Die Frage nach dem Geschlecht: Hermaphroditismus und Intersexualität


Fachbuch, 2015

169 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis..4

Franziska Brongkoll: Ein, zwei, viele Geschlechter? Das Geschlechterverständnis von der Antike bis zur Gegenwart..7

1. Einleitung..8

2. Antike..10

3. Mittelalter..22

4. Aufklärung..25

5. Gegenwar..36

6. Zusammenfassung..43

7. Ausblick..48

8. Literaturverzeichnis..49

Lena Groß: Geschlecht als soziales Konstrukt der Gesellschaft. Ist die Zweigeschlechtlichkeit unserer Gesellschaft nur eine Illusion?..51

1 Einleitung..52

2 Geschlecht als soziales Konstrukt der Gesellschaft..54

3 Gender-Wechsel..65

4 Fazit..82

Literaturverzeichnis..85

Stefanie Hagen: Soziale und kulturelle Konstruktion von Geschlecht und die Frage der Intersexualität..89

1. Einleitung..90

2. Soziale Konstruktion von Geschlecht?..91

3. Intersexualität..97

4. Wandel im Geschlechterverhältnis..102

5. Kritische Schlussbemerkung/ Zusammenfassung..104

6. Literatur..105

Julia Heim: Intersexualität und Inter*. Der Zwang einer eindeutigen Geschlechtsidentität innerhalb der zweigeschlechtlichen Norm..107

1. Einleitung..108

2. Intersexualität..110

3. Zwang zur Entscheidung für ein Geschlecht – Warum?..113

4. Normen..116

5. Normen und Macht oder Macht der Normen?..118

6. Angleichung an die gesellschaftliche Norm..121

7. Eltern von Inter* Personen..128

8. Fazit..132

Literaturverzeichnis..134

Joy Baruna: Jedes Kind hat einen Namen und eine Zuordnung verdient. – Zum Umgang mit Intersexualität..138

1) Die Geburt eines Kindes..139

2) Was bedeutet Intersexualität?..140

3) John Moneys Theorie zur Entwicklung der Geschlechtsidentität und die Folgen bezüglich des Umgangs mit Intersexualität..141

4) Fazit.146

Literatur- und Quellenverzeichnis..147

Nicole Memmer: Geschlechterordnung im Wandel. Ist die duale Geschlechterordnung noch zeitgemäß?..149

1. Einleitung..150

2. Geschlecht und seine Tücken..152

3. Geschlecht im historischen Kontext..155

4. Gesellschaftlicher und rechtlicher Umgang mit Intersexualität..158

5. Fazit..163

6. Literatur..165

Einzelbände..169

Franziska Brongkoll: Ein, zwei, viele Geschlechter? Das Geschlechterverständnis von der Antike bis zur Gegenwart

2014

1. Einleitung

Many People would agree […] that the sexes do not need to be explained and that, in fact, trying to explain the existence of two sexes can get in the way of understanding (Kessler und McKenna, 1978: VII).

As we got about our daily lives, we assume that every human being is either a male or a female. We make this assumption for everyone who ever lived and for every future human being (dies., 1978: 1)

Eigentlich ist das mit dem Geschlechterunterschied doch ganz einfach, oder nicht? Es gibt Frauen und es gibt Männer. Frauen haben eine Vagina, Männer einen Penis. Diese schlichte Unterscheidung nach dem biologischen Geschlecht (sex) war und ist bis heute aber nicht immer so simpel.

In der Geschlechterforschung ist oft von ‚Geschlechterkonstruktion‘ die Rede, die insbesondre in Anbetracht der historischen Entwicklung deutlich wird. In dieser Arbeit wird die Konzeption der Geschlechter von der Antike bis zur Gegenwart, gegliedert in vier nach Epochen unterteilten Kapiteln, betrachtet.

Als erstes wird die ‚Antike‘ behandelt, deren Gelehrte vor über zweitausend Jahren den Grundstein für die Geschlechterforschung gelegt haben. Wichtiger Vertreter dieser Zeit war zum Beispiel Aristoteles, der in seiner Einsamenlehre die Frau als ‚Missbildung‘ beschrieb, die lediglich eine Vorstufe des vollkommenen Mannes darstelle. Als zweites Beispiel dient Galen, der die Geschlechtsorgane von Frau und Mann als identisch definierte, die sich bloß in der Lage unterscheiden. Die weiblichen Genitalien seien dabei aufgrund von mangelnder Hitze nach innen gekehrt, die des Mannes hätten den perfekten, nach außen gekehrten Zustand erreicht.

Die zweite Epoche, die in dieser Arbeit behandelt wird, ist das ‚Mittelalter‘. In dieser Zeit bauten die Geschlechterkonstruktionen inhaltlich auf den antiken Theorien auf. Aufgrund der Sakralisierung wurden die Lehren durch religiöse, aber auch durch mystische Aspekte ergänzt.

Daran anschließend folgt in dieser Darstellung die Zeit der ‚Aufklärung‘. Damit geht ein Wendepunkt des Geschlechterverständnisses einher, der die altertümlichen Theorien mehr und mehr aus dem Diskurs vertrieb. Frauen und Männer werden nun als eigenständige Geschöpfe mit unterschiedlichen Geschlechtern betrachtet.

Die Forschung stützt sich größtenteils darauf, Differenzen anatomisch zu erklären. Auch wenn die Frau noch immer oftmals als ‚schwächer‘ angesehen wird, ist die biologisch begründete Hierarchie nicht mehr so stark ausgeprägt, wie in den Jahrhunderten davor.

Die letzte Epoche ist die ‚Gegenwart‘, welche in dieser Arbeit, beginnend etwa im 20.Jh., behandelt wird. Inhaltlich wird es hauptsächlich um moderne Embryologie gehen, welche die Geschlechterforschung aktuell dominiert. Überdies hinaus wird auch ein Blick auf die soziale Konstruktion des Geschlechts geworfen, die, wie diese Arbeit verdeutlichen wird, untrennbar von biologisch-medizinischen Theorien ist.

Die Schwerpunkte dieser Arbeit liegen bei den Kapiteln ‚Antike‘ und ‚Aufklärung‘, da die Antike thematisch das Fundament für unzählige weitere Theorien darstellt und sich in der Aufklärung dann der wohlmöglich größte Bruch in der Geschlechterkonstruktion vollzieht. Beide Epochen bieten damit die Basis für darauffolgende theoretische Überlegungen zu dieser Thematik.

Die Fragen, die den Hauptteil inhaltlich prägen, beziehen sich auf den Unterschied zwischen naturphilosophischen und biologisch-medizinischen Theorien. Dabei soll geklärt werden, ob sich diese Lehren mehr auf Analogien oder auf Differenzen der Geschlechter stützen. Abgeschlossen wird die Arbeit mit der Frage, ob eine soziale Hierarchie der Geschlechter aus einem natürlichen, biologischen Unterschied resultiert.

Das Hauptwerk, das dieser Arbeit zugrunde liegt, ist die Dissertation „Making sex revisited: Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive“ von Heinz-Jürgen Voß aus dem Jahre 2010.

Der Biologe möchte mit seinem Buch zeigen, dass auch die biologisch-medizinische Forschung zum Thema Geschlecht von der sozialen Dichotomie beeinflusst und geprägt ist. Das führt zu der Annahme, dass auch das biologische Geschlecht von der Gesellschaft konzipiert ist. Voß versucht daher, die Zweigeschlechtlichkeit aufzubrechen.

In seiner Abhandlung schenkt Voß der Problematik des „Hermaphroditismus“ viel Aufmerksamkeit. Dieser wird in der vorliegenden Arbeit allerdings nicht thematisiert, da dieser Aspekt der Geschlechtlichkeit ein zu weitreichendes Themengebiet darstellt, welches sich ebenfalls durch die gesamte Historie zieht.

Lena Groß: Geschlecht als soziales Konstrukt der Gesellschaft. Ist die Zweigeschlechtlichkeit unserer Gesellschaft nur eine Illusion?

1. Einleitung

„Our reality is constructed in such a way that biology is seen as the ultimate truth. (…) In other realities, for example, deities replace biology as the ultimate source of final truth. What is difficult to see, however, is that biology is no closer to the truth, in any absolute sense, than a deity“ (Kessler/ McKenna 1978: 162).

Betrachtet man die heutige Gesellschaft Europas, so lässt sich eine Binarität der Geschlechter feststellen, welche dem Alltagsdenken der Menschen zufolge auf den natürlich vorgegebenen dichotomen biologischen Gegebenheiten gründet. Alle Individuen westlicher Kulturen werden von Geburt an aufgrund ihrer primären Geschlechtsmerkmale in zwei Geschlechter unterschieden und gehören resultierend ihr Leben lang entweder der Kategorie der Frau oder der Kategorie des Mannes an. Diese selbstverständliche binäre Differenzierung, die ihren Ursprung in der Biologie findet, die es wiederum als ultimative Wahrheit anzusehen gilt, soll in dieser Arbeit in Frage gestellt werden. Es soll stattdessen aufgezeigt werden, dass die Geschlechtszugehörigkeit von den Gesellschaftsmitgliedern selbst konstruiert wird. Herangezogen werden dazu unter anderem zwei Phänomene, die die Grundüberzeugung der europäischen Gesellschaft herausfordern; die Intersexualität und die Transsexualität, wobei letztere sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts in den westlichen Kulturen etablieren konnte (vgl. Hirschauer 1993: 9). Obwohl in westlichen Gesellschaften die Theorie der Zweigeschlechtlichkeit, also eine biologisch fundierte, dichotome Unterscheidung von Mann und Frau, fest in ihrem Alltagsdenken verankert ist, soll im Folgenden anhand des Hermaphroditismus und einer Transsexuellen-Studie gezeigt werden, dass die binäre Differenzierung von Geschlecht sowie das Geschlecht selbst lediglich ein soziales Konstrukt der Gesellschaft ist.

Zunächst soll dazu die Alltagstheorie der Zweigeschlechtlichkeit als Ausgangspunkt menschlichen Denkens erläutert werden, um ihr anschließend die konstruktivistische Sichtweise der sozialen Konstruktion von Geschlecht gegenüber zu stellen. Da konstruktivistische Theorien, entgegen des Alltagsverständnisses, auch den Körper eines Individuums als einen Effekt sozialer Prozesse verstehen, wird anknüpfend das Verhältnis von Biologie und Kultur bei der Geschlechterdifferenzierung ausführlicher betrachtet, mit dem Ergebnis, dass die Biologie kein eindeutiges, objektives Kriterium beinhaltet, anhand dessen die dichotome Geschlechterdifferenz abseits sozialer Kontexte erfasst werden könnte.

Um schließlich das soziale Herstellen von Geschlecht deutlicher zu machen, wird das Konzept des „doing gender“ herangezogen, welches ein Synonym der Perspektive einer sozialen Konstruktion von Geschlecht geworden ist. Im Kern besagt es, dass man ein Geschlecht nur hat, indem man sich geschlechtsadäquat verhält. „Doing gender“ umfasst eine gebündelte Vielfalt sozial gesteuerter Tätigkeiten, auf der Ebene der Wahrnehmung, der Interaktion und der Alltagspolitik, die bestimmten Handlungen die Bedeutung zuschreiben, Ausdruck weiblicher oder männlicher „Natur“ zu sein.

Der Hermaphroditismus, von dem ca. 100.000 Menschen in Deutschland betroffen sind, widerlegt zudem die biologisch eindeutige Binarität der Geschlechter und unterstützt die These der sozialen Konstruktion des Geschlechts (vgl. Tagesschau 2012). Ebenso soll auch der Geschlechtswechsel in Verbindung mit der Agnes-Studie von Harold Garfinkel thematisiert werden, da anhand dieser Fallstudie erstmals aufgezeigt werden konnte, dass die Geschlechtszugehörigkeit mittels bestimmter Praktiken im Alltagshandeln hergestellt wird und äußere Zeichen der Geschlechtszugehörigkeit und Geschlechtsidentität nicht zwangsläufig zusammenfallen. Garfinkel demonstriert an diesem Beispiel, dass Menschen nicht einfach ein Geschlecht haben, sondern sie den Status, eine Frau oder ein Mann zu sein, durch einen sozialen Lern- und Aneignungsprozess über Jahre hinweg erwerben. Gleichzeitig wird an dieser Stelle die Omnirelevanz des Geschlechts erkennbar und erläutert, warum es so wichtig ist, sich der Zweigeschlechtlichkeit anzupassen, um nicht aus der Gesellschaft ausgegrenzt zu werden. Daran anknüpfend soll die Aneignung von Geschlecht im Falle eines Geschlechtswechsels ausführlich beschrieben werden, um dem Leser zu verbildlichen, wie ein Geschlecht tatsächlich sozial erworben wird.

Stefanie Hagen: Soziale und kulturelle Konstruktion von Geschlecht und die Frage der Intersexualität

2008

1. Einleitung

Die Frage nach dem Geschlecht wirkt zunächst so, als läge die Antwort auf der Hand. „Ein Mann ist ein Mann und eine Frau ist eine Frau“, ist somit aber tautologisch und verdient es hinterfragt zu werden. Unsere heutige Gesellschaft, bestimmt durch soziale und kulturelle Konstruktion, Politik, Wissenschaft und Religion die Geschlechterdichotomie. Eine binäre Geschlechtlichkeit ist gegeben und von Geburt an werden Kinder und Heranwachsende, ihrem Geschlecht „gerecht“ sozialisiert. Mädchen spielen mit Puppen, Barbies, schminken sich und tragen rosafarbene Kleidung. Den Jungen hingegen wird internalisiert, dass „ein Indianer keinen Schmerz kennt“, Handwerken toll ist und Spielzeugautos das „richtige“ Spielzeug für einen Jungen sind. Diese Ansichten sind nur kleine Beispiele für die soziale Konstruktion von Geschlecht und zeigen, dass das Geschlecht auch in unserer Gesellschaft sozialen und kulturellen Stellenwert hat. Demnach scheint es ein gesellschaftlich fundiertes Interesse zu geben, welches Geschlecht ein Individuum hat und einen optionalen dritten Geschlechtseintrag gibt es nicht. Die Frage, ob es allerdings doch mehr als nur diese beiden Geschlechter gibt bleibt offen. Diese Hausarbeit versucht der sozialen und kulturellen Konstruktion von Geschlecht nachzugehen, betrachtet das Geschlecht vor dem Hintergrund Natur und Kultur, den Gender-Aspekt und schaut auch auf die „Grauzonen“ die sich beispielsweise bei der Intersexualität finden.

Aufgabe der Anthropologie ist es, einerseits allgemeingültige Wesensbestimmungen des Menschen zu liefern und auf der anderen Seite dessen kulturelle Besonderheiten zu definieren, daher bietet sich auch der Aspekt der Geschlechtszugehörigkeit als Diskussion an. Vor dem Hintergrund von kulturellen, sozialen und biologischen Aspekten und der Frage, welchen Einfluss die gesellschaftliche Verortung von Geschlecht bzw. die Geschlechterdifferenz auf dieses hat, soll hier nachgegangen werden. Des Weiteren soll Intersexualität als „ Zwischenform“ der Geschlechter beleuchtet werden, daher gilt es zu klären, in wie weit die kulturell geformte Zweigeschlechterordnung in einen anderen Fokus gelangen kann und auch alternative Geschlechter bestehen. Denn auch in unserer Gesellschaft werden eben diese alternativen Geschlechter diskutiert. Das erste inhaltliche Kapitel stellt die soziale Konstruktion von Geschlecht dar, betrachtet das Geschlechterverhältnis und die Geschlechterdifferenz. Des Weiteren wird das Geschlecht als Natur und Kultur Konstrukt beschrieben und dieser Aspekt mit den Sex und Gender Begriffen abglichen. Zum Ende des ersten Kapitels wird dann die Geschlechterattribution und geschlechtsspezifische Sozialisation angerissen um dann im folgenden Kapitel, Intersexualität, das biologische Geschlecht und in der westlichen Gesellschaft bestehende geschlechtliche Normen zu besprechen. Danach folgt ein Blick auf den bisherigen Wandel im Geschlechterverhältnis und eine kritische Schlussbemerkung reflektiert dann nochmals die zu Grunde liegende Fragestellung.

Franziska Brongkoll: Ein, zwei, viele Geschlechter? Das Geschlechterverständnis von der Antike bis zur Gegenwart

2014

1. Einleitung

Many People would agree […] that the sexes do not need to be explained and that, in fact, trying to explain the existence of two sexes can get in the way of understanding (Kessler und McKenna, 1978: VII). As we got about our daily lives, we assume that every human being is either a male or a female. We make this assumption for everyone who ever lived and for every future human being (dies., 1978: 1)

Eigentlich ist das mit dem Geschlechterunterschied doch ganz einfach, oder nicht? Es gibt Frauen und es gibt Männer. Frauen haben eine Vagina, Männer einen Penis. Diese schlichte Unterscheidung nach dem biologischen Geschlecht (sex) war und ist bis heute aber nicht immer so simpel. In der Geschlechterforschung ist oft von ‚Geschlechterkonstruktion‘ die Rede, die insbesondre in Anbetracht der historischen Entwicklung deutlich wird. In dieser Arbeit wird die Konzeption der Geschlechter von der Antike bis zur Gegenwart, gegliedert in vier nach Epochen unterteilten Kapiteln, betrachtet. Als erstes wird die ‚Antike‘ behandelt, deren Gelehrte vor über zweitausend Jahren den Grundstein für die Geschlechterforschung gelegt haben. Wichtiger Vertreter dieser Zeit war zum Beispiel Aristoteles, der in seiner Einsamenlehre die Frau als ‚Missbildung‘ beschrieb, die lediglich eine Vorstufe des vollkommenen Mannes darstelle. Als zweites Beispiel dient Galen, der die Geschlechtsorgane von Frau und Mann als identisch definierte, die sich bloß in der Lage unterscheiden. Die weiblichen Genitalien seien dabei aufgrund von mangelnder Hitze nach innen gekehrt, die des Mannes hätten den perfekten, nach außen gekehrten Zustand erreicht. Die zweite Epoche, die in dieser Arbeit behandelt wird, ist das ‚Mittelalter‘. In dieser Zeit bauten die Geschlechterkonstruktionen inhaltlich auf den antiken Theorien auf. Aufgrund der Sakralisierung wurden die Lehren durch religiöse, aber auch durch mystische Aspekte ergänzt. Daran anschließend folgt in dieser Darstellung die Zeit der ‚Aufklärung‘. Damit geht ein Wendepunkt des Geschlechterverständnisses einher, der die altertümlichen Theorien mehr und mehr aus dem Diskurs vertrieb. Frauen und Männer werden nun als eigenständige Geschöpfe mit unterschiedlichen Geschlechtern betrachtet.

