Das Internet als sinnstiftendes Medium


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

16 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

0. Vorbemerkung

1. Das Dilemma der modernen Medien

2. Medialität des Menschen

3. Prägungen zum Sein

4. Sinnstiftung oder Sinnvermittlung oder Sinn(zer)störung
4.1 Was heißt „stiften“?
4.2 Was verbirgt sich hinter „Sinn“?
4.3 Sinnverlust durch Illusionsstörung im Text
4.4 Sinnverlust durch Info-Flut

5. Verwendete Literatur:
5.1 Primärliteratur:
5.2 Sekundärliteratur:

0. Vorbemerkung

Meine Ausgangsfrage war eigentlich, warum es Sinn macht Medien auf ihren ethischen Gehalt zu prüfen und damit zur Grundlegung einer Internetethik beizutragen. Mein Antwortversuch lautet in etwa: Medien, so auch das Internet, müssten ethisch beleuchtet werden, weil sie Sinn stiftende Instanzen seien und (von der Ethik zu untersuchendes) Handeln überhaupt nur dort möglich ist, wo der Mensch noch nicht unter Wirklichkeitsverlust leidet. Da aber moderne Medien zunehmend undurchschaubarer würden, sei ein Mangel an Handlungskompetenz zu befürchten, weil Realitäts- und damit Handlungsverlust folgen, wo der Mensch, ohne Virtualität noch als solche wahrzunehmen, in einer unverstandenen, ungeordneten Scheinwelt lebt. Da aber alle Wirklichkeit (also Welterfahrung) vermittelte ist – durch Sprache, Symbole und andere Medien – stehen wir vor die Frage, inwiefern sich zwischen real vermittelte und virtuell vermittelte Welt differenzieren lässt und folglich von uns unterschiedliche Herausforderungen an Anthropologie und Ethik gestellt werden müssen.

Meine Arbeit kann dieser Aufgabe unmöglich gerecht werden. Die Auseinandersetzung mit den Grundlagen einer Thematik (in diesem Fall Internetethik) führt schnell zu einer Explosion an Fragen und zu Überforderung der Antwortsuchenden. Daher habe ich mich nun doch auf die Frage beschränkt, inwiefern sich vom Internet als Sinn stiftende Instanzen sprechen lässt.

1. Das Dilemma der modernen Medien

Die Selbstbeschreibung der Medien betont immer wieder ihre Instrumentalität, Ökonomie und Effizienz. Es entsteht der Eindruck, dass Medien moralische Helfer sind, um die mühselig erworbene, fragile Menschenvernunft zum neuen Glück aufzurüsten. Zugleich aber gilt der Diskurs, Medien würden das Chaos schaffen, dessen Behebung sie versprechen. Das Internet zum Beispiel sprudelt unablässig Informationen und hinterlässt doch Unwissende. Diese Ambivalenz der Medien ist nicht bloß durch die Erziehung des Menschen zum besseren Umgang mit den Medien aufzulösen. Die an ein Massenmedium (wie Fernsehen oder Internet) von außen herangetragenen pädagogischen und politischen Funktionsprofile scheitern nur zu oft. Auch in digital erweiterten Medienzusammenhängen, vor allem auch im Internet, scheinen Forderungen nach Ethik oder Aufklärung schwer einklagbar, denn im Umbruch der Massenmedien von Sender-Empfänger-Komplexen mit einer Vielzahl von mehr oder weniger autonomen Nutzern gibt es kein inhaltliches Apriori. Nacheilende Programmkonzeptionen sind so wertvoll wie Parteiprogramme: Sie können befolgt oder verlassen werden, garantiert ist nur, dass keine Garantie besteht.

„Für manche gilt, wenn ich gesehen werde, bin ich – videor ergo sum. Die anderen reduzieren ihren Lebenssinn darauf, bewegte Bilder in sich aufzunehmen und sich durch Fernsehen, Internet oder Video unterhalten zu lassen. Sie folgen dem Sinnmuster: Video ergo sum. Gegenüber beiden Formen der medialen Sinnproduktion muss man sagen: Es ist für die Medien unmöglich, Sinn zu stiften. Sie leisten Großes, wenn sie solche Sinnstiftung darstellen oder zu ihr hinführen. Aber Sinnstiftung hat es mit dem Unverfügbaren zu tun, mit dem Transzendenzbezug menschlichen Lebens, mit der Gottesfrage. Der Sinn menschlichen Lebens hängt daran, dass der Mensch im Vorhandenen und Verfügbaren nicht aufgeht. Er ist ein Beziehungswesen, das auf die Beziehung zu anderen Menschen wie zu Gott angewiesen ist, um auch zu sich selbst in eine Beziehung treten und so mit seinem Leben einen Sinn verbinden zu können.“[1]

