Macht und Autorität in Heinrich von Kleists "Der Prinz von Homburg" unter Berücksichtigung eines angelegten Vater-Sohn-Konflikts


Hausarbeit, 2013
11 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

1. Einleitung

Heinrich von Kleist produzierte eine beachtenswerte Sammlung von Erzählungen und dramatischen Werken, welche die zeitgenössischen intellektuellen, ästhetischen, philosophischen und ethischen Ansichten und Zustände seiner Zeit aufgreifen, sie mit ihren inhärenten Konflikten konfrontierten und in Frage stellten. Kritisch betrachtete er die sozialen und politischen Umstände seiner Zeit und mit einem unglaublich feinen Gespür für die menschliche Psyche ver-, und bearbeitete Kleist diese Themen in seinen Werken. Die meisten Figuren in Kleists Werken befinden sich in einem Konflikt zwischen der eigenen Natur (dem Subjekt) und der Kultur, der Welt, mit ihren Paradigmen, Idealen und Hierarchien. Neben den Schriften Kants, welche Kleists Leben und Denken maßgeblich beeinflussten, die Forschung spricht von einer Kant-Krise Kleists, sind es auch die Werke Rousseaus, dessen radikale soziale Kritik und seine Idee einer neuen Form der Institution des Staatsapparates (Natur über Kultur, Gefühl über Verstand). „Kleist’s drama and fiction evince […] the specific historical conditions and context of their production. The period around the turn of 1800 was an era of immense social change, disturbance, and destabilization, as the outbreak of the revolution in France 1789 […] triggered the collapse of the old order and existing hierarchies of power, status, identity […].”1. Nach der Herrmannsschlacht schrieb Kleist mit dem Prinzen von Homburg ein weiteres, patriotisches und auch politisches Drama mit realhistorischen Bezügen zu Prinz Friedrich von Hessen-Homburgs Teilnahme an der Schlacht bei Fehrbellin von 1675. „Neben der Vertreibung eines Besatzerheeres ergab sich für [Kleist] ein weiterer aktueller Bezug aus der Geschichte von der angeblichen Insubordination des Homburgers gegen einen ausdrücklichen Befehl des Kurfürsten […].“2. Der Konflikt erstreckt sich jedoch auch auf emotionale, familiäre Beziehungen und politische Bedingungen. Homburg bricht nicht nur das Gesetz indem er gegen die Order seines Herrschers verstößt. Es liegt auch ein Vater-Sohn-Konflikt vor, eine Problematik der Machtverhältnisse und der Abgrenzung. „Literarische Werke stützen die Motivierung des Konflikts auf unversöhnliche Gegensätze in persönlichen Neigungen, Entschlüssen und sozialen oder politischen Einstellungen.“3. Im Laufe dieser Hausarbeit möchte ich, nach einer Definition der Begriffe Macht und Autorität so wie ihrem Bezug auf die Personen des Prinzen und Kurfürsten eingehen. Dieser theoretischen Definition lege ich die Definitionen von Max Weber zu Grunde. Ebenso möchte ich die psychologischen Aspekte der Auswirkungen und -

formungen von Macht und Autorität involvieren, da es sich neben einem militärischen auch um einen familiären Konflikt handelt. Auf die Definition folgt eine Analyse der Machtstrukturen welche die Handlung tragen und für die „Exploration“, also, den „dramatischen Aufbau[ ]“ elementar sind.4 Dabei möchte ich meinen Fokus auf den angelegten Vater-Sohn-Konflikt richten. Die Zitate und Verszählung des Werkes Heinrich von Kleists entnehme ich in der folgenden Arbeit der Ausgabe „Kleist, Heinrich von: Prinz Friedrich von Homburg. In: ders.: Heinrich von Kleist. Sämtliche Werke und Briefe, Erster Band. Helmut Sembdner (Hg.). 2. Aufl. München: dtv, 2008, S. 629-709.“.

