Nicht selten hört man in Medien von Fällen häuslicher Gewalt. Wissenschaftliche Studien belegen, dass allein in Deutschland jede vierte Frau mindestens einmal in ihrem Leben von ihrem Partner sexuell oder körperlich misshandelt wurde. Die Bundesregierung stellte bereits im Jahr 1990 fest, dass Gewalt in Familien die am häufigsten ausgeübte Gewalt in unserer Gesellschaft ist.
Gerade deshalb gibt es mittlerweile mehr als 350 Frauenhäuser in Deutschland. Diese geben an, dass dort jährlich etwa 45.000 Frauen mit ihren Kindern Zuflucht suchen. Sie suchen Zuflucht vor ihren Ehemännern.
Die Polizei geht von einem großen Dunkelfeld im Bereich der häuslichen Gewalt aus, denn viele Frauen wenden sich nicht an die Polizei oder andere Hilfsorganisationen. Frauen werden in ihrem eigenen Zuhause von ihren Lebenspartnern auf massive Art und Weise unterdrückt und misshandelt. Doch selten finden die betroffenen Frauen einen Ausweg aus dieser Situation.
In den 90er Jahren kam es zu gesetzlichen Änderungen, die fortan körperliche Gewalt gegen Frauen nicht mehr als hausherrliche Gewalt behandelten, sondern künftig strafrechtlich verfolgten. Unter anderem wurde in das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung im Jahre 1997 auch die Ehe eingeschlossen. Der Gesetzgeber nahm die Vergewaltigung innerhalb der Ehe in den §177 Strafgesetzbuch auf und stellte sie der Vergewaltigung außerhalb der Ehe in einem Straftatbestand gleich.
Vor dem Hintergrund dieses Sachverhaltes stellt sich die Frage, auf welche Ursachen zurückgeführt werden kann, dass Frauen so häufig über Jahre hinweg in einer Beziehung leben können, in der sie beinahe täglich Gewalt erfahren, ohne sich aus dieser Situation zu befreien. Ebenso stellt sich die Frage, welche Phasen die Frau durchlebt, bis sie letztendlich als Opfer von häuslicher Gewalt bezeichnet werden kann. Dies soll das Thema dieser Bachelorarbeit darstellen.
Die Ergebnisse dieser Arbeit sollen dazu dienen, Polizeibeamte, andere Interessierte und ebenso Betroffene für das Handeln oder auch Nicht-Handeln dieser Frauen zu sensibilisieren. Es soll die Möglichkeit geschaffen werden die facettenreichen Gründe für ihre Situation zu verstehen und dadurch entsprechend sensibel und mit „geöffneten Augen“ den Dienst zu versehen und Signale aus dem näheren Umfeld zu erkennen, um so sachgerecht, gründlich und sensibel intervenieren zu können.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Rahmenbedingungen
3 Häusliche Gewalt
3.1 Begriffsbestimmung „Häusliche Gewalt“
3.2 Formen von häuslicher Gewalt
3.2.1 Physische Gewalt
3.2.2 Psychische Gewalt
3.2.3 Sexuelle Gewalt
3.2.4 Ökonomische Gewalt
3.2.5 Soziale Gewalt
3.3 Die Zyklustheorie der häuslichen Gewalt - Gewaltspirale
3.3.1 1. Phase - Stufe des Spannungsaufbaus
3.3.2 2. Phase - Der akute Gewaltakt
3.3.3 3. Phase - Zuwendung und reuiges, liebevolles Verhalten
4 Viktimologie
4.1 Begriffsbestimmung „Viktimologie“
4.2 Begriffsbestimmung „Opfer“
4.3 Der Prozess der Viktimisierung - Das Karrieremodell
4.3.1 Primäre Viktimisierung - Primärschäden
4.3.2 Sekundäre Viktimisierung - Sekundärschäden
4.3.3 Tertiäre Viktimisierung - Tertiärschäden
4.4 Täter-Opfer-Beziehung
5 Warum verharrt die Frau in der Opferrolle?
6 Opferschutz
6.1 §§406 d-h StPO
6.1.1 Historische Entwicklung
6.1.2 Begriffsbestimmung „Verletzter“
6.1.3 Befugnisse des Verletzten
6.1.3.1 Mitteilung an den Verletzten nach §406 d StPO
6.1.3.2 Akteneinsicht nach §406 e StPO
6.1.3.3 Beistand durch einen Anwalt nach §406 f Abs. 1 StPO
6.1.3.4 Hinzuziehung einer Vertrauensperson nach §406 f Abs. 2 StPO
6.1.3.5 Rechtsanwaltlicher Beistand des Nebenklagebefugten nach §406g StPO
6.1.4 Hinweispflicht nach §406 h StPO
7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die Dynamik häuslicher Gewalt, untersucht die Gründe für das Verharren von Frauen in der Opferrolle und bewertet die strafprozessualen Möglichkeiten des Opferschutzes als Mittel gegen sekundäre Viktimisierung.
