Die Bundesrepublik Deutschland erkannte die Oder- Neiße- Linie als deutsch- polnische Grenze erst 1990 im Rahmen der deutschen Wiedervereinigung völkerrechtlich an. Die Entstehungsgeschichte dieser Grenzlinie rückte hierdurch in den Blick der Öffentlichkeit und wurde somit, wie bereits i n den Nachkriegsjahren, Gegenstand historischer Forschung. Die Frage, wie es zu der Westverschiebung Polens kam, spielt in dieser Forschung eine zentrale Rolle. Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Westverschiebung Polens in den diplomatischen Verhandlungen während des Zweiten Weltkrieges. Es soll untersucht werden, wie im Laufe des Krieges die Idee der Westverschiebung Polens unter den Westalliierten (Großbritannien und USA) Unterstützung fand. Auf die ablehnende Reaktion der polnischen Exilregierung bezüglich dieser von den Alliierten geforderten Kompensationslösung soll ebenfalls eingegangen werden. Im weiteren wird die Bildung der neuen „Polnischen Regierung der Nationalen Einheit“ (Abkürzung: PRZN) und die damit verbundene polnische Anerkennung d er Westverschiebung Polens bis zur Oder- Neiße dargelegt.
Das Thema wird in dem Sinne behandelt, dass eine zeitliche Eingrenzung vom August 1941 (Atlantikcharta) bis zum Juli/ August 1945 (Potsdamer Konferenz) erfolgt. Literatur, die sich auf die oben erwähnte Thematik bezieht, ist in großer Menge vorhanden. Es gibt viele Monographien, die sich mit der Westverschiebung Polens beschäftigen (zu erwähnen ist hier das Standardwerk „Kriegsende im Osten. Die Rote Armee und die Besetzung Deutschlands östlich von Oder und Neiße 1944/45“ von Manfred Zeidler). Das Thema ist bisher gut erforscht worden. Die Arbeit ist thematisch aufgebaut. Im zweiten Kapitel wird die Westverschiebung Polens in den diplomatischen Verhandlungen während des Zweiten Weltkrieges (Die Entwicklung der Idee einer Kompensationslösung bezüglich Polen in den Nachkriegsplänen der Westalliierten; Die Westverschiebung Polens auf den Konferenzen der „großen Drei“ Alliierten und in den Plänen der offiziellen polnischen Regierungen- und Gegenregierungen) untersucht. Der Schlussteil (3. Kapitel) stellt die Ergebnisse der Untersuchung dar. Nach dem Schlusswort ist ein Exkurs über den Einfluss Churchills auf die britische Nachkriegsplanung vorzufinden. Das vierte Kapitel gibt Anmerkungen, Quellen- und Literaturverzeichnis.
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
II. Die Westverschiebung Polens in den diplomatischen Verhandlungen während des Zweiten Weltkrieges
II.a Die Entwicklung der Idee der Westverschiebung Polens in den Nachkriegsplänen der Westalliierten
1. Atlantikcharta
2. Der Beginn der britischen Beschwichtigungspolitik gegenüber der Sowjetunion
3. Kurwechsel in der amerikanischen Außenpolitik
II.b Die Westverschiebung Polens auf den Konferenzen der „großen Drei“ Alliierten und in den Plänen der offiziellen polnischen Regierungen und Gegenregierungen
1. Grenzpläne für Nachkriegs- Polen von den polnischen Exilregierungen und von den Alliierten bis zur Jalta- Konferenz
2. Die Entstehung der „Polnischen Regierung der Nationalen Einheit“ und die polnische Grenzfrage auf der Potsdamer Konferenz
III Ergebnisse
Exkurs: Churchills Einfluss auf die britische Nachkriegsplanung
IV Anhang
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den diplomatischen Prozess der sogenannten Westverschiebung Polens während des Zweiten Weltkrieges, ausgehend von der Atlantikcharta 1941 bis zur Potsdamer Konferenz 1945. Ziel ist es, die Entwicklung der Kompensationsideen der Alliierten, die Ablehnung durch die polnische Exilregierung und die schrittweise Etablierung einer prosowjetischen polnischen Regierung im Kontext der sich verändernden machtpolitischen Verhältnisse darzulegen.
- Die Rolle der Westalliierten und der Wandel ihrer Außenpolitik gegenüber der Sowjetunion.
- Die Konflikte zwischen der polnischen Exilregierung und den alliierten Großmächten hinsichtlich der Grenzfrage.
- Die Genese der "Polnischen Regierung der Nationalen Einheit" als Instrument der sowjetischen Einflussnahme.
- Die Umsetzung der Oder-Neiße-Grenze im Rahmen der Konferenzen von Teheran, Jalta und Potsdam.
Auszug aus dem Buch
1. Atlantikcharta
Am 12. August 1941 einigten sich der britische Premierminister Churchill und der amerikanische Präsident Roosevelt auf eine gemeinsame Erklärung (die sogenannte Atlantikcharta), die als gemeinsame politische Leitlinie für die Dauer des Krieges gelten sollte. In der Atlantikcharta gaben die beiden Länder an weder eine Vergrößerung ihrer Staatsgebiete noch ihrer Einflusssphären anzustreben. In Punkt 2 wurde festgelegt: „Sie wünschen keine Gebietsveränderungen, die nicht mit den frei zum Ausdruck gebrachten Wünschen der betreffenden Völker übereinstimmen“. Grenzen sollten also grundsätzlich erst nach Kriegsende festgelegt werden.
Bereits in den Wochen nach Unterzeichnung der Charta zeigten die Exilregierungen Polens, der Tschechoslowakei und Jugoslawiens Vorbehalte gegen die Charta. Die drei Länder forderten eine stärkere Berücksichtigung ihrer Interessen. Am 24. September 1941 bekannte sich auch die Sowjetunion unter Vorbehalten formell zu den Richtlinien der Atlantikcharta. „Drei Monate später setzte Sowjetbotschafter Litvinov in Washington seine Unterschrift unter die 26-Mächte-Erklärung der Vereinten Nationen vom 1. Januar 1942, die in ihrem Text ausdrücklich auf die Atlantikcharta Bezug nahm“.
Zusammenfassung der Kapitel
I Einleitung: Diese Einleitung führt in die völkerrechtliche Anerkennung der Oder-Neiße-Linie ein und umreißt die zeitliche sowie thematische Eingrenzung der Untersuchung zur polnischen Grenzfrage.
II. Die Westverschiebung Polens in den diplomatischen Verhandlungen während des Zweiten Weltkrieges: Dieses Hauptkapitel analysiert die strategische Entwicklung der Gebietsverschiebung von ersten alliierten Nachkriegsplänen bis hin zu den konkreten Beschlüssen der Konferenzen der „großen Drei“.
II.a Die Entwicklung der Idee der Westverschiebung Polens in den Nachkriegsplänen der Westalliierten: Hier wird der Prozess beschrieben, wie die Atlantikcharta durch die britische Beschwichtigungspolitik und den außenpolitischen Kurswechsel der USA in Bezug auf sowjetische Hegemonieansprüche an Bedeutung verlor.
II.b Die Westverschiebung Polens auf den Konferenzen der „großen Drei“ Alliierten und in den Plänen der offiziellen polnischen Regierungen und Gegenregierungen: Dieses Kapitel thematisiert das Scheitern der Exilregierungen gegenüber den alliierten Großmächten und die Etablierung des Lubliner Komitees bzw. der neuen Einheitsregierung.
III Ergebnisse: Das Fazit fasst zusammen, wie die sowjetische Politik der "vollendeten Tatsachen" unter Duldung der Westalliierten die polnische Grenze de facto verschob.
Exkurs: Churchills Einfluss auf die britische Nachkriegsplanung: Der Exkurs beleuchtet die Rolle des britischen Premierministers, dessen Fokus auf dem militärischen Sieg gegenüber der bürokratischen und politischen Komplexität der territorialen Neuordnung lag.
IV Anhang: Der Anhang bietet ergänzende Verzeichnisse für Abkürzungen, Quellen und die verwendete Literatur.
Schlüsselwörter
Westverschiebung Polens, Atlantikcharta, Curzon-Linie, Oder-Neiße-Linie, Sowjetunion, Großbritannien, USA, polnische Exilregierung, Lubliner Komitee, Teheraner Konferenz, Potsdamer Konferenz, Appeasement-Politik, Zweiter Weltkrieg, polnische Grenzfrage.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die diplomatischen Hintergründe und Verhandlungen, die während des Zweiten Weltkrieges zur Westverschiebung Polens an die Oder-Neiße-Linie führten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die alliierten Nachkriegspläne, die diplomatischen Spannungen zwischen den Großmächten und der polnischen Exilregierung sowie die Etablierung des sowjetisch kontrollierten Regimes in Polen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Untersuchung des Prozesses, wie sich die Idee der Gebietsverschiebung unter den Westalliierten durchsetzte und wie dies durch politische Entscheidungen, etwa auf der Konferenz von Teheran, legitimiert wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historisch-analytische Arbeit, die auf der Auswertung zeitgenössischer Dokumente und fachspezifischer Monographien basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der diplomatischen Kehrtwende der Alliierten weg von der Atlantikcharta hin zur Appeasement-Politik sowie die schrittweise Festlegung der polnischen Grenzen durch die "großen Drei".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem die Westverschiebung Polens, die Oder-Neiße-Linie, das Lubliner Komitee, die Curzon-Linie sowie die diplomatischen Konferenzen der Kriegszeit.
Welche Rolle spielte Winston Churchill bei der Grenzverschiebung?
Churchill akzeptierte die sowjetischen Gebietsforderungen weitgehend, da er den militärischen Sieg über Deutschland als oberstes Ziel betrachtete und das Bündnis mit der Sowjetunion zur Kriegsführung benötigte.
Wie reagierte die polnische Exilregierung auf die Grenzpläne?
Die Exilregierungen in London lehnten die Kompensationslösung, die den Verlust polnischer Ostgebiete gegen Gebietsgewinne in Deutschland vorsah, konsequent ab, was schließlich zu ihrem politischen Bedeutungsverlust führte.
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- Matthias Storm (Author), 2004, Die Westverschiebung Polens, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29489