Der Gaskrieg während des Ersten Weltkrieges aus literaturwissenschaftlicher und medizinischer Sicht

Ausgewählte deutsche und französische Kriegsromane


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

32 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einführung

II. Die Entwicklung von Gas als Kampfmittel vor und während des Ersten Weltkrieges
a. Industrialisierung, neue Vorschläge zur Kriegführung und die Haager Friedenskonferenzen - Zur Vorgeschichte des Gaskrieges
b. „Der Tod kam aus Deutschland“: die Pionierarbeit von Prof. Fritz Haber
c. Die Antwort der Entente: „chemisches“ Aufrüsten in Großbritannien und Frankreich

III. Der Gaskrieg aus medizinischer Sicht
a. Die schädlichen Wirkungen von Giftgasen ..
b. Gegenmaßnahmen im Gaskrieg - Zur Entwicklung der Gasmasken
c. Die medizinische Behandlung von Gasopfern während des Ersten Weltkrieges.

IV. Der Gaskrieg in ausgewählten deutschen und französischen Kriegsromanen...
a. Eine ehrlose, störende und abscheuliche Waffe ..
b. Der Vorbote eines feindlichen Angriffes
c. Zerstörer von Mensch und Natur
d. Gasmasken und Gasdisziplin

V. Die Bilanz des Gaskrieges während des Ersten Weltkrieges und seine Rezeption in deutschen und französischen „Frontromanen“

Quellen-, Literatur- und Abbildungsverzeichnis

Anhang

I. Einleitung

Als die Kanoniere wieder in den Quartieren waren, wurde das neue Wunder ausgiebig bestaunt und darüber diskutiert. Gas? Natürlich hatte man davon gehört. Eine große Schweinerei! Das hat noch gefehlt! Schließlich werden sie auf den Gedanken kommen, Bazillen in Flaschen zu züchten, und sie durch Flieger abwerfen lassen. Dieser Krieg ist schon eine gottverdammte Gemeinheit! “ 1

Der Kanonier Reisiger in Edlef Köppens Heeresbericht lag mit seiner Prognose bezüglich der Weiterentwicklung der chemischen Kampfstoffe von Gase zur biologischen Massenvernichtungswaffen völlig richtig. Etwa 25 Jahre später sollte es während des Kalten Krieges zu einer allgemeinen Aufrüstung beider Blöcke mit Biowaffen kommen, und zwar nicht nur mit „Bazillen“ in Form von Milzbrand sondern auch mit extrem tödlichen Viren wie Ebola oder Marburg.2 Viel mehr Leid verbreiteten tödlichere Gase, die ebenfalls nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt und produziert wurden: unter anderem Sarin, VX oder Pflanzengifte wie das Agent Orange. Ein „schwarzer“ Faden ließe sich von den Kolonialkriegen der Franzosen und Spanier3 über die „Stellvertreterkriege“ des Kalten Krieges in Vietnam, Korea, Kuba oder Afghanistan bis zu den Kriegen des Mittleren Osten - zwischen Israel und diversen arabischen Staaten oder zwischen dem Irak und dem Iran - ziehen.4 Sogar in unserer Gegenwart schreckten einige Staatschefs nicht davor zurück, chemische Kampfstoffe gegen ihre eigene Bevölkerung einzusetzen: etwa als Saddam Hussein Gas gegen irakische Kurden (5000 Tote) in den Neunzigerjahren einsetzte5 oder Bashar El- Assad gegen syrische Zivilisten (1400 Tote) in den Vororten von Damaskus im August 2013.6 Obwohl der Gaskrieg während des Ersten Weltkrieges sich ausschließlich gegen die feindlichen Soldaten richtete, löste der Einsatz toxischer Kampfstoffe gegen Menschen auch damals eine Empörung aus, wie das Eingangszitat belegt. So lieferten sich die Mittelmächte und die Entente eine regelrechte propagandistische Schlacht über die „Schuldfrage“ darüber, wer letztendlich die „chemische Büchse der Pandora“ eröffnet hätte.7

Wie stand es mit der Entwicklung des Gases vor dem Krieg? Wieso wurde der deutsche Gasangriff vom 22.04.1915 während der Flandernschlacht als „Sündenfall“ angesehen, als Geburtsstunde der Gaswaffe? Welche Methoden wurden entwickelt, um sich die Eigenschaften des Gases auf den Schlachtfeldern zunutze zu machen? All diesen Fragen werden im ersten Kapitel behandelt. Der Schwerpunkt der folgenden Arbeit liegt aber auf den medizinischen Aspekten des Einsatzes dieser neuen Waffe (Kapitel III.) sowie seine Wahrnehmung durch die Frontsoldaten, die ihre Erfahrungen auf Papier gebracht haben (Kapitel IV.). Wie nahmen diese „ soldats é crivains “ ganz persönlich das Gas als neue Herausforderung wahr? Wen machten die Soldaten für diese neue Grausamkeit verantwortlich? Wie nahmen sie ihre Kameraden wahr, die Opfer eines Giftgasangriff wurden? In der Fachliteratur wird der Gaskrieg vor allem als ein psychologischer Krieg beschrieben, der die Soldaten an ihre psychischen und physischen Grenzen trieb. Es lassen sich eine Reihe von Schlachten finden, in denen nach einem Gasangriff ganze Einheiten in einer Art Massenpanik ihre Stellungen kampflos verließen.8 Lässt sich ein solche Wahrnehmung des Gaskrieges als Nervenkrieg in den hier untersuchten Kriegsromanen feststellen?

Bei der vorliegende Arbeit werde ich mich neben Spezialliteratur über chemische Kampfstoffe vor allem auf fünf Weltkriegsromane stützen: Edlef Köppens Heeresbericht, Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues, Ernst Jüngers In Stahlgewittern, Henri Barbusse Le Feu und Roland Dorgelès Die hölzernen Kreuze (Originaltitel: Les Croix de Bois). Durch diese kleine Auswahl lässt sich im Rahmen dieser Arbeit natürlich kein allumfassendes und präzises Bild der literarischen Aufarbeitung von Giftgasen durch Frontsoldaten der Grande Guerre zeichnen. Nichtsdestotrotz sollte es aufgrund der Analyse von Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen den Romanen möglich sein, gewisse Trends beziehungsweise Themenkomplexe aufzeigen zu können. Ein weiteres Ziel dieser Untersuchung ist es, bestimmte Fakten der Gaskriegsforschung der literarischen Aufarbeitung derselben gegenüberzustellen, um die Grenzen zwischen Fiktion und Realität transparent zu machen. Hierdurch sollte die vorliegende Arbeit einen kleinen Beitrag zu der Diskussion über den Authentizitätsanspruch der Weltkriegsromane leisten können. Die ausgewählten Romane decken die Brandbreite der Weltkriegsromane ab, von pazifistischen „Nie wieder Krieg“-Romane - wie die Werke von Köppen, Remarque oder Barbusse - hin zu eher nationalkonservativen Schriften, die den Krieg als eine Art „Schmiede der Nation“, als eine Bewährungsprobe für junge, gesunde und ehrenhafte Männern darstellte - wie Ernst Jüngers In Stahlgewittern. Die hier getroffene Auswahl ermöglicht schließlich einen Blick auf die Verhältnisse auf beiden Seiten der Westfront. Die „französische“ literarische Position wird hierbei durch die Gesamtdarstellung von Olivier Lepick La grande guerre chimique: 1914-1918 wissenschaftlich umrahmt.

Den ersten wissenschaftlichen Versuch, sich mit dem Gaskrieg zu beschäftigen, unternahm der Franzose E. Vinet kurz nach dem Krieg.9 Die Zwischenkriegszeit zeichnete sich durch eine Flut an deutschen Publikationen10 zu diesem Thema aus: diese versuchten überwiegend, Deutschland von der Schuld frei zu sprechen, den Gaskrieg im Krieg begonnen zu haben - eine Schuld, die im Versailler Vertrag festgeschrieben wurde. Die französischen Autoritäten ihrerseits sperrten ihre Archive, da sie keine Interesse hatten, dass Informationen über ein so sensibles Thema an die Öffentlichkeit gelängen. Erst während des Kalten Krieges erweckte das Thema Giftgas das Interesse der US-amerikanischen Behörde, die eine Reihe von Studien in Auftrag gaben.11 Die Fachliteratur über den Gaskrieg während des Ersten Weltkrieges ist recht spärlich. Dieser Umstand ist verwunderlich, wenn man bedenkt, dass dieser Art der Kriegsführung sehr eng mit diesem Krieg verbunden war und der Gaskrieg zu einem der Sinnbilder des „Grabenkrieges“ wurde.12 Die stiefmütterliche Behandlung der Giftgasforschung lässt sich zunächst ganz pragmatisch dadurch erklären, dass mit circa 90.000 Toten nur etwa 1% aller getöteten Soldaten durch Giftgase starben. Auch die Zahl der durch Gas verletzen Kombattanten - 1,3 Millionen - ist im Verhältnis zu der Zahl aller Kriegsverzehrten - 25 Millionen - gering (etwa 8,6 %). Sicherlich durfte aber auch das schlechte Bild des Giftgases als „ arme d é shonorante13 ein Grund gewesen sein, wieso viele HistorikerInnen sich lieber mit populäreren, innovativen Kampfwaffen wie Flugzeugen, Tanks oder U-Booten beschäftigt haben. Schließlich berührt der Gaskrieg Fragen der Moral, des Rechts, der Technologie und der Wissenschaft. Diese besondere Interdisziplinarität könnte laut Lepick ein zusätzlicher Grund für die Aversion einigen HistorikerInnen gewesen sein.14

II. Die Entwicklung von Gas als Kampfmittel vor und während des Ersten Weltkrieges

a. Neue Kriegsführung, Industrialisierung und die Haager Friedenskonferenzen - Zur Vorgeschichte des Gaskrieges

Schon in der Antike fanden Gase ihren Weg in das Arsenal der Kriegsführung. Sie wurden aufgrund ihrer reizenden Eigenschaften als Brandmitteln bei Belagerungen eingesetzt.15 Die frühesten Anwendungen lassen sich in China und Indien bis in das 2. Jahrtausend v. Chr. zurückverfolgen. In Europa kamen sie in Form des so genannten „Griechischen Feuers“ vor - eine entzündliche Mischung, die unter anderem aus Pech, Schwefel und natürlichen Harzen gebraut wurde.16 Thukydides beschreibt in seinem Werk zum Peloponnesischen Krieg einen „Gasangriff“ mittels eine Frühform des Flammenwerfers, wobei die tödliche Wirkung sowohl durch die austretenden Flammen als auch durch die gebildeten Schwefeloxide bewirkt wurde:

„ Die Luft, die nun durch die enge Aushöhlung in das Becken blies, das mit glühenden Kohlen, Schwefel und Pech angefüllt war, entzündete eine gewaltige Flamme und steckte die Verschanzung in Brand, so daßniemand mehr dort aushalten konnte, sondern alle sie im Stich ließen und davon liefen, auf welche Art dann die Verschanzung genommen wurde. “ 17

Etwa hundert Jahre später - 360 v. Chr. - wurde der Feuertopf entwickelt, der Schwefel, Pech, Harz und Holzspäne enthielt und von Hand auf Angreifer geschleudert werden konnte.18 Obwohl es im gesamten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit eine ganze Reihe von Anwendungen von Gase in Kombination mit Feuer gab, verlor das Militär spätesten seit Ende des 17. Jahrhunderts jegliches Interesse an Gift- und Feuerkugeln, da diese ihre tödlichen Auswirkungen nur in geschlossenen Räumen entfalten konnten. So bemerkte der Militärexperte Casimir Simienovicz, dass „ um die Wahrheit zu sagen, ist es schwer, ein sicheres Gift zu gebrauchen, welches in freier Luft große Wirkungen ausübt. [ … ] Allein in einem gedeckten Raum kann der giftige Dampf schädlich sein. [ … ] Sie präsentieren nicht, was man sich von ihnen verspricht, da der giftige Dampf alsbald in die Höhe steigt und sich durch die Luft ausbreitet “ 19

Außerdem wurde Anfang des 18. Jahrhunderts der Bewegungskrieg wichtiger als die Belagerung. Dadurch wurde das „Ausräuchern“ des Feindes aus seinen Befestigungen mittels toxischer Gase immer irrelevanter. Der entscheidende Punkt ist aber, dass es sich bei all diesen früheren Versuchen eines „chemischen Krieges“ mehr um punktuelle Improvisationskunststücke voller Tüftlergeist als um einen systematischen militärischen Sachverhalt handelt.20 Es blieb der, erst im 19. Jahrhundert entwickelten, chemischen Industrie vorbehalten, gänzlich neue chemische Kampfstoffe zu erschaffen.21

Der Erste Weltkrieg war der erste „Maschinenkrieg“22. Nie zuvor fanden technische und wissenschaftliche Erkenntnisse in solchen Ausmaßen Eingang in die Kriegsführung. Die industrielle Kraft der kriegsführenden Nationen ermöglichte es ihnen dieses Wissen in Gerätschaften umzuwandeln, die in Fabriken in Massenproduktion gehen konnten. So verhielt es sich auch mit der Entwicklung der Gaswaffe. Einerseits entwickelte sich um das Jahr 1800 eine systematische chemische Forschung, andererseits führte die Industrialisierung - besonders in Deutschland - rasch zu einer Entwicklung einer chemischen Industrie. Neben der traditionellen anorganischen Chemie erlebte vor allem die Forschung im Bereich der organischen Chemie einen regelrechten Boom. Die Entdeckung unzähliger Stoffklassen und Verbindungen ging Hand im Hand mit der Entdeckung zahlreicher synthetischer Gifte. Parallel dazu wurden Verfahren entwickelt, die eine Isolierung der Wirkstoffe aus Arznei- und Giftpflanzen ermöglichten.23 Die Entdeckung weiterer starker Gifte - wie weißem Phosphor oder Chlorpikrin - führte zu einer Häufung verschiedener militärischer Vorschläge zur Anwendung dieser Substanzen im Krieg.24

Die Gefahr eines massiven Einsatzes chemischer Kampfstoffe in zukünftigen Kriegen wurde durch diese Entwicklungen immer realer. Aus diesem Grund machte schon die Brüsseler Erklärung von 1874 - an dem viele europäischen Staaten mitgewirkt haben - auf die Gefahr des Missbrauches technischer Mittel für militärische Zwecke aufmerksam. Es wurde vermerkt:

„ das Kriegsrecht erkennt den Kriegführenden nicht eine unbegrenzte Wahl der Mittel zu, den Feind zu schlagen “ . 25

Da diese Erklärung aber nicht ratifiziert wurde, nahmen die europäischen Regierungen mit der Haager Friedenskonferenz von 1899 einen zweiten Anlauf, um einen möglichen chemischen Krieg vorzubeugen. In der Deklaration zu dieser Konferenz, die von 24 Staaten unterzeichnet wurde, ging es ausdrücklich um das Verbot der Benutzung von Gasgeschossen:

„ Die vertragsschließenden Mächte unterwerfen sich gegenseitig dem Verbote, solche Geschosse zu verwenden, deren einziger Zweck ist, erstickende oder giftige Gase zu verbreiten “ . 26

Weil jedoch Großbritannien und die USA die Deklaration nicht ratifizierten, wurde eine zweite Haager Friedenskonferenz acht Jahre später organisiert. Die hierbei von allen Teilnehmer unterzeichnete Deklaration wurde als Haager Landkriegsordnung von 1907 bekannt. Zwei Artikel regelten ausdrücklich den Gebrauch von Gaswaffen: während der Artikel 23 lediglich das Anwendungsverbot der ersten Konferenz für den Einsatz von Giften und giftigen Geschossen bestätigte, stellte der Artikel 22 - in der Tradition der Brüsseler Erklärung - das uneingeschränkte Recht der Kriegsparteien in der Wahl ihrer Waffen in Frage.27

