Enhanced E-Books im Kinderbuchverlag

Strategische Bewertung einer neuen Produktform


Bachelorarbeit, 2014
77 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung und Methodik

2. Forschungsstand
2.1. Kinderbuch
2.2. Enhanced E-Book

3. Begriffsbestimmung

4. Aktuelle Marktsituation
4.1. Buchbranche und der digitale Markt
4.2. Enhanced E-Books als Teil des E-Book-Marktes

5. Das Enhanced E-Book als Innovation
5.1. Bestimmung und Einordnung der Innovation
5.2. Faktoren zur Durchsetzung einer Innovation
5.3. Mögliche Eintrittsstrategien und deren Vorteile

6. Eignung von Enhanced E-Books für das Kinderbuch
6.1. Eignung bei Sprachentwicklung und Leseverständnis
6.2. Grenzen multimedialer Anreicherung
6.3. Technische Möglichkeiten und deren Anwendung

7. Handlungsempfehlungen für Kinderbuchverlage
7.1. Kommunikation
7.2. Produktkonzeption
7.3. Strategiefestlegung

8. Schlussbetrachtung
8.1. Bewertung der verwendeten Methoden
8.2. Weiterführender Forschungsbedarf
8.3. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungen

Anmerkungen zur Beobachtung

1. Hinführung und Methodik

Schon seit einigen Jahren befindet sich die Buchbranche im Zuge der Digitalisierung und zunehmenden Medienkonvergenz in einem Umbruch. Die jungen „Digital Natives“ wachsen mit Selbstverständlichkeit in einer vernetzten digitalen Welt auf, die deren Mediennutzungsverhalten in zunehmenden Maße beeinflusst. Traditionelle Verlage haben mit jungen Start-Ups und dem wachsenden Selfpublishingzweig neue Mitwettbewerber bekommen, die den ohnehin starken Wettbewerb in der Branche weiter anfeuern. Immer kompaktere und leistungsfähigere Endgeräte beschleunigen den Markt und machen Innovationen möglich, die den Buchmarkt radikal beeinflussen. Und während die Preise für digitale Buchprodukte weiter fallen, stehen etablierte Geschäftsmodelle auf dem Prüfstand.

Relevanz der Thematik und Zielsetzung

Der Markt für E-Books kann seit deren Einführung kontinuierlich hohe Wachstumsraten vorweisen und nimmt laut den Unternehmensberatern von Price Waterhouse Cooper vor allem durch die rasante Verbreitung von Tablets und anderen elektronischen Lesegeräten in Deutschland weiter an Fahrt auf.[1] Als Bestandteil des Marktes von elektronischen Büchern rücken auch mit multimedialen und interaktiven Elementen angereicherte „Enhanced E-Books“ mehr und mehr in den Fokus der Verlage. Die vorliegende Arbeit erkennt das Potential angereicherter Inhalte gerade für Kinderbuchverlage und setzt sich zum Ziel, diese Innovation strategisch zu bewerten und damit Verlagen den Umgang mit einer relativ neuen und noch wenig untersuchten Produktform zu erleichtern. Hauptaugenmerk soll vor allem auf der Begriffsbestimmung, der Eignung des Enhanced E-Books für Kinderbuchverlage sowie strategischen Gesichtspunkten wie Markteintrittsstrategien und dem verlagsbezogenen Umgang mit der Innovation liegen.

Die Arbeit leistet aufgrund der fehlenden wissenschaftlichen Untersuchungen über Enhanced E-Books einen Beitrag zur Grundlagenforschung. Aufgrund der Vielseitigkeit der Thematik müssen allerdings einige Themenkomplexe unbehandelt bleiben: Zum einen beschränken sich die Ausführungen auf den deutschen Buchmarkt. Ebenfalls liegt der Fokus auf dem produzierenden Buchgewerbe, insbesondere Kinderbuchverlagen. Als Kinderbücher werden im Verlauf der Arbeit alle physischen und digitalen, buchnahen Inhalte bezeichnet, die sich an Kinder bis einschließlich elf Jahren richten.[2] Auf eine Betrachtung der Konsumentenpräferenzen und des Kaufverhaltens kann aufgrund des begrenzten Umfangs der Arbeit nur am Rande eingegangen werden. Weiterhin wird in dieser Arbeit bewusst auf die detaillierte Vorstellung von Dateiformaten und Lesegeräten verzichtet.[3] Zudem wird nur beiläufig auf die preispolitischen Aspekte bei der Einführung angereicherter E-Books eingegangen. Für weiterführende Literatur zu bereits behandelten Forschungsthemen wird auf die Ausführungen zum Forschungsstand in Kapitel 2 verwiesen.

Aufbau der Arbeit und methodisches Vorgehen

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in zwei große Themenkomplexe. Im ersten Komplex wird zunächst eine ausführliche Definition und Begriffsbestimmung des Enhanced E-Book vorgenommen und anschließend knapp die aktuelle Marktsituation im digitalen Buchmarkt vorgestellt. Das darauffolgende Kapitel befasst sich mit dem Enhanced E-Book als Innovation, wobei soweit möglich auf strategische Modelle aus der Betriebswirtschaft zurückgegriffen wird, die auf den Bereich angereicherter Inhalte angewendet werden. Schwerpunkte liegen hierbei auf der Einordnung des Enhanced E-Books als Innovation, den Faktoren für deren Durchsetzbarkeit und auf möglichen Markteintrittsstrategien.

Im zweiten Komplex werden dann die Eignung angereicherter E-Books und anschließend Handlungsempfehlungen für Kinderbuchverlage erarbeitet. Das sechste Kapitel befasst sich zunächst mit der pädagogischen und entwicklungspsychologischen Eignung angereicherter Inhalte für Kinder. Daraufhin sollen auch Grenzen einer Nutzung von multimedialen Inhalten ausgeführt werden. Abschließend werden die technischen Möglichkeiten für Anreicherungen im Kinderbuchbereich anhand von Beispielen untersucht und auf Probleme bei der Umsetzung eingegangen. In Kapitel 7 sollen schließlich auf Basis der erarbeiteten Ergebnisse Handlungsempfehlungen für Kinderbuchverlage entwickelt werden, die in den Bereichen der Kommunikation, Produktkonzeption und Strategiefestlegung angesiedelt sind. In einer Schlussbetrachtung werden schließlich die verwendeten Methoden bewertet und auf Forschungsdesiderate hingewiesen.

Neben der intensiven Beschäftigung mit der vorhandenen Forschungsliteratur, der Branchenpresse und betriebswirtschaftlichen Modellen zum strategischen Innovationsmanagement wurde im Zuge der Arbeit auch auf empirische Methoden zurückgegriffen. So wurde 2014 eine verdeckte, teilnehmende Feld-Beobachtung nach Schnell, Hill und Esser[4] auf der Buchmesse in Leipzig durchgeführt.

2. Forschungsstand

2.1. Kinderbuch

Zum Kinderbuchmarkt in Deutschland gibt es leider wenig aktuelle Literatur. Einen gelungenen Überblick über die aktuellen Veränderungen auf dem Kinderbuchmarkt bietet das von Christine Haug herausgegebene Buch „Quo vadis, Kinderbuch?: Gegenwart und Zukunft der Literatur für junge Leser“[5] aus der Reihe buchwissenschaftlicher Forschungen. Zudem wurde der Bereich Kommunikationspolitik im Kinderbuchverlag sehr ausführlich und strukturiert von Bärbel Renner behandelt.[6] Des Weiteren gibt es einige Werke zum Buchmarkt im Allgemeinen, die auch auf die Digitalisierung und E-Books eingehen. Interessante Werke sind hier „Zukunft des Buchmarkts“ von Kathrin Huemer und „Buch der Zukunft“ von Jan Tißler. Diese beiden Werke flossen explizit in die Arbeit ein. Weiterhin widmet der Börsenverein dem Kinder-und Jugendbuch regelmäßig Sonderhefte.[7] Auch der Buchreport veröffentlicht immer wieder Beiträge in seinen Zeitschriften und auch online. In der Arbeit wurde aufgrund der schwierigen Forschungslage bei der Betrachtung pädagogischer Aspekte auf Standardwerke der Entwicklungspsychologie[8] und diverse wissenschaftliche Studien zurückgegriffen.

2.2. Enhanced E-Book

Die Literaturrecherche hinsichtlich Enhanced E-Books gestaltete sich ähnlich schwierig. Wissenschaftliche Forschung zu dieser relativ jungen Produktform ist rar und wenig umfangreich. Weder die Suche über das Universitätsnetzwerk, noch einschlägige Recherchewerkzeuge wie das Wissenschaftsportal „b2i“[9] oder Google Scholar lieferten hier zufriedenstellende Ergebnisse.[10] Neben den Bachelor- und Diplomarbeiten von Upmaier und Ginsberg widmeten u.a. Robert Galitz und Moritz Wassereck den Enhanced E-Books wissenschaftliche Aufsätze und auch eigenständigen Werke. Andere Autoren behandeln die Thematik nur am Rande und fokussieren sich eher auf klassische E-Books. Welsch geht in ihrer Abhandlung etwas ausführlicher auf das Dateiformat Epub 3.0 ein. Aktuell hat die Akademie des deutschen Buchhandels ein Werk von Harald Henzler und Fabian Kern veröffentlicht, das sich vertieft mit dem Thema Mobile Publishing und auch Enhanced E-Books in technischer und strategischer Sicht befasst. Bezogen auf Enhanced E-Books in Kinderbuchverlagen gibt es allerdings keinerlei Forschungsliteratur. Lediglich Upmaier thematisiert Kinderbuchumsetzungen etwas ausgeprägter. Mehr Relevanz hat das Thema auf buchaffinen Internetplattformen und in der Branchenpresse, allerdings sind die Ausführungen oft knapp gehalten und wenig wissenschaftlich fundiert.

Insgesamt fällt also auf, dass es zum Thema Enhanced E-Books an eigenständigen und aktuellen Werken mangelt. Dass auch das Fehlen eines einheitlichen Begriffs zur unzureichenden wissenschaftlichen Untersuchung des Themas beiträgt, soll das nächste Kapitel verdeutlichen.

3. Begriffsbestimmung

Auch wenn das „Enhanced E-Book“ schon seit einiger Zeit immer wieder Gegenstand der Branchendiskussion[11] ist, blieb es bisher aus, eine allgemein gültige Definition festzusetzen und hinreichend zu kommunizieren. Thorsten Schließsche, Napster-Geschäftsführer, forderte die Buchbranche bereits bei den „MediaDays 2013“ dazu auf, „einen gemeinsamen Standard auch für angereicherte E-Books zu definieren“[12], um die beim Umgang mit digitalen Produkten begangenen Fehler in der Musikbranche nicht zu wiederholen. Da dies jedoch noch nicht geschehen ist, ist es nicht verwunderlich, dass sowohl in den Verlagsprogrammen, als auch in der Forschungsliteratur eine Vielzahl verschiedener Begrifflichkeiten Verwendung finden. Um nur einige Beispiele zu nennen, werden angereicherte E-Books u.a. als „interaktiv“[13], „multimedial“[14], „enriched[15] “ oder „amplified“[16] bezeichnet. Manche Marktteilnehmer kreieren auch Eigennamen wie „Vook“[17], Multitouchbook[18] oder „Digital Buch Plus“[19]. Im Wesentlichen können drei Gründe für dieses „Begriffschaos“ ausgemacht werden:

Die Neuheit der Innovation

Inwiefern man im Falle des Enhanced E-Books von einer Innovation sprechen kann, soll in Kapitel 5.1 näher erläutert werden. Klar ist jedoch, dass es sich hier um eine neuartige Produktform handelt, die sich noch in der Entwicklungsphase befindet. Der Markt der klassischen E-Books selbst ist noch jung, die Umsatzanteile im Vergleich zum Printbuch marginal[20]. Für das Enhanced E-Book als neue Produktkategorie innerhalb dieses jungen Marktes ist daher anzunehmen, dass viele Verlage sich immer noch in einer Experimentierphase befinden, auch wenn sie bereits erste Gehversuche gewagt haben sollten. Dies verdeutlicht ein kürzlich vom Börsenblatt geführtes Interview[21] mit Matthias Aichele von Random House und Andreas Klostermeier von Mixtvision Digital. Während Aichele von einem kontinuierlichen Experimentieren „mit neuen digitalen Formaten“ spricht, statiert Klostermeier, man stehe erst „ganz am Anfang“ der Entwicklung, die noch über Jahrzehnte andauern werde.

