicht hatten.4 Für ihn sind diese Arbeiten Beisinghoffs aus den Jahren von 2000-2007, also diejenigen, die sie ihm überlassen hatte: Im Dämmer sind weitere Räume zu ahnen (2000) aus dem Turm für eine Hell-Seherin, das Künstlerbuch: Farben sah ich, Hell-Seherin (2005) und: Ich flog (2005), kongeniale Nachempfindungen, Anverwandlungen des Textes, Übersetzungen der Sprache in Farbe. Dass die Künstlerin dabei auch Worte seiner Frau auf den wassergeschöpften Il­lustrationen' eigenwillig, vom Kontext getrennt zitiert und ihnen somit ein Eigenleben verleiht, sie teils sogar durch eigene Bildzeichen ,umdeutet', scheint ihn nicht zu stören; in seinen Augen bleibt[3] [4] die Nähe zum dichterischen Fühlen und Denken seiner Frau gewahrt: als quasi kongeniale bildkünst­lerische Anverwandlung.5 Ein hohes Lob, eines aus innerer Überzeugung.

Literarische Prägung?

Aus einem Gespräch mit der Künstlerin wurde deutlich, dass sie durch Christa Wolfs Poetik­Vorlesungen: Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra, die sie selbst in Frankfurt 1982 an der dortigen Johann-Wolfgang Goethe-Universität gehört hatte, zur Beschäftigung mit Kassandra ange­regt wurde. Das heißt jedoch nicht, dass sie sich mit dem gesamten Werk Christa Wolfs künstlerisch auseinandersetzte. Sie geht weder systematisch noch mit germanistischem Anspruch auf umfassende Interpretation bei der Auswahl ihrer Lektüre vor, sondern betont selektiv. Sie hat außerdem noch Christa Wolfs Roman Kindheitsmuster von 1976 gelesen. Sie sagte in dem Gespräch von sich selbst, sie lese gar nicht so viel, aber das, was sie lese, mit großer Intensität, immer auf der Suche nach be­sonderen Textstellen, die ihr nah und für sie persönlich auffällig seien, also Sprachbilder, die ihre künstlerische Phantasie anregten und etwas in ihr zum Klingen brächten, sie inspirierten. Eigentlich seien diese Textstellen für sie dann wesentlicher als das Gesamtwerk. Eine umfassende Werkinter­pretation mit künstlerischen Mitteln liege ihr fern. Eigentlich wolle sie nicht als literarisch geprägte Künstlerin gelten, obwohl sich gerade dies dem Betrachter angesichts ihrer zahlreichen Künstlerbü­cher und Arbeiten (den Begriff Illustrationen vermeidet sie bewusst)6 zu verschiedenen Autoren auf­drängt: zu Enheduanna (um 2300 v. Chr.), zum Sohar, zu Ovid, zu Johann Wolfgang von Goethe, zu Heinrich von Kleist, zu Bettina Brentano bzw. von Arnim und Caroline von Günderode, zu den Gebrü­dern Grimm, zu Hans Christian Andersen, zu Heinrich Heine, zu Henry Miller, zu Jakob von Hoddis, zu Franz Mon, zu Nelly Sachs, zu Gertrud Kolmar, zu Paul Celan, zu Hanne F. Juritz, zu Elsa Sophia von Kamphoevener, zu Rudolf Jüdes, zu Marina Zwetjewa, zu Karl Krolow, zu Hermann Burger, zu Robert Charioth, zu Sibylle Knauss, zu Laurie Anderson, zu Georg Nees, zu Elfriede Jelinek. Dem Lyriker Karl Krolow (1915-1999), bis in die 1970-er Jahre hinein einer der einflussreichsten Lyriker, der wie Chris­ta Wolf Gastvorlesungen an der Frankfurter Goetheuniversität hielt, in vielen Gremien über andere Lyriker entschied, legte sie vier Farbradierungen von 1986 vor, einen Zyklus zum Thema Lebensalter. Die Radierungen beeindruckten ihn derart, dass er seinerseits dazu in Versform Bildbeschreibungen lieferte: ein ziemlich einmaliger Vorgang und mögliches Thema für einen eigenen Aufsatz!