2. Theoriebereich

2.1. Macht

Eine Definition von dem Begriff „ Macht“ gibt in der klassischen Literatur Michel Focaults in seinen Werken „Überwachen und Strafen“ sowie „Analytik der Macht“, in der modernen Literatur im Klassiker von Max Weber „Wirtschaft und Gesellschaft“. Max Weber beschreibt in seiner Arbeit die Macht als „[…] Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht.“5. Wichtig ist es, dabei zu betrachten, dass Macht erst durch die Beziehung zwischen mindestens zwei Menschen existieren und somit ausgeübt werden kann. Dabei können zwei Formen von Macht unterschieden werden, die „potentielle Macht“ zum einen, welche Bestandteil der materiellen und sozialen Umgebung, beziehungsweise der physischen Konstitution ist oder auch aus etwas bestehen kann, das einem oder mehreren Menschen zum Erreichen seines/ihres Ziels dienlich ist. Zum anderen die „strukturelle Macht“, welche das Ergebnis einer vorherigen Machtausübung ist. Für Max Weber bedeutet dies, dass jede denkbar mögliche Qualität eines Menschen und alle denkbaren Konstellationen, eine Person oder Personengruppe in die Lage versetzen können, seinen, beziehungsweise ihren Willen in einer Situation durchzusetzen, somit Herrschaft auszuüben, welche nach Weber eine institutionalisierte Form der Macht ist. Herrschaft ist somit eine Sonderform von Macht und von vielen sozialen Faktoren abhängig.6

2.1.1 Legitimationsformen von Macht

Jeder Machtträger muss seine sich in seiner Stellung Behaupten und diese durch äußere wie innere Attribute festigen. Weber unterscheidet, nach Art ihrer Legitimation, drei Idealtypen für Herrschaft:

Die rationale Herrschaft, welche auf dem Glauben der an die Legalität gesetzten Ordnungen ruht. Ein Beispiel hierfür wäre, auch im Hinblick auf das Drama, die Monarchie, in welcher die Ordnung durch Gesetze legitimiert ist.

Die traditionale Herrschaft, die auf dem Alltagsglauben an die Heiligkeit von jeher geltender Traditionen und der Legitimität der durch sie Berufenen ruht. Ein Beispiel für diese Art von Herrschaft wäre das System des Feudalismus, die Legitimierung durch Genealogie. Die charismatische Herrschaft, die auf der außeralltäglichen Hingabe an die Heiligkeit, Heldenkraft oder die Vorbildlichkeit einer Person und der durch sie geschaffenen Ordnung ruht.7

Macht muss zwar nicht automatisch zu einer Herrschaft führen, jedoch „[erzeugen] alle Momente, die innerhalb einer Gruppe zu Differenzierung führen […] eine jeder Gruppe eigene M[acht]struktur, die einerseits die M[acht]verhältnisse innerhalb der Gruppe wiederspiegelt, andererseits aber auch den Sozialverband zusammenhält.“8.

2.1.2 Macht im Prinzen von Homburg

Herrschaft und somit Macht, spielen im Prinzen von Homburg eine maßgebliche Rolle. Die gesamte Handlung spielt in einem politischen Machtsystem, einer Machthierarchie. Der Kurfürst als Landesvater Preußens und die Vaterfigur für den Prinzen, spielt bereits in der ersten Szene des Dramas seine Macht aus und macht dadurch seinen Herrschaftsanspruch deutlich, als er den somnambulen Prinzen testet, um zu sehen „wie weit ers treibt“ (I, 1)9. Um ihn daraufhin „ins Nichts“ zurück zu schicken. Er hat als Kurfürst die „rationale“ und „traditionale“ Herrschaft über sein Volk. Im feudalen System erlangte er seine Position durch Genealogie, die Gesetze legitimieren seinen Machtanspruch. Und es ist Homburgs Traum seinen Platz aus eben diesen Gründen einnehmen zu können, da der Kurfürst keinen leiblichen Sohn besitzt und zu ihm eine enge emotionale Bindung, eine vergleichbar familiäre Beziehung besteht. Homburg selbst besitzt einen weitaus geringeren Machtbereich als General der Kurfürstlichen Reuterei, damit jedoch ebenfalls eine Form rationaler Macht. Er führt eine Reuterei unter dem Befehl des Kurfürsten in den Schlachten an und hat über diese das Sagen. Unter den anderen Führungspersonen der kurfürstlichen Armee wie Kottwitz, Hennings, Graf Truchss und dem Graf von Hohenzollern besitzt er jedoch auch eine charismatische Herrschaft. Im Moment der Insubordination folgen ihm Kottwitz und Hohenzollern, wie auch „die übrigen Offiziere“ (II, 2.) aufgrund seiner Persönlichkeit und rhetorischen Überzeugungskraft. Er übernimmt eine charismatische Herrschaft.

2.2 Autorität

„Autorität […] begründet ein Verhältnis der Über- und Unterordnung zwischen Menschen sowie zwischen Menschen und Institutionen. Kennzeichnend für A[utorität] als Befehls- oder Einflußverhältnis (im Gegensatz zur reinen […] Macht) ist ihre sinnvolle Bejahung durch alle Beteiligten“10. Des Weiteren unterscheidet das Humboldt-Lexikon zwischen der „persönlichen“ und der „unpersönlichen“ oder auch „formalen“ Autorität. Erstere entsteht in kleineren sozialen Gruppen und beruht auf Vorbildhaftigkeit oder besonderen Leistungen (wie Fachwissen oder Intelligenz), die Zweite wiederum ist vom sozialen Gefüge beziehungsweise Organisation abhängig (wie Gesetz oder Tradition).11 Betrachtet man die Bedingung der Über- und Unterordnung, sieht man sehr deutlich wie eng Macht und Autorität, wie auch Herrschaft und Autorität miteinander verwoben sind. Ein Träger von Autorität hat in gewissem Maße eine Machtstellung, er hat Einfluss und Ansehen. Jedoch wird diese nicht durch institutionelle Normen legitimiert. Sie kann auch nicht aus reinem Machtstreben erreicht werden. Max Weber definiert den Begriff der Autorität unter dem Aspekt der „charismatischen Herrschaft“ durch eine „charismatische Autorität“12. Nach Weber ist die Entstehung einer „charismatischen Herrschaft […] stets das Kind ungewöhnlicher äußerer, speziell politischer oder ökonomischer, oder innerer seelischer, namentlich religiöser Situationen, oder beider zusammen und entsteht aus der, einer Menschengruppe gemeinsamen, aus dem Außerordentlichen geborenen Erregung und aus der Hingabe an das Heroentum, gleichviel welchen Inhalts.“13.

[...]


1 Howe, Steven: Heinrich von Kleist and Jean-Jacques Rousseau. Violence, Identity, Nation. Rochester, NY: Cambden House, 2012. S. 7

2 Müller-Salget, Klaus: Heinrich von Kleist. Stuttgart: Reclam, 2002. S. 266

3 Daemmrich, Horst S. und Ingrid G.: Themen und Motive in der Literatur. Ein Handbuch. Tübingen: Francke, 1987. S. 328

4 Schweizer, Karl: Heinrich von Kleist. Der Prinz von Homburg. In: ders.: Interpretationen zum Deutschunterricht. Rupert Hirschenauer und Albrecht Weber (Hgg.).München: Oldenburg, 1968. S. 22 f.

5 Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. 5., revidierte Auflage, Tübingen: Mohr, 1972. S. 25 ff.

6 Nach: Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. 5., revidierte Auflage, Tübingen: Mohr, 1972. S. 25 ff.

7 Nach: Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Tübingen: Mohr, 1972. S. 25 ff.

8 Redaktion Naturwissenschaft und Medizin des Bibliographischen Instituts (Hgg.) 1990: Humboldt-Psychologie-Lexikon. Humboldt - Die großen Bücher 927. München: Jakobi. S. 213

9 Kleist, Heinrich von: Prinz Friedrich von Homburg. In: ders.: Heinrich von Kleist. Sämtliche Werke und Briefe, Erster Band. Hrsg. von Helmut Sembdner. 2. Aufl. München: dtv, 2008, S. 629-709.

10 Humboldt-Psychologie-Lexikon. München: Jakobi, 1990. S. 47

11 Ebd.

12 Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Tübingen: Mohr, 1972. S. 654 ff.

13 Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Tübingen: Mohr, 1972. S. 661

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Macht und Autorität in Heinrich von Kleists "Der Prinz von Homburg" unter Berücksichtigung eines angelegten Vater-Sohn-Konflikts
Hochschule
Universität Konstanz  (Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Kleists Dramen
Note
3,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
11
Katalognummer
V294922
ISBN (eBook)
9783656926313
ISBN (Buch)
9783656926320
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
macht, autorität, heinrich, kleists, prinz, homburg, berücksichtigung, vater-sohn-konflikts
Arbeit zitieren
Selma Höfer (Autor), 2013, Macht und Autorität in Heinrich von Kleists "Der Prinz von Homburg" unter Berücksichtigung eines angelegten Vater-Sohn-Konflikts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294922

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