Fehlende branchenübergreifende Verständigung

Bisher fehlt die klare Festlegung eines allgemein gültigen und standardisierten Begriffs innerhalb der Branche. In Folge dessen bezeichnen einige Verlage E-Books in ihrem Sortiment zwar als „enhanced“, lassen aber keine Rückschlüsse auf die genauen Funktionen und Anreicherungsarten zu.[22] Auch Wassereck stellt fest, dass „es an einer zielgerichteten Zusammenarbeit und Unterstützung bei der Erarbeitung gemeinsamer Ansätze“ mangele.[23] Selbst der Arbeitskreis Elektronisches Publizieren des Börsenvereins[24] konnte bisher keine Definition hervorbringen, die eine Erwähnung in den Branchenblättern gefunden hätte.

Uneinigkeit über die Mindestvoraussetzungen eines Enhanced E-Books

Schließlich mangelt es auch hinsichtlich der technischen Voraussetzungen an Klarheit über den Begriff des Enhanced E-Books. Henzler sieht diese digitale Produktform „als am wenigsten technisch klar definiert“.[25] Es ist immer noch unklar, was ein Enhanced E-Book überhaupt ausmacht und vor allem, welche Anreicherungsformen mindestens erfüllt sein müssen, um eine solche Bezeichnung zu rechtfertigen. Besonders heikel ist hierbei die Abgrenzung zu Buch-Apps, die auch in der Forschungsliteratur kontrovers diskutiert wird. Die Zurückhaltung der Kunden bezüglich dieser neuen Produktform ist direkte Konsequenz der Unentschlossenheit der Buchbranche bei der Begriffsbestimmung. Denn ohne ein klares Bild darüber, was als Enhanced E-Book bezeichnet werden kann, ist für Verlage und andere Branchenteilnehmer eine zielführende Produktkommunikation und Kategorisierung ihrer digitalen Erzeugnisse nur schwer möglich. Dies wiederum erschwert die Produktsuche und Entscheidungsfindung des potentiellen Kunden und hat somit negative Auswirkungen auf Marktdurchdringung und Erlösaussichten. Denn ohne einheitliche Namensgebung kann auch keine „Erwartungshaltung beim Publikum“ entstehen.[26]

Diese Arbeit setzt sich daher zum Ziel, für Verlage und andere Branchenteilnehmer eine einheitliche und umfassende Definition des Enhanced E-Books bereitzustellen, die als Ausgangspunkt für eine bessere Typologisierung und Kommunikation dienen kann. Doch zunächst sollen an dieser Stelle bisher geleistete Definitionsversuche anderer Autoren untersucht werden, auf denen eine eigene Begriffsbestimmung aufbauen kann.

Ginsberg äußert sich in ihrer Diplomarbeit kritisch über bisherige Definitionen, die „ohne offizielle Quelle und nicht wissenschaftlich fundiert“ gewesen seien.[27] In der Tat kamen auch die eigenen Recherchen zum Schluss, dass viele Publikationen, die einen Definitionsansatz für angereicherte E-Books anbieten, diesem nur wenig Aufmerksamkeit widmen. Auch fiel auf, dass es Diskrepanzen in wesentlichen Punkten gibt, die gesondert behandelt werden müssen.

