Die sowjetische Kriegspropaganda 1941 – 1945 in Ego-Dokumenten


Bachelorarbeit, 2015
54 Seiten, Note: 1,3
Martin Stein (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ego-Dokumente als Quelle für die Geschichtswissenschaften

3. Definition des Begriffs Propaganda

4. Das Feindbild der sowjetischen Kriegspropaganda im Zweiten Weltkrieg
4.1 Die erste Phase der sowjetischen Kriegspropaganda
4.2 Die zweite Phase der sowjetischen Kriegspropaganda
4.3 Die dritte Phase der sowjetischen Kriegspropaganda
4.4 Heldenstrategie

5. Die sowjetische Kriegspropaganda in Ego-Dokumenten
5.1 Die Memoiren von Leonid Rabičev
5.2 Feldpostbriefe
5.3 Das Tagebuch von Wladimir Gelfand 1945-1946

6. Schluss

Literaturangaben

1. Einleitung

Es nähert sich der 70. Jahrestag des Kriegsendes, an dem an Siege, Opfer und Verbrechen des Zweiten Weltkrieges erinnert werden wird. In deutschen Fernsehproduktionen wurde in den letzten Jahren die Rote Armee nicht immer ruhmreich charakterisiert, wie beispielsweise in dem mehrfach ausgezeichneten Fernsehfilm „Unsere Mütter, unsere Väter“. Dieser Film vermittelt den Eindruck, die Rote Armee bestünde ausschließlich aus einer Gruppe „Ura“ schreiender Wilder, die in Lazaretten mordeten und unschuldige Krankenschwestern auf Fluren vergewaltigten.

Das Bild der Roten Armee war in Westdeutschland stets durch eine gewisse Schuldabwehr und eine Täter-Opfer-Umkehr verzerrt worden. Gewalt, Mord und Vergewaltigungen wurden in individuellen Erinnerungen und im kollektiven Gedächtnis mit dem „russischen Unmenschen“ in Verbindung gebracht. Man sah sich gegenüber „den Russen“ in erster Linie als Opfer und weniger als Täter. Die Lebensrealitäten der damaligen Rotarmisten wurden und werden dabei gerne ausgeklammert.1

Auch im wiedervereinigten Deutschland etablierte sich das undifferenzierte Bild des Rotarmisten als Täter, der viele unschuldige deutsche Frauen – im besten Fall – vergewaltigte. Bis heute scheinen breite Teile der deutschen Bevölkerung die Rote Armee nicht als Befreier wahrnehmen zu wollen, sondern eher als notwendiges Übel einer totalen und unausweichlichen Niederlage.2

Die geschichtswissenschaftliche Forschung hat Vergeltungsaktionen der Roten Armee in Form von Plünderungen, Morden, Verwüstungen und Vergewaltigungen teilweise aufarbeiten können. Ostpreußen war dabei besonders betroffen zu sein, aber auch in Rumänien und Ungarn und in Berlin wurde Rache geübt. Die Vergeltungsaktionen statistisch zu erfassen, erwies sich als schwieriges Unterfangen. Es kursieren verschiedene, zum Teil unrealistische Zahlen. Die bislang fundierteste Untersuchung zu diesem Thema geht von insgesamt zwei Millionen vergewaltigter Frauen in ganz Deutschland aus und von etwa sieben Prozent der Berlinerinnen.3

Die Verantwortung für diese Vergeltungsaktionen wird dabei oftmals der sowjetischen Kriegspropaganda zugeschrieben. So resümiert beispielswiese Friedrich:

„Lange bevor die Rote Armee einem deutschen Zivilisten begegnete, sind es hysterische Literaten gewesen, nicht leidgeprüfte Frontkämpfer, die Rachedurst geschürt haben. Durch Flugblätter und Zeitungen ist dem Soldaten, was immer er phantasiert haben mag, ausdrücklich gestattet und nahegelegt worden. […] Als dort sowjetische Verbände […] einrückten, hub ein Rauben, Morden, Schänden und Metzeln an, das auch neutralen Beobachtern die Vorstellung von alt-mongolischen Horden einflößte. Scheußlichkeiten wie mit gekreuzten Gliedern an Scheunentore genagelte Frauenleichen, setzten die weibliche Bevölkerung unter fassungslosen Schock. […] Außer Gott besaßen sie keinen Schutz.“4

Diese Arbeit möchte die Auswirkungen der sowjetischen Kriegspropaganda auf Vergeltungsaktionen der Roten Armee eingehend untersuchen. Zunächst sollen die drei Phasen der sowjetischen Kriegspropaganda skizziert werden; diese propagierte kein statisches Feindbild, sondern passte sich stets den jeweiligen Kriegsnöten an. Zu Kriegsbeginn differenzierte sie zwischen einer „bösen Hitlerbande“ und dem in die Irre geführten Soldaten, dem sogar eine potenziell proletarische Gesinnung zugeschrieben wurde. Als die Wehrmacht allerdings im Oktober 1941 vor den Toren Moskaus stand, entschied sich die Sowjetführung, dieses differenzierende Bild lieber fallen zu lassen: Die Begriffe Deutscher und Faschist wurden zu Synonymen und alles Deutsche wurde zur Inkarnation des Bösen stilisiert; gleichzeitig rief Stalin seine Landsleute zum „Großen Vaterländischen Krieg“ auf. Es folgte die Phase der Hasspropaganda: Jeder Sowjetbürger sollte in sich den „heiligen“ Hass auf den Feind, den Faschisten, also den Deutschen, schüren. Als die Streitkräfte der Roten Armee sich Deutschland näherten, erkannte die Sowjetführung die Notwendigkeit, wieder zwischen im Grunde anständigen, aber in die Irre geführten Deutschen und fanatischen Hitleranhängern zu unterscheiden. Gerade dieses differenzierende Bild der dritten Phase der sowjetischen Kriegspropaganda sollte Vergeltungsaktionen an der Zivilbevölkerung nach Möglichkeit unterbinden.

Die in dieser Arbeit zu diskutierende These ist, dass der sowjetischen Kriegspropaganda keine Schuld für die Vergeltungsaktionen zugesprochen werden kann, da die Mehrheit der Rotarmisten die Leitlinien der dritten Phase der sowjetischen Kriegspropaganda erfolgreich verinnerlichen konnte.

Dies soll anhand von Analysen von „Ego-Dokumenten“ geschehen, da diese Quellengattung geeignet ist, um Rückschlüsse auf die Motivation und die Geisteshaltung von Individuen zu ziehen. Im Fokus steht hierbei die Fremdwahrnehmung: Wie wurden Vergeltungsaktionen interpretiert? Inwieweit gibt es noch Spuren der Hasspropaganda aus den Jahren 1942-44? Wie wurde die Zivilbevölkerung wahrgenommen? Welche Schlüsse können daraus auf die zu diskutierende These gezogen werden?

Eine weitere grundlegende Quelle hierfür sind die Memoiren des auch in Russland sehr unbekannten Schriftstellers und Künstlers Leonid Rabičev, der 60 Jahre nach Kriegsende versucht, die damaligen Ereignisse in Ostpreußen zu rekonstruieren. Daraufhin sollen die von Elke Scherstjanoi herausgegebenen und editierten „Ego-Dokumente“ ausgewertet werden. Dies sind Feldpostbriefe aus dem Sammelband „Rotarmisten schreiben aus Deutschland“ und das „Deutschlandtagebuch 1945-1946“ von Wladimir Gelfand. Gerade die letzte Quelle hat für die geschichtswissenschaftliche Forschung einen Seltenheitswert, da den Rotarmisten das Führen von Tagebüchern eigentlich nicht gestattet war. Der Rotarmist Gefland schrieb dennoch und auch sehr ausführlich; seine Aufzeichnungen ermöglichen damit einen tiefen und einzigartigen Blick in die Innenwelt eines Rotarmisten.5

Generell ist die sowjetische Perspektive in der Mikrogeschichte des Zweiten Weltkriegs ein noch wenig erforschtes Terrain, was vor allem an der Archivpolitik der Regierung Putin liegt. Neben den Arbeiten von Elke Scherstjanoi haben vor allem Jochen Hellbeck mit seiner Arbeit „Die Stalingrad-Protokolle“ und die russischsprachige Historikerin Elena Svenjasvkaja in diesem Bereich geforscht.

Die Untersuchung der Feindwahrnehmung der Rotarmisten und der sowjetischen Propaganda im Zweiten Weltkrieg soll helfen, dem Bild des einzelnen Rotarmisten besser gerecht zu werden. Zudem soll diese Arbeit dem Verfasser die Bearbeitung weiterer Themenfelder ermöglichen. Beispielsweise könnte die Darstellung der Roten Armee in deutschen Medien zum 70. Jahrestag des Kriegsendes dank den Ergebnissen dieser Arbeit Rückschlüsse auf mögliche deutsche Opfermythen erlauben. Zum anderen soll diese Arbeit behilflich sein, die Mythologisierung des „Großen Vaterländischen Krieges“ in der Sowjetunion nachzuvollziehen. Die Erfahrungen, die Sowjetbürger im Zweiten Weltkrieg gemacht haben, blieben identitätsstiftend für das russische Volk. Das Deutschlandbild in der Sowjetunion war lange Zeit von der Propaganda der Jahre 1941-1945 beeinflusst, mit dem sich wiederum Russlanddeutsche bis zum Zerfall der Sowjetunion auseinanderzusetzen hatten, und sich persönlich und in ihrem Alltag der deutschen Kriegsschuld stellen mussten.

2. Ego-Dokumente als Quelle für die Geschichtswissenschaften

Die Geschichtswissenschaften zählen Autobiographien und Briefe zusammen mit Interviews, Reiseberichten und Memoiren zu den sogenannten „Ego-Dokumenten“. Der Begriff Ego-Dokument wurde im deutschsprachigen Geschichtsdiskurs von Winfried Schulze eingeführt, der ihn folgendermaßen definierte:

„Gemeinsames Kriterium aller Texte, die als Ego-Dokumente bezeichnet werden können, sollte es sein, dass Aussagen oder Aussagepartikel vorliegen, die – wenn auch in rudimentärer und verdeckter Form – über die freiwillige und erzwungene Selbstwahrnehmung eines Menschen in seiner Familie, seiner Gemeinde, seinem Land oder seiner sozialen Schicht Auskunft geben oder menschliches Verhalten rechtfertigen, Ängste offenbaren, Wissensbestände darlegen, Wertvorstellungen beleuchten, Lebenserfahrungen und -erwartungen widerspiegeln.“6

Mit Hilfe von Ego-Dokumenten können also Fragen nach der subjektiven Wahrnehmung und Deutung des Individuums beantwortet werden. Sie geben das Zeitgeschehen wieder und dienen als Zeugnisse für die Verhaltensweisen und das Milieu eines Menschen. Sie dienen somit Historikern dazu, die zu einer bestimmten Zeit herrschenden Diskurse einer Gesellschaft offenzulegen und deren Auswirkungen auf die Lebens- und Alltagswelt eines Individuums zu beleuchten.7 Insbesondere „ungeschönte“ Notationen historischer Ereignisse kann diese Quellengattung offenlegen, außerdem die Aus- und Wechselwirkungen von allgemein historischem und persönlich-privatem Geschehen.

Die literarische und publizistische Verwertung von Feldpostbriefen aus dem „Großen Vaterländischen Krieg“ hatte in der Sowjetunion eine lange Tradition und diente vor allem auch patriotisch-erzieherischen Zwecken. Die Publikationen sämtlicher Kriegsliteratur unterlagen einer strengen Zensur des Generalstabs und der politischen Hauptverwaltung der Sowjetunion.8 Die Publikationen von Feldpostbriefen dienten dazu, die offizielle Sichtweise auf den „Großen Vaterländischen Krieg“ und damit auch den Heldenmythos des Rotarmisten zu untermauern, der auf Heimatverbundenheit und Opferbereitschaft fußte. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Feldpostbriefen im westeuropäischen Sinne fand in der Sowjetunion nie statt und steckt auch im heutigen Russland noch in den Kinderschuhen.9 Auch deshalb beschränkt sich diese Arbeit auf die von Scherstjanoi herausgegeben Feldpostbriefe, da eine quellenkritische Auseinandersetzung mit sowjetischen Feldpostbriefen innerhalb des Umfangs dieser Arbeit nicht möglich ist.