Worin aber glauben wir, Sinn zu finden? Darin unsere Welt zu verstehen? Darin, den anderen oder sich selber verstehen und ethisches Handeln zu lernen? Medien könnten helfen bei dieser Verständnis- (=Sinn)Suche, aber diesen Sinn stiften, Sinn finden, müsste der Mensch – auf sich allein gestellt. Oder sehen wir Sinn für unser Leben ausschließlich in Nutzen, Bedeutung, Zusammenhänge und in der Befriedigung unserer Bedürfnissen? Dann könnte sich wohl auch das Internet erlauben, sinnstiftend genannt zu werden, denn es befriedigt Bedürfnisse, (bei Wareneinkauf, Spiele, Kontakt zu Freunden), hat durchaus einen hohen Nutzen für Wirtschaft, Werbung, Kommunikation, enthält Bedeutung durch Sprach- und Symbolstrukturen und ermöglicht auch die Konstruktion und Einsicht in neue Zusammenhänge. Doch in unserer Mediengesellschaft besteht generell die Tendenz, Medien zu überschätzen. Diese Überschätzung nährt sich natürlich vor allem aus dem großen Anteil an Lebenszeit, die Menschen für Mediennutzung zur Verfügung stellen, und aus der Tatsache, dass Medien ein sehr dynamisches Wachstumssegment der Wirtschaft darstellen. Auch die Erwartung, dass Medien Sinn schaffen, dem Leben Struktur und Halt geben, an die Stelle von Glauben und Religion treten, beruht gleichwohl auf einer heil-losen Überschätzung der Medien. Solche Heilserwartungen aber bestimmen manchmal sowohl diejenigen, die in die Medien kommen, als auch diejenigen, die sie nutzen. Es heißt, Massenmedien übernehmen heute Funktionen, die früher der Mythos und die Religionen hatten: Sinnstiftung durch Werte- und Normenvermittlung, Orientierung und Reduktion von Komplexität.

Meine Arbeit versucht diesem Anspruch der medialen Sinnstiftung nachzuspüren. Können Medien – kann das Internet – Sinn stiften? Unter welchen Umständen und in welcher Form lässt sich dieser Anspruch rechtfertigen? Inwiefern stellt er lediglich eine hoffnungslose Überforderung der Medien dar? Der Versuch einer Antwort wird nicht umhinkommen, zu fragen: Was heißt Sinn, was meint, stiften? Was sind anthropologische Grundlagen einer Internetethik? Welche Erwartungen stellen wir an Medien und können diese erfüllt werden? Darf Medienethik reduziert werden auf ein journalistisches Berufsethos oder soll Medienethik auch die Medialität des Menschen in den Blick nehmen.

2. Medialität des Menschen

„Medienethik hat die Aufgabe, den Menschen daran zu erinnern, was er in seiner medialen Verfasstheit ist, und sie hat ihn frei zu machen für das, was tatsächlich in seiner Verantwortung liegt. Der medialen Verfassung unserer Lebenswelt steht kein ohnmächtiges Subjekt gegenüber, sondern ein selbst medial verfasstes Wesen, das seinen Ausdruck und das, was ihn verstärkt, konservieren, steuern und bedienen kann.“[2]

Neue anthropologische Fragestellungen gründen im Selbstverständnis des Menschen, das über Medien bestimmt wird. Dass der Mensch nicht erst mit dem Zeitalter der Massenmedien zu diesem Selbstverständnis gelangt ist, bestreitet niemand, doch ist er sich seiner medialen Verfasstheit heute viel bewusster.

Medienethik darf nicht bei der Reflexion über apparative Medien stehen bleiben, sondern muss auch die Medialität des Denkens allgemein in den Blick nehmen. Medien lassen sich nicht reduzieren auf Zeitungen oder Internet; auch Sprache, alle Zeichen und Symbole sind Medien – vom Menschen hervorgebrachte. Da dieser zur Schöpfung und Auslegung von Zeichen fähig, zugleich aber auch darauf angewiesen ist, kann der Mensch als homo medialis verstanden werden. Der Mensch muss sich (und seine Umwelt) ständig neu auslegen, um Identität (und Wirklichkeitsbestimmung) zu erlangen und das gelingt ihm wieder nur durch ein Medium. Damit wird deutlich, Welterfassung ist immer vermittelte.

Ein Medium diene aber nicht nur als Werkzeug zur Welterschließung, sondern erzeuge selber Welt. Denn Zeichen seien nicht bloße Abbilder, sondern das, was anderes in einen größeren Horizont einbetten und erst dadurch verständlich machen könne. Erst durch die Übertragung (der sinnlichen Wahrnehmung zu einem geistigen Produkt im und durch das Zeichen) sei die Verkettung mit anderem möglich. Das Symbol erlange damit verbindende Form und bleibe nicht nur Verweis auf anderes. Zeichen und Medien seien daher Prägungen zum Sein, was heißen würde, sie beeinflussen unser Selbstverständnis und unsere Welterfassung, indem sie Sinn(zusammenhänge) stiften.[3]

[...]


[1] Huber, Medien und Moral, http://www.ekd.de/vortraege/154_vortraege_huber_011107.html.

[2] Wiegerling: Medienethik, S. 235.

[3] Vgl. Wiegerling: Anthropologie und Symboltheorie II, S. 91-95.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Das Internet als sinnstiftendes Medium
Hochschule
Universität Wien  (Kath. Theol. Fakultät)
Veranstaltung
Moraltheologie
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
16
Katalognummer
V29484
ISBN (eBook)
9783638309776
ISBN (Buch)
9783638760782
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Zunächst wird das Phänomene der modernen Medien dargestellt, die grundsätzliche mediale Verfasstheit des Menschen und die Vermitteltheit jeglicher Form von Wahrnehmung und Kommunikation erläutert. Dabei erfährt sich der Mensch nicht nur als bloßes Gegenüber einer medialen Welt, sondern ist selbst Teil dieses medialen Netzes, das sich aus den Primärmedien Sprache und Bild, aber eben auch aus den technischen Medien bildet. Anschließend wird der Frage nach 'Sinn' und 'Sinnstiftung' nachgegangen.
Schlagworte
Internet, Medium
Arbeit zitieren
Renate Enderlin (Autor), 2003, Das Internet als sinnstiftendes Medium, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29484

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Internet als sinnstiftendes Medium



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden