Einleitung
Armut und Armutsbekämpfung ist heute eines der wichtigsten Themen der deutschen Politik. Bundeskanzler Schröder hat das Thema persönlich auf die Tagesordnung gesetzt, indem er Arbeitslosen ein angeblich existierendes “Recht auf Faulheit” absprach.
Die heutige Regierung setzt bei der Armutsbekämpfung vor allem auf ein starkes Wirtschaftswachstum, dass als Nebeneffekt die Arbeitslosigkeit senken soll, den sogenannten Trickle-down-Effekt. Umverteilungsmaßnahmen von oben nach unten sind hingegen nur wenige zu erkennen. Diese beiden Methoden der Armutsbekämpfung waren es auch, die die Geschichte der Bundesrepublik geprägt haben.
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die Nachkriegszeit
2. Die 60er Jahre
3. 1969 – 1974
4. 1974 – 1980
5. Die 80er Jahre
6. Die 90er Jahre
Thesen
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die historische Entwicklung von Armut und Armutspolitik in der Bundesrepublik Deutschland von der Nachkriegszeit bis in die 90er Jahre. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich der politische Umgang mit Armut in Abhängigkeit von wirtschaftlichen Konjunkturen und staatlichen Sparmaßnahmen gewandelt hat, um die Forschungsfrage zu beantworten, inwiefern das Vertrauen auf bloßes Wirtschaftswachstum zur Armutsbekämpfung heute noch gerechtfertigt ist.
- Historischer Wandel der Armutsdefinition und -wahrnehmung.
- Die Rolle des Wirtschaftswachstums und des Trickle-down-Effekts.
- Entwicklung und Transformation des deutschen Sozialstaates.
- Analyse der "Neuen Armut" und ihrer Ausprägung in verschiedenen Jahrzehnten.
- Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und sozialer Ausgrenzung.
Auszug aus dem Buch
3. 1969 bis 1974
Politisch gesehen kam es Ende der 60er Jahre zu einer Wende. Nach der Dominanz der CDU von 1949 bis 66 begann 1969 die Zeit der sozial-liberalen Koalition. Seine Einstellung zur Sozialpolitik erklärte Brandt in seiner Regierungserklärung von 1973: „Moderne Sozialpolitik handelt nicht mehr nur davon, die Furcht vor materieller Not und sozialem Abstieg zu beseitigen. Sie strebt nach mehr Gerechtigkeit und sie will bewirken, dass in unserer Gesellschaft mehr reale Freiheit herrscht.“ Neben der Sicherheit sozialer Mindeststandards kommen hier erstmals Fragen nach Gerechtigkeit ins Spiel. Eine Umverteilung von oben nach unten war beabsichtigt.
Bis 1974 dauerte die Phase der Leistungsverbesserungen im sozialen Bereich während des wirtschaftlichen Aufschwungs an. Mit dem Bundesausbildungsförderungsgesetz von 1971 sollte dem Ziel der Chancengleichheit im Bildungssystem ein Stück näher gekommen werden. Jede Jugendliche, egal aus welchen Verhältnissen sie stammte, sollte die Möglichkeit erhalten, die Ausbildung zu erwählen, die ihren Fähigkeiten und Neigungen entspricht.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung thematisiert die aktuelle politische Debatte um Armut und die Strategien der heutigen Regierung, wobei kritisch auf das Konzept des Wirtschaftswachstums zur Armutsbekämpfung geblickt wird.
1. Die Nachkriegszeit: Dieses Kapitel beleuchtet den Fokus der frühen Bundesrepublik auf den Wiederaufbau und die Bekämpfung absoluter Armut unter privilegierten Gruppen wie Kriegsopfern.
2. Die 60er Jahre: Der Fokus liegt auf dem wirtschaftlichen Aufschwung und der Einführung des Bundessozialhilfegesetzes, das erstmals einen Rechtsanspruch auf ein menschenwürdiges Dasein formulierte.
3. 1969 – 1974: Dieses Kapitel analysiert den sozialpolitischen Wandel unter der sozial-liberalen Koalition, in dem erstmals verstärkt Gerechtigkeitsfragen und Umverteilungsziele diskutiert wurden.
4. 1974 – 1980: Es wird der Wendepunkt durch die Ölkrise beschrieben, die zur Massenarbeitslosigkeit führte und die ersten nennenswerten Sparmaßnahmen im Sozialstaat einleitete.
5. Die 80er Jahre: Die Analyse konzentriert sich auf die "geistig-moralische" Wende und die massive Ausbreitung der sogenannten "Neuen Armut" unter verschärften Sparbedingungen.
6. Die 90er Jahre: Das Kapitel betrachtet die Überlagerung der "neuen Armut" durch die Situation in den neuen Bundesländern sowie den fortgesetzten Verschlankungsprozess des Sozialstaates.
Thesen: Hier werden die zentralen Erkenntnisse zusammengefasst, insbesondere dass die Armutsausprägung stark konjunkturabhängig ist und wirtschaftliches Wachstum allein nicht mehr zur Armutsreduzierung ausreicht.
Schlüsselwörter
Armut, Armutspolitik, Bundesrepublik Deutschland, Sozialstaat, Sozialhilfe, Wirtschaftswachstum, Massenarbeitslosigkeit, Umverteilung, soziale Gerechtigkeit, Neue Armut, Rezession, Existenzminimum, Zwei-Drittel-Gesellschaft, Sozialversicherungen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Entwicklung der Armut und der politischen Gegenmaßnahmen in Deutschland von der Nachkriegszeit bis in die 90er Jahre und hinterfragt die Effektivität des Wirtschaftswachstums als primäres Instrument der Armutsbekämpfung.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen sind der Wandel des Sozialstaatsverständnisses, die ökonomischen Auswirkungen auf soziale Sicherungssysteme, die Wahrnehmung von Arbeitslosigkeit und die zunehmende soziale Ungleichheit in der Bundesrepublik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, dass die Annahme, wirtschaftliches Wachstum würde Armut automatisch reduzieren, historisch nicht belegt werden kann und stattdessen gezieltere Umverteilungsmaßnahmen notwendig erscheinen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine historisch-analytische Methode, um die politische Rhetorik und die gesetzgeberischen Maßnahmen der verschiedenen Regierungsperioden anhand existierender Fachliteratur und Berichte zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in chronologische Abschnitte, die die Entwicklung von den 50er Jahren bis in die 90er Jahre nachzeichnen, inklusive der jeweiligen politischen Reaktionen auf wirtschaftliche Krisen und sozialen Wandel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Armut, Sozialstaat, Wirtschaftswachstum, neue Armut, Massenarbeitslosigkeit und soziale Gerechtigkeit.
Wie veränderte sich die Bedeutung der Sozialhilfe in den 60er Jahren?
Mit dem Bundessozialhilfegesetz von 1961 wandelte sich die Sozialhilfe von einer freiwilligen Wohltat des Staates hin zu einem Rechtsanspruch, der nicht nur das Existenzminimum sichern, sondern auch die gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen sollte.
Welche spezifische Rolle spielte die Ölkrise 1974/75 für die Armutspolitik?
Die Ölkrise beendete die Phase des ungebrochenen Wachstums, markierte den Beginn der Massenarbeitslosigkeit und zwang die Politik dazu, erstmals drastische Sparmaßnahmen im sozialen Bereich einzuleiten.
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- Hans Krause (Author), 2001, Die Wiederentdeckung der Armut in der Bundesrepublik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/2947