In Deutschland gilt Klaus Latzel als Pionier der „Feldpost-Forschung“; er legte allgemeine methodische Probleme dieser Quellengattung offen.10 Nach Latzel ist es ein Trugschluss zu glauben, Feldpostbriefe würden den „Alltag an der Front“ reflektieren, denn „Soldatenbriefe reflektieren lediglich kommunizierbare Erlebnisse und Wahrnehmungen schriftlich kommunizierender Soldaten, und auch nur in einem Maße, in der Weise und dem Gehalt an Wahrheit, wie es dem Schreiber für die private Verständigung möglich, notwendig, sinnvoll und zweckmäßig erschien. Sie sind Teil des Kommunikationssystems einer vom Krieg (und anders) geprägten Gesellschaft und konservieren Wirklichkeit nur auszugsweise und zweckbestimmt.“11

Das Kommunikationsverhalten von Soldaten ist nach Latzel folglich maßgeblich von dem Umstand geprägt, dass Kampfgeschehen und Zivilleben unvergleichbare Lebensumstände sind.12 Dies erklärt wohl, warum der Frontalltag vergleichsweise selten in Feldpostbriefen thematisiert wurde.

Feldpostbriefe unterlagen einer militärischen Zensur, deren Einfluss auf das Schreibverhalten jedoch von der Historiographie bislang noch nicht untersucht worden ist. Laut Scherstjanoi wäre es verfehlt anzunehmen, der Großteil der Soldaten würde sich in ihren politischen Äußerungen einschränken, obwohl die Zensurbeschränkungen gleichzeitig den meisten Soldaten bewusst waren.13 1945 wurden beispielsweise Kalender in Umlauf gebracht, die auf die Zensurbeschränkungen hinwiesen:

„[…] Es ist kategorisch verboten, in den Briefen anzugeben: In welcher Einheit du dienst, welche Waffen ihr habt, wo sich eure Einheit befindet oder die Feldpost befindet, wohin oder von woher ihr verlegt wurdet oder werdet, [etwas] über vorgesehene Kampfhandlungen, über das Leben und die Kampftätigkeit von Truppen, die Bezeichnungen von Flüssen und Seen, bei denen ihr euch befindet, die Bezeichnungen von Einheiten oder des Stabes des Bataillons, des Regiments, der Brigade, der Division, der Korps, der Armee oder der Front, die Waffengattung, die Dienststellung oder den Dienstgrad, z.B.: Flieger, Panzersoldat, Artillerist, Chef des Stabes, Leutnant, Hauptmann, Major usw. Schreibe in den Briefen nichts, was der Feind nicht wissen sollte.“14

Die Lektüre von Feldpostbriefen lässt schnell erkennen, dass manche Rotarmisten solche Zensurbestimmungen einfach übergingen. Zudem wurden die Bestimmungen von den Zensurbehörden ab März 1945 deutlich nachlässiger ausgelegt.15

Ein großer Teil der in dieser Arbeit zu untersuchenden Briefe fällt in eben diesen Zeitraum. Außerdem nennen die Zensurbehörden keine Beschränkungen, die die Fremdwahrnehmung betreffen. Notgedrungen zählten Hasstiraden in der Sowjetunion nach Ende 1941 sozusagen zum guten Ton – an der Front und im Hinterland gleichermaßen. Auch eine differenzierte Wahrnehmung der Zivilisten in Deutschland in der letzten Kriegsphase entsprach den offiziellen Leitlinien ab Ende 1944. Militärische Zensurbeschränkungen dürften auf die Fremdbeschreibungen also kaum Einfluss gehabt haben. Ob dies auch für die sogenannte Selbstzensur gilt, ist fraglich. Das Schreibverhalten eines Soldaten wird auch durch ein Selbstbild geprägt, das sich beispielsweise in den Zeilen eines Familienvaters zeigt, wenn er versucht, durch Handlungsanweisungen seine Rolle als Familienoberhaupt zu aufrechtzuerhalten. Die Soldaten versuchten insbesondere in einer so schwierigen Kommunikationssituation, sich ihren Liebsten von einer möglichst guten Seite zu zeigen. Ein Vergleich zwischen Feldpostbriefen von Wehrmachtsoldaten und den von Sönke Neitzel und Harald Welzer veröffentlichten Abhörprotokollen verdeutlichet, wie ausgeprägt die Selbstzensur in Feldpostbriefen bei Wehrmachtssoldaten war, da sich in den Abhörprotokollen zahlreiche und offene Bekenntnisse der Mordlust finden, wie sie in Feldpostbriefen wohl nicht kommunizierbar waren: „Es ist mir ein Bedürfnis geworden, Bomben zu werfen. Das prickelt einen ordentlich, das ist ein feines Gefühl. Das ist ebenso schön wie einen abzuschießen.“16

Man darf davon ausgehen, dass derartige Bekenntnisse auch bei Rotarmisten aufgrund der Selbstzensur keinen Ausdruck in ihren Briefen fanden. Zur Repräsentativität der zu untersuchenden Feldpostbriefe sei angemerkt, dass nur Briefe des Jahres 1945 in den Sammelband von Scherstjanoi aufgenommen wurden, welche die Fremdwahrnehmung explizit zum Inhalt haben.

Tagebücher sind als „Ego-Dokument“ für die geschichtswissenschaftliche Forschung von Interesse, weil sie eine subjektive Lebensgeschichte als Ich-Erzählung, meist in regelmäßigen Abständen, manchmal notizenhaft wiedergegeben.17 Wie auch Feldpostbriefe schildern Tagebücher die erlebte Realität sehr zeitnah. Dies unterscheidet diese Quellen von Memoiren oder Autobiographien, welche die Vergangenheit retrospektiv wiedergeben und deshalb oftmals ein Authentizitätsproblem aufweisen, da ihr retrospektiver Blick leicht von vorherrschenden Diskursen verfärbt werden kann; zudem versuchen Autoren von Autobiographien oder Memoiren oftmals, ihrem Lebenswerk einen tieferen Sinn zu verleihen, was die Interpretation der Vergangenheit beeinflussen kann.18

Die in dieser Arbeit untersuchten Memoiren von Leonid Rabičev (geb. 1923) thematisieren unter anderem den Umfang und den Charakter sowjetischer Vergeltungsaktionen in Ostpreußen 1944/45.19 Rabičev verfasste seine Memoiren zwischen Januar 1999 und September 2004. Sie umfassen nur 30 DIN-A4-Seiten. Er war Oberster Leutnant der Roten Armee, war den Streitkräften der Belorussischen und Ukrainischen Front zugeteilt und an der Befreiung Ostpreußens beteiligt. Zu Beginn seiner Aufzeichnungen beteuert er, diese wahrheitsgetreu und ohne Rücksicht auf höhere Instanzen und nationale Geschichtsbilder niederzuschreiben. Seine Memoiren bezeichnet er später im Text auch als „Beichte“. Dabei bekennt er, dass sein hohes Alter (er begann mit 76 Jahren die Niederschrift) seine Erinnerungsleistung einschränkt und er nur einen kleinen und nicht immer detailgetreuen Ausschnitt aus den damaligen Ereignissen wiedergeben kann. Die Gedankengänge in den Aufzeichnungen sind oft sprunghaft, folgen nicht immer einer chronologischen Reihenfolge und werden nicht selten mit selbst verfassten Gedichten geschmückt. Der Text spiegelt stellenweise das hohe Alter des Verfassers wider, auch auf sein baldiges Lebensende (einen Teil seiner Aufzeichnungen verfasste er im Krankenhaus) verweist der Autor. Die Memoiren von Rabičev werden in neueren Monographien zur Verdeutlichung der Brutalität und des Umfangs der Vergeltungsaktionen der Roten Armee herangezogen, ohne jedoch auf die schwierigen Produktionsumstände und die Art des Textes überhaupt hinzuweisen.20 Der Fall „Nemmersdorf“, der bis heute metonymisch für die Gräueltaten der Roten Armee in Ostpreußen steht, zeigt, wie Zeitzeugenberichte von der geschichtswissenschaftlichen Forschung als übertrieben entlarvt wurden oder gar „in das Reich der Phantasie zu verweisen“ sind.21 Übertreibungen in den Memoiren von Rabičev sollten gerade aufgrund des Beichtcharakters seiner im hohen Alter geschriebenen Memoiren nicht ausgeschlossen werden.

Der Quellengattung Tagebuch spricht die Historiographie gerade wegen der zeitnahen Darstellung des Geschehens in der Regel ein hohes Maß an Authentizität zu.22 Für einen hohen Grad an Authentizität des in dieser Arbeit zu untersuchenden Tagebuches von Wladimir Gelfand spricht, dass der Autor seine Aufzeichnung nie veröffentlichen wollte. Er schrieb aus der Motivation heraus, später einen Kriegsroman zu verfassen, der detailgetreu den Frontalltag wiedergeben sollte. Seine Tagebuchproduktion sah er dabei eher als Übung an, um seine Ausdrucks- und Reflexionsfähigkeit zu fördern. Nach dem Krieg absolvierte Gelfand ein Studium an der Molotower Universität; er schloss es mit einer Diplomarbeit über Ilja Ehrenburgs Roman „Sturm“ ab und wurde später Lehrer für Geschichte sowie russische Sprache und Literatur. In den 1970er Jahren bekam er Gelegenheit, Fragmente seiner Kriegserinnerungen zu veröffentlichen. Diese Veröffentlichungen wurden aber stark beeinflusst von den patriotisch-didaktischen Diskursen der Breschnew-Ära.23 Gelfand zitierte beispielsweise seine 1945 am Reichstag und 1946 an der Siegessäule hinterlassenen Verse nicht im Original. Aus den ursprünglichen Zeilen „Und schaue und spucke auf Deutschland / Auf Berlin, das besiegte, spuck` ich“ wurde in seinem im „Sowetskij Stroitel“ publizierten Artikel mit dem Titel „Der Sieg in Berlin“ die Zeilen: „Schaut her, hier bin ich, Sieger über Deutschland / In Berlin habe ich gesiegt“.24

Auch an anderer Stelle verarbeite Gelfand seine Tagebuchaufzeichnungen künstlerisch. In den Tagebucheinträgen vom 21. Februar und 20. März 1945 finden sich brutale Rachephantasien an einem Frauenbataillon. Von diesem erfährt er in seinem Tagebuch aus zweiter Hand. In einem Aufsatz jedoch, der in den 1970er Jahren veröffentlicht wurde, will Gelfand dieses Frauenbataillon nun mit eigenen Augen gesehen haben. In seinem Aufsatz geraten diese Frauen, ohne Vergeltungsakte irgendwelcher Art erlitten zu haben, in Kriegsgefangenschaft.25 Gerade diese Art der literarischen Verarbeitung seines Tagebuches in den 1970er Jahren spricht folglich von einem hohen Authentizitätsgrad seiner zu Kriegszeiten entstanden Aufzeichnungen.

Gleichzeitig gilt es Besonderheiten von in der Stalinzeit geschriebenen Tagebüchern zu beachten: Die Idee vom Aufbau einer neuen kommunistischen Gesellschaft war in der Vorkriegszeit omnipräsent. Aus dem Marxschen Diktum vom bewusstseinsbestimmenden Sein leitete sich für den Einzelnen die Pflicht ab, die eigene Psyche durch Selbstreflexion und Selbstkontrolle zu transformieren. Dies war der Glaube an den „Neuen Menschen“26. Das Tagebuch als Medium der offenen inneren Zwiesprache schlechthin war für viele ein Werkzeug, ihre „fehlerhafte“ Psyche grundlegend zu verändern, wie die berührenden und zugleich erschreckenden Tagebuchaufzeichnungen von Stepan Podlubnyi zeigen.27 Literaten wurde bei der Bildung des „Neuen Menschen“ zudem eine herausragende Rolle zugesprochen. Da Gelfand seine Aufzeichnungen für einen späteren Roman nutzen wollte, und er Maxim Gorki, dessen Werk wie kein anderes von der Idee des perfekten Sowjetmenschen durchzogen ist, als den größten „Meister des literarischen Wortes“28 ansah, wird auch Gelfand sich der Macht dieser Diskurse nicht entzogen haben können.

3. Definition des Begriffs Propaganda

Auf die Entwicklungsgeschichte des Propagandabegriffs kann hier nicht eingegangen werden. Berkhoff, der sich eingehend mit der sowjetischen Kriegspropaganda auseinandergesetzt hatte, definiert den Begriff Propaganda folgendermaßen: „A deliberate and systematic attempt to shape perceptions, mental states, and, above all, behavior, so as to achieve a response that furthers the propagandist`s behavior, so as to achieve a response that furthers the propagandist`s intent.“29

4. Das Feindbild der sowjetischen Kriegspropaganda im Zweiten Weltkrieg

Das Deutschlandbild der sowjetischen Kriegspropaganda war keineswegs ein statisches, sondern passte sich den jeweiligen Kriegsnöten an. Es lässt sich grob in drei Phasen unterteilen: Die erste Phase unterscheidet zwischen einfachen deutschen Soldaten und einer „bösen“ Hitlerbande; sie erstreckt sich vom Tag des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 bis zum 6. November 1941, dem 24. Jahrestag der „Großen Sozialistischen Revolution“, an dem Josif Stalin als Oberbefehlshaber der Roten Armee an das historische Bewusstsein seines Volkes appellierte und öffentlich die Unterscheidung zwischen „Deutscher“ und „Faschist“ aufhob.

