Mehr als Liebe? Die besondere Bindung zwischen Eltern und ihren Kindern


Fachbuch, 2015

115 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Grundlagen des Bindungsverhaltens im Kleinkindalter und ihre Auswirkungen auf die weitere Entwicklung

1. Einleitung

2. Bindungstheoretische Grundüberlegungen

3. Auswirkungen der Bindungserfahrung

4. Berücksichtung der Bindungsforschung in der Fremdbetreuung

5. Abschluss

Literaturverzeichnis

Die Rolle von Bindung zwischen Kindern und Eltern und ihre Folgen für die lebenslange Entwicklung

1. Einleitung

2. Definition des Bindungsbegriff

3. Diskussion zur These

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

Grundlagen des Bindungsverhaltens im Kleinkindalter und ihre Auswirkungen auf die weitere Entwicklung

1. Einleitung

Jeder Mensch hat ein Grundbedürfnis nach menschlicher Nähe und Zuwendung, also nach Bindung. Dieses Bedürfnis ist von Geburt an vorhanden.

Lange Zeit wurde der Bindung als grundlegende Basis der zwischenmenschlichen und psychischen Befindlichkeit eines Menschen kaum Beachtung geschenkt.

Erst mit Einführung der Bindungstheorie in die wissenschaftliche Psychologie durch John Bowlby und Mary Ainsworth fand eine Veränderung statt.

So ist es heute unvorstellbar, Kleinstkindern im Krankenhaus den Kontakt mit ihren Eltern zu verwehren, wie es früher aus Angst vor Infektionen und der folgenden schwierigen Trennungssituation üblich war.

Brazelton und Greenspan formulierten 7 Grundbedürfnisse von Kindern. Diese lauten:1

- Bedürfnis nach Liebe, Geborgenheit, Zuwendung, Unterstützung und beständiger Erziehung
- Bedürfnis nach körperlicher Unversehrtheit und Sicherheit
- Bedürfnis nach neuen und entwicklungsgerechten Erfahrungen
- Bedürfnis nach Lob und (adäquater) Anerkennung
- Bedürfnis nach Verantwortung und Selbständigkeit
- Bedürfnis nach Übersicht und Zusammenhang, nach stabilen und unterstützenden Gemeinschaften sowie nach einer sicheren Zukunft
- Bedürfnis nach Orientierung, Strukturen, Regeln und Grenzen

Diese 7 Grundbedürfnisse scheinen den Grundstein für eine positive Entwicklung zu legen. Alle diese Punkte lassen sich in die Bindungstheorie einordnen bzw. werden von ihr berücksichtigt.

Im ersten Teil meiner Arbeit werde ich spezifisch auf die bindungstheoretischen Grundlagen eingehen und diese erläutern, um dann im zweiten Teil auf die Auswirkungen des Bindungsverhaltens in der weiteren psychischen Entwicklung einzugehen.

Kenntnisse der Bindungsforschung sollten nicht nur auf das erste Lebensjahr bezogen sein, sondern ihre weit reichenden erwiesenen Folgen in der politischen Diskussion um Kindererziehung und Fremdbetreuung berücksichtigt werden.

2. Bindungstheoretische Grundüberlegungen

Jeder Mensch hat also ein Grundbedürfnis nach tiefen emotionalen Beziehungen.

Das Baby, das von der Oma betreut wird, spielt vielleicht friedlich mit ihr, ohne die Mutter2 sonderlich zu vermissen, bis es ins Bett muss. Dann fängt es an zu weinen und nach der Mutter zu rufen, bis es von der Oma beruhigt einschlafen kann.

Aber auch die Mutter, die ihr Kind zum ersten Mal alleine bei einer anderen Betreuungsperson lässt, um sich einen Film im Kino anzusehen, wird ständig daran denken, wie es ihrem Kind wohl gehen mag und kann sich kaum auf den Film konzentrieren.

Diese so genannte Bindung ist ein Teil des komplexen Systems der Beziehung.3 Doch wie entstehen solche Bindungen überhaupt, und wie genau sind sie gekennzeichnet?

2.1 Die Bindungstheorie

Bindung ist die Bezeichnung für eine enge emotionale Beziehung zwischen Menschen.

Der britische Psychoanalytiker John Bowlby (1907-1990) gilt als Begründer der Bindungsforschung. Bowlby vermutete eine angeborene Fähigkeit von Neugeborenen Bindungen herzustellen. Er kam zu der Annahme, ein Kleinkind verfüge über ein motivationales System, was es dazu befähigt Zuwendung, Schutz oder Beruhigung bei seinen Bezugspersonen einzufordern, um sein Überleben zu sichern4, ihm andererseits aber auch die nötige Auseinandersetzung mit der Umwelt ermöglicht (Exploration).

Demnach betrachtet Bowlby Mutter und Kind als „Teilnehmer in einem sich wechselseitig bedingenden und selbst regulierenden System“.5

Seine Theorie gründete Bowlby zum Teil auf den Erkenntnissen der Ethologie in den 1960er Jahren.

So erwies sich aus dem Naturverhalten von Tieren, dass Bindung von der Fütterung losgelöst ist. Diese These gründet sich auf 2 Beobachtungen in der Natur: Zum einen beschrieb Lorenz6 das Verhalten von kleinen Gänschen, die offensichtlich eine starke Bindung zu ihrer Mutter haben, obwohl sie von ihr nicht direkt mit Nahrung versorgt werden. Der umgekehrte Fall zeigte sich in einem Versuch von Harlow7 mit Rhesusaffen, die nach der Geburt von ihrer Mutter getrennt wurden. Diese kleinen Äffchen hatten die Wahl zwischen einer „Drahtmutter“, von der sie Nahrung bekamen, und einer mit Frottee bezogenen „Mutter“, die aber keine Nahrung abgab. Nach dieser Studie zeigten die Äffchen eine klare Präferenz für die „kuschelige“ Variante. So bewies Bowlby, dass Bindung von der Fütterung unabhängig ist und unterstrich somit seine Kritik an der Psychoanalyse. Bowlby wehrte sich gegen die Vorstellung Freuds, dass Bindung rein aus triebtheoretischen Ansätzen zu interpretieren sei.