Die Liste von Schriftstellern, mit denen sich Beisinghoff bildkünstlerisch auseinandersetzte, ist lang und ein Hinweis darauf, welche Faszination dichterische Worte auf die Künstlerin ausübten und noch ausüben, so weitgehend, dass sie ganze Räume (in Bad Arolsen Ausstellungsräume) und Raumbilder diesen Schriftstellern widmete, ihren Worten ihre Bilder gegenüberstellte. Manchmal sind ihre bild­künstlerischen Interpretationen' so eigenwillig, dass es für denjenigen, der einige der Texte genauer kennt, nicht immer einfach (aber immer spannend) ist, die eigene Textdeutung zu vergessen und sich auf die subjektive Sicht der Künstlerin und ihrer teils rätselhaften Bildzeichen einzulassen. Im Einzel­nen, beim konkreten Bild-Text-Vergleich, wird gerade dieses eine schwierige Aufgabe sein, aber eine, der man sich stellen sollte, wenn auch mit gebotener Vorsicht, weil die Gefahr des Spekulierens hierbei nicht unerheblich ist.[5] [6]

Christa Wolfs politische Rolle

Wie steht es mit der politischen Rolle Christa Wolfs? Ist für Barbara Beisinghoff dieses Kapitel wich­tig? Eher nicht. Ihr künstlerischer Zugriff scheint im Wesentlichen ein anderer zu sein.[7] Dennoch gibt es Arbeiten von ihrer Hand zu Kassandra, wie z.B. bei der Installation von 2002 im Zumtobel Staff Lichtzentrum Lemgo, mit denen sie politische Konflikte wie das kriegerische Verhalten der Trojaner und Griechen thematisiert.

Inzwischen weitgehend bekannt und auch Anlass zu Attacken, die Christa Wolf zu schaffen und sie buchstäblich krank machten[8], sind die nach dem Zusammenbruch der DDR 1989 erfolgten Enthüllun­gen zu ihrer relativ kurzfristigen Tätigkeit (von 1959-62) als IM Margarete (informelle Mitarbeiterin) des Ministeriums für Staatssicherheit. Christa Wolf ging in die Offensive und outete sich in dem sie entlastenden Wissen, selbst seit langem, spätestens aber nach ihrer Unterschrift gegen die Wolf­Biermann-Ausbürgerung (1976) Objekt der Beobachtung und Opfer der Stasi gewesen zu sein.[9] [10] Letzt­lich blieb sie aber loyal und marxistisch geprägt, war vom Sozialismus als der besseren politischen Alternative überzeugt. Noch 1989 bekämpfte sie im Gegensatz zu vielen ihrer ostdeutschen Schrift­stellerkollegen gemeinsam mit Stefan Heym die Auflösung der EX-DDR und warb nicht für das Ende des Sozialismus, sondern für eine Reform des Sozialismus: „Stell dir vor, es ist Sozialismus und keiner geht weg." Kein Wort von Abrechnung und schon gar nicht von Wiedervereinigung. Ihr Schriftstel­lerkollege Friedrich Schorlemmer forderte unter großem Beifall die DDR-Bürger sogar zum Bleiben auf, denn jetzt werde es spannend. Dennoch trat Christa Wolf aus der SED aus, deren Mitglied sie seit ihrem Abitur in Bad Frankenhausen war. All dies kann als ein Zeichen von Unangepasstheit und individualistischem Querdenken gedeutet werden, wie sie es bereits mit ihrem Roman Nachdenken über Christa T. (1969) gezeigt hatte. Schon damals zog sie die Aufmerksamkeit der DDR- Literaturzensur auf sich, sodass der Roman letztlich nur in einer Auflage von 3000 Exemplaren in der DDR über den Ladentisch ging, während er nur wenig später in der BRD zum Bestseller wurde.

Unterschiedliche Biografien

Man sieht: zwei unterschiedliche Biografien, bedingt durch die über vierzigjährige Teilung Deutsch­lands, das Aufwachsen in verschiedenen Welten. Gewiss, Christa Wolf galt sehr bald auch im Westen als eine der renommiertesten deutschsprachigen Schriftstellerinnen, vor allem als eine der Wortfüh- rerinnen des Feminismus. Nicht zuletzt deshalb wurde sie mit den begehrtesten Preisen überhäuft und zudem zu Gastvorlesungen an Universitäten eingeladen, denen sie gern nachkam. Das Erstaun­lichste an allem war, dass sie diesen Einladungen ungehindert nachkommen durfte, quasi als Aus­hängeschild der DDR, aber auch als Aushängeschild für die Liberalität Westdeutschlands und der dort damals überwiegend links angehauchten Intellektuellen (rechte Intelligenz war verdächtig und wurde als Möglichkeit sogar geleugnet). Sie hat sich zwar schon in den 70-er und 80-er Jahren gern als hei­matlos, zwischen allen Stühlen sitzend und nirgendwo mehr zu Hause seiend (s. Erzählung: Kein Ort. Nirgends) gesehen und dies als existentielle Schmerzerfahrung beschrieben, aber wirklich krank wur­de sie erst als Entwurzelte nach der Wende - ein Begriff übrigens, den sie vehement ablehnte. Und die westdeutsche Künstlerin? Eigentlich eine unpolitische Biographie: Kunststudium an der Pädagogi­schen Hochschule Hannover von 1964-1967 mit dem Ziel, Kunsterzieherin zu werden, kurze Zeit Schuldienst an einer Förderstufe, fast zehn Jahre künstlerische Abstinenz durch Familie und drei Kin­der, Auslandsaufenthalte an Universitäten wie Bristol und Dublin, Entscheidung für Freie Malerei, 1967-1968 Kunststudium an der Werkkunstschule Hannover. Viele Kunstpreise und Kunst­Workshops, Installationen, Kunst am Bau, Einzelausstellungen und Gruppenausstellungen - eine be­merkenswert erfolgreiche Künstlerbiographie mit scheinbar wenig Brüchen und Rissen. Risse und Brüche, die auch zur Entwurzelung geführt haben, sind aber für die möglicherweise unfreiwillig der­art politische Biographie Christa Wolfs typisch.

Dennoch muss es besondere Berührungspunkte geben nach all dem, was schon aufgeführt wurde. Berührungspunkte infolge gemeinsamer Interessen und Sichtweisen, die möglicherweise auf innere Verwandtschaft und Empfindungsgleichklang hindeuten. Sie zeigen sich nicht nur in Beisinghoffs jah­relanger künstlerischen Auseinandersetzung mit Kassandra, sondern auch darin, dass sie sich eben­falls Bettina von Arnim und Karoline von Günderode zuwandte, ihrem Briefwechsel und dem Buch Gedichte und Phantasien, das die unglückliche, 1806 durch Selbstmord aus dem Leben geschiedene Günderode mit 24 Jahren unter dem Pseudonym ,Tian' veröffentlicht hatte. Ein kleiner Raum ganz oben im Ausstellungsgelände des Schlosses in Bad Arolsen war für das Künstlerbuch Bettine (Bettina von Arnim) bestimmt.

Christa Wolf und die DDR - Kassandra als Schlüsselerzählung

Christa Wolf hatte ihrerseits den beiden befreundeten romantischen Dichterinnen und dem durch Selbstmord aus dem Leben geschiedenen Heinrich von Kleist schon 1977 in der Erzählung Kein Ort. Nirgends ein Denkmal gesetzt. Dieses Werk war praktisch der Beginn Christa Wolfs, ihre seit der Ausbürgerung Wolf Biermanns zunehmend kritische Distanz zur ihrer früheren ideologischen Hei­mat, der DDR, in der sie sich in den 1960-er Jahren noch als eine loyale Dissidentin, in den 1970er Jahren aber nicht mehr innerlich beheimatet fühlte, in eine grundsätzliche Entfremdungsthematik umzuwandeln, den Zusammenhang von gesellschaftlicher Verzweiflung und Scheitern in der Litera- tur zu thematisieren. Hierzu projizierte sie, wie es damals typisch für kritische DDR-Autoren war und eigentlich noch der Tradition des Verfremdungseffektes von Bertolt Brecht entsprach, gegenwär­tige politische und gesellschaftliche Schieflagen in frühere Zeiten, um sie dennoch unmissverständ­lich durch verdeckte oder direkte Hinweise der gegenwärtigen Zeit anzulasten. Nur spricht Christa Wolf hierbei nicht mehr von Verfremdung, sondern von Verkleidung. Gemeint ist aber derselbe Vor­gang. So war es die Romantik in Kein Ort. Nirgends und wenig später sogar die Zeit vor mehr als 3000 Jahren, die Homer in seiner ,Ilias' und Dichter wie Aischylos, Sophokles und Euripides in ihren Epen und Dramen festhielten. Christa Wolf unternahm zu diesem Zweck sogar eine Bildungsreise nach Griechenland, die ihr Bedürfnis förderte, sich eingehend mit der Kassandra-Figur zu beschäftigten. In ihren Poetik-Vorlesungen zur Entstehung der Kassandra-Erzählung wagte sie den tollkühnen und für einen Historiker nicht leicht nachvollziehbaren Vergleich zwischen dieser Zeit der antiken Mythen und der Gegenwart, die in ihren Augen durch zügellose atomare Aufrüstung und den Kalten Krieg zwischen Ost und West bedroht war. In ihren Frankfurter Poetik-Vorlesungen sprach sie sogar von der Zeit, in der wir leben, als einer Zeit zwischen zwei Katastrophen. Sie verglich das aus dem ur­sprünglichen Matriarchat entstandene kriegerische Patriarchat der Trojaner und Griechen, z.B. in Homers Ilias, das den einzelnen Menschen in ihren Augen zum Objekt degradiert und ihn instrumen­talisiert habe, mit dem durch Stasi-Unwesen der EX-DDR und machte aus ihrer Kassandra-Erzählung eine Schlüsselerzählung, in der die Zuordnung zu gegenwärtigen Politikern und deren Verfahren rela­tiv leicht fällt: Ich werde für die Erzählung, in der ich immer mehr eine Schlüsselerzählung sehe, viel mehr Zeit brauchen, als ich für das Lehrstück veranschlagt hatte, das mir am Anfang vorgeschwebt haben muss. Den westlichen Kapitalismus, nach Wolf nicht minder menschenfeindlich, sah sie im Verhalten der Griechen gespiegelt.

Christa Wolf: Feminismus - die Rolle der Frau

Kassandra erscheint bei Christa Wolf als eine tragische Figur mit den Möglichkeiten einer Prophetin, die leider, von ihrer Herkunft und Erziehung geprägt, auch ein Stück weit fehlgeleitet ist, obwohl sie alle Anlagen zu einer kämpferischen Feministin besitzt. Zudem ist sie eine Prophetin, der im eigenen Land nicht geglaubt und die deshalb abgelehnt wird, deren Prophezeiungen nur Angst und Schre­cken, nicht aber Nachdenken verursachen, sodass sie schließlich als angeblich Wahnsinnige vom ei­genen Vater, dem König Priamos, ins Gefängnis geworfen wird. Zerrieben zwischen den Fronten, weiß sie, dass sie auf aussichtslosem Posten kämpft und von der griechischen Königin Klytaimnestra mitsamt ihrer Kinder ermordet werden wird. Dem Angebot ihres Geliebten Aineias, mit ihm nach Italien zu flüchten und damit ihr Leben und das ihrer Kinder zu retten, folgt sie nicht, weil Aineias den Lebensweg eines Helden und Politikers einzuschreiten im Begriff ist. Sie wählt bewusst den Unter­gang, den sie wie Agamemnons Ermordung durch seine Frau Klytaimnestra voraussieht. Ihrer wider­sprüchlichen, aber eigentlich starken Frauenpersönlichkeit, die ihrer Zeit weit voraus ist, gilt Christa Wolfs Interesse, nicht zuletzt, weil sie Identifikationsfigur ist, ihre Rolle der der heutigen Schriftstelle­rin im Spannungsfeld zwischen Ost und West ähnelt, in dem man wie Kassandra zwischen Katastro­phen lebt. Das ist jedenfalls Christa Wolfs Sicht. Sie scheint sich selbst als eine Art Prophetin zu se­hen, die im eigenen Land nicht gehört und die zwischen den Fronten zerrieben wird. Aber sie will gehört werden, will Einfluss nehmen, in einer von Männern regierten Welt aus einer bewusst femi-[11] [12] nistischen Position heraus. Christa Wolfs Anliegen war vor allem: ...bei der Kassandra-Figur: Rückfüh-

rung aus dem Mythos in die (gedachten) sozialen und historischen Koordinaten.

Das ist der zentrale und im Kern politische Ansatz Christa Wolfs in ihrer Erzählung Kassandra. Aber es gibt in dieser vielschichtigen Erzählung Christa Wolfs, die immer noch zu ihren besten Arbeiten ge­zählt wird, noch andere zentrale Motive. Und eben diese sind es, die Barbara Beisinghoff insbesonde­re angeregt zu haben scheinen. Die Zitatschnipsel in ihrem, Christa Wolf gewidmeten Raum für eine Hellseherin verweisen auf einen anderen Deutungsschwerpunkt: auf das Problem der schwierigen Selbstfindung. Und das ist in der Tat auch ein wesentliches Problem Kassandras: Erhebliche Identi­tätskrisen prägen sie; der Faden, den sie im Innern rückwärts gerichtet aufrollt, ist vor allem jenes alte und immer wieder neue, nicht selten schmerzhafte Erkenne dich selbst, seit der Aufklärung in der Literatur virulent, aber selten aus derart feministischem Blickwinkel heraus verfolgt wie bei Chris­ta Wolf. Durchaus provokativ formuliert, quasi als verlockender Gegenentwurf für eine humanere Welt. Dabei geht es bei Christa Wolf nicht (!) um die simple Vertauschung der Geschlechterrollen, etwa bei kriegerischen Auseinandersetzungen. Das ist Sache der eher lesbischen Amazonenkönigin Penthesilea und ihrer Dienerin Myrine, die einen Mann erst lieben können, wenn sie ihn besiegt bzw. getötet haben. Sondern so, wie Christa Wolf ihn mit der Gegenwelt am Skamander darstellte, jener geheimnisvollen, durch das Matriarchat geprägten, friedlichen und liberalen Insel Utopia. Gestalten wie Aineias und sein Vater Anchises und Kassandras Dienerin wider Willen, Marpessa, leben dort, Kassandras Zwillinge werden dort geboren; Frauen leben dort selbstbestimmt, auch im Eros, werden nicht vergewaltigt oder überrumpelt wie Kassandra, der dies mehrfach geschieht, weil es einem Ritu­al bei Trojanern und Griechen entspricht: Frauen wurden damals nur als Objekt wahrgenommen, wogegen sich Kassandra ebenso wehrt wie die Amazonen und die Frauen der Gegenwelt: Unter den heterogenen Gruppen im Palast und um ihn - sozial und ethnisch heterogen - findet Kassandra An­schluss an Minderheiten. Dadurch begibt sie sich bewußt ins Abseits, entledigt sich aller Privilegien, setzt sich Verdächtigungen, Verhöhnungen, Verfolgungen aus: der Preis für ihre Unabhängigkeit. Kein Selbstmitleid; sie lebt ihr Leben, auch im Krieg. Versucht, den Spruch aufzuheben, der über sie ver­hängt ist: daß sie zum Objekt gemacht werden soll. Kassandras Sehergabe ist in Christa Wolfs Au­gen schlicht und einfach der Mut, die wirklichen Verhältnisse der Gegenwart zu sehen. Auch ein Versuch gegen die Kälte der Männerwelt mit ihrem falschen Heldentum. So wie für die Schriftstelle­rin Christa Wolf das Schreiben auch ein Versuch gegen die Kälte ist.[13] Griechische Helden wie Achill sind in der Kassandra Erzählung Vieh - so spricht Kassandra von Achill nur als dem Vieh (Achill, das Vieh) und Christa Wolf lässt ihn konsequent nur in diesem Sinne agieren. Frauen würden, so Wolf, aus historischen und biologischen Gründen eine andre Wirklichkeit erleben als Männer. Wirklichkeit anders erleben als Männer. Insoweit Frauen nicht zu den Herrschenden, sondern zu den Beherrschten gehören, jahrhundertelang, zu den Objekten der Objekte, Objekte zweiten Grades, oft genug Objekte von Männern, die selbst Objekte sind, also, ihrer sozialen Lage nach, unbedingt Angehörige der zwei­ten Kultur; insoweit sie aufhören, sich an dem Versuch abzuarbeiten, sich in die herrschenden Wahn­Systeme zu integrieren ... Sollte man nicht einmal versuchen, was herauskäme, setzte man in die gro­ßen Muster der Weltliteratur Frauen an die Stelle der Männer? Achill, Herakles, Odysseus, Ödipus, Agamemnon, Jesus, König Lear, Faust, Julien Sorel, Wilhelm Meister... Frauen als Handelnde, Gewalt-