b. „Der Tod kam aus Deutschland“: die Pionierarbeit von Prof. Fritz Haber

Der erste Impuls, Gase auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges zu benutzen, kam aus Frankreich. Dort wurden schon vor dem Krieg Tränengase für polizeiliche Einsätze entwickelt. Diese so genannten „ cartouches suffocantes “ (Erstickungspatronen) sollten die Deutschen aus ihren Schützengräben heraustreiben, damit diesen mit konventionellen Mitteln - Artillerie und Gewehrkugeln - bekämpft werden konnten. Die Erstickungspatronen wurden mittels Signalpistolen bis zu 230 Meter entfernt gefeuert, enthielten 200 Gramm Bromessigsäureethylester und hatten einen Durchmesser von 26 Millimetern. Die französischen Erstickungspatronen, effektiv im Bunker- oder Häuserkampf, waren aber völlig ungeeignet für den Einsatz im offenen Gelände. Weil Frankreich den notwendigen Brom für diese Patronen vor dem Krieg aus Deutschland bezog, musste das Bromessigsäureethylester ab November 1914 durch Chloraceton ersetzt werden. Dieses Gas befüllte außerdem Granaten und Geschosse, die per Hand bis zu 30 Meter entfernt geworfen werden konnten - die so genannten „ tourteaux “. Die Schwierigkeit der Versorgung mit Brom, die unzureichende Effizienz auf offenen Gelände sowie die Tatsache, dass es vor dem Krieg keine echte chemische Industrie in Frankreich gab, führten zu einem sehr begrenzten Einsatz von chemischen Kampfmittel seitens Frankreichs in der Anfangsphase des Krieges.28

Die entscheidenden Entdeckungen und Maßnahmen, die dazu geführt haben, dass Gase als neues, systematisches Kampfmittel eingesetzt wurden, fanden im deutschen Kaiserreichs und maßgeblich unter der Regie von Prof. Fritz Haber (1868-1934) statt. Der deutsche Chemiker jüdischer Herkunft und Nobelpreisträger für Chemie hatte als Wissenschaftler das Glück, dass Deutschland ein viel besseres Umfeld für seine Forschungen bot. Denn die deutsche chemische Industrie war bei weitem die fortschrittlichste der damaligen Welt. Haber konnte sich außerdem auf eine mächtige Chemie-Lobby stützen, die ausgezeichnete Beziehungen mit der obersten deutschen Heeresleitung pflegte. Außerdem konnten er und seine Kollegen sich ohne Bedenken auf das - vom Bankier Koppel gestiftete - Institut für physikalische Chemie und Elektrochemie verlassen, dessen Leitung er als Gründungsmitglied 22 Jahre lang inne hatte. Seinem Institut war Teil der 1910 gegründeten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, das sich von Anfang an in den Dienst der Rüstung gestellt hatte. Es entstand ein regelrechtes Konsortium zwischen Staat, Militär und Wissenschaft, das spätestens seit Sommer 1914 aktiv versuchte Brom, Chlor, Phosgen und andere giftige Chemikalien mit relativ geringem Aufwand in Massenvernichtungsmittel umzuwandeln.29

Fritz Haber, der davon überzeugt war, dass er aufgrund seiner jüdischer Abstammung30 noch mehr Begeisterung und Engagement für die „deutsche“ Sache zeigten musste, schlug im Frühjahr 1915 dem deutschen Oberkommando vor, statt eines Beschusses durch Gasgeschosse, größere Mengen gasförmiges Chlor gegen die feindlichen Gräben abzublasen. Er soll um diese Zeit gewusst haben, wie günstig die Stunde für ihn war und wie wichtig er für die deutschen Kriegsanstrengungen war. Dies belegt eine Aussage, dass Haber laut Chaim Weizmann31 gemacht haben soll:

„ I was one of the mightiest men in Germany. I was more than a great army commander, more than a captain of industry. I was the founder of industries; my work was essential for the economic and military expansion of Germany. All doors were open to me “ . 32

