Hans Grimm. Ein nationaler Schriftsteller und sein Werk im Nationalsozialismus

Interpretation einer Photographie und Kommentar


Hausarbeit, 2014
20 Seiten, Note: 1,5

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Inhaltsverzeichnis

1. Das Projektseminar - Eine Einführung
1.1 Die Aufgabenstellung
1.2 Das Deutsche Literaturarchiv Marbach

2. Hans Grimm *22.3.1875 †26.9.1959
2.1 Leben und Wirken
2.2 Volk ohne Raum

3. Porträtphoto von Hans Grimm
3.1 Beschreibung
3.2 Interpretation

4. Zur Woche des deutschen Buches

5. Abschließende Bemerkungen

Quellenverzeichnis

1. Das Projektseminar - Eine Einführung

Die Funktion des Autors ist nicht erst seit Roland Barthes und Michael Foucault ein Diskussionsthema in den Literaturwissenschaften. Nein, schon lange bevor die traditionellen und die modernen Medien etwa den Geniekult um einen Goethe oder Schiller begangen, war unsere Gesellschaft eine Gesellschaft von Individuen. Von Individuen, die sich auch als Künstler und Literaten hinter weltumspannenden Texten immer noch ihrer Einzigartigkeit bewusst waren. In Foucaults Essay Was ist ein Autor ? (Qu’est-ce qu’un auteur?), dessen deutsche Ausgabe 1974 erschien, wird der Beginn der Individualgesellschaft und somit auch der unzertrennliche Zusammenhang zwischen Autor und Text im 17. / 18. Jahrhundert markiert: Der literarische Markt, die Einführung des Urheberrechtes und die rechtliche Verbindlichkeit eines Autors für einen Text (Strafbarkeit) sorgten für eine Definition der „Funktion Autor“.

Der Kult um einen Autor wie etwa Thomas Mann oder Johann Wolfgang von Goethe hält bis heute an und auch auf dem aktuellen literarischen Markt zeigen die Hülle an Autorenportäts und Kurzbiografien auf Buchrücken, Lesungen und Interviews von Schriftstellern, dass für die öffentliche Leserschaft der Text und sein Autor unmittelbar miteinander verknüpft sind. Besonders viel Aufmerksamkeit finden Bilder von Schriftstellern, privater oder beruflicher Szenen und deren Interpretationen in Biographien. Das Foto eines Autors und sein dadurch sich dem Leser offenbartes Leben sind von großem Interesse für die literarische Öffentlichkeit. Quasi als Hintergrundinformation zum Text möchte der moderne Leser mehr über den Textschaffenden erfahren und bringt sich das Werk und den Autor durch Biographien und Ausstellungen näher. Gerade um mythenumwobene Lebensläufe (Goethe) oder anziehend-abstoßende Charaktere, wie etwa Adolf Hitler (Mein Kampf) oder auch der hier vorgestellte nationalistisch gesinnte Schriftsteller und Publizist Hans Grimm, gibt es einen großen Absatzmarkt an Informationen und Einblicken in das Leben derjenigen. Das öffentliche Interesse an dem Privatleben von Künstlern ist sogar so bedeutsam, dass beispielsweise der Lebenslauf, die politische oder religiöse Gesinnung oder das öffentliche Wirken eines Autors mitunter wichtiger für die Karriere des Autors und der Rezeption seiner Texte sind, als diese selbst.

Im Folgenden soll ein Einblick zu Hans Grimm und seinem wichtigsten Werk (Volk ohne Raum) anhand der Interpretation eines Porträts von Hans Grimm auf der Woche des deutschen Buches 1935 gewährt werden.

1.1 Die Aufgabenstellung

Der Fokus des Projektseminars Beschreiben und Interpretieren von Porträtphotographien aus Schriftstellernachlässen und Verlagsarchiven lag deutlich auf der Arbeit im wissenschaftlichen Archiv und auf der Arbeit mit dessen Photokonvoluten: Private oder berufliche Fotografien von Schriftstellern, Dichtern und Literaten, Bühnen- oder Szenebilder der künstlerischen Tätigkeit eines Autors standen im Mittelpunkt. Die konkrete Aufgabenstellung bestand im Seminar darin, ein Autorenporträt nach Vorbild einer Ausstellungskonzipierung auszuwählen, zu erforschen und zu beschreiben, sowohl inhaltlich als auch von der fotogeschichtlichen Seite betrachtet und schließlich die Arbeit als Kommentar zum Foto (Essay ähnlich derer im Sammelband Meisterwerke der Fotografie von Bernd Stiegler und Felix Thürlemann, 2011) zusammen zu fassen. Die Übung hatte auch Ähnlichkeit mit Porträtierungen berühmter Autoren, wie sie beispielsweise in Zeitungsreportagen zu Geburtstag oder Todestag, in Klappentexten von Büchern oder in Kurzbiographien zu finden sind.

Die Photokonvolute, welche zur Bearbeitung für die Studentinnen zur Verfügung standen, stammen aus Autorennachlässen, Familien- oder Verlagsarchiven und befinden sich alle im Deutschen Literarturarchiv Marbach (DLA) in der Sammlung Bilder und Objekte. Nach Einführung in das Literaturarchiv, den Lesesaal, die Sammlungen und dem Einblick in den Arbeitsalltag eines Archives galt es, in eigenständiger Recherche unter fachkundigem Rat des Dozenten Dr. Michael Davidis, ein geeignetes Foto des Autoren / der Autorin auszuwählen. Berücksichtigt werden sollte bei der Wahl der fotogeschichtliche Aspekt und die inhaltliche Aussagekraft des Fotos. Hauptbereich der Recherche galt im Fall von dem hier vorgestellten Autor Hans Grimm selbstverständlich seiner Biographie und insbesondere seiner politischen und idealistischen Einstellung, welche im Hauptwerk Volk ohne Raum (1926) dargestellt wird. Die historischen und politischen Hintergründe, also der kulturgeschichtliche Aspekt nimmt somit einen großen Platz dieser Arbeit ein.

1.2 Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach a. N.

Als weltbedeutende Literaturinstitution mit einem immensen Bestand an originalen (Schrift-) Zeugnissen aus der Geistes- und Literaturgeschichte von 1750 bis heute zählt das DLA in Marbach zu einem der wichtigsten nationalen Zentren für die Sammlung, Archivierung und vor allem für die Erschließung von Literatur durch die Forschung. Die Sammlungen, welche sich etwa aus Autoren- und Verlagsnachlässen, der Quellen- und Forschungsbibliothek, sowie den Kunstgegenständen zusammensetzen, stehen jedem für die (wissenschaftliche) Arbeit zur Verfügung und werden in wechselnden, themenspezifischen Ausstellungen auch der Öffentlichkeit präsentiert.

Genauen Einblick in das Deutsche Literaturarchiv boten den Seminarteilnehmern in mehreren Tagen im Archiv Frau Diplom-Bibliothekarin Rosemarie Kutschis sowie Frau Diplom-Bibliothekarin Elke Schwandner (Erschließung und Benutzung Bilder und Objekte) und im Fotolabor Herr Chris Korner (Fotografie, Digitalisierung und Fotoaufträge). In den Photokonvoluten der Archivs befinden sich historische Fotografien (frühe Techniken ab 1840, etwa auch Daguerreotypien), klassische Fotografien (1900 bis 1980, Vintage-Prints auf Barytpapier, Abzüge von Negativ-Aufnahmen) und Zeitgenössische Fotografien (ab etwa 1989 / 1990, „Digitale Revolution“). Grundsätzlich befinden sich im Archiv Poträtphotographien aus dem privaten und dem beruflichen Umfeld, zur Lebenswirklichkeit und -umfeld (Haus, Tiere, Inventar), Fotos zur Wirkungsgeschichte der Autoren (Filmstills und Szenefotos von Theateraufführungen).

Das Deutsche Literaturarchiv Marbach katalogisiert im eigenen System (KALIAS) alle durch Kauf, Stiftung, per Vor- oder Nachlass erworbenen Bilder. Ausschlaggebend sind hierfür mitunter sowohl die Bedeutung des Autors als auch die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel. Verlage, Forscher, wissenschaftlich Arbeitende, Institute im In- und Ausland oder Museen nutzen die Nachlässe der Bildersammlungen.

2. Hans Grimm *22.3.1875 †26.9.1959

In einem Nachruf des Spiegels kurz nach dem Tode Hans Grimms 1959 heißt es: „Gewiß nirgendwo sonst, denn es kamen alljährlich seine alten Kameraden wieder zusammen, deren Bücher einst höhere Auflagen hatten als heute, deren Texte einst in die Lesebücher mußten und heute da nicht mehr stehen, hoffen wir jedenfalls, und auch keine Kern- und Morgensprüche mehr hergeben für Heimabend und Flagenhissung und zur Aufmunterung vorm Frühsport…“1 Mit „Nirgendwo sonst“ ist das Kloster Lippoldsberg gemeint, in welchem Hans Grimm seine „Lippoldsberger Dichtertage“ veranstaltete und die Anspielungen des Spiegels (Kameraden, Heimabend, Flagenhissung, Frühsport…) deuten auf die Rolle des Hans Grimm hin, die er im und für den Nationalsozialismus und noch weit darüber hinaus, inne hatte. Seine Rolle kann allerdings nicht gänzlich schwarz oder weiß dargestellt werden: So war er nach Martin Wellmann2 einer der Lieblingsautoren Hitlers und Mitglied des Präsidialrates der Reichsschrifttumskammer, trat allerdings nie der NDSDAP bei. Im Namibiana Buchdepot heißt es über ihn, er sei nationalkonservativ gewesen und hätte sich stets den eigenen Wertemaßstäben verbunden.3 Er musste sich nach einer Konfrontation mit Josef Goebbels, Hans Grimm äußerte Kritik an der nationalsozialistischen Regierung, 1938 zurückziehen. Seine Bücher wurden allerdings weiterhin verlegt. „Nach dem Krieg verteidigte Hans Grimm die nationalsozialistische Bewegung in ihren Ursprüngen in zwei seiner Publikationen…“4 Das bekannteste Werk Grimms ist Volk ohne Raum, mit welchem ihm 1926 der Durchbruch gelang: Er arbeitete von 1920 bis 1925 an diesem Werk und bekam dafür bereits in der Weimarer Republik viel Anerkennung und Befürwortung für seine Idee von mehr „Lebensraum für die Deutschen“. Der Roman um Cornelius Friebott, für den es zu wenige Möglichkeiten gibt, Land zu bewirtschaften oder seinen Beruf konkurrenzlos auszuüben, weshalb er über Umwege nach Deutsch-Südwestafrika und wieder zurück gelangt und auf Volksfesten und Versammlungen von seinen Leiden erzählt und für mehr deutschen Wohnraum propagiert, ist kompliziert im Stil und die Zusammenhänge sind teilweise nur schwer erkennbar. Die Ideologie Grimms von einem größeren, weiteren Deutschland ist der eigentliche Bestandteil der Erzählung. Die NSDAP setzte Volk ohne Raum auf die Liste der Pflichtlektüren für Schulen und stellte es 1935 auf der „Woche des Deutschen Buches“ vor, deren Schirmherr Josef Goebbels war.

2.1 Leben und Wirken

Hans Grimm wurde am 22.3.1875 in Wiesbaden geboren. Dass Hans Grimms schriftstellerisches Interesse groß war, zeigte sich früh: Er studierte in Lausanne Literaturwissenschaften, brach das Studium jedoch auf Wunsch des Vaters ab, um eine Ausbildung in London zu absolvieren und anschließend als Importkaufmann in Deutsch- Südwestafrika (heutiges Namibia) tätig zu sein. Nach über 13 Jahren als Kaufmann und selbstständiger Geschäftsmann dort gingt Grimm im Alter von 33 Jahren 1908 zurück nach Deutschland, jedoch vorerst nur für ein Jahr, um 1911 wieder weiter durch Deutsch- Südwestafrika zu reisen, als Presseberichterstatter für die Tägliche Rundschau. „Die Erfahrungen in den Kolonien prägen sein politisches Weltbild und seine Ansichten zur Kolonialpolitik des Deutschen Reichs. Er beginnt, die Lebensraumpolitik als Lösung für die sozialen und wirtschaftlichen Probleme Deutschlands zu sehen.“5 Dass die Kolonialpolitik auf Hans Grimm einen großen Einfluss hatte, liegt nicht nur an seinen eigenen Erfahrungen in Südafrika, sondern auch an der politisch nationalen Gesinnung seines Vaters, welcher auch Gründungsmitglied des Deutschen Kolonialvereins war und zudem als nationalliberaler Landtagsabgeordneter tätig war. Grimm studierte nach seiner einjährigen Arbeit als Presseberichterstatter in München und Hamburg (Kolonialinstitut) Staatswissenschaften und heiratete 1911. Im Jahr 1913 erschien sein erstes Werk, die Südafrikanischen Novellen, in welchem er von seinen Reisen und Erfahrungen in Deutsch-Südwestafrika berichtet; mit einer deutlich rassistischen Einstellung gegenüber den Einwohnern Afrikas.

Am ersten Weltkrieg ist Grimm als Frontsoldat und Dolmetscher beteiligt. Die Kriegsniederlage empfindet er, wie viele Politiker und Intellektuelle, als Schande. Insbesondere der Verlust der deutschen Kolonien. 1918 veröffentlicht er Der Ölsucher von Duala, eine Darstellung deutscher Frauen und Männer in Afrika, in Auftrag gegeben vom Reichskolonialamt. Wie Südafrikanische Novellen basiert auch dieses Buch auf den subjektiven Erfahrungen Hans Grimms in der Kolonie. Nach Kriegsende kauft Hans Grimm das Herrenhaus des aufgelösten Klosters zu Lippoldsberg an der Weser und arbeitet dort als Schriftsteller, bis ihm schließlich 1926 mit Volk ohne Raum der literarische Durchbruch gelingt. Auch in diesem Buch schlägt sich wieder das Denken des Hans Grimm nieder: Eine elitäre und national denkende Gesellschaftsschicht, welche konservativ und antiliberal ihren Vorteil durchzusetzen versucht. Verkörpert wird diese Schicht in Volk ohne Raum durch die Figur des Cornelius Friebott. Eigentlich „von Geburt an“ zu höherem bestimmt und durch die Zugehörigkeit zu einem gotterlesenen Volk „privilegiert“, hat der Protagonist keinen Platz für sich, um sich beruflich oder landwirtschaftlich zu verwirklichen. Er begibt sich auf eine Odyssee, unter anderem nach Deutsch-Südwestafrika und propagiert bis zu seinem Tode für mehr Lebensraum für sein (deutsches) Volk. Hier werden bereits einige Parallelen zwischen Cornelius Friebott und Hans Grimm deutlich und wie auch in seinen vorhergehenden Werken zieht Hans Grimm aus eigenen Erfahrungen Schlüsse für die gesamtpolitische Bevölkerung. Sein Roman findet bereits vor dem Nationalsozialismus, in der Weimarer Republik, viel Gehör und seine Thesen vom dringend benötigten Lebensraum für Deutschland durch die Kolonialpolitik treffen den Nerv der Zeit. Die Blut-und-Boden-Ideologie der NS-Zeit, welche agrar-, wirtschafts- und rassepolitische Abhängigkeiten propagierte, also davon ausging, dass bestimmte „Völker“ gewisse Anrechte auf Raum hätten, griff den Titel des Romans Volk ohne Raum als Schlagwort für die Expandierungspläne Hitlers gen Osten auf.

Grimm erhält 1927 den Ehrendoktor der Universität Göttingen, 1932 den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt und nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten, 1933, wird Grimm Mitglied im Präsidialrat der Reichsschriftumskammer und Senator der Peußischen Akademie der Künste. Grimm tritt nicht der NSDAP bei, wird allerdings von den Nationalsozialisten in die Reihe der Gottbegnadeten Literaten (1944) aufgenommen und er selbst sieht im NS- Regime die Möglichkeit, seine nationalen Ideen, allen voran die des Kolonialismus, durchsetzen zu können. „In der Zeit von 1934-1939 veranstaltete Grimm jährlich im Frühsommer seine populären Lippoldsberger Dichtertage. In seinem Klosterhof versammelte er, zur Pflege der völkischen Dichtung, national-konservative Schriftsteller um sich.“6 In dieser Zeit wird er auch auf der Woche des Deutschen Buches vorgestellt. 1938 erfolgt jedoch seine Entlassung aus der Reichsschriftumskammer aufgrund von politischen und ideologischen Differenzen. Grimm kritisierte einige Pläne der NS-Politik und wurde sogar 1938 von Joseph Goebbels bedroht, sodass sich Hans Grimm vom öffentlich-politischen ins Privatleben zurückzog. Er wechselt zum C. Bertelsmann Verlag, welcher viele seiner alten Kolonialtexte veröffentlicht, allerdings weniger die politischen Schriften. Nach Kriegsende antwortet er 1950 auf die vierseitige Anklageschrift des Erzbischofs von Canterbury von 1945 mit seinem Buch Die Erzbischofschrift. Antwort eines Deutschen. In diesem Werk verteidigt er den Nationalsozialismus und bezeichnet diesen als Notwendigkeit gegen den Verfall der europäischen Kultur und gegen den Bolschewismus. Des Weiteren will Grimm in seiner Antwort die Kriegsschuld auf die Siegermächte abwälzen, beziehungsweise sieht bei ihnen die Schuld für die Eskalation des Krieges. „Er wage zu behaupten', schrieb Grimm an den Erzbischof von Canterburry, ,daß der Nationalsozialismus anfangs auf der Seite der Auslese gestanden‘ habe und daß alles erst schlimm geworden sei, 'als Hitler - in die Enge getrieben - die Masse zur politischen Hilfe an sich heranzog.“7