Einen ersten Definitionsansatz lieferten 2011 Matrisch und Welsch. Doch befassten sich diese nur am Rande mit dem Enhanced E-Book und beschränkten sich darauf, es anhand beispielhafter Zusatzfunktionen, insbesondere multimedialer Elemente wie Animationen oder Filmen eher praktisch zu definieren.[28] Aus demselben Jahr stammt eine ausführlichere Definition von Wassereck. Demnach seien hauptsächlich „Multimediainhalte und interaktive Elemente“ für ein angereichertes E-Book ausschlaggebend.[29] Ein weiteres Kriterium stellen nach Wassereck offene Standards dar, die „in verschiedene Endgeräte integriert werden können.“[30] Auch sieht er Interaktivität nur dann als zielführend an, wenn sie auf einer Steuerung des Inhalts durch Software basiert.[31] Ginsberg widmet der Definition mehr Aufmerksamkeit und versucht einen wissenschaftlichen Ansatz zur Begriffsbestimmung. Doch auch hier konnte abschließend nur eine Annäherung an die Charakteristika des Enhanced E-Books vorgenommen werden. Nach Ginsberg versteht man demnach unter einem „Enriched E-Book“ ein „durch multimediale und funktionale Anreicherung über das digitalisierte Äquivalent der Printversion“ hinausgehendes Produkt. Sie unterscheidet zudem zwei Anspruchsebenen bezüglich Interaktivität und Multimedialität, je nach „individueller Grenzsetzung“ der Branchenteilnehmer[32]. Dies ist darauf zurückzuführen, dass es derzeit noch keinen Konsens darüber gibt, wo das klassische E-Book aufhört und das angereicherte Medium beginnt. Der aktuellste Definitionsansatz stammt von Henzler und Kern, die wieder eine eher praktische Sichtweise vertreten. Demnach basieren diese auf Buchinhalten, sind „aber zusätzlich um Medien und Funktionen angereichert [...], die über die üblichen Möglichkeiten von Buch/eBook [sic!] hinausgehen.“[33] Darauf folgt eine Aufzählung möglicher Anreicherungsarten, die auf einen Mindestgrad an multimedialer Tiefe schließen lassen.

Zusammenfassend lässt sich folgern, dass die Begriffe „Multimedia“ und „Interaktivität“ für eine Definition des Enhanced E-Books unerlässlich sind. Außerdem wird deutlich, dass gerade die Mindestanforderungen dieser beiden Kategorien ein großes Problemfeld darstellen. Darauf aufbauend und nach einer Erläuterung grundlegender Begrifflichkeiten soll nun eine eigene Definition erarbeitet werden.

Multimedia

Als Grundlage zur Bestimmung des Begriffs Multimedia wurden die Ausführungen von Upmaier herangezogen, die von einer „integrativen Verbindung unterschiedlicher Medien“ ausgeht.[34] Relevant seien vor allem vier Kategorien des „technisch-funktionalen Medienverständnisses“: Angeführt werden „Repräsentations-, Perzeptions-, Präsentations-“ sowie „Speichermedien“, von denen mindestens zwei für ein Multimediales Medium vorhanden sein müssen. Präsentationsmedien stellen hierbei Datenformate oder Codierungen für Bilder, Texte und Videos dar. Perzeptionsmedien sind auditive und visuelle Medien. Als Präsentationsmedien zählen Ein- und Ausgabeschnittstellen wie Touchscreen oder Lautsprecher. Schließlich kann unter Speichermedien z.B. die Festplatte eines Lesegerätes verstanden werden.[35]

Interaktivität

Interaktivität und besonders deren Ausprägungen sind als Voraussetzung für Enhanced E-Books von großem Interesse. Interaktivität ist hierbei als Eigenschaft einer Datei oder Software zu verstehen, die „dem Benutzer diverse Steuerungs- und Eingriffsmöglichkeiten“ gewährt, „wodurch die Auswahl und Darstellung von Informationen manipuliert werden kann“.[36] Ginsberg unterscheidet in ihren weiteren Ausführungen grundsätzlich zwischen sogenannter „Basis-Interaktivität“ und „erweiterter Interaktivität“. Unter Basis-Interaktivität werden hierbei Funktionen wie digitale Lesezeichen, Hyperlinks, Suchfunktionen oder Markierungstools bezeichnet, während erweiterte Interaktivität verschiedene Personalisierungsfunktionen wie individuelle Namensgebung, aber auch Ausmalbilder oder Minispiele beinhalten kann.[37] Einen Überblick über die Anreicherungsarten gibt Abbildung 1[38]. Konkrete Anreicherungsarten für das Enhanced E-Book werden in Kapitel 6.3. ausführlicher erläutert.

Während Ginsberg jedoch in ihren Abschlussbemerkungen unter Umständen bereits Basis -Interaktivität als Voraussetzung für Enhanced E-Books anerkennt, sollte, um eine definitorisch klare Abgrenzung zum klassischen E-Book zu schaffen, erweiterte Interaktivität vorausgesetzt werden. Denn nahezu alle E-Books sind mittlerweile durch das jeweilige Abspielgerät mit Such- und Markierungsfunktionen ausgestattet, wodurch sie nach einer zu weiten Auslegung des Begriffs als „Enhanced“ bezeichnet werden müssten, was eine sinnvolle Kategorisierung unmöglich macht.

Abgrenzung zu Apps

Einen besonders strittigen Punkt bei der Abgrenzung der Produktform des angereicherten E-Books stellt das Thema Buch-Apps dar. Besonders in der Branchenpresse wird hier eine strikte Trennung zwischen der nativen App und dem häufig an das Epub3-Format gekoppelten Enhanced E-Book forciert. Beispielsweise schreibt das Börsenblatt im Interview mit Alexander Thommen, dass der Trend in der Buchbranche „deutlich weg von der App und hin zum angereicherten E-Book“ gehe.[39] Auch Verlagsvertreter scheinen diese Position zu vertreten. So spricht Aichele von zwei Richtungen digitaler Formate: „Angereicherte E-Books im Epub-Format sowie Apps.“[40]

Hauptsächliche Unterscheidungskriterien sind die fehlende Kompatibilität mit funktionsärmeren Lesegeräten, die zurzeit viele Multimediainhalte noch nicht abspielen können, sowie die Art der technischen Umsetzung. Diese findet im Falle einer App durch ein eigens programmiertes, selbstausführendes Programm statt, während das Epub-Format zur Ausführung eine gesonderte Lesesoftware benötigt.[41] Diese Kriterien sind aber lediglich Übergangserscheinungen und behindern nur den Ansatz einer übergreifenden Definition:

Eine Unterscheidung der Formattypen ist bei der Erarbeitung einer einheitlichen Definition nicht zielführend. Denn „die technische Form des Produktes“, so Upmaier, „schafft keine signifikanten Unterschiede in der für den Rezipienten sichtbaren Ausgabe der technischen Kodierung.“[42] Schon seit einiger Zeit ist außerdem zu beobachten, dass Lesegeräte wie E-Reader sich mit ihren technischen Möglichkeiten immer mehr an die multifunktionalen Tabletcomputer annähern. So gibt es mittlerweile E-Reader, die Audiodateien abspielen können. Auch ermöglichen es E-Ink-Color Displays Inhalte ohne Hintergrundbeleuchtung farbig und auch in Bewegung wiederzugeben, was ein Abspielen von Videos ermöglicht. Die Bedienung per Touch-Display ist bereits zum Standard geworden und bietet eine Grundlage für interaktive Elemente. In Zukunft ist von einer weiteren Annäherung hinsichtlich Ausstattung und Kompatibilität mobiler Lesegeräte an Tablets auszugehen.

In Hinblick auf eine zukunftsorientierte Definition muss also ein Perspektivenwechsel weg von Formaten und hin zu Inhalten erfolgen. Bereits 2003 stellte Rauch drei verschiedene Verwendungsbereiche des Begriffs E-Book fest: So wurde der Begriff „E-Book“ damals zugleich für die Hardware, die Lesesoftware und die Inhalte verwendet.[43] Letztlich setzte sich jedoch durch, den Begriff „E-Book“ nur für den Inhalt zu gebrauchen. Dieselbe Entwicklung ist auch für den Begriff des Enhanced E-Books zu erwarten. Auch Upmaier fordert, der „Fokus einer nützlichen Definition [sollte] eher auf den Inhalten des E-Books liegen.“[44] Henzler und Kern gehen in ihren Ausführungen noch einen Schritt weiter und sehen Enhanced E-Books als eine gänzlich neue Form multimedialer Produkte, die künftig vom gedruckten Buch abzugrenzen sei.[45] Unter Berücksichtigung dieser Ausführungen könnte eine allgemein gültige Definition folgendermaßen lauten:

Das Enhanced E-Book stellt eine digitale Produktform dar. Sie umfasst mit multimedialen und/oder interaktiven Elementen angereicherte Inhalte, die auf buchnahen, abgeschlossenen Texten beruhen. Multimediale Elemente können Audio-, Bild- oder Videomaterialien darstellen. Als Anreicherungskriterium für Enhanced E-Books gelten außerdem alle interaktiven Elemente, die über sogenannte Basis-Interaktivität (z.B. Such- und Markierfunktion) hinausgehen. Angereicherte E-Books sind nicht an ein vorhandenes Printvorbild gebunden. Ausschlaggebend sind die Inhalte, die in unterschiedlichen Formaten (sei es als native Applikation, als webbasierte Applikation, oder in bestimmten E-Book-Formaten) vorliegen können. Auch ist die Art des Rezipiermediums nicht von Belang.

4. Aktuelle Marktsituation

Um herauszufinden, wie relevant das Thema Enhanced E-Books aktuell für Kinderbuchverlage ist, wurde auf der Leipziger Buchmesse 2014 eine Beobachtung durchgeführt, die sich auf Angebot und Präsentation von Enhanced E-Books konzentrierte. Deren Ergebnisse sollen in Kapitel 4.1 vorgestellt werden. Zusätzlich wurde die Vertriebsplattform www.Buchhandel.de nach der Auffindbarkeit angereicherter E-Books untersucht. Schließlich sollen an dieser Stelle auch die Interviewergebnisse zu Fragen der Markteinschätzung vorgestellt werden. Anschließend wird in Kapitel 4.2. knapp auf Marktdaten bezüglich des E-Book-Marktes und deren Aussagen für Enhanced E-Books hingewiesen.

4.1. Buchbranche und der digitale Markt

Beobachtung Buchmesse

Im Zuge der Beobachtung[46] musste festgestellt werden, dass sich der zugrunde gelegte Beobachtungsbogen als wenig tauglich erwies. Nahezu keiner der anwesenden Kinderbuchverlage legte Wert auf eine Präsentation digitaler Erzeugnisse. Weder E-Books, noch angereicherte Varianten derselben fanden einen Platz in den Regalen der großen Kinderbuchverlage wie Oetinger, Thieneman und Arena. Auf diesen Umstand angesprochen waren die Reaktionen unterschiedlich: Die Mitarbeiter von Tessloff und Arena verwiesen auf die Frankfurter Buchmesse, speziell bei Arena hatte man mit dem Gedanken einer Präsentation auf der Leipziger Messe zwar gespielt, dies aber aus „Platzmangel“ verworfen. Bei Tessloff wurden auf Nachfrage das Verlagsprogramm zum Nachlesen des E-Book-Angebots und ein Flyer über interaktive E-Books ausgehändigt. Bei Loewe verwies man auf die Homepage, auf der E-Books präsentiert würden. So entstand der Eindruck, die Verlage hielten die Leipziger Buchmesse[47] für nicht geeignet, digitale Formate zu präsentieren. Lediglich wenige kleinere Verlage warben aktiv für die E-Books in ihrem Programm, darunter der Machtwortverlag, der den elektronischen Büchern ein ganzes Regal widmete und diese auffallend in Szene setzte. So waren an den Regalen Kärtchen mit der Aufschrift: „E-Book! Hochspannend. Vorsicht! Lesensgefahr“ angebracht (siehe Abbildung 2). Der Verlag hatte jedoch auf Nachfrage keine Enhanced E-Books im Programm. Neben einigen Lehr- und Schul

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

buchverlagen zeigten auch zwei Kinder- und Jugendbuchverlage, dass eine Präsentation digitaler Bücher auf der Leipziger Buchmesse möglich ist. Zum einen war das der Pawel-Moewig Verlag, der die Science-Fiktion Reihe

[...]


[1] Vgl. Herman / Lulei 2013, S 14.

[2] Unter die Betrachtung fällt auch das Kindersachbuch. Ausgenommen sind Schulbücher.

[3] Eine praktische Einführung bietet Welsch auf S. 19-30 bzw. ab S. 65.

[4] Vgl. Schnell / Hill / Esser 1999, S. 359.

[5] Haug 2011.

[6] Renner 2006.

[7] Aktuell sei hier das Börsenblatt Spezial für das Kinder- und Jugendbuch. Heft 6 (2014) erwähnt.

[8] Insbesondere denen von Berk sowie von Siegler / DeLoache / Eisenberg. Näheres zu den Werken findet sich im Literaturverzeichnis.

[9] Zu finden auf www.b2i.de.

[10] Bei der Literatursuche wurden die verschiedenen Begriffsbezeichnungen berücksichtigt, die für Enhanced E-books momentan geläufig sind (enhanced, enriched, angereicherte E-Books etc.)

[11] Erst im März 2014 wurde auf der Buchmessekonferenz der Akademie des deutschen Buchhandels mit dem Themenschwerpunkt: „Mobil, vernetzt, multimedial“ auch über Enhanced E-Books diskutiert: Vgl. Branchenankündigung des Buchreports: http://www.buchreport.de/pressemitteilungen/pressemitteilungen/datum/2014/01/29/konferenz-auf-der-leipziger-buchmesse-2014.htm?no_cache=1?no_cache=1

[12] Vgl. Boersenblatt.net: Branche im Umbruch. URL: http://www.boersenblatt.net/602979/

[13] Siehe Smeets / Bus 2013, S. 1.

[14] Siehe Ginsberg 2013, S. 50.

[15] Siehe Ginsberg 2013, S. 50.

[16] siehe James, de Kock 2013, S. 108, Begriff von Penguin.

[17] Siehe Galitz 2012, S. 41.

[18] Siehe Galitz 2012, S. 41, Begriff von Apple.

[19] Siehe Upmaier 2012, S. 18, Begriff von Rohwolt.

[20] Nach einer Einschätzung der Unternehmensberatung Kirchner & Robrecht liegt der Marktanteil am Gesamtabsatz für 2013/2014 bei ca. 4 Prozent. Vgl. http://de.statista.com/statistik/daten/studie/38689/umfrage/absatz-von-ebooks-in-deutschland/.

[21] Siehe hierzu: http://www.boersenblatt.net/692791/.

[22] Vgl. Upmaier 2012, S. 43.

[23] Siehe Wassereck 2011, S. 12.

[24] Zu finden im Internet: http://www.boersenverein.de/akep.

[25] Siehe Henzler / Kern 2014, S. 65.

[26] Vgl. Galitz 2012, S. 41.

[27] Siehe Ginsberg 2013, S. 30.

[28] Vgl. Matrisch / Welsch 2011, S. 16.

[29] Vgl. Wassereck 2011, S. 11.

[30] Vgl. Wassereck 2011, S. 12.

[31] Ebd.

[32] Vgl. Ginsberg 2013, S. 60.

[33] Vgl. Henzler / Kern 2014, S. 65.

[34] Siehe Upmaier 2012, S. 8.

[35] Vgl. Upmaier 2012, S. 9.

[36] Siehe Ginsberg 2013, S. 35.

[37] Für eine genauere Ausführung siehe Ginsberg 2013, S. 36f.

[38] Siehe Anhang Abbildung 1.

[39] Siehe Buchreport: E-Books sind süßes Gift.

[40] Siehe Boersenblatt.net: „Das Buch auf dem Bildschirm ist nur rein Medienübergang“.

[41] Vgl. Upmaier 2012, S. 16.

[42] Siehe Upmaier 2012, S. 7.

[43] Vgl. Rauch 2003 S. 5f

[44] Siehe Upmaier 2012, S. 7.

[45] Vgl. Henzler / Kern 2014, S. 3.

[46] Näheres zum Beobachtungsaufbau und -ablauf sowie der Fragenkatalog des Beobachtungsbogens kann im Anhang nachgelesen werden.

[47] Von einem Verlag auch als „kleine Messe“ bezeichnet.

Ende der Leseprobe aus 77 Seiten

Details

Titel
Enhanced E-Books im Kinderbuchverlag
Untertitel
Strategische Bewertung einer neuen Produktform
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Buchwissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
77
Katalognummer
V294550
ISBN (eBook)
9783656924234
ISBN (Buch)
9783656924241
Dateigröße
4076 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Enhanced E-Book, Enhanced ebook, Kinderbuchverlag, enriched, Eintrittsstrategien, Verlagswesen, pädagogische Eignung, Innovation, Buchapps, strategische Bewertung
Arbeit zitieren
Thomas Köhler (Autor), 2014, Enhanced E-Books im Kinderbuchverlag, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294550

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