Dieser Tag läutete die zweite Phase der Kriegspropaganda ein, in der der Hass auf den Feind zu einem „heiligen“ Gefühl hochstilisiert wurde.30

Mit der Kriegswende änderten sich die Leitlinien der sowjetischen Kriegspropaganda - zunächst schleichend – zum dritten Mal. Das erfolgreiche Kriegsende vor Augen erkannte die Sowjetführung die Notwendigkeit, in Kategorien wie „Einflusssphäre“ zu denken und unterschied zunehmend zwischen fanatischen Hitleranhängern, in die Irre geführten Soldaten und zu verschonender Zivilbevölkerung. 31

4.1 Die erste Phase der sowjetischen Kriegspropaganda

Schon vor dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion wandelte sich das Deutschlandbild der Sowjetpropaganda einige Male. Die antifaschistische und antideutsche Prägung der Sowjetpropaganda in den Jahren 1933-1939 wich mit der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Pakts einem freundschaftlicheren Deutschlandbild.32 Erst als sich im Frühjahr 1941 die Beziehung zwischen Berlin und Moskau merklich verschlechterte, richtete sich die Sowjetpropaganda auf einen möglichen Angriffskrieg ein. Diese klammerte jedoch die mögliche Notwendigkeit einer Selbstverteidigung völlig aus und propagierte einen Krieg mit geringen Verlusten auf feindlichem Territorium. Der schnelle Vorstoß der Wehrmacht im Sommer und Herbst 1941 kann wohl darauf zurückgeführt werden, dass weder Militär noch Bevölkerung militärisch oder moralisch auf die Vaterlandsverteidigung eingestimmt waren.33

Das Zentralkomitee der KPdSU und der Rat der Volkskommissare der UdSSR gründeten auf einen gemeinsamen Beschluss hin am 24. Juni 1941 das Sowjetische Informationsbüro (Sovinformbjuro). Deren Mitteilungen wurden fortan in Form von Zeitungsartikeln, Flugblättern und über den Rundfunk verbreitet. Allerdings war das Büro anfangs nicht in der Lage, eine effektive Propagandastrategie umzusetzen, da sie ein nicht förderliches Bild des deutschen Soldaten propagierte. Es war gerade dieses differenzierte Feindbild in der ersten Kriegsphase, das retrospektiv betrachtet zu Verwirrungen in den Reihen der Rotarmisten sowie auch in der Bevölkerung führte. Der damalige Außenminister Vjaceslav M. Molotov formulierte es am 22. Juni 1941 folgendermaßen: „Dieser Krieg ist uns nicht vom deutschen Volk, nicht von den deutschen Arbeitern, den Bauern und der Intelligenz aufgezwungen worden, deren Leiden wir gut verstehen, sondern von einer Clique blutrünstiger rassistischer Herrscher Deutschlands.“34

Auch Josif V. Stalin unterschied in einer Radioansprache am 3. Juli 1941 noch zwischen „Hitlerdeutschland“ und der „faschistischen deutschen Armee“. Das sich als fatale Fehleinschätzung erweisende Kalkül der Sowjetführung war es, dass der „einfache Soldat“ im Dienst der deutschen Wehrmacht Sympathien für die sozialistischen Ideale der Sowjetunion hegen könnte und möglicherweise seine Waffen strecken würde. So wurden realitätsferne Artikel über überlaufende deutsche Soldaten in Umlauf gebracht, die beteuerten, unfreiwillig in den Krieg gezogen zu sein. Auch wurde in dieser Phase den deutschen Soldaten ein potenziell proletarisches Bewusstsein unterstellt. Der angreifende Feind als verirrter Bruder erwies sich als wenig motivierendes Bild. Auch Teile der sowjetischen Bevölkerungen sahen in den heranrückenden Deutschen Vertreter einer gebildeten Kulturnation, einige verknüpften mit ihnen gar die Hoffnung auf ein Ende der kommunistischen Herrschaft.35

Am 16. Juli 1941 verordnete das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR eine Umgestaltung der politischen Propagandaorgane mit weitreichenden Folgen: In allen Regimentern, Divisionen, Stäben, Behörden und militärischen Bildungseinrichtungen wurde die Dienststellung des Kriegskommissars eingeführt. Die ideologische Betreuung in Kompanien, Batterien und Schwadronen wurden von politischen Leitern, sogenannten Politruki, übernommen. Die Kommissare und Politruki erhielten den Auftrag, „die Truppe auf den Kampf gegen die Feinde unserer Heimat einzuschwören“.36

Die politische Propaganda wurde formiert. Die Zeitschrift Propagandist Krasnoj Armii (Propagandist der Roten Armee), das Sprachrohr der politischen Hauptverwaltung der Roten Arbeiter- und Bauernarmee, gewann damit für die militärische Führung zunehmend an Bedeutung; sie diente mit ihren Materialien den Offizieren als Vorlage für ihren Umgang mit den Soldaten.

Ilja Ehrenburg war einer der ersten Propagandisten, der die Dringlichkeit eines neuen Feindbilds erkannte:

„Ich hatte die Pflicht, das wahre Gesicht des faschistischen Soldaten zu zeigen, der mit seinen auserlesenen Füllern in seinem hübschen Büchlein blutrünstig fanatischen Unfug über seine rassische Überlegenheit vermerkte. […] Ich mußte unseren Kämpfern klarmachen, dass es sinnlos war, mit einer Klassensolidarität der deutschen Arbeiter, mit Gewissensregungen bei Hitlers Soldaten zu rechnen, ich mußte ihnen klarmachen, dass jetzt nicht der Augenblick war, in der angreifenden feindlichen Armee nach ‚guten Deutschen‘ zu suchen. […] Ich schrieb: ‚Töte den Deutschen!‘“37

Der Name Ilja Ehrenburg wird bis heute mit der Hasspropaganda verknüpft, die ab Ende 1941 einsetzte. Das obige Zitat verdeutlicht, dass seine späteren, meist undifferenzierten Hasstiraden aus dem zwar differenzierenden, aber auch völlig realitätsfremden Feindbild der ersten Kriegsmonate resultierte. Er erkannte die dringliche Aufgabe jener Kriegsphase, ein untaugliches und realitätsfernes Feindbild aus den Köpfen der Rotarmisten zu klopfen. Ehrenburg war für diese Aufgabe prädestiniert. 1891 in Kiew als Jude geboren, ging er 1908 ins politische Exil nach Frankreich, war in Paris Herausgeber der avantgardistischen Zeitschrift „Wertsch“, veröffentliche Romane und zählte Persönlichkeiten wie Ernst Hemingway und Pablo Picasso zu seinen Freunden; im spanischem Bürgerkrieg engagierte er sich in den Jahren 1936-1938 als Frontberichterstatter für die sowjetische Tageszeitung „Iswestija“ und sammelte mit seinem Kultur-LKW erste Erfahrungen als Propagandist. Nach der Niederlage der spanischen Volksfrontregierung kehrte er nach Paris zurück. Mit seinen Romanen „Der Fall von Paris“ und „Sturm“ klagte er über die Haltung Frankreichs bei den Münchner Verträgen und über die Kollaboration. 1941 kehrt er in die Sowjetunion zurück. Auf der Zugfahrt von Paris nach Moskau hatte er einen Zwischenstopp in Berlin, wo er ein Schild mit der Aufschrift „Juden unerwünscht!“ sah. Diese Erfahrung und ein Gespräch mit einem deutschen Offizier verdeutlichten ihm nochmals die fürchterliche Entschlossenheit des nationalsozialistischen Regimes.

4.2 Die zweite Phase der sowjetischen Kriegspropaganda

Am 6. November 1941, zum 24. Jahrestag der „Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“, rang sich der Oberbefehlshaber der Roten Armee, Josif V. Stalin, zu einem öffentlichen Eingeständnis durch. Er bezeichnete die deutschen Truppen als „Hitlersche Horden“, zog Parallelen zum tataro-mongolischen Einfall und appellierte damit an das historische Bewusstsein seines Volkes.38 Rückgriffe auf heroische Kapitel der russischen Historie wurden von nun an zu einem festen Element der sowjetischen Propaganda. Der Krieg gegen Hitlerdeutschland wurde in Beziehung gesetzt zum „Vaterländischen Krieg“ gegen Napoleon 1812, von nun an „Großer Vaterländischer Krieg“ genannt. Michail Kutosow, der Bezwinger Napoleons, wurde in Erinnerung gerufen, ebenso Alexander Newski, der dank einer List die Entscheidungsschlacht 1242 auf dem Eis des zugefrorenen Peipussees gegen den Deutschen Orden gewann.39 Im Juli 1942 wurden Militärverdienstorden nach beiden benannt; auch wurden wieder Rangabzeichen und Schulterklappen nach vorrevolutionärem Muster eingeführt. Die russisch-orthodoxe Kirche durfte sogar die Waffen vor dem Gefecht wieder kirchlich segnen.40

Diese Maßnahmen sollten das Land aus der kollektiven Ohnmacht erwecken. Die Wehrmacht stand schon vor den Toren Moskaus und ließ keinen Raum mehr für klassenideologische Illusionen. Durchhalten – mit allen Mitteln: Das war die Parole der Stunde.41

Der klassenkämpferische Akzent im Feindbild wurde gelöscht und die Unterscheidung zwischen „Deutscher“ und „Faschist“ oder „Bestie“ aufgehoben.42 Diese Begriffe wurden auch noch 1945 sinngleich verwendet, jedoch blieb die Bezeichnung „Deutscher“ bis in die Nachkriegszeit an der Front und im Hinterland die üblichste.43 Eine sprachwissenschaftliche Untersuchung zur semantischen Bestimmung des Begriffs Deutscher in den Jahren 1941-1946 ist dem Verfasser nicht bekannt; es scheint aber, dass der Begriff Deutscher ab Ende 1944 verstärkt auch für die Bezeichnung von Zivilisten verwendet wurde, in Abgrenzung zu militärischen Streitkräften und Parteiangehörigen der NSDAP. Gleichzeitig wurde er aber dennoch auch nach Kriegsende noch als Synonym für „faschistische Bestie“ benutzt.

In seiner Rede zitierte Stalin einen Appell des deutschen Oberkommandos:

„Habe kein Herz und keine Nerven, man braucht sie im Krieg nicht. Vernichte in Dir Erbarmen und Mitleid – töte jeden Sowjetrussen, mach nicht halt, auch wenn du einen Greis oder eine Frau, ein kleines Mädchen oder einen Jungen vor dir hast – töte, denn dadurch rettest du dich vorm Untergang, sicherst die Zukunft deiner Familie und erwirbst dir ewigen Ruhm.“44

Ab diesem Zeitpunkt sollte die Devise „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ die Leitlinie der sowjetischen Kriegspropaganda sein.

Im Dezember 1941 wurde von der GlavPU RKKA die Direktive „Über die Beseitigung von Unzulänglichkeiten in der mündlichen Propaganda und Agitation“ verabschiedetet, welche die Effizient der eigenen Propaganda erhöhen sollte. Alle Politarbeiter wurden angewiesen, tagtäglich das Gespräch mit dem „einfachen“ Soldaten zu führen. Sie sollten über die Weisung Stalins informieren, ausnahmslos alle Deutschen, „die das Territorium unserer Heimat als Okkupanten betreten haben“,45 zu vernichten. Den Politoffizieren wurden methodische Richtlinien auf den Weg gegeben, die den Zweck solcher Gespräche verdeutlichten. Dieser Zweck bestand darin, „in den Herzen der Kämpfer Haß auf den Feind zu entfachen, sie in ihren Rachegefühlen gegenüber den deutsch-faschistischen Schurken und in dem Wunsch zu bestärken, diese Räuberbande so rasch wie möglich zu vernichten.“46

Zudem wurden die Politoffiziere angehalten, „eine ganze Reihe von Beispielen deutscher Plünderungen und Gräueltaten anzuführen, die die Soldaten aus eigenen Erleben kennen“.47 Dies sollte der Untermauerung der von den Politoffizieren dargebotenen Informationen dienen. Entsprechend wurde auch das Deckblatt der letzten Ausgabe des Jahres 1941 der Zeitschrift Propagandist Krasnoj Armii ersetzt. Der Titel „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ wurde durch „Tod den deutschen Okkupanten!“ ersetzt.48

Doch auch in dieser Phase der sowjetischen Propaganda wurde noch zwischen dem deutschen Volk und der auf sowjetischem Territorium kämpfenden Hitlerarmee unterschieden, wie etwa mit Stalins Befehl Nr. 55 vom 23. Februar 1942, in dem er erklärte, dass „die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk, der deutsche Staat bleibt“.49 Allerdings sorgten sich aufgrund des Kriegsverlaufs wohl nur die allerwenigsten Rotarmisten in jener Zeit um die deutsche Zivilbevölkerung. Der Befehl Nr. 55 zielte wohl eher auf potenzielle ausländische Verbündete. Dafür spricht auch, dass das Bild eines betrogenen und unterdrückten deutschen Volkes allmählich ganz von den Seiten der sowjetischen Presse verschwand.