Hans Grimm gründet 1951 seinen eigenen Verlag in welchem er insbesondere autobiographische Schriften veröffentlicht. So verteidigt er in Warum, woher, aber wohin? (1954) etwa Hitler. Kurz zuvor lässt er sich 1953 als parteiloser Kandidat der Deutschen Reichspartei für die Bundestagswahlen aufstellen. Allerdings scheitert die neonazistische Partei, deren Mitglieder teilweise ehemalige NSDAP-Mitglieder und Angehörige der Wehrmacht waren, an der Fünf-Prozent-Hürde.

Am 27.9.1959 stirbt Hans Grimm in Lippoldsberg an der Weser. Bis zu seinem Tode veröffentlicht er Bücher in seinem eigenen Verlag, etwa Leben in Erwartung. Meine Jugend (1954), Gedichte vielerlei Herkunft, als irdische Losungen für werktätige Menschen (1957) oder Mordenaars Graf (1958).

2.2 Volk ohne Raum (Roman) 1926

Volk ohne Raum erschien innerhalb des Jahres 1926 in zwei Bänden und einer zweibändigen Gesamtausgabe im Albert Langen Verlag mit einer Gesamtauflage von 430.000. Im Vergleich zu den anderen auflagenstarken Büchern von Hans Grimm wie etwa dem Auftragswerk des damaligen Reichskolonialamtes Der Ölsucher von Duala (75 Tsd.) oder den Südafrikanischen Novellen (25 Tsd.) ist die Auflage des damals erfolgreichen Romans beachtlich (zumal man auch die Tatsache bedenken muss, dass die Bevölkerungszahlen Deutschlands sich Ende der 20er Jahre auf gerade einmal etwa 68 Millionen belaufen). Der Roman ist eines der meistverkauften Bücher in der Weimarer Republik und 1932 erscheint der Extrakt Der Zug des Hauptmanns von Erckert als eigenständiges Büchlein, welches von den Nationalsozialisten zur Schulpflichtlektüre bestimmt wird. Hierzu schreibt der Spiegel 1959: „Nein, die Abiturienten des Jahres 1959 müssen nicht mehr in steifem Sütterlin nachweisen, daß der Zug des Hauptmanns Friedrich von Erckert gegen die Hottentotten im Jahre 1908 eine deutsche Notwendigkeit gewesen sei […] damit nämlich die Deutschen herauskönnten aus der Enge und der ,Gedrängtheit, wo jeder dem andern zornig und zankend auf den Teller sieht und wo reinliche Abenteurer Schurken wurden' “.8

Die Quintessenz an Aussage in diesem Roman findet sich bereits im Titel dessen. „Woher kommst du? - Wir sind von dem Volke, das eingeschnürt sitzt zwischen Wasgen- und Böhmerwald, zwischen einer kurzen Ecke Nordsee und zwischen einer Ostseelänge und Russland…“9 Deutschland ist zu eng und zu klein, durch das Erbrecht und die Teilungen werden die Bauernhöfe immer kleiner und reichen kaum noch zur Ernährung; durch den wenigen Platz gibt es Streit („Na, Melsenchen, gehst du ganz alleine spazieren und guckst dir an, wie gesegnet unsere Heimat ist ?! Nur nicht genug Platz ist darin, nur nicht genug Platz…“10, sagt Görge Friebott, der Vater der Hauptfigur im Roman). Hans Grimm trifft mit seiner Aussage, welche durch eine gigantische Erzählung rund um den Bauersjungen Cornelius Friebott und seinem tristen Lebensweg geschmückt wird, auf den Nerv der Weimarer Republik. Mitunter ein Grund für seine Verkaufszahlen und den Erfolg des Romans ist der Zeitgeist, der sich in ihm wiederspiegelt: Die Deutschen, das betrogene Volk, welches durch den Versailler Vertrag Ländereien abgeben musste und nun an seiner Enge erstickt und den Kindern keine Zukunft auf einem Hof, sondern lediglich in einer Fabrik, als Lohnarbeiter, bieten kann.

So wie Hans Grimm erleben viele die Schmach des ersten Weltkrieges als Ungerechtigkeit und wie etwa Bernhard von Bülow (Reichskanzler des Deutschen Kaiserreiches 1900-1909) sind viele der Meinung: „Mit einem Worte: Wir wollen Niemanden in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.“11.

Der Entwicklungsroman um Cornelius Friebott, welcher im selben Jahr wie der Autor geboren wird und auch in der gleichen Gegend (Lippoldsberg an der Weser) lebt, zeichnet mit seinem Elend und seinen wenigen Chancen, welche Cornelius Friebotts Weg begleiten, die Not eines ganzen Volkes an einer einzigen Figur nach und verweist immer wieder auf die eigentlichen Probleme des Protagonisten (Enge, wenig agrarwirtschaftlicher Raum, Knappheit von Wald und Jagdmöglichkeiten, später Probleme im Ausland zu leben).

„Volk ohne Raum ist zugleich der Titel und das Argument des Romans. Denn der riesige erzählerische Aufwand, den Grimm betreibt, dient Seite für Seite dem Durchspielen seiner Behauptung, bei den Deutschen handele es sich um ein Volk, das ,nicht so viel Bauernland hat, als es zu seiner Wirtschaft braucht' “12. Immer wieder wird betont, worin die Lösung für alle innerdeutschen Probleme der Zeit besteht: Im Kolonialismus. So wird bereits am Schutzumschlag der gelben, ungekürzten Ausgabe in einem Band visuell dargestellt, wie (Vorderseite) Menschen in Massen in eine rauchende, graue Fabrikstadt strömen, wie (Buchrücken) ein adonischer Mann sich nackt streckt und nach oben greift und wie (Rückseite) ein Mann mit Hut, Gewehr und Pferd in ewige Weiten einer Steppe in der Abendsonne blickt - also Platz und Acker in Hülle und Fülle bestaunt. Der Entwicklungsroman also, in welchem der Protagonist hauptsächlich reist und sucht, nach einem Platz auf dieser Welt für sich selbst, da er schon keinen guten Beruf erlernen konnte (Pfarrer oder Lehrer) aufgrund von Geldmangel, da er auch kein Bauer mit eigenem Land werden konnte, aufgrund von Platzmangel, ist so konzipiert, dass er die Probleme, die der Autor Hans Grimm für Deutschland sieht, auf Cornelius Friebott projiziert, zugleich aber auch eine Lösung mit den afrikanischen Kolonien aufzeigt. Wenn auch Friebott selbst kein glückliches Ende gelingt, da er zwar in Deutsch-Südwestafrika nach allen Irrungen und Wirrungen Farmer wird, allerdings auch von dort nach dem 1. Weltkrieg wieder vertrieben wird, so sind sich Protagonist (zurück in Deutschland als öffentlicher Prediger) und Autor doch einig, dass die Befreiung der Kolonien, eine Enteignung gewesen sei und es ohne diesen zusätzlichen Platz nicht gehe, ja, die Nicht-Zurückgabe der Kolonien sogar, wie im Fall Cornelius Friebott, schließlich zum Tode führen werden (durch einen „Roten“, den Bolschewismus).

Interessant am Roman ist dessen Aufteilung in vier Kapitel: Heimat und Enge heißt das erste Kapitel und propagiert quasi die Grundproblematik. Im zweiten Teil Fremder Raum und Irrgang wird die Möglichkeit behandelt, (aus Deutschland) auszuwandern. Cornelius Friebott reist in das Industriegebiet an der Ruhr und in die holländischen Kolonien Südafrikas und erlebt dort nur, dass er in der Fremde kein Glück hat und sich nicht (mehr) ansiedeln kann. Auch ein Gespräch zu Beginn des Buches zwischen der Mutter Anne Friebott und ihrem Bruder erklärt dem Leser mit nationaler Einstellung, weshalb die Auswanderung aus Deutschland keine Alternative zum Kolonialismus darstellt: „…Sie schüttete ihm im Auf und Ab des Schaffens ihr ganzes Herz aus. Förster Dilling erwiderte: ,Oja, Anne, ich kann bei Görgen nichts Verkehrtes entdecken. Ihr beide mit eurem Bienenfleiße, ihr hättet man höchstens nach Amerika gehen sollen, wo der Fleiß besser bezahlt wird, und wo sich mehr Gelegenheiten finden, und wo der ganze Spielraum nicht schon ausgemessen ist.' Anne Friebott sagte ärgerlich: ,Bist du gescheit? Nach Amerika? Das ist nicht einmal deutsch!' “.13 Bezeichnend und die Forderung von von Bülow und vieler anderer zusammenfassend ist auch der letzte Teil des Romans, Das Volk ohne Raum. Durch den hinzugefügten Artikel wird die Exklusivstellung Deutschlands in den Augen des Autors sichtbar: Deutschland, als einziges Volk ohne Raum. Der Artikel und die Stellung Deutschlands zeugen von dem Unmut über die geographischen Grenzen Deutschlands nach dem 1. Weltkrieg, welcher so fest in den Köpfen vieler Intellektueller und Politiker verankert war, weshalb auch erklärbar ist, wieso es den Nationalsozialisten so bedeutend war und wie eine deutsche Notwendigkeit vorkam, sich Lebensraum im Osten zu erschließen, besser gesagt ihn an sich zu reißen.

Volk ohne Raum spiegelt in gewissem Sinne also den Zeitgeist wider, aber auch Hans Grimm selbst. So wird beispielsweise deutlich, wie wenig Wissenschaftliches, dafür umso mehr Subjektives und Erlebtes (gerade aus seiner Zeit in London und Deutsch- Südwestafrika) sich in seinen Werken findet, was den Nazis allerdings nur recht gewesen war. Demagogisch und teilweise angstschürend (drohende Todesangst bei zu wenig Entfaltungsmöglichkeiten) zeigt Hans Grimm immer wieder auf, weshalb Deutschland mehr Platz brauche. Eine Charakterisierung Grimms anhand von seinem Roman ist sicherlich auch in der Hinsicht möglich, als dass er wohl nie Mitglied der NSDAP war und auch einige Auswüchse des Nationalsozialismus zu kritisieren hatte, dass er selbst aber als Paradebeispiel für die Vorkriegsstimmung, welche bereits nach dem ersten Weltkrieg einsetzte, dienen kann. Wie er waren unzählige Menschen dieser Zeit rassistisch und antisemitisch eingestellt und davon überzeugt, dass Deutschland eine Vormachtstellung in der Welt von Natur aus zustehe. Dies erklärt mitunter zu einem kleinen Teil den heutigen Nachfahren die Frage, wie es „zu so etwas kommen konnte“.

3. Porträtfoto von Hans Grimm

Abb. 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Sammlung Bilder und Objekte des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, (übergeben von seiner Tochter Holle Grimm).

3.1 Beschreibung

Das Foto entstammt der Sammlung Bilder und Objekte des Deutschen Literaturarchivs in Marbach und ist Teil des privaten Nachlasses von Hans Grimm (übergeben von seiner Tochter Holle Grimm). Das Bild im Standardmaß 10cm auf 15cm (sogenannte Weltpostkarte) stammt aufgrund des Alters selbstverständlich von einer Analogkamera und besitzt einen weißen Rand von 0,5mm Breite. Die Rückseite ist aus Papier und wurde vom Entwickler (Agfa) mit den üblichen Postkartenlinien bedruckt (Teilstrich in der Mitte, vier Linien rechts). Zu sehen sind in der rechten Bildmitte Hans Grimm, welcher seitlich zum Fotografen zugewandt sitzt und xxx. Beide sitzen (xxx beugt sich eventuell auch nur mit dem Oberkörper über den Tisch, steht aber) an einem Tisch mit Fransentischdecke, welcher mit diversen ausgelegten Büchern, einem Porträtphoto, weißen Blumen geschmückt ist. Im Hintergrund des Tisches erkennt man ein Banner und ein horizontales Plakat. Die Szene befindet sich einem geschlossenen Raum, im Hintergrund erkennt man Glastüren oder Fenster. Der Fotograf ist unbekannt / ohne Kennzeichnung.

Bei genauer Personenbetrachtung Hans Grimms kann festgestellt werden, dass er in einem schwarzen Jackett mit Einstecktuch und Krawatte, einer hellen (möglicherweise grauen) Hose gekleidet ist. Er trägt seine charakteristische Brille mit Rundgläsern, Schnauzbart und Seitenscheitel; die Haare sind akkurat geschnitten / rasiert und gegelt beziehungsweise mit Wachs behandelt. Xxx trägt ein hell und dunkel gemustertes Jackett, darunter ein weißes Hemd und eine Armbanduhr links; seine Haare sind durch Wachs oder Pomenade zurückgehalten. Beide Personen blättern im Inhaltsverzeichnis eines aufgeschlagenen Taschenbuches mit Leineneinband und Schutzumschlag. Hans Grimm hält den linken Teil des Buches mit seiner rechten Hand nach unten und xxx zeigt mit dem linken Digitus deutlich auf eine Zeile im unteren Drittel; Hans Grimm folgt ihm mit seinem Blick. Auf dem Tisch erkennt man etwa 20 Bücher, welche präsentiert werden, darunter deutlich erkennbar die einbändige ungekürzte Ausgabe von Volk ohne Raum mit gelbem Schutzumschlag (linke untere Ecke). Herausstechend im linken Bildrand sind auch das Porträtphoto von Adolf Hitler im klassischen Anzug, sowie die Auslage seines Buches Mein Kampf. Weiter zu erkennende Bücher sind: Die letzten Reiter von Edwin Erich Dwinger (1935) und Durchbruch der sozialen Ehre von Robert Ley (1935). Zwischen den drei weißen Geranien und xxx befindet sich ein Banner mit der sichtbaren Aufschrift „Woche des Deutschen…“. Auf dem Plakat darüber sind ein aufgeschlagenes Buch und ein Schwert zu sehen, darunter ein Spruch, welcher von xxx verdeckt wird: „ein Schwert des G…“.

3.2 Interpretation

Auffallend ist die unnatürliche Lesehaltung Hans Grimms und xxx: Direkt zum Fotografen hin ausgerichtet lesen beide mit einer überdeutlichen Gestik. Dass das Foto (vermutlich) als Werbung für die Zeitung gestellt wurde ist wahrscheinlich. Dem widerspricht eventuell lediglich die gefurchte Stirn und der geöffnete Mund xxx, so, als würde er sich mit Grimm gerade unterhalten. Allerdings zeigt die Präsentation der Bilder, in Kombination mit Führerporträt, Blumen und dem Plakat, dass es sich wohl um eine Bildkomposition handelt, das Foto also vermutlich für Werbezwecke gestellt ist. Auch wirkt die Haltung Hans Grimms wenig interessiert, seine Schultern hängen herab, er beugt sich nicht über das Buch. Ob er also den genauen Inhalt erkennen kann (zumal er an einer starken Sehschwäche litt) ist fraglich. Xxx dagegen scheint sehr interessiert zu sein, er furcht sogar die Stirn und beugt sich weit über den Tisch.

Das Buch ein Schwert des Geistes lautet der vollständige Text auf dem Plakat, abgebildet sind ein aufgeschlagenes Buch und dahinter ein Schwert. Dies ist seit 1935 das Leitmotto der Woche des Deutschen Buches (1934-1942, außer Kriegsbeginn 1939), welche von den Nationalsozialisten ins Leben gerufen wurde, um mehr „Kultur“ zu propagieren und vor allem diese gleichzuschalten, beziehungsweise zu steuern. „Die Nationalsozialisten riefen 1934 die „Woche des deutschen Buches“ ins Leben. Sie diente als propagandistische Maßnahme. Das Buch „Mein Kampf“ sollte zum Inbegriff des „deutschen Buches“ werden. Schon zuvor verschwanden unzählige literaturgeschichtliche Klassiker aus den Bibliotheken und Büchereien. Die Bücher jüdischer und liberaler Autoren landeten öffentlich im Feuer.“14 Vorgestellt wurden hauptsächlich Werke, welche dem Weltbild der nationalsozialistischen Regierung entsprachen oder diese rechtfertigten. So sind etwa die identifizierten Bücher Mein Kampf von Adolf Hitler oder Die letzten Reiter von Edwin Erich Dwinger und Durchbruch der sozialen Ehre von Robert Ley alle antisemitisch, antikommunistisch, faschistischer und nationalistischer Natur und somit quasi „regelkonform“. Die ebenfalls ausliegende, extra für die zweite Buchwoche konzipierte Festschrift Buch und Volk, welche die besten 600 deutschen Bücher listet15 und die Tatsache, dass beide zuvorderst benannten Werke 1935 erschienen und auch das Leitmotto „Das Buch, ein Schwert des Geistes“ erstmals 1935 auftaucht, lässt dieses Foto mit hoher Wahrscheinlichkeit auf den Zeitraum der Woche des Deutschen Buches vom 27. Oktober bis zum 3. November 1935 in Weimar datieren. Dafür sprechen auch die Erscheinungsdaten der Bücher, quasi der damals aktuellen „Bestseller“.

Auffallend ist, dass Hans Grimms Volk ohne Raum auch ausgestellt ist, obwohl es zum damaligen Zeitpunkt bereits fast 10 Jahre lang bereits auf dem Buchmarkt zu erhalten ist. Dies veranschaulicht die Position des Hans Grimms als Autor für die NS-Zeit, besonders für die Frühe Zeit vor dem zweiten Weltkrieg und ist auch ein weiterer Beleg für die in ihrem Kern propagandistische Idee der Woche des Deutschen Buches. Die NS-Buchwoche stellte keine Neuheiten aus oder versuchte etwa, ein möglichst breites Interessensspektrum abzudecken, sondern sie war lediglich ein Werbemittel für NS-Gedankengut. Im folgenden Abschnitt über Die Woche des Deutschen Buches gibt es weitere Erläuterungen, auch im Zusammenhang mit Hans Grimm.

4. Zur Woche des Deutschen Buches

Dass Hans Grimm an der Woche des Deutschen Buches 1935 teilnahm, obwohl er im selben Jahr aufgrund von Unstimmigkeiten aus dem Präsidialrat der Reichsschrifttumskammer entlassen wurde zeigt, dass er zum Zeitpunkt der NS-Buchwoche ein wichtiger Repräsentant des „Deutschen Buches“ war: Er war in den Jahren zuvor zum Ehrendoktor der Universität Göttingen ernannt worden, bekam 1932 den Goethe-Preis verliehen und war aufgrund seines Romans Volk ohne Raum einer der der ideologiekonformsten Autoren für die Nationalsozialisten.

Die Woche des Deutschen Buches wurde seit 1934 veranstaltet, ihr Schirmherr war Joseph Goebbels, welcher mitunter als Leiter der Reichskulturkammer fungierte und mit dieser Position sein Amt als Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda verknüpfte. „Die Nationalsozialisten nutzten den Ort Weimar und mit ihm die Klassiker Goethe, Schiller, Herder und Wieland, um eine rassenideologisch aufgeladene ,deutsche' Literatur zu präsentieren - im Zentrum: ,Mein Kampf' von Adolf Hitler.“16 Die Woche wurde im ganzen Land vor allem durch Parallelveranstaltungen verbreitet, so schreibt etwa Ottmar Plöckinger, dass 1935 eine Düsseldorfer Leihbücherei ihre Buchwoche unter das Motto „Meilensteine deutschen Schrifttums“ stellte: Die Edda und das Nibelungenlied, Die Bibelübersetzung Martin Luthers, Hans J. C. von Grimmelshausens Abentheuerlicher Simplizissimus Teutsch, Nietzsche (Zarathustra), Goethe (Faust), Alfred Rosenbergs peusodwissenschaftlicher Bericht über den Rassemenschen, Mythus des 20. Jahrhunderts und schließlich Volk ohne Raum von Hans Grimm.17 Für die Buchwoche gab es einen vorgefertigten Plan für die regionalen und örtlichen Ausschüsse.

Ob das Foto auf der Weimarer Woche oder auf einer Parallelveranstaltung, etwa in einer kleinen Bibliothek in der Nähe von Hans Grimms Wohnortes Lippoldsberg, aufgenommen wurde, ist mir nicht bekannt. Hinweise oder Messeberichte mit Teilnehmerlisten von Autoren, Werken und Orten der Parallelveranstaltungen konnte ich nicht finden. Da allerdings im Nachlass Hans Grimms keinerlei Einladung nach Weimar 1935 vorliegt und die Tatsache besteht, dass er 1935 aus dem Präsidialrat der Reichsschrifttumskammer entlassen wurde, könnte es gut möglich sein, dass das Foto lediglich in einer Regionalzeitung für eine Leihbücherei oder gar in einer Schule (im Nachlass von Hans Grimm finden sich sehr viele Porträts mit Schülern und Schulklassen) aufgenommen wurde. Dafür spricht die doch etwas dürftige Präsentation für eine groß angelegte, öffentliche Messe in Weimar, also das kleine Porträt Hitlers und die (wie im Privathaushalt gebräuchliche) Tischdecke auf dem insgesamt auch eher kleinen Büchertisch. Auch gibt es im Nachlass von Hans Grimm keine weiteren Fotos von der Urveranstaltung der Woche des Deutschen Buches in Weimar. Diese These von der auf der Szene zu sehenden Parallelveranstaltung in der Nähe von Lippoldsberg stützt auch Prof. Dr. Reinhard Wittmann, Professor für Buchwissenschaften an der Ludwig- Maximilians-Universität München und Experte für den deutschen Buchhandel.

5. Abschließende Bemerkungen

Zum Abschluss dieser Arbeit möchte ich eine Reflektion der Erkenntnisse der Archivarbeit und der Erarbeitung der Biographie eines Autors anhand seines Nachlasses und Recherchen geben. Die Einblicke und die stückweite Einarbeitung in die Archivarbeit eines Literaturarchivs ist gerade für Studenten der Germanistik im Hinblick auf die beruflichen Möglichkeiten besonders wichtig und dass die Universität dies durch Dr. Davidis als Gastdozenten ermöglicht, ist ein großer Zugewinn für die Praxis-Seite eines theoretischen Studiums.