- Strukturelle Ursachen häuslicher Gewalt
- Zyklustheorie der Gewalt nach Lenore E. Walker
- Viktimologische Aspekte und Täter-Opfer-Beziehung
- Psychologische Gründe für das Verbleiben in Gewaltbeziehungen
- Analyse der Opferschutzvorschriften (§§ 406 d-h StPO)
Auszug aus dem Buch
3.3.1 1. Phase - Stufe des Spannungsaufbaus
Der Kreislauf beginnt mit der Stufe des Spannungsaufbaus. Das Opfer erleidet zunächst verbalen Missbrauch in Form von Abwertungen, Demütigungen oder Beschimpfungen. Auch leichte körperliche Gewalt kann bereits auftreten, indem die Partnerin geschubst oder leicht geschlagen wird. Auf diese kleineren gewalttätigen Vorfälle versuchen die Frauen auf unterschiedliche Weise zu reagieren. Sie greift dabei gern auf Methoden zurück, die sich in der Vergangenheit als hilfreich erwiesen haben. Beispielsweise fürsorgliches Verhalten oder sie geht ihm aus dem Weg. Dadurch versucht sie, eine Steigerung der Wut des Mannes zu verhindern. Ihm gibt sie jedoch zu verstehen, dass sie seine Misshandlungen akzeptiert, denn immer wieder nimmt sie auf diese Weise die Schuld auf sich. Psychologen nennen diesen Verteidigungsmechanismus „Realitätsleugnung“.
Diese Realitätsleugnung lässt die Frau sich selbst nicht eingestehen, dass sie die seelischen und körperlichen Verletzungen ihres Partners eigentlich nicht akzeptieren kann. Gewissermaßen gesteht sie sich selbst nicht ein, dass sie wütend auf ihren Partner ist und glaubt selbst an die falschen Argumentationen ihres Partners. Je mehr Vorfälle durch andere Faktoren erklärt werden können, desto weniger kommt die Frau in die Situation, sich ihre eigene Wut über das Verhalten ihres Partners eingestehen zu müssen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Hinführung zum Thema häusliche Gewalt unter Darstellung der gesellschaftlichen Relevanz und persönlichen Motivation.
2 Rahmenbedingungen: Eingrenzung des Untersuchungsgegenstands auf Frauen als Opfer und Männer als Täter innerhalb heterosexueller Partnerschaften.
3 Häusliche Gewalt: Definition, Erscheinungsformen und detaillierte Darstellung der Gewaltspirale nach der Zyklustheorie.
4 Viktimologie: Theoretische Grundlagen zum Opferbegriff, zum Prozess der Viktimisierung und zur Täter-Opfer-Beziehung.
5 Warum verharrt die Frau in der Opferrolle?: Untersuchung der psychologischen, ökonomischen und sozialen Faktoren, die eine Trennung von gewalttätigen Partnern erschweren.
6 Opferschutz: Analyse der strafprozessualen Rechte für verletzte Personen (StPO) zur Vermeidung von sekundärer Viktimisierung.
7 Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse und Bestätigung der Notwendigkeit aktiven Opferschutzes.
Schlüsselwörter
Häusliche Gewalt, Viktimologie, Gewaltspirale, Opferrolle, Strafprozessordnung, Opferschutz, Sekundärviktimisierung, Gewalt gegen Frauen, Beziehungsdelikte, Täter-Opfer-Beziehung, Realitätsleugnung, erlernte Hilflosigkeit, Nebenklage, Zeugenvernehmung, StPO.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelor-Thesis grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit dem Phänomen häuslicher Gewalt gegen Frauen, analysiert die Mechanismen, die zu einer Verfestigung der Opferrolle führen, und untersucht rechtliche Möglichkeiten des Opferschutzes im Strafverfahren.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf den verschiedenen Gewaltformen, dem Gewaltzyklus (Spannungsaufbau, Gewaltakt, Versöhnung), der viktimologischen Einordnung sowie den strafrechtlichen Schutzrechten für Verletzte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, ein besseres Verständnis für das Handeln der Opfer zu schaffen, um Polizeibeamte und Außenstehende für die Situation zu sensibilisieren und die Bedeutung proaktiven Opferschutzes aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methodik wird angewandt?
Es handelt sich um eine umfangreiche Literaturarbeit, die psychologische Fachliteratur, Internetquellen, Gesetzeskommentare zur StPO sowie ausgewählte Rechtsprechungen analysiert.
Welche Inhalte stehen im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Gewaltformen und ihrer Systematik, die psychologischen Prozesse der Opferwerdung (Viktimisierung) und die praktische Analyse der §§ 406 d-h StPO.
Welche Keywords charakterisieren diese Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Häusliche Gewalt, Viktimologie, Gewaltspirale, Opferrolle, Opferschutz und Sekundärviktimisierung.
Welche Rolle spielt die "Realitätsleugnung" im Gewaltzyklus?
Die Realitätsleugnung dient den betroffenen Frauen als Verteidigungsmechanismus, um die Verletzungen ihres Partners nicht anerkennen zu müssen und die Verantwortung für das gewalttätige Verhalten teilweise bei sich selbst zu suchen.
Warum wird die Polizei in dieser Arbeit besonders adressiert?
Polizeibeamte sind oft die ersten Ansprechpartner nach einem Gewaltausbruch. Ihre Art der Vernehmung kann entscheidend dazu beitragen, eine sogenannte sekundäre Viktimisierung zu verhindern oder eben zu verschlimmern.
Warum ist das Stockholmsyndrom für diese Arbeit relevant?
Es dient als Erklärungsansatz für die paradoxe emotionale Bindung zwischen Opfer und Täter, die dazu führen kann, dass die Frau ihre eigene Lage verharmlost und Hilfe von außen sogar aktiv abwehrt.
- Arbeit zitieren
- Eric Moenning (Autor:in), 2014, Häusliche Gewalt. Wie die Frau zum Opfer wird und in dieser Rolle verharrt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294714