Das Berufsbildungssystem in der Bundesrepublik Deutschland galt über viele Jahre im internationalen Vergleich als überaus erfolgreich und leistungsfähig (Kutscha 1997, 140). Doch „(…) die Gegenwart belohnt nicht Erfolge der Vergangenheit (…)“ (ebd.) und deshalb steht das deutsche Berufsbildungssystem vor dem Hintergrund der erheblich technologischen, wirtschaftlichen und demographischen Veränderungen der letzten Jahre zunehmend im Mittelpunkt der Kritik. Ausschlaggebend für die aktuellen Debatten und Reformvorschläge rund um das Berufsbildungssystem und die damit verbundene Berufsbildungspolitik, sind vielfältig. Zum einen kam es innerhalb des letzten Jahrzehnts zu einer folgenschweren Umwälzung im Berufsbildungssystem: Die duale Ausbildung verliert zunehmend ihre dominante Position, während gleichzeitig das Übergangsystem, in dem Jugendliche keine qualifizierte Berufsausbildung, sondern unterschiedliche Maßnahmen der Berufsvorbereitung vermittelt bekommen, wächst. Dabei mündet heutzutage nicht einmal mehr ein Fünftel der Ausbildungsanfänger ohne und nur noch zwei Fünftel mit Hauptschulabschluss in das duale System, die Mehrheit wird im Übergangssystem aufgefangen (Baethge, Solga und Wieck 2007). Dabei war die traditionelle Stärke des dualen Systems, leistungsschwächere Jugendliche ohne Zugangsbarriere den Weg in eine qualifizierte Ausbildung und in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Die Integrationswirkung der dualen Ausbildung an der ersten Schwelle von der Schule in eine Ausbildung ist seit zwei Jahrzenten nicht mehr gegeben (Severing 2014, 278). Betrachtet man dabei die aktuelle Arbeitsmarktsituation, scheint diese durch zwei widersprüchliche Entwicklungen gekennzeichnet zu sein. Zum einen haben Betriebe immer mehr Schwierigkeiten, ihre angebotenen Ausbildungsstellen zu besetzen, so blieben 2012 über 33.000 Ausbildungsplätze unbesetzt. Zum anderen gibt es immer noch viele junge Menschen, denen der Einstieg in die Ausbildung nicht unmittelbar gelingt (Berufsbildungsbericht 2013, 5). Des Weiteren vollzieht sich ein Strukturwandel in der Ökonomie von der industriellen Produktion zur Dienstleistungs- und Wissensökonomie.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Veränderungen im Berufsbildungssystem
2. Das Grundsatzprogramm und das Regierungsprogramm
2.1. Das Grundsatzprogramm der SPD
2.2. Das Regierungsprogramm der SPD
2.3. Das Grundsatzprogramm der CDU
2.4. Das Grundsatzprogramm der CSU
2.5. Das Regierungsprogramm der CDU/CSU
3. Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den Grundsatz- und Regierungsprogrammen der SPD, CDU und CSU
3.1. Der Vergleich der Grundsatzprogramme von SPD, CDU und CSU
3.2. Die Regierungsprogramme und der Koalitionsvertrag
4. Umsetzung der Maßnahmen von SPD, CDU und CSU
4.1. Allianz für Aus- und Weiterbildung
4.2. Die Initiative Bildungskette
Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert die berufsbildungspolitischen Grundsatz- und Regierungsprogramme der Parteien SPD, CDU und CSU unter besonderer Berücksichtigung ihrer Umsetzung im Koalitionsvertrag der Bundesregierung. Ziel ist es, die unterschiedlichen politischen Strategien zur Bewältigung aktueller Herausforderungen am Arbeitsmarkt und im Bildungssystem aufzuzeigen und kritisch zu bewerten.
- Berufsbildung als ökonomischer Standortfaktor
- Vergleich der Parteiprogramme (SPD, CDU, CSU) zur Berufsbildung
- Implementierung berufsbildungspolitischer Ziele im Koalitionsvertrag
- Evaluation der "Allianz für Aus- und Weiterbildung"
- Analyse der Initiative "Bildungskette"
Auszug aus dem Buch
1. Veränderungen im Berufsbildungssystem
Nahezu allen Diskussionen um die Angemessenheit, um die Modernität und Reformbedürftigkeit des Berufsbildungssystems liegt die Vorstellung zugrunde, dass Berufsbildung ein wesentlicher ökonomischer Standortfaktor ist, der über Fragen des Wirtschaftswachstums, des technischen Fortschritts und der internationalen Konkurrenzfähigkeit auf den Weltmärkten mitentscheidet (Arnold 2006, 511). Deshalb wurden in der Vergangenheit wie in der Gegenwart erhebliche und durchaus erfolgreiche Anstrengungen unternommen, die Berufsbildung in ihren Inhalten den ökonomischen und beruflichen Veränderungen anzupassen (Cortina, et al. 2008, 590). Ziel ist es dabei, die Qualität der dualen Ausbildung zu verbessern, um die interne Flexibilität und Anpassungsfähigkeit des Ausbildungssystems gegenüber steigender Unsicherheit und beschleunigtem Wandel der Qualifikationsanforderungen zu erhöhen (Cortina, et al. 2008, 594). Darüber hinaus sollen die Schwellen beim Übergang von allgemeinbildenden Schulen in eine Berufsausbildung und dann in Erwerbstätigkeit leichter zu überwinden sein. Dabei ist es wichtig, nicht unbedingt das Übergangssystem zu stärken, sondern die Übergangsschwierigkeiten abzubauen (Cortina, et al. 2008, 558f). Zum Erhalt der volkswirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und der Anpassung an die dynamische Technologieentwicklung, muss auch die Weiterbildung in den Fokus der beruflichen Bildungspolitik gerückt werden (Cortina, et al. 2008, 647).
Neben Verbänden, Gewerkschaften und Betrieben versucht auch die Politik sich diesen Herausforderungen zu stellen. Im nachfolgenden Kapitel soll anhand der Grundsatz- und Regierungsprogrammen der Parteien SPD, CDU und CSU erörtert werden, wie diese Parteien auf die oben genannten Herausforderungen der Berufsbildungspolitik reagieren. Zuerst wird im Allgemeinen dargestellt, was Parteiprogramme sind und wozu sie dienen. Danach wird speziell auf den Bereich Berufsbildungspolitik eingegangen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Herausforderungen des deutschen Berufsbildungssystems vor dem Hintergrund technologischer und demographischer Veränderungen sowie des wachsenden Übergangssystems. Sie führt in die Forschungsfrage ein, wie die Bundesregierung diesen Problemen begegnet.
1. Veränderungen im Berufsbildungssystem: Dieses Kapitel erläutert die ökonomische Bedeutung der Berufsbildung als Standortfaktor und verdeutlicht die Notwendigkeit, das System an den strukturellen Wandel der Arbeitswelt anzupassen.
2. Das Grundsatzprogramm und das Regierungsprogramm: Hier werden die theoretischen Funktionen von Parteiprogrammen dargelegt und die spezifischen Ansätze der Parteien SPD, CDU und CSU zur Berufsbildungspolitik vorgestellt.
3. Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den Grundsatz- und Regierungsprogrammen der SPD, CDU und CSU: Das Kapitel vergleicht die unterschiedlichen Ansätze der Parteien und analysiert, wie diese im Koalitionsvertrag zusammengeführt wurden.
4. Umsetzung der Maßnahmen von SPD, CDU und CSU: Der Abschnitt bewertet konkrete Instrumente wie die "Allianz für Aus- und Weiterbildung" und die "Initiative Bildungskette" als Umsetzungsstrategien der Regierung.
Fazit: Das Fazit stellt die unterschiedlichen parteipolitischen Ausgangslagen fest, würdigt die erreichten Kompromisse im Koalitionsvertrag und mahnt eine nachhaltige Finanzierung der Ausbildungsgarantie an.
Schlüsselwörter
Berufsbildungspolitik, duales System, Koalitionsvertrag, SPD, CDU, CSU, Ausbildungsgarantie, Allianz für Aus- und Weiterbildung, Bildungskette, Berufsorientierung, Weiterbildung, Fachkräftesicherung, Übergangssystem, Arbeitsmarkt, Qualifikationsanforderungen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit den berufsbildungspolitischen Vorstellungen der deutschen Parteien (SPD, CDU, CSU) und deren Umsetzung in konkrete staatliche Maßnahmen durch die Bundesregierung.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Stärkung des dualen Ausbildungssystems, der Übergang von der Schule in den Beruf sowie die Bedeutung lebenslangen Lernens und der Weiterbildung.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit untersucht, wie die Bundesregierung auf die aktuellen Herausforderungen der Berufsbildungspolitik reagiert und wie sich die parteipolitischen Grundsatzprogramme in der gemeinsamen Regierungspraxis (Koalitionsvertrag) niederschlagen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin verwendet eine qualitative Inhaltsanalyse von Parteiprogrammen, Regierungsprogrammen und aktuellen Dokumenten wie dem Koalitionsvertrag und der Vereinbarung zur Allianz für Aus- und Weiterbildung.
Was behandelt der Hauptteil?
Der Hauptteil analysiert detailliert die verschiedenen Programmatiken der beteiligten Parteien, vergleicht diese hinsichtlich ihrer Gemeinsamkeiten und Unterschiede und bewertet die Umsetzung der daraus resultierenden Maßnahmen.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Analyse?
Zentrale Begriffe sind neben der Berufsbildungspolitik vor allem die Ausbildungsgarantie, die Allianz für Aus- und Weiterbildung sowie die Initiative Bildungskette.
Welchen Stellenwert nimmt das "Übergangssystem" im Vergleich zur dualen Ausbildung ein?
Die Arbeit stellt kritisch fest, dass das Übergangssystem zu stark angewachsen ist, während die duale Ausbildung ihre Integrationswirkung eingebüßt hat, weshalb politische Reformen auf eine Stärkung der betrieblichen Ausbildung abzielen.
Wie bewertet die Autorin die "Allianz für Aus- und Weiterbildung"?
Sie schätzt die Allianz als ein wichtiges Signal und ein potenziell gutes Instrument zur Stärkung der dualen Ausbildung ein, betont jedoch, dass die Ausbildungsgarantie in der Praxis noch nicht vollständig eingelöst sei.
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- Constanze Heusinger (Author), 2015, Aktuelle Herausforderungen an die Berufsbildungspolitik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294946