Zu meinem zu untersuchenden Autor, Hans Grimm, kann ich nach Abschluss der Arbeiten sagen, dass mich die Arbeit und die damit verbundene Auseinandersetzung mit der NS-Zeit dem Thema sehr nahe gebracht hat, insbesondere auf einer objektiven und transparenten Ebene. Als dritte oder vierte Generation fehlt oft der objektive oder sachliche Blick auf diese Zeit der deutschen Geschichte. Die nach 1945 verbotene Literatur der NS-Zeit ist mir, trotz des Germanistikstudiums, beispielweise gänzlich unbekannt, was ich insofern bedenklich finde, als dass eine Auseinandersetzung mit der Historie stets vollständig und möglichst sachlich erfolgen sollte. Beispielsweise könnten kritische Lehrveranstaltungen in Schulen oder Universitäten mit der Literatur des Nationalsozialismus zu einer kritischeren Haltung gegenüber rechten oder nationalen Demagogen beitragen, siehe aktuell AfD, Front National oder PEGIDA. Aufklärung nach Kant bedeutet für mich, sich auch mit menschenfeindlichem, antidemokratischem, rassistischem und faschistischem Gedankengut auseinanderzusetzen, um den historischen Kontext beispielsweise nachvollziehen zu können und um eben solchen Schriften nicht die Möglichkeit zu bieten, in neuem Gewand alte Hetze treiben zu können. „Wir vergessen nicht“ - aber dazu gehört eben auch die vollständige Aufarbeitung und nicht das Verbot und die Entsorgung von NS-Literatur. Verständlich ist jedoch, dass direkte Nachkriegsgenerationen aufgrund negativer Gefühle bis hin zu Hass diese Aufgabe nicht übernehmen konnten. Mir persönlich hat die Auseinandersetzung mit etwa Volk ohne Raum die Gedankenwelt der Nationalsozialisten näher gebracht und eine kritische Auseinandersetzung mit dieser ermöglicht. Die Tatsache, dass junge und gebildete Menschen in Deutschland die Propagandamaschinerie der Nationalsozialisten nicht oder kaum kennen und das Verbot dieser, beziehungsweise der Mantel des Schweigens und Vergessens, welcher diese umgibt, weiter besteht, sehe ich persönlich als Gefahr, auf eben rechtes Gedankengut „herein zu fallen“.

Quellenverzeichnis:

Anonym: LEMO. Biografie Hans Grimm 1875 - 1959. Unter:

https://www.dhm.de/lemo/Biografie/hans-grimm [Stand: 29.01.2015]

Anonym: Nachruf: Hans Grimm. 22.III.1875 - 26. IX.1959. In: Der Spiegel 41/1959.

07.10.1959

Anonym: Who is who. Autoren. Hans Grimm. In: Namibiana Buchdepot. 2013. Unter:

http://www.namibiana.de/namibia-information/who-is-who/autoren/infos-zur-person/hans- grimm.html [Stand: 31.01.2015]

Gaida, Oliver: Zur historischen Orientierung. „Die Woche des deutschen Buches“. In: Pressechronik 1933. In: Deutsches Pressemuseum im Ullsteinhaus e.V. Unter:

http://pressechronik1933.dpmu.de/zur-historischen-orientierung-die-woche-des-deutschen- buches/ [Stand: 02.02.2015]

Grimm, Hans: Volk ohne Raum. München 1926

Kreutzer, Leo: Deutsche Heimat und afrikanische Wahlheimat in Hans Grimms Roman Volk ohne Raum. Zur Dekolonialisierung eines „Kolonialismus ohne Kolonien“. 2007

Plöckinger, Othmar: Geschichte eines Buches: Adolf Hitlers „Mein Kampf“ 1922-1945. 2006

Stenzel, Burkhard: „Buch und Schwert“. Die „Woche des deutschen Buches“ in Weimar

(1934-1942). Anmerkungen zur NS-Literaturpolitik. In: Hier, hier ist Deutschland… Von

nationalen Kulturkonzepten zur nationalsozialistischen Kulturpolitik. Hrsg. von Ursula Härtel, Burkhard Stenzel und Justus H. Ulbricht. Im Auftrag der Gedenkstätte Buchenwald und der Stiftung Weimarer Klassik. 1997

Wellmann, Martin: Hans Grimm. 22.3.1875 - 27.9.1959. 2004. Unter: http://www.polunbi.de/pers/grimm-01.html [Stand: 31.01.2015]

[...]


1 Spiegel (1959)

2 Wellmann (2004)

3 Namibiana Buchdepot (2013)

4 Ebenda

5 Lemo

6 Wellmann

7 Spiegel (1995)

8 Spiegel (1959)

9 VOR. S. 666

10 VOR S. 97

11 Äußerung von Bernhard von Bülow (1849-1929) in einer Reichstagsdebatte am 6. Dezember 1897 im Zusammenhang mit der deutschen Kolonialpolitik

12 Kreutzer (2007). S. 6

13 VOR S. 82

14 Gaida

15 Stenzel (1997) S. 96

16 Gaida

17 Plöckinger (2006) S. 418

20 von 20 Seiten

Details

Titel
Hans Grimm. Ein nationaler Schriftsteller und sein Werk im Nationalsozialismus
Untertitel
Interpretation einer Photographie und Kommentar
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)  (Germanistik)
Note
1,5
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V294829
ISBN (Buch)
9783656931461
Dateigröße
1216 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hans Grimm, Nationalsozialismus, Woche des Deutschen Buches, NS-Literatur, Volk ohne Raum, Blut und Boden Literatur, demagogische Literatur, Nazi Literatur, Porträtphotographie, Porträtfotos Interpretieren
Arbeit zitieren
Vanessa Hindinger (Autor), 2014, Hans Grimm. Ein nationaler Schriftsteller und sein Werk im Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294829

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