Selbsttäuschung. Eine Hinderung des guten Lebens?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Phänomen „Selbsttäuschung“
2.1. Beschreibung des Phänomens
2.2. Abgrenzung zu ähnlichen Phänomenen
2.2.1. Irrtum
2.2.2. Willensschwäche
2.2.3. Lüge
2.3. Selbsttäuschung als fehlerhafte Selbstbestimmung

3. Das logische Paradoxon der Selbsttäuschung
3.1. Mögliche Auflösung des Widerspruches
3.2. Das Prinzip des zureichenden Grundes

4. Das Motiv der Selbsttäuschung
4.1. Das glückliche Leben als Motiv
4.2. Die Unmoralität der Selbsttäuschung

5. Fazit

6. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Vermutlich hat jeder schon einmal eine solche Erfahrung gemacht: Jemand ist der festen Überzeugung, z.B. immer sehr großzügig oder höflich zu sein, über eine besonders gute Menschenkenntnis zu verfügen oder besonders belesen zu sein. Und obwohl alle Anzeichen gegen dieses Selbstbild zu sprechen scheinen, bleibt er der festen Auffassung, dass er diese Eigenschaft besitzt.

Wahrscheinlich sind die meisten Menschen schon einmal Opfer dieses Phänomens geworden - und gleichzeitig Täter. Bei dem Phänomen, von dem die Rede ist, handelt es sich um die „Selbsttäuschung“.

Die Selbsttäuschung - wie sie hier verstanden wird - entspricht einem Ausweichen vor einer potenziell unangenehmen Wahrheit. Die Handlung der Selbsttäuschung gleicht demnach einer Lüge, mit dem Unterschied, dass bei einer Lüge andere Personen getäuscht bzw. betrogen werden sollen, während bei einer Selbsttäuschung der Lügner selbst das Ziel des Betruges ist.

Entsprechend unterscheidet Kant in der Metaphysik der Sitten die innere von der äußeren Lüge. Die innere Lüge ist dabei notwendig für unmoralisches Handeln – trotz der vernunftgemäßen Einsicht in das moralisch Gebotene.[1] Der Beschreibung folgend, dass die Selbsttäuschung einer inneren Lüge entspricht, bei der Lügner und Belogener dieselbe Person sind, entsteht folgendes Problem:

„Denn man wird zugeben, daß, wenn ich absichtlich und zynisch versuche, mich zu belügen, ich bei diesem Unternehmen vollkommen scheitere, die Lüge zurückweicht und sich unter meinem Blick auflöst; sie wird von hinten zerstört, eben durch das Bewußtsein, mich zu belügen […].“[2]

Im Mittelpunkt dieser Arbeit wird nicht das logische Paradoxon der Selbsttäuschung stehen, sondern die Motivation des sich selbst Täuschenden. Um diese hinreichend zu analysieren, ist es zunächst notwendig, das Phänomen als solches zu betrachten (Kapitel 2.1.) und gegenüber anderen, ihm verwandten Phänomenen abzugrenzen (Kapitel 2.2.). Anschließend wird der logische Widerspruch, der der Selbsttäuschung inhärent zu sein scheint, untersucht (Kapitel 3), woraufhin das ethische Motiv analysiert und diskutiert wird (Kapitel 4), welches einen direkten Bezug zu der Leitfrage herstellt, ob ein glückliches Leben innerhalb einer Selbsttäuschung möglich ist.

2. Das Phänomen „Selbsttäuschung“

Zunächst soll versucht werden die Selbsttäuschung phänomenologisch zu fassen. Dafür werden sowohl die sich selbst täuschende Person als auch der Gegenstand der Täuschung betrachtet. Nach dieser Beschreibung des Phänomens wird es von anderen, ihm verwandten Phänomenen abgegrenzt. Die Frage nach der Existenz eines solchen Phänomens „Selbsttäuschung“ wird (trotz ihrer Relevanz für die Thematik und trotz des paradoxen Charakters dieses Phänomens) hier keine Beachtung finden. Es wird demnach vorausgesetzt, dass Selbsttäuschung existiert.

2.1. Beschreibung des Phänomens

Es ist festzustellen, dass Selbsttäuschung nur schwer erkennbar ist, weil sie sich nicht auf das bezieht, was eine Person tut, sondern auf das, was sie denkt. Darüber hinaus ist sie - wie im Übrigen auch die Lüge - erst retrospektiv, also nachdem sie aufgedeckt wurde, erkennbar.

Davon ausgehend, dass der betroffenen Person nicht klar ist, dass sie sich selbst täuscht, wäre es durchaus denkbar, dass die Diagnose einer Selbsttäuschung ihrerseits nur Bestandteil einer Selbsttäuschung ist, die nur noch nicht aufgedeckt ist.

Nach Beier ist eine Person, die sich selbst täuscht, der Auffassung, dass etwas wahr sei, obwohl sie in gewisser Weise weiß oder zumindest ahnt, dass diese Auffassung nicht der Wahrheit entspricht (Wissensbedingung). Notwendigerweise ist die Auffassung der sich selbst täuschenden Person unwahr, entsprechend ist das Gegenteil dessen, was der Selbsttäuscher glaubt, wahr (Wahrheitsbedingung). Zudem existieren keine äußeren Umstände oder Personen, die absichtlich oder unabsichtlich den Selbsttäuscher zu dieser falschen Auffassung verleiten (Intentionalitätsbedingung). Andernfalls würde es sich um keine Selbsttäuschung, sondern um eine normale Lüge bzw. Täuschung handeln. Entsprechend sucht und/oder findet die sich selbst täuschende Person Mittel und Wege, entweder die Falschheit der eigenen Auffassung oder die Wahrheit der gegenteiligen Auffassung nicht erkennen zu müssen. Eine sich selbst täuschende Person neigt dazu, an der eigenen (unwahren) Auffassung festzuhalten, auch wenn ihr Indizien für deren Unwahrheit begegnen. Eine solche Person scheint der Wahrheit regelrecht auszuweichen. Die Gründe dafür können vielseitig sein, in der Regel scheint die Wahrheit schlicht unangenehmer zu sein als die Lüge (Bedeutsamkeitsbedingung)[3].

Sind diese vier Bedingungen nicht erfüllt, handelt es sich laut Beier um keine Selbsttäuschung.

Das Verhalten des sich selbst Täuschenden scheint parallel zu dem eines normalen Lügners A zu sein, dem der Belogene B droht auf die Schliche zu kommen: Wenn B Unstimmigkeiten in der Lüge erkennt, so versucht A in der Regel die Ausgangslüge durch weitere Lügen und Ausflüchte zu stützen und wieder glaubwürdig erscheinen zu lassen. Die Triebfeder dieses Verhaltens ist in beiden Fällen die Vermutung von A, dass die Wahrheit für die Beteiligten (entweder B und A oder im Fall einer Selbsttäuschung nur A selbst) unangenehmer ist als die Lüge. Dieses Verhalten legt auch der sich selbst Täuschende zu Tage.

Die Gegenstände der Selbsttäuschung können sehr unterschiedlicher Natur sein, jedoch ist das Verhältnis des Selbsttäuschers zum Gegenstand immer ein subjektiv bedeutsames.[4] Für etwas, was nicht als subjektiv bedeutsam eingeschätzt wird, würde es sich nicht lohnen, sich selbst zu belügen. Ob die subjektive Bedeutsamkeit eines Gegenstandes der Person vollends klar ist – es sich dabei also um eine Meinung über etwas handelt – oder ob es sich dabei nur um eine Vermutung handelt oder ob die subjektive Bedeutsamkeit erst retrospektiv erkannt wird, ist offen. „[…] Personen [vermeiden] gezielt für sie bedeutsame Einsichten […], ohne diese vorher gebildet zu haben.“[5]

Bei einer Selbsttäuschung „[…] gibt es […] keine Dualität von Täuscher und Getäuschtem. … Die Unaufrichtigkeit kommt nicht von außen zur menschlichen Realität.“[6] Die Selbsttäuschung ist eine Lüge, die nur einer Person, nämlich der sich selbst täuschenden, bedarf. Entsprechend ist die Selbsttäuschung etwas, das dem sich Täuschenden inhärent ist.

Eine sich selbst täuschende Person hat eine Überzeugung, die sie in gewisser Weise gleichzeitig für wahr und für falsch hält. Für wahr hält sie sie insofern, als sie an ihr festhält. Für falsch muss sie sie insofern halten, als dass dies die einzige Erklärung ist, warum Indizien auf die Falschheit der Überzeugung konsequent ignoriert oder falsch gewichtet werden können.

Zu dem Begriff der Selbsttäuschung existieren äquivalente Begriffe, die sich in ihrer Bedeutung und Anwendung nicht wesentlich von dem der Selbsttäuschung unterscheiden. So verwendet Kant in dem Paragraphen über die Lüge in „Die Metaphysik der Sitten“ den Ausdruck „innere Lüge“[7] und Sartre in „Das Sein und das Nichts“ den Begriff „la mauvaise foi“[8] was als Unaufrichtigkeit übersetzt wird. Andere gebräuchliche Ausdrücke sind beispielsweise „Lebenslüge“ oder „Selbstbetrug“. All diese Begriffe beschreiben dasselbe bzw. das gleiche Phänomen, wenngleich sie unterschiedliche Akzentuierungen zu beinhalten scheinen. So geht mit dem Ausdruck „Lebenslüge“ ein existenzieller Charakter und mit „Unaufrichtigkeit“ – wie Sartre ihn verwendet – eine Selbsttäuschung über die eigene Person einher. Der Terminus „Selbsttäuschung“ ist in der Forschung allerdings der geläufigste und wird daher in dieser Arbeit auch weitestgehend verwendet.

2.2. Abgrenzung zu ähnlichen Phänomenen

In diesem Unterkapitel wird die Selbsttäuschung – auf Grundlage des vorherigen Kapitels – mit anderen ihr verwandten Phänomen verglichen. Diese waren ihrerseits Anlass zahlloser Untersuchungen, welche hier nicht weiter berücksichtigt werden. Im Folgenden wird die Selbsttäuschung von der Lüge, dem Irrtum und der Willensschwäche abgegrenzt. Die folgenden Definitionen sind auf ihre für die Abgrenzung wesentlichen Merkmale reduziert.

[...]


[1] Vgl. KANT, Immanuel (1797): MS, Tugendlehre §9, S. 312 ff.

[2] SARTRE, Jean-Paul (1943): Das Sein und das Nichts. S. 123.

[3] Vgl. BEIER, Kathi (2010): Selbsttäuschung. S. 27 ff.

[4] Vgl. LÖW-BEER (1990): Selbsttäuschung. S. 235.

[5] Ebd. S. 238.

[6] SARTRE, Jean-Paul (1943): Das Sein und das Nichts. S. 122.

[7] Vgl. KANT (1797), S. 312 ff.

[8] Vgl. SARTRE (1943), S. 119 ff.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Selbsttäuschung. Eine Hinderung des guten Lebens?
Hochschule
Universität Hamburg  (Philosophisches Seminar)
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V294461
ISBN (eBook)
9783656920458
ISBN (Buch)
9783656920465
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
selbsttäuschung, eine, hinderung, lebens
Arbeit zitieren
David Kühlcke (Autor), 2014, Selbsttäuschung. Eine Hinderung des guten Lebens?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294461

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