Das „Habersches Blasverfahren“ versprach einen massiven chemischen Schlag mit Breitenwirkung und wurde nach und nach bis 1917 von allen kriegsführenden Parteien übernommen. Freilich barg Habers Plan einige Gefahren: die Windrichtung und -stärke wurde zur wesentlichen Größe beim Ablasen des Gases, da das Gas zu einer Gefahr für die eigenen Truppen werden konnte, sollte der Wind drehen. Außerdem mussten hochqualifizierte Soldaten für dieses Prozedere ausgebildet werden, um einen sicheren und reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Diese Pioniere mussten dann in kleine Gruppen über den gesamten Frontabschnitt verteilt werden und immer wieder fortgebildet werden.33 Zwei Entwicklungen führten schließlich dazu, dass die Oberste Heeresleitung all ihre Bedenken gegen Giftgasangriffe: das ausrüsten der eigenen Soldaten mit effektiverer Gasmasken und die deutsche Niederlage bei der ersten Schlacht von Ypern Ende 1914.34

Bereit, jegliche Innovation in die Waagschale zu werfen, um an der Front wieder die Initiative übernehmen zu können, eröffnete die OHL am 22. April 1915 offiziell den Gaskrieg.

Gegen 17. Uhr wurden 150 Tonnen Chlorgas aus 5830 Zylindern auf einer Breite von sechs Kilometern freigesetzt. Mit einer Geschwindigkeit von 3 Metern pro Sekunde trieb eine schwere grün-gelbliche Wolke auf die französischen Stellungen zu. Fünfzehn Minuten später folgten deutschen Infanteristen mit einer Mullbinde vor dem Gesicht der giftigen Wolke und nahmen ohne Widerstand die verlassenen vorderen feindlichen Stellungen ein.35 Die Wirkung des Gases wurde vom französischen General Mordacq auf entsetzliche Weise beschrieben:

„ Partout des fuyards [ … ] hagards, la capote [ … ] largement ouverte [ … ] courant comme des fous, allant au hasard [ … ] crachant du sang, quelques-uns m ê me roulant à terre en faisant des efforts d é sesp é r é s pour respirer [ … ] Jamais il ne m'avait é t é donn é de voir un spectacle semblable, une telle d é bandade “ . 36

Ein anderer französischer Offizier schildert der Angriff folgendermaßen:

„ In [ … ] dieser schrecklichen Nacht kämpften sie mit ihrer Angst, rannten blind in die Gaswolke und stürzten, mit im Todeskampf keuchender Brust [ … ] Hunderte von ihnen fielen hin und starben; andere lagen hilflos da, Schaum vor den sterbenden Lippen, ihre [ … ] Körper [ … ] von heftigen Brechkrämpfen geschüttelt [ … ] Auch sie würden später sterben, einen langsamen sicheren Tod von unbeschreiblicher Qual. “ 37

Ein letzter Augenzeugenbericht insistiert vor allem, dass die gesamte französische Armee von diesem Chlorangriff völlig überrascht wurde:

„ C'est alors qu'arrive sur nous une odeur qui nous prend à la gorge et aux yeux et qui nous fait pleurer. Que se passe-t-il? Tout le monde est surpris. L'on regarde et nous apercevons, arrivant sur le canal, un nuage jaune verd â tre. Plus de doute: ce sont les gaz asphyxiants. “ 38

Sogar der Oberkommandierende General der nördlichen französischen Streitkräften, General Foch drückte seine Überraschung in einem Telegramm an den General Joffre aus, welches er am 23. April 1915 verschickte:

„ La soir é e d'hier a é t é une surprise vive et courte. Les Allemands ont envoy é n gaz suffocant, poduisant des effets à plus d'un kilom è tre sur tout le front Streestraat - Langemarck. “ 39

Obwohl große Meinungsverschiedenheit über die Zahlen der Verluste nach dem Gasangriff vom 22. April 1915 herrscht, kann man mit etwa 800 bis 1400 Toten und 2000 bis 3000 Vergifteten rechnen. Vor allem der Geländegewinn ohne Kampf - sechs bis sieben Kilometer - überzeugte die deutsche

[...]