[...]


[1] Schon 1965 hatte sich Christa Wolf als unbequeme Künstlerin ausgewiesen, indem sie sich als einzige Redne­rin gegen eine neue restriktive Kulturpolitik aussprach. 1977 gehörte sie wie ihr Mann Gerhard Wolf zu den Unterzeichnern des Protestes gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann und wurde deshalb sogar aus dem Vorstand der Berliner Sektion des Schriftstellerverbandes der DDR ausgeschlossen und erhielt in einem SED­Parteiverfahren eine strenge Rüge. Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Christa_Wolf, S. 1, Stand: 16.11.2014. Die DDR brauchte Christa Wolf, galt sie doch in Ost und West als eine der profiliertesten Gegen­wartsschriftstellerinnen. Das kann man Christa Wolf aber nicht zum Vorwurf machen. Im Gegenteil: auch rück­wirkend muss man anerkennen, wie mutig sie sich in die Politik eingemischt hat und dies konsequent im Sinne ihres politischen Verständnisses und ihrer Prämissen auch nach der ,Wende' im wiedervereinten Deutschland, selbst wenn es in manchem schwerfällt, ihr zu folgen (Wikipedia, S. 1).

[2] Vgl. Wolf, Gerhard: Zu Motiven der Kunst Barbara Beisinghoffs aus der Sicht unmittelbarer Begegnungen da­mals und heute, in: Ausstellungskatalog zur Ausstellung: Barbara Beisinghoff. Das Gesetz des Sterns und die Formel der Blume, hg. von Birgit Kümmel und Udo Reuter, Museumsverein Bad Arolsen 2014, Sprenger Druck, Korbach, S. 38.

[3] Christa Wolf, zit. Im Katalog: Barbara Beisinghoff. Raum für eine Hell-Seherin. Gedankenbilder und Geschöpfte Worte, Buch zur Ausstellung vom 12.4.2003-13.9.2003, Die Deutsche Bibliothek, 2003, Leipzig/Frankfurt am Main u. Berlin, S. 36.

[4] Ebd., S. 39.

[5] Ebd.

[6] Ergebnis des persönlichen Gesprächs: Illustration hat in den Augen des Ehepaars Beisinghoff einen negativen Klang. Wahrscheinlich in der irrigen Annahme, dass Illustration durch Unterordnung unter das literarische Wort definiert sei.

[7] Auch Ergebnis des Gespräches vom 5.12.2014.

[8] Thema und dichterisch verarbeitet in ihrer Erzählung von 2002: Leibhaftig, Luchterhand Verlag München.

[9] Eindringlich beschrieben in der Erzählung von 2007: Was bleibt (Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main.

[10] 4.11.1989, Alexanderplatz Berlin. Vgl. Wikipedia, S. 5, u. Artikel in der HNA vom 4.11.2014. Als ihr nach der Wende 1990 nicht nur ihre Opferakte, sondern auch ihre Täterakte vorgelegt wurde, kam das für sie einem moralischem Todesurteil (vgl. Christa Wolf: Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, S. 201) gleich. Sie hatte diese in ihren Augen belanglose kurzfristige Tätigkeit von 1959-1962 als IM Margarete, zu der sie zwei Stasi-Agenten namens Heinz und Kurt (wohl Decknamen) gedrängt hatten, völlig verdrängt oder, wie sie in Stadt der Engel schreibt, vergessen und sich ganz unbelastet gefühlt (S. 202). Ihr wird aber in diesem der Erinnerung gewidmeten Roman von 2010, für den sie den Thomas-Mann-Preis erhielt, klar, dass ihr das niemand abnehmen wird. Geschadet habe sie niemandem und sie sei als IM der Stasi sehr bald als unergiebig fallen gelassen worden. Selbst der einflussreiche Journalist Frank Schirrmacher, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, habe, so Christa Wolfs Enkelin Jana Simon in ihrem Buch von 2013: Sei den­noch unverzagt. Gespräche mit meinen Großeltern Christa und Gerhard Wolf (Ullstein Verlag Berlin) bei dieser Stasigeschichte bemerkt, dass da nicht viel gewesen sei (S. 251). Christa Wolf hat zwar erkannt, dass sie in jun­gen Studentenjahren dogmatisch war (S. 228), aber das, was ihr nach der sogenannten Wende von der west­deutschen Presse angetan wurde, kam, wie Günter Grass in einem Nachruf formulierte, einer öffentlichen Hin­richtung gleich (Günter Grass: Was bleibt, in: Wohin sind wir unterwegs? Zum Gedenken an Christa Wolf, Son­derdruck edition suhrkamp, Berlin 2012, S. 76). Vorgeworfen wurde ihr auch, dass sie die Erzählung Was bleibt erst 1990 im Suhrkamp Verlag veröffentlichte, obwohl sie den Text, der Zweifel und Selbstzweifel sowie die Bespitzelung und offenkundige Beobachtung des Ehepaares Wolf durch den Staatssicherheitsdienst der DDR zum Thema hatte (Grass, S. 76), schon 1979, also kurz nach der Biermann-Ausbürgerung, schrieb. Seit der Wende hatte sie eine Pressephobie (Stadt der Engel, S. 189) und konnte ihr nach Los Angelos nachgeschickte Zeitungsartikel, wohin sie 1991/92 ,geflüchtet' war, nur mit Beklemmungsgefühlen lesen, die sie im wahrsten Sinne des Wortes lebensgefährlich krank machten (s. Erzählung: Leibhaftig). Sie erhielt z.B. in Los Angeles eine Postkarte eines Diplom-Juristen aus Leipzig mit folgendem Inhalt: Im Gegensatz zu Ihnen habe ich die DDR im­mer gehaßt und war dadurch gegen vieles gefeit. Sie waren jedoch ein bedeutender Teil der DDR, und ich hasse Sie!" So zu lesen in ihrem Roman: Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud, S. 330.

[11] Christa Wolf, in: Hörning, S. 187, vgl. Christa Ihlenfeld, http.//www.fembio.org/biographie.phb/frau/biographie/christa-wolf/, S. 1.

[12] Christa Wolf: Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra, Frankfurter Poetik-Vorlesungen 1982, Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt/Main, 2008, S. 163.

[13] Ebd., S. 152. Ebd., S. 132. Ebd.

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Details

Titel
Untersuchung der bildkünstlerischen Arbeiten von Barbara Beisinghoff zu Christa Wolfs Erzählung "Kassandra"
Autor
Jahr
2015
Seiten
35
Katalognummer
V294439
ISBN (eBook)
9783656922438
ISBN (Buch)
9783656922445
Dateigröße
3989 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
untersuchung, arbeiten, barbara, beisinghoff, christa, wolfs, erzählung, kassandra
Arbeit zitieren
Dr. Elke Riemer-Buddecke (Autor), 2015, Untersuchung der bildkünstlerischen Arbeiten von Barbara Beisinghoff zu Christa Wolfs Erzählung "Kassandra", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294439

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