Zusammengefasst lässt sich die Bindungstheorie so erklären: Normalerweise fördert die bloße Anwesenheit der Bezugsperson eines Kindes die Exploration, es spielt und erkundet seine Umwelt. Sobald es jedoch Gefahr spürt, sucht es die Nähe dieser Person, um dort Schutz zu finden und wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Dies wurde von Mahler8 auch als „emotionales Auftanken des Säuglings“ bezeichnet.

Das zugehörige Bindungsverhalten zeigt sich durch beobachtbare Verhaltensweisen wie Blickkontakt, Lächeln, Weinen, Klammern usw.

2.2 Bindungstypen

Bindung wird hauptsächlich dann ersichtlich, wenn sich ein Kind bedroht fühlt. Dies ist zum Beispiel in Trennungssituationen der Fall. Mary Ainsworth9 hat diese Situation für ihre Idee einer standardisierten Beobachtungssituation genutzt.

Dies ist der so genannte „Fremde Situation-Test“, in dem Kinder im Alter von 12-20 Monaten zweimal kurz von ihrer Mutter getrennt werden. Der Test untergliedert sich in folgende Schritte:

Zuerst betreten Mutter und Kind ein ihnen unbekanntes Spielzimmer. Sie können sich nun an den Raum gewöhnen, das Kind kann die Umgebung mit den bereitgestellten Spielsachen erkunden, das Verhalten der Mutter ist frei gestellt. Nun kommt eine fremde Person ins Zimmer, nimmt jedoch erst nach 2 Minuten Kontakt mit der Mutter auf. Während des kurzen entstehenden Dialogs reagieren die meisten Kinder mit Neugier oder etwas Angst und verringern den Abstand zur Mutter. Danach versucht die Person, Kontakt mit dem Kind aufzunehmen, indem sie an sein Spiel anknüpft. Auf ein Kopfzeichen hin verabschiedet sich die Mutter mit wenigen Worten von ihrem Kind und verlässt den Raum. Nun aktiviert sich das Bindungssystem des Kindes; es reagiert auf die Trennung, indem es der Mutter nach schaut oder schon anfängt zu weinen. Die fremde Person versucht, das Kind zu trösten oder mit einem Spiel abzulenken. Nach circa drei Minuten kehrt die Mutter zurück und nimmt es auf den Arm, bis es sich wieder sicher beruhigt hat. Aus diesem Wiedervereinigungsverhalten können wesentliche Rückschlüsse über den Bindungstyp getroffen werden.

Während die Mutter ihr Kind tröstet, verlässt die fremde Person den Raum. Sobald das Kind sich wieder sicher genug fühlt, um losgelöst von der Mutter zu spielen, also zu explorieren, verlässt die Mutter auch wieder den Raum, so dass das Kind ganz alleine ist. In der Regel zeigt das Kind nun eine stärkere Trennungsreaktion mit deutlichem Bindungsverhalten; es weint und versucht der Mutter zu folgen.

Nun betritt die fremde Person den Raum und versucht erneut, das Kind zu trösten oder abzulenken. Dies ist eine weitere wichtige diagnostische Phase.

Zum Schluss findet nochmals die Wiedervereinigung von Mutter und Kind statt, in der die fremde Person den Raum verlässt.10

Aufgrund der Beobachtungen mehrerer hundert Kinder in diesem standardisierten Verfahren konnte Mary Ainsworth 3 verschiedene Bindungstypen definieren: die unsicher-vermeidend gebundenen Kinder, die sicher gebundenen und die unsicher-ambivalent gebundenen Kinder. Später wurde noch eine vierte Klassifikation eingeführt: die Kinder mit desorganisiertem Verhaltensmuster. Mary Main11, die auch Erwachsene mit dem AAI (Adult Attachement Interview) untersuchte, führte diese Klassifikation ein. Es gab immer auch Kinder, deren Verhalten sich nicht eindeutig in eine der drei Hauptreaktionsschemata einordnen ließen.

Im Folgenden möchte ich die verschiedenen Bindungstypen erläutern:12

2.2.1 Unsicher-vermeidend gebunden (A)

Diese Kinder zeigen während der Trennung kaum Anzeichen von Belastung. In der Regel bleiben sie an ihrem Platz und spielen weiter, wobei sie weniger Ausdauer oder Interesse dabei zeigen. Sie verfolgen allerdings teilweise das Verschwinden der Mutter mit den Augen. Auf die Rückkehr der Mutter reagieren sie eher mit Ablehnung, sie vermeiden und ignorieren sie aktiv. In der Regel kommt es auch zu keinem Körperkontakt.

Während der ganzen Situation wenden sie ihre Aufmerksamkeit stark den Spielsachen oder anderen Objekten zu.

Auf Außenstehende wirken unsicher-vermeidend gebunden Kinder eher unauffällig. Dennoch leiden sie heftiger unter der Trennung von der Bezugsperson als sicher gebundene Kinder.

Physiologische Untersuchungen ergaben, dass der Herzschlag sich erhöht und der Cortisolspiegel steigt, was auf Stress schließen lässt.

Die Erklärung für dieses Verhalten liegt in der Erfahrung, die diese Kinder bereits gemacht haben. Sie wurden mehrfach bei Kummer oder Ängsten von der Bezugsperson zurückgewiesen. Infolgedessen haben sie eine Strategie der Vermeidung entwickelt und zeigen ihre Ängste nicht mehr. Dadurch verringert sich ihr Risiko der Zurückweisung.13

In den Längsschnittstudien wurden ca. 30-40% der Kinder in dieser Kategorie eingestuft.14

2.2.2 Sicher gebunden (B)

Etwas mehr als die Hälfte aller Kinder konnte als sicher gebunden klassifiziert werden.