Die sowjetische Propaganda hatte zunehmend aggressiven Charakter und stellte das „Schüren des Hasses“ ab Mai 1942 nun endgültig in ihren Mittelpunkt. So sah Stalin am 1. Mai 1942 die Wende im Kriegsverlauf vor allem auch in der sich nun gewandelten Feindwahrnehmung:

„Die Rotarmisten sind härter und schonungsloser geworden. Sie haben es gelernt, die faschistischen deutschen Eindringlinge richtig zu hassen. Sie haben begriffen, dass man den Feind nicht besiegen kann, ohne es gelernt zu haben, ihn aus ganzer Seele zu hassen.“50

Die Führung der Roten Armee erkannte im Hass eine psychologische Waffe, die auch von den eigenen militärischen Fehlern und den ungerechtfertigt hohen Verlusten auf der eigenen Seiten ablenken sollte.

Exemplarisch für die Hassrhetorik kann der im Sommer 1942 erschienene Artikel „Der heilige Hass auf die Unterdrücker“ von Brigadekommissar Vasilenko gesehen werden. Seiner Ansicht nach gehörte der „heilige Hass“ zu den traditionellen, „machtvollen Waffen im Arsenal der moralischen Kampfmittel des Sowjetvolkes“,51 er sei Russland von der „Partei Lenins und Stalins bereits in den Jahren des Zarismus eingeimpft worden“.52 Der Hass würde seiner Meinung nach auch zum Bindeglied zwischen Front und Hinterland und fände auf dem Schlachtfeld die höchste seiner vielfältigen Erscheinungsformen. Abschließend schreibt er:

„Unser Hass ist ein siegbringendes Gefühl, eine gewaltige organisierende und mobilisierende Kraft. Der Hass festigt den Menschen, verzehnfacht seine Kräfte, macht ihn steinhart und für den Feind unüberwindlich. Dem Kämpfer verhilft der heilige Hass zu den wertvollsten Eigenschaften: Mut, Standhaftigkeit, Kühnheit, Initiative, List, permanente Kampfbereitschaft, unerschütterlicher Glaube an die eigene Sache, das Bestreben, seinen Beruf und die Handhabung seiner Waffe perfekt zu erlernen, Todesverachtung, die Bereitschaft, um des siegreichen Sowjetvolkes willen sein Leben zu opfern (zum höchstmöglichen Preis).“53

Gleichzeitig wurde nun verstärkt auf slawische Feindbildmuster zurückgegriffen; Methapern und Analogien aus dem Tierreich wurden herangezogen, der Feind oft als etwas Dämonisches oder als ungreifbare dunkle Masse beschrieben.54

Auch Literatur und Musik verbreiteten höchst effektiv das neue Feindbild. Zur Hymne des „Großen Vaterländischen Krieges“ wurde schon im Juni 1941 das Lied „Der heilige Krieg“ von Wassili Lebedew-Kumatsch geschrieben und von Alexander Alexandrow komponiert, das die Heimat der Deutschen als „Reich der Finsternis“ bezeichnet und die Angreifer als „verdammte Horden, Würger, Vergewaltiger, Räuber und Menschenquäler“ charakterisiert. Das sowjetische Volk kämpft in diesen Strophen hingegen mit „edler Wut“ für „Licht und Frieden“.55

Großen Einfluss auf die Moral der gesamten Bevölkerung hatten literarische Werke von zeitgenössischen Autoren wie Alexej Tolstoj, Ilja Ehrenburg, Michail Solochov, Wsewolod Wischnewksi, Wasili Grossmann und Konstantin Simonov, die allesamt während des „Großen Vaterländischen Krieges“ für die politische Hauptverwaltung arbeiteten.56

1942 erschien Ehrenburgs Flugblatt mit dem Titel „Töte!“, in dem die klar vollzogene Trennung zum früheren Feindbild deutlich wird, gerade weil der Begriff „Deutscher“ eine neue Konnotationen trägt:

„Die Deutschen sind keine Menschen. Von jetzt an ist das Wort ‚Deutscher‘ für uns der schlimmste Fluch. Von jetzt ab bringt das Wort ‚Deutscher‘ ein Gewehr zur Entladung. Wir werden nicht sprechen. Wir werden uns nicht aufregen. Wir werden töten. Wenn du nicht im Lauf eines Tages wenigstens einen Deutschen getötet hast, so ist es für dich ein verlorener Tag gewesen… Wenn du einen Deutschen getötet hast, so töte einen zweiten – für uns gibt es nichts Lustigeres als deutsche Leichen. Zähle nicht die Tage. Zähle nicht die Kilometer. Zähle nur eines: Die von dir getöteten Deutschen...“57

[...]


1 Vgl. Hans Goldenbaum: Nicht Täter, sondern Opfer? Ilja Ehrenburg und der Fall Nemmersdorf im kollektiven Gedächtnis der Deutschen, in: Hallische Beiträge zur Zeitgeschichte, 17 (2007/1), S. 7-38.

2 Vgl. ebd., S.27-33.

3 Vgl. Barbara Johr: Die Ereignisse in Zahlen, in: Helke Sander / Barbara Johr (Hg.): BeFreier und Befreite: Krieg, Vergeltung, Kinder, Frankfurt am Main 1992, S. 46-61.

4 Jörg Friedrich: Das Gesetz des Krieges. Das deutsche Heer in Rußland 1941-1945, München 1993, S. 555.

5 Vgl. Elke Scherstjanoi: Deutschland-Tagebuch 1945-1946. Aufzeichnungen eines Rotarmisten, Berlin 2008, S. 11.

6 Winfried Schulze (Hg.): Ego-Dokumente, Berlin 1996, S. 11-30, hier: S. 28.

7 Vgl. Jörg Baberowski: Die Entdeckung des Unbekannten, in: Jörg Baberowski (Hg.): Geschichte ist immer Gegenwart, München 2001, S.11-14.

8 Vgl. Elke Scherstjanoi: Sowjetische Feldpostbriefe vom Ende des Großen Vaterländischen Krieges als Quelle für historische Forschung, in: Elke Scherstjanoi (Hg.), Rotarmisten schreiben aus Deutschland. Briefe von der Front (1945) und historische Analysen, München 2004, S. 5.

9 Vgl. ebd., S. 4-11.

10 Vgl. Klaus Latzel: Vom Kriegserlebnis zur Kriegserfahrung. Theoretische und methodische Überlegungen zur erfahrungsgeschichtlichen Untersuchung von Feldpostbriefen, in: Militärgeschichtliche Mitteilungen 56 (1997), S. 3-30.

11 Scherstjanoi 2004: Feldpostbriefe, S. 6

12 Vgl. ebd., S. 7.

13 Vgl. Elke Scherstjanoi 2004: „Wir sind in der Hölle der Bestie.“ Die Briefkommunikation von Rotarmisten in der Heimat über ihre Erlebnisse in Deutschland, in: Elke Scherstjanoi (Hg.): Rotarmisten schreiben aus Deutschland. Briefe von der Front (1945) und historische Analysen, München 2004, S. 202.

14 Zitiert nach: ebd.

15 Vgl. ebd.

16 Sönke Neitzel / Harald Welzer: Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, Frankfurt am Main 2012, S. 83.

17 Vgl. Schulze 1996: Ego-Dokumente, S. 11-30.

18 Vgl. Schulze 1996: Ego-Dokumente, S. 11-30.

19 Vgl. Leonid Rabičev: Vojna vse spiset, in: Zeitschrift „Znamja“, Moskau 2 (2005); im Internet in russischer Sprache einsehbar unter: Leonid Rabičev: Vojna vse spiset, http://magazines.russ.ru/znamia/2005/2/ra8.html (5.März 2014).

20 Vgl. dazu: Catherine Merridale: Iwans Krieg. Die Rote Armee 1938-1945, Frankfurt am Main 2006, S. 339 und Jörg Baberowski: Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt, München 2012, S. 438.

21 Vgl. Bernhard Fisch: Nemmersdorf, Oktober 1944. Was in Ostpreußen tatsächlich geschah, Berlin 1997, S. 168.

22 Vgl. Schulze 1996: Ego-Dokumente, S. 11-30.

23 Vgl. Scherstjanoi 2008:Tagebuch, S. 336-337.

24 Ebd.

25 Vgl. ebd

26 Jochen Hellbeck: „Wo finde ich mein Spiegelbild?“ Soziale Identität im sowjetischen Stalinismus der dreißiger Jahre, in: BIOS. Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebenslaufanalysen, 7:2 (1994), S. 149-164.

27 Vgl. Jochen, Hellbeck: Tagebuch aus Moskau. 1931-1939, München 1996, S. 26-27.

28 Ebd., S. 27.

29 Karel C. Berkhoff: Motherland in danger. Soviet propaganda during World War II, London 2012, S. 3.

30 Aleksandr V. Perepelicyn / Natalja P. Timofeeva: Das Deutschen-Bild in der sowjetischen Militärpropaganda während des Großen Vaterländischen Krieges, in: Elke Scherstjanoi (Hg.): Rotarmisten schreiben aus Deutschland. Briefe von der Front (1945) und historische Analysen, München 2004, S. 268.

31 Vgl. ebd., S. 282-286.

32 Vgl. Elena Senjavskaja: Protivniki Rosii v voinach XX veka [Die Feinde Russlands im 20. Jahrhundert], Moskva [Moskau] 2006, S. 72-80.

33 Vgl. Richard Overy: Russlands Krieg 1941-1945, Hamburg 2003, S. 21-66.

34 Izvestija, 24.6.1941, zitiert nach: Perepelicyn / Timofeeva 2004: Deutschen-Bild, S. 268.

35 Vgl. Perepelicyn / Timofeeva 2004: Deutschen-Bild, S. 267.

36 zitiert nach: ebd. S. 269.

37 Ilja Ehrenburg: Menschen, Jahre, Leben., Bd. 2, Berlin 1978, S. 542.

38 Vgl. Perepelicyn / Timofeeva 2004: Deutschen-Bild, S. 270.

39 Vgl. ebd

40 Vgl. Senjavskaja 1995: 1941-1945, S. 83.

41 Vgl. ebd. S. 79.

42 Vgl. Perepelicyn / Timofeeva 2004: Deutschen-Bild, S. 270.

43 Vgl. Elena S. Senjavskaja: Deutschland und die Deutschen in den Augen sowjetischer Soldaten und Offiziere des Großen Vaterländischen Krieges, in: Elke Scherstjanoi (Hg.): Rotarmisten schreiben aus Deutschland. Briefe von der Front (1945) und historische Analysen, München 2004, S. 251.

44 Perepelicyn / Timofeeva 2004: Deutschen-Bild, S. 270.

45 zitiert nach: Perepelicyn / Timofeeva 2004: Deutschen-Bild, S. 271.

46 Ebd

47 zitiert nach: ebd. S.272

48 Vgl. ebd., S. 271

49 Josif Vissarionovic Stalin: Befehl des Volkskommissars für Verteidigung Nr. 55, 23.2.1942, zitiert nach: ebd., S. 272.

50 Josif Vissarionovic Stalin: Befehl des Volkskommissars für Verteidigung Nr.130, 1.5.1942, zitiert nach: ebd., S. 274.

51 zitiert nach: Perepelicyn / Timofeeva 2004: Deutschen-Bild, S. 275.

52 zitiert nach: ebd., S. 274.

53 zitiert nach: ebd., S. 275-276.

54 Vgl. Senjavskaja 2006: Protivniki, S. 80-96.

55 Vgl. Senjavskaja 2006: Protivniki, S. 80-96.

56 Vgl. ebd.

57 zitiert nach: Ingo von Münch: Ilja Ehrenburg im Urteil der Geschichte, in: Fred Mrotzek / Ingo Sens (Hg.): Ilja Ehrenburg „Töte!“. Die Auseinandersetzung um die Ilja Ehrenburg-Straße in Rostock, Rostock 2011, S. 17f.

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Die sowjetische Kriegspropaganda 1941 – 1945 in Ego-Dokumenten
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Historisches)
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
54
Katalognummer
V294975
ISBN (eBook)
9783656931829
ISBN (Buch)
9783656931836
Dateigröße
753 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kriegspropaganda, ego-dokumenten
Arbeit zitieren
Martin Stein (Autor), 2015, Die sowjetische Kriegspropaganda 1941 – 1945 in Ego-Dokumenten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294975

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die sowjetische Kriegspropaganda 1941 – 1945 in Ego-Dokumenten


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden