Der Sündenbock als literarisches Motiv

Eine Untersuchung zu Werken von Friedrich Schiller, Marie von Ebner-Eschenbach und Max Frisch


Bachelorarbeit, 2012

35 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Arbeitsdefinition Motiv

3. Der ‚Sündenbock‘ in interdisziplinärer Perspektive
3.1 Religionsgeschichtlicher Hintergrund
3.2 Soziologische Perspektive

4. Reflexion zur Textauswahl

5. Textanalyse
5.1 Friedrich Schiller: Der Verbrecher aus verlorener Ehre – „Ich wollte Böses tun [] Ich wollte mein Schicksal verdienen.“
5.2 Marie von Ebner-Eschenbach: Das Gemeindekind – „Ich bleib der einsame Mensch, zu dem ihr mich gemacht habt.“
5.3 Max Frisch: Andorra – „Seit ich höre, hat man mir gesagt, ich sei anders [] Und es ist so, Hochwürden: Ich bin anders.“

6. Fazit

Literaturverzeichnis

„The search for a scapegoat is the ea- siest of all hunting expeditions.“1

Dwight D. Eisenhower

1. Einleitung

In unserer Gesellschaft kommt es immer wieder zu Ausgrenzungen von Menschen auf Grund ihrer Andersartigkeit, sei es ihre Abstammung, ihr Aussehen oder weitere Fakto- ren, die sie von anderen Personen unterscheiden. Diese Stigmatisierung von Men- schen anhand bestimmter Merkmale ist ein Phänomen, das sich durch die Geschichte verschiedener Kulturen zieht. Die ausgegrenzten Menschen werden häufig als Sün- denböcke der Gesellschaft bezeichnet. Da dieses Phänomen kulturübergreifend weit verbreitet ist, gibt es auch in der Literatur zahlreiche Autoren, die sich mit der Ausgren- zung von Personen in ihren Werke befassen, indem sie Protagonisten integrieren, die auf Grund verschiedener Merkmale zum Sündenbock stigmatisiert werden.

In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, ob es sich bei dem beschriebenen Phänomen der Stigmatisierung eines Protagonisten als Sündenbock um ein literari- sches Motiv handelt und welche Facetten dieses Motiv haben kann. Hierbei wird be- sonders auf die Entwicklung der Person geachtet, die von der Gemeinschaft ausgesto- ßen wird.

Zu Beginn entwerfe ich eine Arbeitsdefinition des Motiv-Begriffes, die als Grundlage der späteren Untersuchung des Sündenbockmotivs dient. Diese Definition wird sich aus verschiedenen Autorenpositionen zusammensetzen.

Auch Dwight D. Eisenhower stellte während seiner Zeit beim Militär im Zweiten Welt- krieg fest, dass die Suche nach Sündenböcken die einfachste aller Jagdarten sei. Er selbst wurde häufig Zielscheibe falscher Aussagen der Presse und dadurch während der Kriegszeit teilweise selbst zum Sündenbock stigmatisiert. Warum dieses Phäno- men so verbreitet ist und einfach Einzug in unsere Gesellschaft erhält, soll in Kapitel 3 mit Hilfe des von René Girard geprägten Begriffs des Sündenbockmechanismus erklärt werden, der den soziologischen Zugangspunkt zum Sündenbockmotiv bietet. Zuvor wird aber die Abstammung des Sündenbock-Begriffes erläutert, um ein besseres Ver- ständnis für den religionsgeschichtlichen Hintergrund des Begriffes zu bekommen. In Kapitel 4 reflektiere und begründe ich die Auswahl der Texte, die in Kapitel 5 analysiert werden. Untersucht werden in dieser Arbeit die Erzählungen Der Verbrecher aus verlo- r ener Ehre von Friedrich Schiller aus dem Jahr 1786 und Das Gemeindekind von Marie von Ebner-Eschenbach aus dem Jahr 1887 sowie Max Frischs Drama Andorra, das 1961 uraufgeführt wurde. Hierbei ist zu beachten, dass dies natürlich nur eine exemp- larische Auswahl von Werken ist, in denen der Protagonist zum Sündenbock stigmati- siert wird, da es eine Vielzahl weiterer Werke gibt, die dieses Motiv behandeln. In die- sem Kapitel der Textanalyse sollen vor allem die Fragen geklärt werden, warum die Gesellschaft den Protagonisten ausgrenzt und ob und wieso dieser seine Rolle an- nimmt oder ablehnt. Da dies Aufgabe der Individualpsychologie ist, ist in dieser Arbeit nur ein beispielhafter Blick auf die Beweggründe des einzelnen möglich.

In den Kapiteln 2 und 3 werde ich ausschließlich Sekundärliteratur nutzen, um die Hin- tergründe zu erläutern. Da es sich bei Kapitel 5 um die Textanalyse handelt, werde ich vor allem textzentriert arbeiten. Dennoch wird auch Sekundärliteratur benötigt, um Zu- sammenhänge zum Sündenbockmechanismus oder religionsgeschichtlichen Hinter- grund herstellen zu können und um Mechanismen, die in den fiktiven Gemeinschaften der Werke genutzt werden, um ein Mitglied ihrer Gesellschaft auszugrenzen, erkennen und bewerten zu können.

Im Hinblick auf das bessere Verständnis des Textes gehe ich in der Arbeit von der An- nahme aus, dass es sich bei dem Sündenbock um ein literarisches Motiv handelt. Ständige hypothetische Formulierungen würden die Arbeit verkomplizieren und das Erfassen der wesentlichen Informationen erschweren.

2. Arbeitsdefinition Motiv

Die folgende Arbeit untersucht ein literarisches Motiv. Folglich wird weder der Begriff des musikalischen Motivs noch der des künstlerischen Motivs in dieser Arbeit berück- sichtigt. Da es angesichts der Vielschichtigkeit und Abstraktheit des Begriffes bis heute keine einheitliche Definition gibt, werde ich für die vorliegende Arbeit eine Arbeitsdefini- tion des Motivbegriffs entwerfen. Grundlage dieser Definition sind die Arbeiten Elisa- beth Frenzels2 sowie der Lexikoneintrag von Sabine Doering in Metzler Lexikon der Literatur 3.

Ein Motiv stellt die „kleinste bedeutungsvolle Einheit eines lit[erarischen, d.V.] Textes oder selbständig tradierbares intertextuelles Element“4 dar. Laut Elisabeth Frenzel sind Motive „schematische Muster von typischen, möglicherweise archetypischen Eigen- schaften“ 5 und wiederkehrenden Lebenssituationen. Motive werden anhand ihres Stel- lenwertes im jeweiligen Werk in Haupt- bzw. Kernmotive und Neben- bzw. Randmotive unterteilt.6 Die Einordnung eines Motivs in eine der Kategorien ist veränderbar; so kann ein Motiv in einem Werk ein Hauptmotiv sein, in einem anderen hingegen nur ein Ne- benmotiv. Zudem gibt es blinde Motive, die zwar in einem Text erwähnt werden, jedoch keine Funktion erfüllen.

Theodor Wolpers nimmt in seinem Werk Gattungsinnovation und Motivstruktur, in dem er sich mit weiteren Wissenschaftlern eingehend mit der Motiv- und Themenforschung befasst, eine Unterteilung von Motivklassen in zehn Untergruppen vor. 7 Bei einer so kleinschrittigen Einteilung ist es schwierig, ein Motiv eindeutig einer Gruppe zuzuord- nen, da es gegebenenfalls Eigenschaften mehrerer Gruppen aufweist, sodass ich mich hier für die Klassifizierung der Motive in die folgenden fünf Gruppen entschieden habe, die den Ausführungen Sabine Doerings folgen: Motive werden hinsichtlich ihrer Refe- renz in Typen- (z.B. Amazone), Situations- (z.B. Brudermord), Raum- (z.B. Ruine), Zeit- (z.B. Frühling) und Dingmotive (z.B. Orakel) klassifiziert.8 Diese Differenzierung kann im Gegensatz zur Einteilung anhand des Stellenwertes nicht verändert werden. Ein Motiv ist demzufolge nur einer Kategorie zuzuordnen, die sich auch werkübergrei- fend nicht ändert.

Um die Eigenschaften eines Motivs zu erläutern, ist seine Abgrenzung zur größeren Einheit der Stoffe und Themen, aber auch zur kleineren Einheit der Züge und Bilder sinnvoll.9 Im Gegensatz zum Stoff, der unter anderem an Namen und Ereignisse ge- bunden ist, bezeichnet das Motiv „lediglich einen Handlungsansatz […], der ganz ver- schiedene Entfaltungsmöglichkeiten in sich birgt.“10 Darüber hinaus wird ein Motiv, an- ders als das Thema, durch Zusätze und Einschränkungen präzisiert. Durch diese Be- schränkungen werden sowohl die Personenkonstellation als auch der bereits erwähnte Handlungsansatz erkennbar. Durch die Präzisierung wird eine unmittelbare Charakteri- sierung des Motivs möglich, beispielsweise Vater-Sohn-Konflikt oder die heimliche Lie- besbeziehung.11 Züge hingegen haben nur eine additive Funktion. Sie dienen „der nä- heren Charakterisierung, dem Schmuck, der Stimmung oder auch der geistigen Erhel- lung des Inhalts“12 und sind darum keine Motive.

Im Allgemeinen haben Motive eine textgliedernde und –konstituierende Funktion.13

Dennoch können sich die Funktionen ein und desselben Motivs im Verbund mit ande- ren Motiven, im anderen Kontext oder bei anderem Stellenwert ändern.14 So kann ein Motiv innerhalb verschiedener Werke unterschiedliche Ausprägungen haben. Im Ge- gensatz zu einigen Forschern wie beispielsweise Willy Krogmann oder Josef Körner, die eine psychoanalytische Interpretation des Motiv-Begriffes vornahmen und die Funk- tion eines Motivs unter anderem darin sahen, dass der Autor die ihn „beherrschende Vorstellung und Stimmung, die ihn treibende Idee, die zur Versinnlichung im Bilde drängt“15 verschriftlichen konnte, wird in dieser Arbeit die Funktion von Motiven vor allem darin gesehen, „die Handlung, die Personen und die gedankliche Substanz des Kunstwerks“16 in Bewegung zu bringen und voranzutreiben. Dank seines Amalgamie- rungsvermögens, also der Fähigkeit, sich mit anderen Motiven zu verbinden, und sei- ner „Abstrahierbarkeit aus dem spezifischen Stoff“17 kann ein Motiv sich als Bestandteil verschiedener Werke in der Überlieferung erhalten.18 Da ein Motiv die Verbindungen zu Motivkomplexen und Motivketten aber auch wieder lösen kann, kann das gleiche Motiv nicht nur in ähnlichen, sondern auch in verschiedenen Stoffen vorkommen.19 Bei Motivkomplexen sind, wie oben beschrieben, die einzelnen Motive häufig eng mitei- nander verzahnt. Demnach kann die Weglassung eines Nebenmotivs bereits zur Ver- änderung des gesamten Handlungsverlaufs führen. Diese Veränderung brächte eine Funktions- und Sinnänderung des Hauptmotivs mit sich. In einem Werk kann das Motiv des Vater-Sohn-Konfliktes beispielsweise in Verbindung mit den Motiven der Aggressi- on oder des Todes stehen und ein negatives Gesamtbild des Motivs bewirken, in ande- ren Werken kann dieses Motiv aber in Verbindung mit positiv konnotierten Motiven eine positive Wirkung erhalten. Dasselbe Motiv hätte demnach einen anderen Sinn: So kann es in dem einen Fall eine Bedrohung für die Leben der Protagonisten darstellen, in dem zweiten aber die Hoffnung auf ein harmonischeres Zusammenleben, nachdem der Konflikt beigelegt wurde. Es ist demnach wichtig, mit welchen Motiven das Haupt- motiv in Zusammenhang steht, da dadurch seine Wirkung und sein Gesamtbild beein- flusst werden.

3. Der ‚Sündenbock‘ in interdisziplinärer Perspektive

3 .1 Religionsgeschichtlicher Hintergrund

Das Phänomen des Sündenbocks gibt es in verschiedenen Kulturkreisen. In der fol- genden Darstellung des religionsgeschichtlichen Hintergrundes des Sündenbock- Begriffes konzentriere ich mich ausschließlich auf das Alte Testament, da es von Chris- ten und Juden als „Offenbarungsurkunde“20 betrachtet wird und für den Ursprung des Sündenbockmotivs von besonderer Bedeutung ist.

Seinen Ursprung findet das Motiv in dem Buch Levitikus 16,1-34, einem der fünf Bü- cher des Mose, in dem es als Ritual für den Versöhnungstag beschrieben wird:

Aaron darf nur so in das Heiligtum kommen: mit einem Jungstier für ein Sündop- fer und einem Widder für ein Brandopfer. […] Von der Gemeinde der Israeliten soll er zwei Sündopfer und einen Widder für ein Brandopfer erhalten. […] Für die beiden Böcke soll er Lose kennzeichnen, ein Los „für den Herrn“ und ein Los „für Asasel“. Aaron soll den Bock, für den das Los „für den Herrn“ herauskommt, her- beiführen und ihn als Sündopfer darbringen. Der Bock, für den das Los „für Asa- sel“ herauskommt, soll lebend vor den Herrn gestellt werden, um für die Sühne zu dienen und zu Asasel in die Wüste geschickt zu werden. […] Aaron soll seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Bockes legen und über ihm alle Sün- den der Israeliten, alle ihre Frevel und alle ihre Fehler bekennen. Nachdem er sie so auf den Kopf des Bockes geladen hat, soll er ihn durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste treiben lassen und der Bock soll alle ihre Sünden mit sich in die Einöde tragen.21

Aaron soll durch das Handauflegen auf den Bock die Sünden der Israeliten auf das Tier übertragen. Durch das anschließende Schicken in die Wüste sollen die Sünden vom Volk abgeleitet und das israelische Volk entsühnt werden. Laut Raymund Schwa- ger verdeutlicht dieser Ritus, was sich auch bei anderen, unter anderem menschlichen Opfern ereignet:

Die Vorstellung, dass irgendeine Gottheit das Opfer annimmt und die opfernde Gemeinschaft segnet, ist der mythologische Ausdruck für die Tatsache, daß die Aggressivität einmal mehr nach außen abgeleitet und der Friede innerhalb der Gemeinschaft gesichert wird.22

Die Ausgrenzung einer Person aus der Gemeinschaft soll das gleiche bewirken wie das Handauflegen der Menschen auf den Ziegenbock: Indem man jemanden aus sei- ner Gemeinschaft ausgrenzt, sollen demjenigen die Sünden übertragen werden. Die übrige Gemeinschaft versucht sich so, von ihren Sünden und ihrer Schuld freizuspre- chen. Die Sünden sollen von der Gemeinschaft abgeleitet werden, um Frieden in das Volk zu bringen.

3 .2 Soziologische Perspektive

Das Motiv des Sündenbocks hat also seinen Ursprung bereits in der Bibel. Wie aber kommt es, dass ein Ritual, das ursprünglich dazu genutzt wurde, die Sünden der Men- schen auf ein Tier zu übertragen, mittlerweile auch als ein nicht-rituelles Phänomen in rein gesellschaftlichen Kreisen Einzug hält und Menschen durch Stigmatisierung als Sündenbock aus der Gemeinschaft ausgrenzt? In der nun folgenden Darstellung der soziologischen Perspektive sollen die Fragen beantwortet werden, wie diese Stigmati- sierung und Ausgrenzung eines Individuums vonstattengeht und warum es kulturüber- greifend zu so einer Ausgrenzung kommt. Darüber hinaus werden die Stereotypen aufgezeigt, nach denen eine Ausgrenzung erfolgt. Die folgenden Darstellungen der soziologischen Perspektive orientieren sich an dem französischen Kulturanthropologen René Girard sowie dem katholischen Theologen Raymund Schwager, der die Theorien Girards in seinem Werk Brauchen wir einen Sündenbock? untersucht.

René Girard zeigt in seinen Werken Der Sündenbock und Das Heilige und die Gewalt auf, dass es „ein kulturübergreifendes Schema kollektiver Gewalt gibt“23 und untersucht die Ursachen der Ausbreitung dieser kollektiven Gewalt innerhalb von Gesellschaften. Entgegen der Vorstellungen Jean Jacques Rousseaus, „gemäß denen der Staat und die menschliche Gesellschaft auf einem Gesellschaftsvertrag beruhen […], durch den jeder einzelne aus wohlverstandenem Eigeninteresse sich in einer bewußten Entschei- dung einem ‚allgemeinen Willen‘ unterwirft“24, sieht Girard das Zusammenleben der Menschen nicht als geregelt und unkompliziert an, sondern als „eines der größten anthropologischen Probleme“25. Da Menschen von Geburt an keinen Hemmungsme- chanismus besitzen und ein „Wesen der Leidenschaft“26 sind, werden sie häufig von Zorn überwältigt, der sich auf einen Gegenstand oder einen anderen Menschen ent- lädt.27 Darüber hinaus besitzen Menschen den Wunsch nach Mimesis.28 Der Mensch begehrt das Sein eines anderen Menschen, von dem er der Meinung ist, das dieser das besitze, was einem selbst fehle, seien es immaterielle oder materielle Dinge. Durch dieses Bedürfnis der Nachahmung kann in einer mit internen Streitigkeiten be- lasteten Gesellschaft „dem siegreichen Streich eines Protagonisten gegen einen an- dern eine derartige Faszination zukommen, daß andere die gleiche Tat instinktiv nach- ahmen und ebenfalls auf den augenblicklich Schwächeren einschlagen“29. Es kann plötzlich zur Gewalt aller gegen einen kommen. Dieses Umschlagen in die kollektive Gewaltübertragung auf ein Opfer bezeichnet Girard als „Sündenbockmechanismus“30. Der Sündenbockmechanismus ist, wie bisher beschrieben, ein gesellschaftliches Phä- nomen. Allerdings sieht man, dass die Literatur bereits früh auf dieses Phänomen rea- giert hat, was an der sozialkritischen Fabel Die pestkranken Tiere von Jean de La Fon- taine aus dem 17. Jahrhundert deutlich wird.31 Die Fabel handelt von der Pest, die die Tierstaaten befällt. Die Tiere, überzeugt davon, dass sie wegen ihrer Sünden von der Pest befallen werden, suchen einen Schuldigen, der geopfert werden soll:

Der Schuldigste von uns nun soll sich opfern dem Geschick und der Himmlischen Groll; vielleicht, daß alle wir dadurch Genesung finden. Lehrt die Geschicht‘ uns doch, daß solcher Opfer Kraft in gleichem Falle Rettung schafft.32

Das Opfer soll die Gemeinschaft also aus ihrer Notlage retten und den Zustand, der vor der Pest in der Gemeinschaft bestand, wiederherstellen. Positive Beispiele aus der Geschichte werden als Rechtfertigung für dieses Verfahren vorgebracht.33

Der Leu beginnt, seine Taten zu schildern, die ihn zu dem Schuldigen für die Pest ge- macht haben könnten. Er tötete beispielsweise aus Gefräßigkeit Schafe. Er fordert je- des Tier auf, es ihm gleichzutun und seine Taten zuzugeben, um schlussendlich den- jenigen herauszufinden und zu opfern, der die größte Schuld auf sich geladen hat und infolgedessen der Verursacher der Pest sein könnte. So sprechen sich nacheinander der Fuchs, der Tiger, der Bär und andere Tiere von ihrer Schuld frei. Zum Schluss er- greift das schwächste Glied der Gemeinschaft, der Esel, das Wort und gesteht seine Schuld an der Pest ein, da er einst eine verbotene Tat unternahm und auf einer Klos- terwiese das Gras abfraß. Die anderen Tiere benennen den Esel als den Schuldigen für die Pest und verurteilen ihn zum Tode, da der Tod allein das Verbrechen des Esels rächen könne.34

Diese Fabel verdeutlicht das Wirken des Sündenbockmechanismus: Ein Kollektiv stürzt sich auf das schwächste und verwundbarste Glied seiner Gemeinschaft und grenzt dieses aus oder, wie in diesem Fall, tötet es zur Wiedergutmachung seiner begange- nen Sünden. La Fontaines Ausspruch, seine Fabeln seien „une ample comédie en cent actes divers, dont la scène est l’univers“35 lässt den Leser erkennen, dass die Fabel zwar im Tierreich spielt, sich jedoch nicht ausschließlich auf die Tierwelt bezieht, son- dern auf das gesamte Universum, also auch den Menschen mit einschließt.

Die Ausgrenzung einer Person kommt häufig in Krisenzeiten vor, die durch interne Streitigkeiten geprägt sind. Ursachen dieser Krisen können sowohl äußerlich, wie Epi- demien oder Trockenheit, als auch innerlich, zum Beispiel politische Umwälzungen oder religiöse Konflikte, sein.36 In diesen Zeiten der Krise kommt es innerhalb der Ge- sellschaft zu einem „Gefühl eines radikalen Verlustes des eigentlich Sozialen“37, wodurch die Menschen sich bezüglich ihrer Zukunft unsicher fühlen. Sie fürchten den

„Untergang der die kulturelle Ordnung definierenden Regeln und ‚Differenzen‘.“38 Durch den Untergang dieser Regeln und Differenzen kommt es zu einem Durcheinander in- nerhalb der Gesellschaft. Die einsetzende Entdifferenzierung und das Durcheinander der Gesellschaft führen zu einer Ohnmacht der Menschen: Sie befürchten, dass durch das Verschwinden der Differenzen folglich auch ihre Kultur verschwindet und suchen einen Verantwortlichen für das Unheil. Dass es durchaus natürliche Ursachen für die Entdifferenzierung geben kann, bleibt für die Menschen unwichtig; natürliche Ursachen sind schließlich häufig nicht erreichbar und nicht veränderbar.39

[...]


1 Covey, Stephen R./Hatch, David K.: Everyday Greatness: Inspiration for a Meaningful Life. Nashville: Rutledge Hill Press 2006. S.77.

2 Im Fokus stehen hier vor allem Frenzels Werke Stoff-, Motiv- und Symbolforschung (1966) und Motive der Weltliteratur (1992).

3 Burdorf, Dieter/Fasbender, Christoph/Moennighoff, Burkhard (Hrsg.): Metzler Lexikon der Lite- ratur. Stuttgart: J.B. Metzler 2007.

4 Burdorf u.a. 2007, S.514.

5 Frenzel 1992; zit. n. Daemmrich, Horst S./Daemmrich Ingrid: Themen und Motive in der Litera- tur: ein Handbuch. Tübingen: Francke 1995. S.XVI.

6 Vgl. Frenzel, Elisabeth: Motive der Weltliteratur. Stuttgart: Kröner 1992. S.VII.

7 Die Unterteilung der Motivklassen erfolgt in (1) Situations-, (2) Handlungs- und Ereignis-, (3) Befindlichkeits- (Bewußtseins-), (4) Figuren- (Typen-)motive, (5) Institutionen, Sozialstrukturen, Gruppen- und Kollektivverhalten, (6) Örtlichkeits-, (7) Gegenstands-, (8) Zeitphasen-, (9) Tier- und Pflanzen- und (10) Genrebild- oder Eigenschaftsmotive. Vgl. hierzu: Wolpers, Theodor (Hrsg.): Gattungsinnovation und Motivstruktur. Bericht über Kolloquien der Kommission für Lite- raturwissenschaftliche Motiv- und Themenforschung 1986 – 1989. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1992.

8 Vgl. Burdorf u.a. 2007. S.514.

9 Vgl. Frenzel Frenzel, Elisabeth: Stoff-, Motiv- und Symbolforschung. Stuttgart: Metzler 1966. S.28.

10 Frenzel 1992, S.VI.

11 Vgl. Frenzel 1992, S.VIII.

12 Frenzel 1966, S.28.

13 Vgl. Burdorf u.a. 2007, S.514.

14 Vgl. Frenzel 1992, S.XIII

15 Frenzel 1966, S.29.

16 Frenzel 1966, S.29.

17 Frenzel 1966, S.31.

18 Vgl. Frenzel 1966, S.31.

19 Vgl. Frenzel 1966, S.31.

20 Katholische Bibelanstalt GmbH (Hrsg): Die Bibel. Altes und Neues Testament. Freiburg im Breisgau: Herder 2010. S.2.

21 Die Bibel, Lev 16, 1-34.

22 Schwager, Raymund: Brauchen wir einen Sündenbock? Gewalt und Erlösung in den bibli- schen Schriften. München: Kösel 1986. S.33.

23 Girard, René: Der Sündenbock. Zürich: Benzinger 1988. S.33..

24 Schwager 1986, S.13.

25 Schwager 1986, S.13.

26 Schwager 1986, S.15.

27 Vgl. Schwager 1986, S.16.

28 Vgl. Girard, René. Das Heilige und die Gewalt. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch1992. S.215.

29 Schwager 1986, S.30 f.

30 Girard 1988, S.66.

31 Vgl. La Fontaine, Jean de: Die Fabeln. Wiesbaden: Emil Vollmer o.J. S.177.

32 La Fontaine, S.177.

33 Ein Beispiel einer Opferung, die der hinterbliebenen Gemeinschaft Rettung verschaffen soll, ist der Kreuzestod Jesu.

34 Vgl. La Fontaine, S.178.

35 La Fontaine, S.123. „Ein großes Lustspiel, das wohl hundert Akte enthält,/ Sein Schauplatz ist die ganze Welt./ Mensch, Gott, Tier, jeder muß ‘ne Rolle übernehmen […]“

36 Vgl. Girard 1988, S.23.

37 Girard 1988, S.24.

38 Girard 1988, S.24.

39 Vgl. Girard 1988, S.26.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Der Sündenbock als literarisches Motiv
Untertitel
Eine Untersuchung zu Werken von Friedrich Schiller, Marie von Ebner-Eschenbach und Max Frisch
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Institut für Germanistik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
35
Katalognummer
V294542
ISBN (eBook)
9783656927150
ISBN (Buch)
9783656927167
Dateigröße
654 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sündenbock, motiv, eine, untersuchung, werken, friedrich, schiller, marie, ebner-eschenbach, frisch
Arbeit zitieren
Laura Marie Ehlert (Autor), 2012, Der Sündenbock als literarisches Motiv, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294542

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