Wie zeitgemäß ist die Gesamtschule? Die Diskussion über das dreigliedrige Schulsystem nach PISA und IGLU.


Essay, 2004
14 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. PISA

3. Einwände gegen das dreigliedrige Schulsystem

4. Reformvorschläge
4.1 Gesamtschule
5.3 zweigliedriges Schulsystem als Kompromiss?
4.3 Verlängerte Grundschule

5. Zusammenfassung

1. Einleitung

Im Jahre 1964 sorgte Georg Picht mit seiner Aussage über die „Deutsche Bildungskatastrophe“ für Alarmstimmung und brachte die Bildungspolitik ganz oben auf die politische Agenda. Eine ähnliche Situation finden wir momentan vor. Die PISA-Studie 2000 hatte Deutschland eindeutig vor Augen geführt, dass das deutsche Bildungssystem in der Krise steckt. Deutschland, das wie kaum ein anderes Land in der Welt auf sein Humanvermögen angewiesen ist, hinkte im weltweiten Vergleich schulischer Leistung hinter den Besten her. Der Wandel der außerschulischen Erziehungsbedingungen und die zukünftigen Bildungs- und Qualifikationsanforderungen stellen veränderte Herausforderungen an schulische Bildungs- und Erziehungsprozesse, denen die deutsche Halbtagsschule mit ihrer gegenwärtigen institutionellen, dreigliedrigen Struktur nicht mehr gewachsen zu sein scheint.

Die Bekanntgabe der desaströsen Ergebnisse für Deutschlands Schüler und der mangelnden Leistungsfähigkeit des deutschen Bildungssystems lösten eine bundesweite, häufig wenig faktenorientierte Debatte um den Stand des deutschen Bildungssystems aus, die unter dem Begriff „PISA-Schock“ subsummiert werden kann. Folge des „PISA-Schocks“ waren zahllose Reformvorschläge, von denen jedoch die meisten zu kurz griffen, weil sie weder die Struktur noch die innere Gestaltung der Schulen im Kern berührten. Die eigentliche Kernfrage der Diskussion war jedoch, welche Reformen am deutschen Schulsystem sich objektiv aus den PISA-Ergebnissen ableiten ließen. Eine der zentralen Fragen war das Für und Wider des dreigliedrigen Schulsystems in Kontrast zu integrativen Schulsystemen. Diese Kontroverse ist gerade deshalb so brisant, weil beide Seiten starke Argumente vorbringen. Neben der Einführung integrierter Schulsysteme, wie der Gesamtschule oder der „Mittelschule“, spielen aber auch die Forderungen nach mehr ganztägiger Schulbetreuung und einer Verlängerung der Grundschulzeit eine wichtige Rolle.

2. PISA

Als Basis für die Diskussion ist es unerlässlich einleitend eine kurze Übersicht über zentrale Befunde der PISA-Studie zu geben. Im Rahmen der internationalen Schulleistungsstudie PISA (Programm for International Student Assessment) wurde die Leistung 15-jähriger Schüler aus 32 OECD-Staaten in den Bereichen Lesekompetenz (reading literacy), mathematische Grundbildung (mathematical literacy) und naturwissenschaftliche Grundbildung (scientific literacy) untersucht. Im internationalen Vergleich schnitten die deutschen Schüler dabei erschreckend schlecht ab. Weit abgeschlagen landete das „Land der Dichter und Denker“ lediglich auf dem 21. Platz im Schwerpunktbereich „Lesekompetenz“. Auch in den Bereichen Mathematik und Naturwissenschaften erreichte Deutschland nur den 20. Platz und somit insgesamt nicht einmal den Durchschnittswert.

In der Diskussion um die PISA-Ergebnisse scheint allerdings häufig in Vergessenheit zu geraten, dass die PISA-Studie vorrangig nicht die Leistung von Einzelschulen, Lehrkräften oder Schülern testet, sondern die Leistung des Bildungssystems untersucht. Dabei ist ein desolates Bild des deutschen Bildungssystems entstanden, das zentrale Schwächen aufdeckte und somit implizit Kritik am dreigliedrigen Schulsystem deutlich machte.

3. Einwände gegen das dreigliedrige Schulsystem

Einer der Hauptkritikpunkte am deutschen Bildungssystem, den bereits der Deutsche Bildungsrat 1969(!) als unhaltbar darstellte, ist die frühe Selektion nach dem Ende der Grundschulzeit, die bis auf wenige Ausnahmen nach der vierten Klasse - also im Alter von 10 Jahren - stattfindet. Im internationalen Vergleich ist Deutschland mit diesem sehr frühen Zeitpunkt der Übergangsauslese nach nur vier Jahren gemeinsamer Grundschule einsamer Spitzenreiter. Kein anderes OECD-Land selektiert die Schüler so früh wie Deutschland. Kritiker sehen in der Logik dieser Selektion den Hauptgrund für das schlechte Ergebnis des deutschen Bildungssystems. Die frühe Selektion produziere soziale Ungerechtigkeit, da sie eine relativ starke Verbindlichkeit der Schulzuweisung nach der Primarstufe zur Folge hätte, so die Kritiker. Dieses liegt in der Tatsache begründet, dass die propagierte Durchlässigkeit der drei Schulsysteme in der Realität nur marginal vorhanden ist. Pro Jahr wechseln nur 1-3% der bundesdeutschen Schülerpopulation die Schulform. Dabei sind Abstiege drei mal häufiger als Aufstiege. Eine solche frühzeitige Festlegung der Bildungsgänge legt zudem einen statischen Bildungsbegriff zu Grunde, der wissenschaftlich nicht haltbar ist. Es stellt sich die Frage, inwiefern man Schüler bereits im Alter von 10 Jahren nach „Begabung“ und Leistung trennen kann. Folge dieser frühzeitigen Trennung und der mangelnden Durchlässigkeit der Schulformen ist eine soziale Exklusion von benachteiligten Gruppen. Kritiker des dreigliedrigen Schulsystems sehen in dieser Tatsache einen absichtlichen Versuch einer Aufrechterhaltung der ständischen Gesellschaftsstrukturen.

Eine Folge dieser frühzeitigen Selektion ist eine im internationalen Vergleich ungewöhnlich hohe - institutionell erzeugte - Leistungsstreuung unter Schülern.

Die Leistungsschere geht demnach in Deutschland bereits nach der Grundschule stark auseinander, was zu einer großen Trennung von leistungsstarken und leistungsschwachen Schülern führt. Dabei steht vor allem die mangelnde Integration von lernschwachen Schülern im Vordergrund der Kritik. Das bestehende deutsche Halbtagsschulsystem biete gerade in Bezug auf lernschwache Schüler nur unzureichende Fördermaßnahmen an. Das Resultat dieser marginalen Förderangebote ist eine schichtbezogene „soziale Segregation“ , die, laut Information des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, sogar höher als in den USA ist. Die im Selektionsprozess benachteiligten Bevölkerungsgruppen sind vor allem Kinder aus Familien mit ausländischer Herkunft sowie aus sozial schwachen Familien. Die in den 70er Jahren benutzte Metapher des „katholischen Arbeitermädchens vom Lande“ hat zwar an Aktualität verloren, da zumindest die Benachteiligung durch Geschlecht und Konfession inzwischen stark gemindert wurde; sie kann jedoch nach der Bekanntgabe der PISA-Ergebnisse durch die neue Metapher des „türkischstämmigen Migrantenkindes aus Castrop-Rauxel“ ersetzt werden. In keinem anderen OECD-Land ist der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulleistung enger als in Deutschland.

Ein weiterer Kritikpunkt bezieht sich, wie bereits angesprochen wurde, auf die veränderten Anforderungen an Schulen, die das bestehende dreigliedrige System nur bedingt erfüllt. Die PISA-Studie hat gezeigt, dass deutsche Schüler zwar abfragbares Wissen erlernen, aber nur marginale Anwendungskompetenzen besitzen. Angesichts des pragmatisch-funktionalen Bildungsverständnisses der PISA-Studie schienen die deutschen Schüler nur bedingt vorbereitet gewesen zu sein. Die stärkere Orientierung der Aufgaben im Sinne des Kompetenz- bzw. literacy-Begriffs erforderte Transferwissen, Problemlösungskompetenzen und Methodenkompetenzen. Kurz gesagt, statt reiner Wissens abfrage konzentriert sich PISA stärker auf Anwendung skompetenzen. In diesem Zusammenhang zeigte sich, dass im Unterricht in Deutschland die Alltagstauglichkeit der vermittelten Kenntnisse und Fähigkeiten nicht ausreichend berücksichtigt wird.

Ein weiteres Problem des dreigliedrigen Schulsystems ist die hohe Quote von vorzeitigen Schulabbrechern und die hohe Anzahl an Zurückstellungen. Immerhin 8,7% der Jugendlichen verlassen das deutsche Schulsystem ohne einen Abschluss und verursachen, neben den psychosozialen auch enorme volkswirtschaftliche Kosten. Im Zusammenhang mit der Kostenfrage muss auch das Nebeneinander von verschiedenen Schulformen berücksichtigt werden, das hohe Sach- und Personalkosten verursacht, die durch eine effizientere Auf- und Verteilung der Schulen eingespart werden könnte.

Zusammengefasst kann man sagen, dass die Schwächen des bestehenden deutschen Schulsystems Deutschland im internationalen Vergleich weit zurückfallen lassen haben. Die PISA-Studie hat gezeigt, dass die Vermittlung von Schlüsselqualifikationen und Basiskompetenzen, sowie die soziale Integration im Mittelpunkt des Schulalltags stehen müssen. Dies kann nur durch einen erweiterten Betreuungsaspekt, verbessertes Schulklima und modernere Sozialformen des Unterrichts erreicht werden.

Das dreigliedrige Schulsystem scheint diesen Herausforderungen nicht gewachsen zu sein. Durch den vertikalen Aufbau der Schultypen wird zwangsläufig die Trennung von sozialen Schichten gefördert und somit Kinder aus sozialen Unterschichten und Migrantenfamilien systematisch benachteiligt. Der deutsche Anachronismus eines dreigliedrigen Halbtagsschulsystems, in dem die Schüler bereits frühzeitig nach Leistung und Begabung selektiert werden, scheint im europäischen und internationalen Wettbewerb nicht mehr länger haltbar zu sein. In der bildungspolitischen Diskussion „post-PISA“ steht daher die Frage nach möglichen Reformmaßnahmen, die zur Verbesserung dieses Fiaskos beitragen können, im Mittelpunkt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Wie zeitgemäß ist die Gesamtschule? Die Diskussion über das dreigliedrige Schulsystem nach PISA und IGLU.
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Erziehungswissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
14
Katalognummer
V29452
ISBN (eBook)
9783638309516
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ohne Sekundärliteratur
Schlagworte
Gesamtschule, Diskussion, Schulsystem, PISA, IGLU
Arbeit zitieren
Dirk Lepping (Autor), 2004, Wie zeitgemäß ist die Gesamtschule? Die Diskussion über das dreigliedrige Schulsystem nach PISA und IGLU., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29452

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