Diese Kinder zeigen deutliche Anzeichen dafür, dass sie ihre Bezugsperson während der Abwesenheit vermissen. Sie rufen nach ihr, versuchen, ihr zu folgen, und suchen sie auch über längere Zeit hinweg. Teilweise lassen sie sich von der fremden Person trösten. Bei der Wiedervereinigung suchten sie Nähe und Kontakt, sie lassen sich trösten und zeigen Freude über das Wiedersehen. Dann lassen sie sich jedoch schnell beruhigen und können wieder zu ihrem Spiel zurückkehren.

Die Kinder halten also eine angemessene Balance zwischen Nähe zur Bezugsperson und explorativem Verhalten und zeigen deutlich ihre Gefühle.

Die sicher gebundenen Kinder haben die Erfahrung gemacht, dass sie auf die elterliche Zuverlässigkeit vertrauen können und ihre Interaktion funktioniert. Somit konnten sie eine große Zuversichtlichkeit in Bezug auf die Verfügbarkeit der Bindungsperson entwickeln.

2.2.3 Unsicher-ambivalent gebunden (C)

Diese Gruppe macht ungefähr 10-20 Prozent der getesteten Kinder aus.

Hier zeigen die Kinder schon vor der Trennung deutlich ängstliches Verhalten, so dass sie sich kaum von der Mutter lösen können. Die Exploration ist also sehr eingeschränkt. Während der Trennungsphase sind sie ständig damit beschäftigt herauszufinden, wo die Bezugsperson sich aufhält oder was sie tut. Sie fürchten sich vor der fremden Person und sind unfähig, sich zu beruhigen.

Bei der Wiedervereinigung verhalten sich die Kinder ambivalent: einerseits wollen sie die Nähe zur Mutter, andererseits zeigen sie offenen Ärger wie Strampeln, Schlagen oder sich Abwenden. Selbst nach längerer Zeit sind sie oft nicht in der Lage, sich wieder zu beruhigen.

Das ängstliche Verhalten schon vor der Trennung wird durch das unvorhersehbare Verhalten der Mutter hervorgerufen. Dies hat zur Folge, dass das Bindungssystem dieser Kinder ständig aktiviert ist; sie versuchen permanent herauszufinden, in welcher Stimmung sich die Bezugsperson gerade befindet, um sich anpassen zu können. Dies schränkt das Explorationssystem stark ein.

2.2.4 Unsicher-desorganisiert / desorientiert gebunden (D)

Diese Kinder zeigen Kombinationen aus verschiedenen Bindungstypen und unvorhersehbaren Verhaltensweisen wie Stereotypien und unvollendete oder unvollständige Bewegungsmuster, Erstarren (Freezing) oder Erschrecken bei Rückkehr der Mutter.

Sie zeigen Zeichen der Desorganisation: so rufen sie nach der Mutter, aber wenden sich ab, wenn sie wieder erscheint.

Erklärt wird dieses Verhalten damit, dass die Kinder keine einheitliche Strategie entwickeln konnten. Dies passiert, wenn die Bindungsperson, die ja Schutz und Trost bieten soll, selbst der Auslöser für das Bindungsverhalten – also die Bedrohung – ist. Dies geschieht zum Beispiel, wenn das Kind misshandelt wird, oder aber bei nicht verarbeiteten Traumata der Eltern.

Dadurch bricht die kindliche Verhaltensorganisation zusammen und die Kinder können keine Strategie entwickeln, um mit bindungsrelevantem Stress umgehen zu können.15

Das Bindungsverhalten der Kinder in der „Fremden Situation“ steht in engem Zusammenhang zur Feinfühligkeit der Bezugsperson, wie in Kapitel 3.1. beschrieben.

2.3 Entwicklung der Bindung im ersten Lebensjahr

Das Bindungsverhalten entwickelt sich bereits im ersten Lebensjahr und wird von Ainsworth16 in vier Phasen unterteilt:

In der ersten Phase (0-3 Monate) zeigt der Säugling noch keine Unterscheidung der Bezugspersonen. Allerdings kann er wie oben beschrieben ein Lächeln auf dem Gesicht der Mutter hervorrufen; dies gibt ihm ein Gefühl der Handlungsfähigkeit. Die reflexionsartige Antwort ist „das erste Bindeglied zwischen dem, was dort draußen wahrgenommen wird und dem, was hier drinnen verspürt wird“.17

Die Differenzierung der Personen beginnt in der zweiten Phase (3-6 Monate). Nun beginnt das Baby, anders auf die Stimme der Mutter zu reagieren und weint anders, wenn diese weg geht. Beide zeigen gegenseitiges „Kennen“, was das Zeichen für eine sichere Mutter-Kind-Bindung ist.

In der dritten Phase (6-9 Monate) beginnt das Baby sich fortzubewegen und benötigt daher ein viel komplexeres Kommunikationssystem, um den Kontakt zur Mutter zu gewährleisten. Die Mutter muss wissen, dass ihr Kind zu ihr kommt, wenn es ihrer Nähe bedarf; das Kind wiederum muss bei Bedarf der Mutter Protest oder Kummer zeigen können. In dieser Phase zeigt das Kind eine auffallend starke Bindung zur Mutter, das so genannte „Fremdeln“ entsteht.

In der vierten Phase (8-12 Monate) schließlich, die oft mit der dritten Phase überlappt, wird die Bindung auf mehrere Personen ausgeweitet. Die Voraussetzung für die Bindung an andere Personen ist also eine sichere Bindung zur Mutter, da diese als „Modell“ dient. Zeitgleich, wie die Bindung zur Mutter in Tiefe und Intensität wächst, wird die generelle Bindungsfähigkeit des Kindes umfassender.18

Jedoch bleiben die verschiedenen Bindungen stets hierarchisch geordnet.

2.4 Besonderheiten der Mutter-Kind-Bindung

Die Mutter-Kind-Bindung wird schon vor der Geburt durch biologische, neurobiologische und physiologische Prozesse angebahnt.19 Somit verfügt der Säugling über ein angeborenes Verhaltenssystem, das es ihm ermöglicht, aktiv die Mutter-Kind-Bindung zu gestalten.

Zu den Interaktions-Mechanismen des Babys Bindung herzustellen, gehören folgende Momente: Das Stillen, der Körperkontakt, das Weinen, die Babysprache, Dialoge und das Kindchenschema.20

Das Stillen stellt einerseits die lebenserhaltende Nahrungsaufnahme dar, andererseits ist es aber auch ein Akt der Beruhigung und der körperlichen Nähe. Das Neugeborene kann bereits nach 2 Tagen den Geruch der mütterlichen Brust erkennen.21 Das Saugen an sich „stillt“ das Kind bereits, beruhigt es also. Das Stillen verbindet Mutter und Kind zwangsläufig in der ersten Zeit.

Durch Körperkontakt können Säuglinge die Nähe, Wärme und den Geruch der Mutter empfinden und somit die Mutter als wirkliche, körperliche „Basis“ erfahren.

Selbst bei Erwachsenen kann man die beruhigende Funktion von Körperkontakt beobachten.

Das Weinen ist die bisweilen durchdringendste Möglichkeit des Säuglings, emotionale Zuwendung einzufordern. Dies „funktioniert“ oft sogar bei Personen, die keine persönliche Beziehung zu dem Kind haben. Das Weinen ruft automatisch tröstende Verhaltensmuster hervor wie auf-den-Arm-nehmen, Schaukeln, beruhigend sprechen oder Stillen.

Wenn die Bezugsperson mit dem Kind spricht, verändert sich ihre Stimme: sie wird ungefähr eine Oktave höher und die Intonation wird vergrößert. Diese so genannte „Babysprache“ findet sich in nahezu allen Kulturen.22 So wird die Aufmerksamkeit des Säuglings erregt.

Durch die bisher angesprochenen Interaktionsmuster kommt es zu Dialogen zwischen Mutter und Kind, die wechselseitig erfolgen, wobei die Mutter anfangs stärker steuert.

Ein deutlicher Dialog ist zu sehen, wenn das Kind schon als Neugeborenes das Gesicht der Mutter fixiert, was von dieser als Kommunikationsversuch interpretiert wird und somit sofortige Zuwendung hervorruft.23

Nicht zuletzt ruft der Säugling durch sein Erscheinungsbild zugewandtes Verhalten hervor. Dieses so genannte „Kindchen-Schema“ wurde von Konrad Lorenz entdeckt. Es besagt, dass Kinder im Vergleich zu Erwachsenen einen größeren Kopf und einen kleineren Körper haben; dadurch wirken die Augen sehr groß. Bei jungen Säugetieren sind diese Merkmale ebenfalls zu finden. Durch das Kindchen-Schema wird beim Erwachsenen emotionale Zuwendung hervorgerufen und Aggressionen werden verhindert.24

2.4.1 Feinfühligkeit

Die mütterliche Reaktionsfähigkeit ist ein entscheidender Faktor der Bindungsqualität im weiteren Verlauf der Entwicklung.25

Dies wird als die so genannte Feinfühligkeit der Bezugsperson bezeichnet. Mary Ainsworth entwickelte dieses Konzept auf der Grundlage von Verhaltensbeobachtungen in Uganda.

Bei dieser Längsschnittstudie mit 23 Kindern unter einem Jahr untersuchte sie anhand des „Fremde-Situation“-Tests die Bindungsqualität dieser Kinder und konnte feststellen, dass Kinder von Müttern mit feinfühligem Pflegeverhalten häufiger als sicher gebunden klassifiziert werden konnten als Kinder von Müttern mit weniger feinfühligem Verhalten.

Im Folgenden möchte ich die charakteristischen Verhaltensweisen der Feinfühligkeit nach Mary Ainsworth26 erläutern:

Zunächst muss die Mutter in der Lage sein, die kindlichen Signale mit großer Aufmerksamkeit wahrzunehmen und diese auch richtig deuten können. (z.B. Weinen vor Hunger, Schmerzen, Langeweile,..) Dabei besteht die Gefahr, dass diese Signale aufgrund eigener Bedürfnisse oder Projektionen fehlinterpretiert werden.

Wenn dies gelingt, muss die Mutter angemessen auf die Signale reagieren (so muss sie beispielsweise die richtige Dosierung der Nahrung herausfinden oder die Interaktion mit dem Kind nicht durch Über- bzw. Unterstimulation erschweren.

Schließlich ist es wichtig, dass die Mutter prompt auf das Signal reagiert; je kleiner der Säugling ist, desto schneller ist dessen Frustrationsgrenze erreicht.

In unserer Gesellschaft ist es oft immer noch so, dass Mütter Angst haben ihr Kind zu sehr zu verwöhnen und es aufgrund veralteter Normen erst einmal ein wenig schreien lassen, um die Frustrationstoleranz zu erhöhen, bevor sie es schließlich beruhigen.

Dem entgegengesetzt haben jedoch Untersuchungen ergeben, dass Kinder, deren Bedürfnisse angemessen und prompt erfüllt wurden, später einerseits selbstständiger spielen konnten und andererseits weniger ängstlich und aggressiv waren, da sie ihre Mutter selbstständig bei Angst oder Stress aufsuchen konnten und sich schnell trösten ließen.27

Die meisten Pflege- und Bezugspersonen benötigen erst einmal etwas Zeit, um ein Gespür für die Bedürfnisse des Kindes zu entwickeln und die Signale richtig zu deuten.

Feinfühliges Verhalten beinhaltet auch, die Autonomiebedürfnisse des Kindes zu erkennen und zu respektieren. Neuere Untersuchungen zeigen, dass vor allem beim Explorationsverhalten die Feinfühligkeit des Vaters starke Einflüsse auf zentrale Aspekte der sozial-emotionalen Entwicklung haben.28

3. Auswirkungen der Bindungserfahrung

Die gesamte Bindungstheorie ist verglichen mit anderen psychologischen Theorien eher neu. Es leuchtet ein, dass das Bindungsverhalten bei Kleinkindern und ihren Eltern auf die beschriebene Art und Weise entsteht und aktiv ist.

Inwieweit diese Erkenntnisse jedoch relevant für die weitere Entwicklung sind und welche Auswirkungen sie haben können, soll im Folgenden erläutert werden.

3.1 Auswirkung auf das Gehirn

Neurobiologische Erkenntnisse sowie die neuere Gehirnforschung zeigen, dass sich die frühen Bindungserfahrungen im Gehirn abzeichnen.29 In den ersten Lebensjahren bildet sich hier eine starke Verdichtung der neuronalen Netzwerke.

Damit diese Vernetzungen entstehen können, müssen demnach verschiedene Areale im Gehirn gleichzeitig stimuliert werden. Dies kann durch feinfühlige Interaktionen mit einer Bezugsperson erreicht werden. Die frühkindlichen emotionalen Erfahrungen beeinflussen die funktionelle Entwicklung des Gehirns und führen somit „zur Entstehung von neuen Schaltkreisen im Gehirn, die eine optimale Leistungsfähigkeit und Anpassung an die Umwelt ermöglichen“.30

Wenn eine entsprechende Stimulation fehlt, wie es zum Beispiel bei Vernachlässigung oder Isolation der Fall ist, so entwickeln sich diese komplexen Strukturen nur unzureichend und erschweren somit die alterstypischen Entwicklungsaufgaben.

3.2 Auswirkung auf die weitere Entwicklung

Wie bereits beschrieben, zeigen sich bei Kindern mit guter Mutter-Kind-Bindung höhere soziale Kompetenzen als bei unsicher gebundenen Kindern.

Durch immer wiederkehrende Erfahrungen entwickeln die Kinder ein „inneres Arbeitsmodell“, das auf alle Situationen verallgemeinert angewandt wird.

Sicher gebundene Kinder haben das Selbstvertrauen entwickelt, dass sie bei einem offenen emotionalen Ausdruck wie Ärger oder Kummer auf verlässliche Art und Weise aktiv Zuwendung oder Trost bei ihren Bezugspersonen hervorrufen können.

Bereits zum Ende des ersten Lebensjahres zeichnen sicher gebundene Kinder sich durch höhere Kommunikationsfähigkeit aus.31

Im Kindergarten sind sie durch weniger Aggressionen oder feindseliges Verhalten und weniger Abhängigkeit von den Erzieherinnen beobachtbar. Die höhere soziale Kompetenz führt sich auch im Schul- und Jugendalter fort.

Bei unsicher gebundenen Kindern zeigt sich eher ein negatives oder aber ein stark idealisiertes Selbstbild; sie können weniger gut mit Konflikten umgehen oder Impulse regulieren.

Die Erfahrungen aus der frühen Kindheit werden als interne Vorstellungen gespeichert. Durch die tagtägliche Anwendung dieser Muster werden diese verstärkt und automatisiert, so dass sie schließlich als feste Verhaltensmuster etabliert sind.32

Im Erwachsenenalter gelingt es Eltern mit sicherer Bindungsrepräsentation eher, die Bedürfnisse ihrer eigenen Kinder feinfühlig wahrzunehmen und somit ein sicheres Bindungsverhalten herzustellen.

Abschließend sollte noch erwähnt werden: Bindungssicherheit ist nicht gleichzusetzen mit Abhängigkeit; im Gegenteil. Denn gerade durch die sichere Bindung hat das Kind die Möglichkeit, seine Umwelt zu erkunden und Beziehungen zu anderen Menschen aufzunehmen, so zum Beispiel zu anderen Erwachsenen wie Erzieherinnen in Krippe und Kindergarten sowie zu anderen Kindern.33

4. Berücksichtung der Bindungsforschung in der Fremdbetreuung

Im Rahmen der Fremdbetreuung spielen Themen wie Trennungssituationen und Eltern-Kind-Bindung bzw. Erzieherin-Kind-Bindung eine große Rolle. Es würde jedoch den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen, wenn ich spezifisch auf die Anforderungen eingehen würde, die an eine Kindertagesstätte gestellt werden müssen, um das Kind individuell zu fördern und zu unterstützen.

Daher möchte ich im Folgenden auf die Besonderheiten der Erzieherin-Kind-Bindung eingehen und nur kurz verschiedene Aspekte betrachten, die bei der Fremdbetreuung berücksichtigt werden sollten.

4.1 Besonderheiten bei der Erzieherin-Kind-Bindung

Die Mutter-Kind-Bindung entwickelt sich, wie oben beschrieben, bereits pränatal und verläuft nahezu automatisch. Wenn das Kind in den Kindergarten oder eine Krippe kommt, hat es bereits ein inneres Bindungsmodell entwickelt, das es auf sämtliche weitere Bezugspersonen ausweiten wird.

In Kindereinrichtungen ist das Augenmerk der Erzieherin oft mehr auf die Gruppe gerichtet als auf das einzelne Kind. Dass Bindungsverhalten jedoch auch mit Erzieherinnen entsteht, erklärt Becker-Stoll34 mit Beobachtungen in Kindergärten. So zeigten Kinder beim Bringen in die Tagesstätte positive Affekte, wenn die Bezugserzieherin sie in Empfang nahm und liefen dann kaum ihren Müttern nach. Außerdem wendeten sie sich im Lauf des Tages häufiger an die Bezugserzieherin als an anderes Personal und ließen sich bei Kummer schneller von ihr beruhigen. Somit ist ersichtlich, dass durchaus eine starke Erzieherin-Kind-Bindung entstehen kann.

Diese Bindung wird durch folgende Faktoren ermöglicht:35

Die Grundlage der Bindungsbeziehung ist die Zuwendung. Durch liebevolle und empathische Kommunikation entsteht Vertrauen und Freude an der gemeinsamen Kommunikation.

Dadurch wird seitens des Kindes ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. Wenn die Erzieherin für den Fall des Bedarfs verfügbar bleibt, ermöglicht dies dem Kind eigenaktive Tätigkeiten auszuführen und intensiver und aufgeschlossener zu spielen.

Ein weiteres Merkmal im Aufbau der sicheren Erzieherin-Kind-Bindung ist die Stressreduktion. Bei Stress, Ärger oder Kummer hilft die Erzieherin dem Kind, seine negativen Emotionen zu regulieren und in eine ausgeglichene emotionale Stimmungslage zurückzukehren.

Durch die „sichere Basis“, die die Erzieherin darstellt, fördert sie das Explorationsverhalten des Kindes. Einerseits dient sie dem Kind dazu, sich rückversichern zu können, andererseits ermutigt sie es zu neuen Erkundigungen.

Schließlich unterstützt die Erzieherin die Handlungsfähigkeit des Kindes durch ihre Assistenz. Bei einer sicheren Bindung akzeptiert und sucht das Kind diese sogar.

Diese Eigenschaften bestimmen die Ausprägung einer sicheren Erzieherin-Kind-Bindung.

Allerdings stellt sich die Frage, inwieweit die dargestellte Bindung innerhalb der Gruppe überhaupt aufgebaut werden kann.

In Untersuchungen von Ahnert, Piquart und Lamb36 stellte sich heraus, dass die Erzieherin-Kind-Bindung auf dem Hintergrund der Gruppenzugehörigkeit gesehen werden muss. So wurden die sicheren Bindungen in Gruppen mit empathischem Erzieherverhalten nachgewiesen, das gruppenbezogen ausgerichtet ist und die Gruppendynamik reguliert.

Grundlage dafür ist, dass die Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes innerhalb der Gruppe zum richtigen Zeitpunkt berücksichtigt werden.

4.2 Rahmenbedingungen

Becker-Stoll nennt in ihrem Buch einige Rahmenbedingungen, die eine sichere Erzieherin-Kind-Bindung ermöglichen37.

Dies ist zum einen die Gruppengröße, also die Anzahl der Kinder bezogen auf eine Erzieherin. Es ist leicht nachzuvollziehen, dass bei steigender Gruppengröße die Achtsamkeit auf das einzelne Kind leidet und somit die direkte Erzieherin-Kind-Bindung eingeschränkt wird. Allerdings gewinnen dann die gruppendynamischen Faktoren an Bedeutung: Bindung entsteht aufgrund gruppenbezogener Empathie. Es ist hierbei auch zu beachten, dass in alters- und geschlechtergemischten Gruppen auch Bindungen unter den Kindern selbst entstehen, welche die Sicherheit vor allem der jüngeren Kinder nicht unbeträchtlich stärken kann.

Auch die pädagogische Konzeption der Kinderbetreuungseinrichtung kann eine Rolle spielen. Schon die Vorgehensweise in der Eingewöhnungsphase kann enorme Unterschiede aufweisen, was für ein Kind ausschlaggebend dafür sein kann, ob sich gut einlebt oder nicht. Hierbei ist die Frage zu berücksichtigen, ob Eltern und Kind die Zeit gegeben wird, die Räumlichkeiten und das Personal zusammen kennen zu lernen, ob während der ersten Zeit eine verlässliche Erzieherin anwesend ist und sich um dieses Kind kümmert und ob am Anfang besondere Rücksicht auf seine individuellen Bedürfnisse genommen wird.

Zusammenfassend kann gesagt werden: Je kleiner das Kind ist, desto wichtiger sind für es die „sichere Basis“ der Erzieherin mit Schutz- und Trostfunktion. Wenn das Kind größer ist, werden Assistenz und Explorationsunterstützung wichtiger. Das Erzieherverhalten muss daher in altersgemischten Gruppen stets angepasst und reflektiert werden.

5. Abschluss

Zunehmend wird die Fremdbetreuung von immer kleineren Kindern diskutiert. Dass Betreuungsplätze angeboten werden müssen, um arbeitende Eltern zu entlasten, ist unbestritten. Aber dabei sollte das Wohl des Kindes nicht vergessen werden. Je kleiner das Kind ist, desto wichtiger ist die feste Bezugsperson. Dies ist im Normalfall die Mutter oder zunehmend auch der Vater.

Ich habe beschrieben, wie sichere Bindungen auch in öffentlichen Kindertageseinrichtungen entstehen können. Dies ist die Voraussetzung für eine weitere gute Entwicklung des Kindes. Es wäre falsch zu sagen, man könne durch außerfamiliäre Erziehung Entwicklungsstörungen positiv beeinflussen und unsicher gebundenen Kindern somit die Chance geben, eine sichere Bindungserfahrung machen zu können. Denn Studien haben ergeben, dass unsicher gebundene Kinder ihr Bindungsverhalten auf die Erzieherin übertragen und somit unsicher gebunden bleiben. Umgekehrt schaden die Erfahrungen aus Kindereinrichtungen sicher gebunden Kindern nicht, sie verlieren die sichere Bindung nicht. Es bleibt also festzuhalten, dass Fremdbetreuung – sofern sie ein entsprechendes pädagogisches Konzept, feinfühliges Personal sowie eine ausgewogene Gruppenstruktur hat – kaum etwas am mitgebrachten Bindungsverhalten der Kinder ändert.

Dennoch sollte das Bindungsverhalten der Kinder von den Erzieherinnen stark berücksichtigt und einbezogen werden, was eine genaue Kenntnis der Sachlage erfordert. Nur mit einer guten theoretischen Kenntnis und individuellem feinfühligem Verhalten kann den Bedürfnissen der Kinder auch in der Fremdbetreuung Rechnung getragen werden. Durch gute Zusammenarbeit zwischen Eltern und Erziehern und regelmäßigen Austausch können am ehesten eventuell bestehende Defizite aufgegriffen und bearbeitet werden. Dies setzt jedoch genug (Zeit-)Kapazitäten beiderseits voraus.

Meiner Meinung ist jedoch nur so sicher gestellt, dass unsere Kinder eine positive, lebensbejahende und selbstsichere Entwicklung durchlaufen können.

Literaturverzeichnis

Becker-Stoll, Fabienne; Textor, Martin R. (Hrsg.): Die Erzieherin-Kind-Beziehung. Cornelsen Verlag, 2007

Brisch, Karl Heinz: Bindungsstörungen. Von der Bindungstheorie zur Therapie. Klett-Cotta, Stuttgart 1999. Dritte Auflage 2000

Brisch/Grossmann/Grossmann/Köhler (Hrsg.): Bindung und seelische Entwicklung. Klett-Cotta, Stuttgart 2002

Ettrich, Klaus Udo (Hrsg.): Bindungsentwicklung und Bindungsstörung. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2004

Holmes, Jeremy: John Bowlby und die Bindungstheorie. Ernst Reinhardt Verlag, München 2002

Keller, Heidi (Hrsg.): Handbuch der Kleinkindforschung. Springer Verlag, 1989

Largo, Remo H.: Babyjahre. Die frühkindliche Entwicklung aus biologischer Sicht. Piper Verlag 1995. 12. Auflage 2001

Brazelton, T. B. & Greenspan, S. I.: Die Sieben Grundbedürfnisse von Kindern. Was jedes Kind braucht, um gesund aufzuwachsen, gut zu lernen und glücklich zu sein. Weinheim: Beltz, 2002

Internetquellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Bindungstheorie

Brazelton, T. B. & Greenspan, S. I. (2002). Die Sieben Grundbedürfnisse von Kindern. Was jedes Kind braucht, um gesund aufzuwachsen, gut zu lernen und glücklich zu sein. Weinheim: Beltz.

http://userpage.fu-berlin.de/~balloff/altesemester/alt/Folien_Grundbeduerfnisse.htm

Scarlett Henning

Die Rolle von Bindung zwischen Kindern und Eltern und ihre Folgen für die lebenslange Entwicklung

1. Einleitung

Versagen die Eltern im sozial-emotionalen Umgang mit ihrem Kind, versagt das Kind später im Leben.

Diese Hypothese beschreibt einen Sachverhalt, der bis heute stark umstritten ist. Ist es wirklich so einfach nach dem Prinzip von Freud zu gehen, dass das, was im Säuglings- und Kleinkindalter vernachlässigt wurde, später nicht mehr nachgeholt werden kann (vgl. Oerter 1993, S. 78)?

Wie komplex das Thema der Eltern-Kind-Bindung ist, zeigt einer der bekanntesten Entwicklungspsychologen Bowlby in seiner Bindungstheorie auf. Auch John Bowlby unterstreicht, wie viele andere Wissenschaftler, die Tatsache, dass die Eltern besonders in den ersten Lebensjahren des Kindes eine wichtige und entscheidende Rolle spielen. Das Kind ist abhängig von der Pflege, dem Schutz und der Fürsorge der Eltern. Den Eltern ist oft der Einfluss, den sie auf ihr Kind haben, gar nicht bewusst.

In meiner Hausarbeit werde ich darauf eingehen, wie sich die Eltern-Kind-Bindung in der Säuglings- und Kleinkindphase entwickelt. Hier werde ich mich speziell an der Bindungstheorie nach Bowlby und an die Forschungsarbeiten von Mary Ainsworth orientieren. Ob und wie schlechte Bindungserfahrungen eine Rolle im späteren Leben am Beispiel des Jugendalters spielen und welche Bedeutung der Sozialen Arbeit zuzuschreiben ist, werde ich am Ende meiner Arbeit analysieren. Zu betonen ist, dass in den wissenschaftlichen Texten oftmals nur von der Mutter als wichtigste Bezugsperson die Rede ist. Allerdings lässt sich das Bindungskonzept auch auf den Vater beziehen (vgl. Oerter & Montada 2008, S. 217). Ein weiterer Punkt ist, dass ich mich nur auf die Säuglings-, Kleinkind- und Jugendphase konzentriere. Andere Phasen wie Schulkindalter oder Erwachsenenalter lasse ich außer Acht.

2. Definition des Bindungsbegriff

Da der Begriff der Bindung ein zentraler und wichtiger Bestandteil meiner Hausarbeit ist, ist es entscheidend ein allgemeines Verständnis darüber zu schaffen. Nach dem Werk von Jungmann und Reichenbach „Bindungstheorie und pädagogisches Handeln“ (2009, S. 15) wird Bindung wie folgt definiert: „Mit dem Begriff Bindung wird die enge soziale Beziehung zu bestimmten Personen, die Schutz oder Unterstützung bieten können, bezeichnet“. In dem Fall der Eltern-Kind-Bindung beschreibt die Bindung die enge soziale Beziehung zwischen dem Kind und dessen Eltern, die fürsorglich sind. Dabei ist zu bemerken, dass nicht von Anfang an eine Bindung zwischen Eltern und Kind vorliegt. Bindung ist ein Prozess, der sich über Monate und Jahre hinweg durch intensiver Interaktion kindlicher und elterlicher Verhaltensweisen entwickelt (vgl. Jungbauer 2009, S. 42).

2.1 Bindungstheorie nach Bowlby

John Bowlby, welcher als Pionier der Bindungsforschung gilt, stellte den Begriff der Bindung, welcher im ersten Abschnitt definiert wurde, in den Mittelpunkt seiner Forschungen und entwickelte die Bindungstheorie. Diese Theorie revolutionierte den damaligen Stand des Wissens. Während man vorher an dem Gedanken der Triebtheorie aus der Psychoanalyse von Freud festhielt, konzentrierte sich Bowlby auf die Gründe, warum ein Mensch dazu neigt, enge emotionale Beziehungen einzugehen mit Hinblick auf die Folgen, die eine Beeinträchtigung dieser Beziehungen auf die seelische Gesundheit und weitere Entwicklung haben kann (vgl. Jungmann & Reichenbach 2009, S. 15). Bowlby unterschied neben der Bindung das Bindungsverhalten, welches genetisch bedingt ist und eine biologische Funktion hat. Dieses Bindungsverhalten sichert das Überleben des Säuglings. Es hat zum einen die Aufgabe dem Kind die Nähe und den Schutz einer Bezugsperson durch angeborene Reflexe und Verhaltensmuster wie z.B. Lächeln oder Schreien zu sichern. Es verursacht eine biologische Reaktion der Mutter bzw. des Vaters auf die Signale des Kindes mit fürsorglichem Verhalten zu reagieren. Dabei spielt die Qualität der Fürsorge keine entscheidende Rolle. Kinder binden sich an die Personen, denen sie vertrauen. Deshalb bilden sie während der ersten Lebensmonate eine Hierarchie der Bezugspersonen, an deren erster Stelle oftmals die Mutter steht. Das Bindungsverhalten entwickelt sich in den ersten drei Lebensjahren des Kindes und lässt sich in vier Phasen einteilen. In der ersten Phase, bis circa drei Monate, ist das Kind noch an keine bestimmte Person gebunden. Man sagt, es ist „allgemein sozial ansprechbar“. Ab drei Monaten ändert sich dieses Verhalten langsam. Das Kind fängt an zwischen vertrauten und unvertrauten Personen zu unterscheiden und sucht mehr die Nähe der, für ihn eingeschätzten, vertrauten Person. Man spricht in der Phase von „personenunterscheidender Ansprechbarkeit“. In der kritischen Phase zwischen dem 7.-8. Lebensmonat entwickelt das Kind ein Bindungssystem. Das sich durch Fremdeln und Trennungsangst äußert. Das gefährliche in dieser Phase ist, dass eine längere Trennung von der Mutter ohne Ersatz hier zu einem depressionsartigem Zustand führen kann. Ab dem Alter von drei Jahren wird das Kind wieder unabhängiger von wichtigen Bezugspersonen („Dezentrierung“). Eine vorübergehende Abwesenheit von Bindungspersonen kann es nun ertragen. (Vgl. Jungbauer 2009, S. 44-45) Bei diesen vier Entwicklungsphasen nach Bowlby ist zu erkennen, dass es einige Zeit in Anspruch nimmt, bis ein Kind sich an eine Bezugsperson bindet, aber es ebenso versucht, nach nicht allzu langer Zeit wieder unabhängiger von der vertrauten Person zu werden.

[...]


1 Brazelton & Greenspan auf: http://userpage.fu-berlin.de/~balloff/altesemester/alt/Folien_Grundbeduerfnisse.htm

2 Unter Berücksichtigung von Gender-Aspekten möchte ich darauf hinweisen, dass ich im Folgenden der Einfachheit halber den Terminus „Mutter“ verwende. Selbstverständlich könnte an dieser Stelle auch „Vater“ oder eine sonstige Bezugsperson stehen.

3 Brisch, S.35

4 Ettrich, S.3

5 Brisch, S.35

6 Lorenz, 1952 in: Holmes, S.84

7 Harlow, 1958 in: Holmes, S.84

8 Mahler et. al., 1978 in: Brisch, S.38

9 Ainsworth et.al., 1978; Ainsworth, 1985 in: Brisch: S.46

10 Ettrich, S.8; Brisch, S.45f.

11 Main&Solomon, 1986 in: Brisch, S.47

12 Ettrich, S.5 ; Brisch, S.46f.

13 Fremmer-Bombik, 1995 in: Ettrich, S.5

14 Grossmann et al., 1997 in: Brisch, S.48

15 Schmidt-Lack, 2000 in: Ettrich, S.5

16 Ainsworth, 1964/2003 in: Becker-Stoll, S.18

17 Holmes, S.95

18 Ainsworth 2003 in: Becker-Stoll, S.19

19 Becker-Stoll, S.16

20 Keller, S.22 ff.

21 Schaal, Montagner, Hertling, Bolzoni&Quichon, 1980 in: Keller, S.22

22 Ferguson, 1964 in: Keller, S.25

23 Keller, S.25

24 Keller, S. 27 und Largo, S.38f.

25 Holmes, S.94

26 Ainsworth et al., 1978 in: Brisch, S.40f.

27 Ainsworth et al., 1978; Grossmann et al., 1985 in: Brisch, 43

28 Heinz&Grossmann 2004 in: Becker-Stoll, S.20

29 Braun et al., 2002 in: Becker-Stoll, S.26

30 Braut et al., 2002 in: Becker-Stoll, S. 26

31 Ainsworth&Bell, 1974 in: Becker-Stoll, S.27

32 Bowlby 1987/2003 in: Becker-Stoll, S.29

33 Becker-Stoll, S. 30

34 Becker-Stoll, S.32

35 Booth, Kelly, Spieker&Zuckerman 2003; Ahnert 2006 in: Becker-Stoll, S.33f.

36 Ahnert, Piquart & Lamb 2006, in: Becker-Stoll, S.35

37 Becker-Stoll, S.36ff.

Ende der Leseprobe aus 115 Seiten

Details

Titel
Mehr als Liebe? Die besondere Bindung zwischen Eltern und ihren Kindern
Autoren
Jahr
2015
Seiten
115
Katalognummer
V294600
ISBN (eBook)
9783656922452
ISBN (Buch)
9783956871672
Dateigröße
1369 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mehr, liebe, bindung, eltern, kindern
Arbeit zitieren
Carolin Büdel (Autor)Mareike Lüdeke (Autor)Scarlett Henning (Autor)Lisa Balihar (Autor)Eva Nitschke (Autor)Julia Klemm (Autor), 2015, Mehr als Liebe? Die besondere Bindung zwischen Eltern und ihren Kindern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294600

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