  Die Forschung stützt sich größtenteils darauf, Differenzen anatomisch zu erklären. Auch wenn die Frau noch immer oftmals als ‚schwächer‘ angesehen wird, ist die biologisch begründete Hierarchie nicht mehr so stark ausgeprägt, wie in den Jahrhunderten davor. Die letzte Epoche ist die ‚Gegenwart‘, welche in dieser Arbeit, beginnend etwa im 20.Jh., behandelt wird. Inhaltlich wird es hauptsächlich um moderne Embryologie gehen, welche die Geschlechterforschung aktuell dominiert. Überdies hinaus wird auch ein Blick auf die soziale Konstruktion des Geschlechts geworfen, die, wie diese Arbeit verdeutlichen wird, untrennbar von biologisch-medizinischen Theorien ist. Die Schwerpunkte dieser Arbeit liegen bei den Kapiteln ‚Antike‘ und ‚Aufklärung‘, da die Antike thematisch das Fundament für unzählige weitere Theorien darstellt und sich in der Aufklärung dann der wohlmöglich größte Bruch in der Geschlechterkonstruktion vollzieht. Beide Epochen bieten damit die Basis für darauffolgende theoretische Überlegungen zu dieser Thematik. Die Fragen, die den Hauptteil inhaltlich prägen, beziehen sich auf den Unterschied zwischen naturphilosophischen und biologisch-medizinischen Theorien. Dabei soll geklärt werden, ob sich diese Lehren mehr auf Analogien oder auf Differenzen der Geschlechter stützen. Abgeschlossen wird die Arbeit mit der Frage, ob eine soziale Hierarchie der Geschlechter aus einem natürlichen, biologischen Unterschied resultiert. Das Hauptwerk, das dieser Arbeit zugrunde liegt, ist die Dissertation „Making sex revisited: Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive“ von Heinz-Jürgen Voß aus dem Jahre 2010. Der Biologe möchte mit seinem Buch zeigen, dass auch die biologisch-medizinische Forschung zum Thema Geschlecht von der sozialen Dichotomie beeinflusst und geprägt ist. Das führt zu der Annahme, dass auch das biologische Geschlecht von der Gesellschaft konzipiert ist. Voß versucht daher, die Zweigeschlechtlichkeit aufzubrechen. In seiner Abhandlung schenkt Voß der Problematik des „Hermaphroditismus“ viel Aufmerksamkeit. Dieser wird in der vorliegenden Arbeit allerdings nicht thematisiert, da dieser Aspekt der Geschlechtlichkeit ein zu weitreichendes Themengebiet darstellt, welches sich ebenfalls durch die gesamte Historie zieht.

Joy Baruna: Jedes Kind hat einen Namen und eine Zuordnung verdient. – Zum Umgang mit Intersexualität

2015

1) Die Geburt eines Kindes

Die durch eine Hebamme vorgenommene Geschlechtszuweisung aufgrund der äußeren Geschlechtsorgane „aktualisiert bei Mutter, Vater, Verwandten sogleich eine ganze Kaskade von Erwartungen und Vorstellungen darüber, wie das Kind sei, wie es sich entwickeln und verhalten werde“ (Bosinski, 2000, S.112). Was aber geschieht, wenn sich das Geschlecht des Säuglings nicht eindeutig bestimmen lässt? Prof. Hiort, Kinderarzt und Endokrinologe, plädiert in diesem Fall für eine eindeutige Zuweisung mittels geschlechtsangleichender Operation, denn: „Jedes Kind hat einen Namen und eine Zuordnung verdient“ (Dombrowe, 2010, Minute: 4:04).

Seit dem Inkrafttreten der Änderung des Personenstandgesetzes (PStG) am 1. November 2013, darf der Geschlechtseintrag im Geburtenregister zwar offen bleiben, womit zumindest ein kleiner Schritt in Richtung juristischer Öffnung hinsichtlich unseres zweigeschlechtlichen Systems erkennbar ist, doch nach wie vor stehen Mütter und/ oder Väter vor der Frage: Wie gehen wir mit der Intersexualität unseres Kindes um? Sollte eine geschlechtsangleichende Operation stattfinden oder eine weitestgehend geschlechtsneutrale Erziehung angestrebt werden, um das Kind zu einem späteren Zeitpunkt selbst entscheiden zu lassen welchem Geschlecht es sich zugehörig fühlt? Die hier vorliegenden Ausführungen beziehen sich vorrangig auf die konkrete Situation nach der Geburt eines intersexuellen Kindes und den Umgang mit Intersexualität hinsichtlich der Herausforderungen, die sich bezüglich pädagogischer, gesellschaftlicher und entwicklungspsychologischer Aspekte für die Eltern und das Kind/die Kinder ergeben könnten. Es werden Handlungsansätze sowie Entscheidungsformen diskutiert, grundsätzlich im Hinblick auf das Wohl des Kindes.

Nicole Memmer: Geschlechterordnung im Wandel. Ist die duale Geschlechterordnung noch zeitgemäß?

2014

1. Einleitung

"Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau" (Bibel, 1. Mose 1,27). Die naturgemäße Teilung in Mann und Frau ist nach wie vor fest eingewebt in das Alltagsverständnis der Menschen und wird als eine unabdingbare Realität betrachtet. Diese Realität spielt schon vor der Geburt des Kindes eine bedeutende Rolle. So ist für die Eltern, Verwandte und Freunde nicht nur der Gesundheitszustand des Ungeborenen, sondern vor allem auch das Geschlecht von großer Bedeutung. In jeder Art von Interaktion ordnet der Mensch seinem Gegenüber entweder das Geschlecht Mann oder Frau zu. Sein weiteres Handeln orientiert sich an dieser Zuweisung. So ist die Grundlage einer Interaktion Gleichgeschlechtlicher nicht vergleichbar mit der Zwischengeschlechtlicher (vgl. Lindemann 1992, S.95). Zu Gunsten dieser Überzeugung werden Phänomene, die nicht im Einklang mit der Zweigeschlechtlichkeit stehen, stigmatisiert und als pathologisch angesehen. Intersexuelle, Personen ohne eindeutiges Geschlecht, treten jedoch immer mehr in die Öffentlichkeit und fordern ihre rechtliche und soziale Anerkennung (vgl. Kolbe 2010, S.18). Ferner wünschen sie sich eine Welt, in der Intersexuelle anerkannt werden. Maßnahmen, die sie in das System der Zweigeschlechtlichkeit integrieren sollen, stehen immer mehr in der Kritik. Ein Schritt in Richtung Freiheit stellt ein kürzlich in Deutschland eingeführtes Gesetz dar, das sie von dem Eintrag Mann oder Frau im Geburtenregister entbindet. Doch auch Menschen, die nicht intersexuell sind, fühlen sich in dem rigiden Zwei-Geschlechter-Modell unwohl. Sie wollen frei sein von dem Zwang, sich dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuordnen zu müssen (vgl. Schmidt, 2014 S.119). Facebook macht dies nun möglich, indem das Netzwerk Mitgliedern die Chance gibt, neben Mann und Frau ihr Geschlecht aus mehr als fünfzig weiteren Geschlechtskategorien auszuwählen (vgl. Beuth 2014). Als weiteres wesentliches Ereignis hinsichtlich Geschlechtsdualität ist Conchita Wurst zu nennen. Als Kunstfigur, die männliche und weibliche Aspekte in sich vereint, gewinnt sie den Eurovision Song Contest 2014 (vgl. Kümmel 2014). Stellen diese Veränderungen den Beginn einer neuen Ära von Geschlecht dar, in der die Unterscheidung in Mann und Frau keine wesentliche Rolle mehr einnimmt?

In meiner Arbeit stelle ich die Entwicklungen im Umgang mit Intersexualität dar und betrachte die geänderten Sichtweisen auf das Geschlecht im Verlauf der Historie. Es soll zum einen deutlich werden, dass das Geschlecht, aufgrund von gesellschaftlichen Veränderungen, immer neu definiert wird und zum anderen, dass sich das Zweigeschlechtersystem, so meine These, bereits im Wandel befindet.


[1] 1921-2006 amerikanischer Psychologe und Sexualtherapeut, forschte am Johns Hopkins Medical Centre in Baltimore

Ende der Leseprobe aus 169 Seiten

Details

Titel
Die Frage nach dem Geschlecht: Hermaphroditismus und Intersexualität
Autoren
Jahr
2015
Seiten
169
Katalognummer
V294617
ISBN (eBook)
9783656923190
ISBN (Buch)
9783956871641
Dateigröße
882 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frage, geschlecht, hermaphroditismus, intersexualität
Arbeit zitieren
Franziska Brongkoll (Autor)Lena Groß (Autor)Stefanie Hagen (Autor)Nicole Memmer (Autor)Joy Baruna (Autor)Julia Heim (Autor), 2015, Die Frage nach dem Geschlecht: Hermaphroditismus und Intersexualität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294617

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