1 Siehe Köppen, Edlef: Heeresbericht. Hamburg 1992, S. 129.

2 Vgl. Martinetz, Dieter: Vom Giftpfeil zum Chemiewaffenverbot. Zur Geschichte der chemischen Kampfmittel. Frankfurt am Main 1995, S. 214-222. Siehe Interview von Die Welt mit dem Mediziner Ken Alibek, einem der weltweit kenntnisreichsten Experten für biologische Waffen „Pocken, Pest und Ebola als perfide Biowaffen“ http://www.welt.de/print-welt/article513516/Pocken-Pest-und-Ebola-als-perfide-Biowaffen.html (letzter Aufruf: 01.02.2015). Allgemeiner siehe Girard, Marion. A Strange and Formidable Weapon. Britisch Responses to World War I. Poison Gas. London 2008, S. 143-158.

3 Diesbezüglich siehe Kunz, Rudibert (u.a.): Giftgas gegen Abd el Krim: Deutschland, Spanien und der Gaskrieg in Spanisch-Marokko; 1922 - 1927. Freiburg 1990.

4 Vgl. Martinetz: Giftpfeil, S. 224-228.

5 Ebd. S. 225-226

6 Siehe Uno-Bericht zu Giftgas in Syrien: "Schüttelkrämpfe, Vernichtungsgefühl, Bewusstlosigkeit" auf Spiegel Online: http://www.spiegel.de/politik/ausland/uno-inspekteure-bestaetigen-den-giftgaseinsatz-in-syrien-a- 922606.html (letzter Aufruf: 01.02.2015)

7 Siehe in aller Kürze Gartz, Jochen: Chemische Kampfstoffe. Der Tod kam aus Deutschland. Löhrbach 2003, S. 19- 27.

8 Unter anderen Langemarck am 22.05.1915, Caporetto am 24.10.1917 oder am 27.05.1918 auf der Chemin des Dames. Vgl. Lepick, Olivier: La grande guerre chimique: 1914-1918. Paris 1998, S. 287.

9 Vinet, E: La guerre des gaz et les travaux des services chimiques francais erschienen im Sammelband Chimie et industrie Bd. 2 (nov.-dec. 1919)

10 Die zwei wichtigsten Studie lieferten Schwarte, Max: Technik im Weltkrieg. Berlin 1920 und Hanslian Rudolf: Der chemische Krieg. Berlin 1937.

11 Clarck, Dorothy: Effectiveness of chemical Weapons in World War One. Maryland 1959 oder Trumpener, Ulrich: The Road to Ypres: The Beginnings of Gas Warfarein World War One in Journal of Modern History. Sept. 1975 oder Haber, Ludwig Friedrich: The Poisonous Cloud: Chemical Warfare in the First World War. Oxford 1986.

12 Ebd. S. 1. Siehe berühmten Gemälde von Otto Dix wie „Sturmtruppe geht unter Gas vor“ von 1924 , „Der Krieg“ von 1932 oder „Gastote“ von 1924 (Abb. 1, 2 und 3 im Anhang)

13 Ebd. S. XII. (Vorwort)

14 Gesamte Abschnitt zur Forschungsstand vgl. Lepick: guerre chimique, S. 1-10.

15 Vor allem die schleimhautreizenden Schwefeloxide und kohlenwasserstoffhaltige Pyrolysegase sowie der toxische Kohlenstoffmonoxid, das zu Erstickungen führt.

16 Vgl. Gartz: chemische Kampfstoffe, S. 10-11.

17 Siehe Martinetz: Giftpfeil, S. 31.

18 Ebd.

19 Zitiert nach Martinetz: Giftpfeil, S. 43.

20 Vgl. Lepick: guerre chimique, S. 16-23.

21 Vgl. Martinetz: Giftpfeil, S. 32-44. Vgl. Gartz: chemische Kampfstoffe, S. 11-13.

22 Neben dem amerikanischen Bürgerkrieg. Siehe für die Panzerschiffe Mindell, Daid A.: Iron coffin : war, technology, and experience aboard the USS Monitor. Baltimore 2012 oder für die allgemeine Kriegsführung Keegan, John: Der amerikanische Bürgerkrieg. Berlin 2010, S. 92-104.

23 Vgl. Gartz: chemische Kampfstoffe, S. 15: unter anderem die Pionierforschungen des Schweden Scheele zur Freisetzung von giftigem Chlorgas mittels eines Oxidationsprozesses 1774 oder zur Gewinnung der Blausäure aus dem Farbstoff Berliner Blau 1782.

24 Ebd. S. 16-18.

25 Siehe Martinetz: Giftpfeil, S. 51.

26 Siehe Gartz: chemische Kampfstoffe, S. 20.

27 Vgl. Deperchin, Annie: Les gaz et le droit international. In Ceva, Marie-Luz (Hg.): Gaz! Gaz! Gaz! La guerre chimique 1914-1918. Paris 2010, S. 13-25.

28 Vgl. Lepick: guerre chimique, S. 54-60. Vgl. Groehler, Olaf: Der lautlose Tod. Berlin 1978, S. 25.

29 Vgl. Szöllösi-Janze: Fritz Haber : 1868 - 1934; eine Biographie. München 1998, S. 215-245, 256-270.

30 Der Antisemitismus war schon im deutschen Kaiserreich sehr virulent. Vor allem in militärischen Kreise dachte man, dass die Juden nicht patriotisch genug waren. So versuchte man auf militärischer Ebene mit den so genannten „Judenzählungen“ aufzuzeigen, dass deutlich weniger jüdische Soldaten Kriegsfreiwilligen waren oder sich vor den Angriffen drückten. Als die Zählungen das Gegenteilige bewies, verzichtete das deutsche Oberkommando auf einer Veröffentlichung des Berichts. Siehe Rosenthal, Jacob: "Die Ehre des jüdischen Soldaten": die Judenzählung im Ersten Weltkrieg und ihre Folgen. Frankfurt am Main 2007

31 Chaim Weizmann war Chemiker, Präsident der Zionistischen Weltorganisation, israelischer Politiker und zionistischer Führer sowie von 1948 bis 1952 erster israelischer Staatspräsident.

32 Vgl. Charles, Daniel: Between genius and genocide : the tragedy of Fritz Haber, father of chemical warfare. London 2005, S. 141.

33 Ebd. S. 156-157. Vgl. Groehler: lautlose Tod, S. 31-32.

34 Vgl. Lepick: guerre chimique, S. 61-70. Vgl. Gartz: chemische Kampfstoffe, S. 21-26. Vgl. Martinetz: Giftpfeil, S. 56-61.

35 Vgl. Lepick: guerre chimique, S. 71-80. Vgl. Martinetz: Giftpfeil, S. 66-68.

36 Siehe Lepick: guerre chimique, S. 79.

37 Siehe Martinetz: Giftpfeil, S. 68.

38 Siehe Joseph, Clément: Carnets de guerre d'un officier d'Infanterie Territoriale: lieutenant Clément Joseph, au 76ème R.I.T. (5 octobre 1914 au 20 novembre 1918) et la première attaque aux gaz du 22 avril 1915. Association Bretagne 14-18 [Plessala] 2006, S. 8.

39 Ebd. S. 41.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Der Gaskrieg während des Ersten Weltkrieges aus literaturwissenschaftlicher und medizinischer Sicht
Untertitel
Ausgewählte deutsche und französische Kriegsromane
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut Geschichte und Ethik der Medizin)
Veranstaltung
Medizin, Krieg und Literatur, 1914-1945
Autor
Jahr
2015
Seiten
32
Katalognummer
V294538
ISBN (eBook)
9783656923015
ISBN (Buch)
9783656923022
Dateigröße
1685 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gaskrieg, Erster Weltkrieg, Kriegsromane, Deutschland, Frankreich
Arbeit zitieren
B.A. Mohamet Traore (Autor), 2015, Der Gaskrieg während des Ersten Weltkrieges aus literaturwissenschaftlicher und medizinischer Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294538

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