„Die Zukunft is(s)t vegetarisch“. Zu Vorstellungen von Vegetarismus als „bessere“ Ernährungs- und Lebensform aus kulturwissenschaftlicher Perspektive


Bachelorarbeit, 2014

43 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Historie des Vegetarismus
1.2. Moralisierung von Nahrung und die Bedeutung von Ratgebern

2. Gewählte Methodik: Qualitative Inhaltsanalyse
2.1. Ziel und grundlegender Ansatz einer qualitativen Inhaltsanalyse
2.2. Methodischer Ablauf der Analyse

3. Beschreibung des Analysematerials
3.1. Karen Duve (2010) - „Anständig essen"
3.2. Nina Messinger (2011) - „Du sollst nicht töten. Plädoyer für eine gewaltfreie Ernährung“
3.3. Andreas Grabolle (2012) - „Kein Fleisch macht glücklich. Mit gutem Gefühl essen und genießen“
3.4. Jonathan Safran Foer (2009/ dt. Übersetzung 2010) - "Tiere essen"

4. Vorstellung der Kategorien

5. Analyse
5.1. Vegetarismus - Deutungen eines Trends
5.2. Vegetarismus und Umweltschutz
5.3. Vegetarismus in Zeiten der „Entfremdung“
5.5. Vegetarismus und tierethische Perspektiven
5.6. Vegetarismus und das Dogma des (Fleisch-) Verzichts
5.7. Vegetarismus als politisches Statement
5.8. Vegetarismus im Kontext sozialer Ungerechtigkeit

6. Fazit

7. Literatur-/ Quellenverzeichnis
7.1. Literaturverzeichnis
7.2. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Die Zukunft is(s)t vegetarisch“[1] - Vorstellungskonstruktionen wie diese im Titel des Buches von Manuela Gruber sind in vielen populärwissenschaftlichen Büchern, Zei­tungsartikeln und Ernährungszeitschriften zu finden. Ernährung und speziell Vegetaris­mus sind in den letzten Jahren mehr und mehr zu gesellschaftlich präsenten Themen geworden. Größere Museen wie das Haus der Geschichte in Bonn[2] oder das Deutsche Museum in München[3] beschäftigen sich in diesem Jahr in Sonderausstellungen mit Er­nährungskultur. In nahezu allen überregionalen deutschen Wochenzeitungen[4] wurde das Thema Vegetarismus in den letzten Jahren mehrfach behandelt. Achtet man auf Er­scheinungsjahre vieler Kochbücher und Ratgeber zum Thema Vegetarismus, ist zu er­kennen, dass speziell in den letzten fünf bis zehn Jahren viele dieser Bücher publiziert wurden.

Neben der physiologischen Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme hat Essen eine soziokulturelle Dimension.[5] Ernährung ist ein „Teil eines bestimmten Lebensstils“, so der Ernährungspsychologe Christoph Klotter.[6] Die eigene Ernährung kann als „Akt der Repräsentation“ bezeichnet werden.[7] Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive sind vor allem die in den Publikationen vermittelten Werte und Normen interessant. Welche Re­präsentationsmöglichkeiten werden durch eine vegetarische Ernährung- und Lebens­form in den zeitgenössischen Publikationen konstruiert? Welche Vorstellungen eines „bestimmten Lebensstils“[8] werden vermittelt? Vegetarismus wird, in Abgrenzung zu einer carnivoren Ernährungs- und Lebensform, in vielen dieser Publikationen als die „bessere“[9] Ernährungs- und Lebensform konstruiert. In der vorliegenden Arbeit werden solcherlei Vorstellungskonstruktionen kulturwissenschaftlich herausgearbeitet, struktu­riert und dekonstruiert. Ebenso soll die Wirkmächtigkeit der verschiedenen zeitgenössi­schen Argumente aufgezeigt und gedeutet werden. Als notwendige Quellen dienen hier­für vier Publikationen[10] zum Thema Vegetarismus. Hier soll zum einen aufgezeigt wer­den, welche scheinbar „richtigen“ Werte und Normen hinsichtlich einer vegetarischen Ernährungs- und Lebensweise gegenwärtig postuliert werden. Zum anderen soll ver­deutlicht werden, welche, und wieso gerade jene Argumente im Analysematerial wirk­mächtiger vorzufinden sind als Andere. Es geht demnach nicht um die Bewertung der verschiedenen Argumente, sondern um deren Strukturierung, sowie einer abstrakten Auseinandersetzung und Deutung der Argumentationsmechanismen in den Publikatio­nen.

Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive wurde das Thema Ernährungskultur um­fangreich behandelt. Das Thema Vegetarismus wurde im Fach hingegen äußerst selten erforscht. Hier ist vor allem Sabine Heß’ Studie zu Nahrungsmeidung und Vegetaris­mus[11] zu nennen. Ebenso gibt es einige Randerwähnungen zur vegetarischen Ernäh­rungs- und Lebensform in den Werken von Konrad Köstlin - vereinzelt auch in Publi­kationen anderer Autoren. In der Geschichtswissenschaft haben sich vor allem Hans- Jürgen Teuteberg und Judith Baumgartner mit dem Thema Vegetarismus beschäftigt. Vor allem in der Soziologie finden sich viele Publikationen zum Thema Vegetarismus. Allen voran Eva Barlösius und Monika Setzwein sowie Daniel Kofahl haben sich inten­siv mit Ernährungstrends bzw. der vegetarischen Ernährungs- und Lebensweise ausei­nandergesetzt. Vereinzelte Publikationen aus philosophischer und erziehungswissen­schaftlicher Fachperspektive wurden für diese Arbeit ebenso herangezogen. Zusammen­fassend kann angemerkt werden, dass das Thema Vegetarismus in den Sozialwissen­schaften bei weitem noch nicht ausreichend untersucht wurde. Diese Arbeit stellt einen Versuch dar, gegenwärtige Vorstellungen zu einer vegetarischen Ernährungs- und Le­bensform aus kulturwissenschaftlicher Perspektive zu erforschen.

Zunächst soll die Geschichte des Vegetarismus, sowie die Moralisierung von Nah­rung und die Bedeutung von Ratgebern reflektiert werden. Ebenso wird die gewählte Methodik erläutert - im Folgenden das Analysematerial beschrieben. Auch die induktiv konstruierten Kategorien werden erklärt. In der anschließenden Analyse wird zunächst, der in der Einleitung festgestellte Trend der vegetarischen Ernährungs- und Lebensform gedeutet. Anschließend wird das Material den Kategorien folgend analysiert. Am Ende der Arbeit sollen die gewonnenen Erkenntnisse resümiert und abschließend gedeutet werden.

1.1. Historie des Vegetarismus

Im Folgenden soll die Geschichte des Vegetarismus überblickshaft geschildert werden. Dies soll dazu dienen, die herausgearbeiteten Vorstellungen der Autoren im Hinblick auf die Historie der vegetarischen Bewegung einordnen zu können und Kontinuitäten in der Argumentation der vegetarischen Bewegung hervorzuheben.

Die ersten „Impulse für das Meiden von Fleisch gingen von der religiösen Sekte der Orphiker (Griechenland, 6 Jh. V. Chr.) aus“, so Claus Leitzmann und Andreas Hahn.[12] Als eigentlicher „Stammvater des Vegetarismus in Europa“ gilt jedoch bis heute Pytha­goras (592-493 v. Chr.).[13] Schon zu Zeiten Pythagoras’ waren „religiös-ethische und praktische Motive“ für eine fleischlose Ernährung eng miteinander verflochten.[14] In den Schriften der Antike und später in der Renaissance ist immer wieder die fleischlose Er­nährung erwähnt. Schon in der Antike wurde Vegetarismus als „Gewissensfrage des Menschen gedacht.“[15]

In Deutschland ist die Entwicklung des Vegetarismus vor allem mit den Lebensre­formbewegungen ab der Mitte des 19. Jahrhunderts in Verbindung zu bringen.[16] 1843 schrieb Gustav von Struve die erste vegetarische Tendenzschrift im deutschen Sprach- raum, in den Folgejahren gründeten sich diverse Vegetariervereine in Deutschland.[17] Schon von Anfang an war der Vegetarismus in Deutschland religiös-ideologisch ge­prägt.[18] Vegetarismus war demnach schon sehr früh mehr als nur der Verzicht auf Fleischwaren - die vegetarische Bewegung in Deutschland kann als „wichtige[r] ge­dankliche^] Vorläufer“ angesehen werden in Bezug auf die „heutige Kritik am über­steigerten Warenkonsum.“[19] Verbunden ist der Vegetarismus traditionell mit „der Ag­rarromantik des späten 19. Jahrhunderts“[20], ebenso wurde die fleischlose Ernährungs­weise „als fester Bestandteil der neu aufkommenden Naturheilverfahren“[21] betrachtet.

Hier sollte deutlich geworden sein, dass Vegetarismus schon seit jeher nicht nur den physiologischen Aspekt des Fleischverzichts beinhaltet. Die vegetarische Bewegung, und vor allem hier gibt es Anknüpfungspunkte an gegenwärtige Trends, war schon in ihren Anfängen auf eine naturgemäße Lebensweise ausgerichtet. Gemeint ist damit kei­ne anspruchslose Primitivität, sondern schlicht die Besinnung auf einfache „Nahrung, Kleidung, Wohnung.“[22] Die ethisch-moralischen Begründungen für eine vegetarische Ernährungsweise, sowie die damit verbundenen Lebenskonzepte sind also keineswegs ein Phänomen des Zeitalters der Massentierhaltung. Viele, auch heute noch wirkmäch­tigen Vorstellungen weshalb der Vegetarismus die „bessere“ Ernährungs- und Lebens­form sei, sind nicht etwa Erfindungen der analysierten Autoren, sondern teilweise bis in die Antike zurückführbare Ernährungsdogmen.

1.2. Moralisierung von Nahrung und die Bedeutung von Ratgebern

In der Arbeit wurden Ratgeber zum Thema Vegetarismus untersucht und analysiert. Hier nun wird versucht die Wirkmächtigkeit dieser Ratgeber für die Bedeutungskon­struktion vieler Menschen deutlich zu machen und damit auch eine Begründung für die Auswahl und den Mehrwert der Analyse dieser Ratgeber zu geben. Ratgeber dieser Art sollten demnach als kulturwissenschaftlich wertvolle Quellen erkannt werden.

Die Motive für eine vegetarische Ernährungsweise sind vorrangig durch „ethisch moralische Aspekte begründet“, so Angela Grube.[23] Heute wird der „eigene Konsum [...] als Teil eines gesellschaftlichen Zusammenhangs begriffen.“[24] Man gewinnt den Eindruck, Nahrung sei, wie kaum andere Themen, von moralischen Dogmen besetzt. Menschen müssen bezüglich ihrer Nahrung „stets verschiedene moralische Imperative [...] gegeneinander abwägen und miteinander in Einklang bringen“.[25] Es gibt demnach „moralische Gebote“, welche „Achtungen und Wertschätzungen für bestimmtes Han­deln enthalten und solches, das diesen Aufforderungen nicht entspricht, abwerten, ver­achten und missbilligen.“[26] Die Vorstellungen von „gutem“ und „schlechtem“ Essen werden maßgeblich in den Medien produziert.[27] Nahrungsmoral wird demnach kommu­nikativ tradiert und besteht nicht per sé - heute ist die hier analysierte Ratgeberliteratur ein wichtiges Medium zur „Kommunikation von Essmoral“.[28] Experten setzen Maxime „von einem Standort aus, dem moralische Überlegenheit zuerkannt wird“ - „falsche Ernährung“ sowie die „Essenden dieser Nahrung“ werden sanktioniert.[29] Es gilt unbe­dingt zu beachten, dass im Bereich der Ernährung viele Machtinteressen involviert sind[30] - so geht es in den meisten Publikationen nicht um die „Weitergabe von wissen­schaftlich fundiertem Wissen und unabhängigen Sachaussagen“, sondern es wird „ gleichzeitig mehr oder weniger deutlich mitgeteilt, was richtig und was falsch ist“.[31] Eva Barlösius nennt die Machtakteure im Diskurs um die „richtige“ und „falsche“ Er­nährung „Moralunternehmer“. Die Arbeit der „Moralunternehmer“ könne man „als Schritt zur Erzeugung moralischer Verpflichtungen verstehen.“[32] Letztlich kann es, dies ist für ein Grundverständnis dieser Arbeit unverzichtbar, keine „unabhängigen, neutra­len Experten“ geben, da „Wissen immer [...] positions- und perspektivenabhängig ist.“[33] Produzierte Normen sind deshalb immer nur als eine mögliche Perspektive zu betrach­ten und keineswegs als „richtig“ oder „falsch“.

Die Produktion von Normen und Werten durch die Medien ist „entscheidend am Prozess der Wirklichkeitskonstruktion beteiligt und mit allen Bereichen der Sozialisati­on verflochten.“[34] Für Menschen sind die konstruierten moralischen Dogmen nicht Konstruktionen, sondern werden zu scheinbar selbstauferlegten, bedeutungsvollen mo­ralischen Pflichten. Die Konsummoral ist allein schon deshalb nicht individuell, weil sie immer in „gegenseitige[r] Orientierung“ zu anderen Menschen steht - „kollektive Kon­summoral kann also eine Funktion der sozialen Zusammenschließung erfüllen.“[35] Die kollektive Konsummoral kann jedoch auch, genau andersherum, zur sozialen Exklusion von Menschen führen. So zum Beispiel bei Personen, die übergewichtig sind und des­wegen gesellschaftlich „stigmatisiert“ werden. „Ihr Körpergewicht wird als Beleg für mangelnde Selbstkontrolle, fehlende Bereitschaft zur Selbstverantwortung und zu vo­rausschauendem Handeln interpretiert.“[36] [37]

Der Mehrwert dieser Arbeit liegt darin, ebensolche konstruierten Normen und Werte zu erkennen, sie zu ordnen, zu systematisieren und letztlich zu dekonstruieren.

2. Gewählte Methodik: Qualitative Inhaltsanalyse

Im Folgenden gilt es die verwendete Methode der Qualitativen Inhaltsanalyse zu erläu­tern. Es soll vor allem deutlich gemacht werden, weshalb die Methode und das analy­sierte Material gewählt wurden. Um wissenschaftliche Transparenz zu garantieren, gilt es ebenso den Ablauf dieser Studie aufzuzeigen.

Die klassische Inhaltsanalyse ist eine „primär kommunikationswissenschaftliche Technik“, welche Anfang des 20. Jahrhunderts, vornehmlich in den USA, „zur Analyse der sich entfaltenden Massenmedien (Zeitungen, Radio) entwickelt wurde.“ Mithilfe der Methode war es möglich, die „Häufigkeit bestimmter Motive im Material, das Aus­zählen, Bewerten und Inbeziehungsetzen von Textelementen“[38] in den Massenmedien zu analysieren. Mitte der 1950er Jahre forderten diverse Wissenschaftler ebenso auch eine Inhaltsanalyse qualitativer Art.[39] Mit der Qualitativen Inhaltsanalyse wurde eine

Möglichkeit geschaffen, die „Vorteile dieser systematischen Technik zu nutzen, ohne in vorschnelle Quantifizierungen abzurutschen.“[40] Die Qualitative Inhaltsanalyse eignet sich vor allem zur Strukturierung und Analyse großer Textmengen[41] [42] und wurde unter anderem aus diesem Grund für diese Arbeit herangezogen.

2.1. Ziel und grundlegender Ansatz einer qualitativen Inhaltsanalyse

Ziel einer Qualitativen Inhaltsanalyse ist „die Analyse von Material, das aus irgendei­ner Art von Kommunikation stammt“ - im Falle dieser Arbeit handelt es sich, wie bereits erläutert, um vegetarische Ernährungsratgeber im weitesten Sinne. Die Qualita­tive Inhaltsanalyse „will systematisch vorgehen“ und grenzt sich hierdurch „gegen ei­nen Großteil hermeneutischer Verfahren ab.“[43] Die Analyse der Texte verläuft demnach strukturiert, regel- und theoriegeleitet; in einem Ablaufmodell werden die einzelnen Analyseschritte vorab definiert.[44] Zentraler Moment der Qualitativen Inhaltsanalyse ist die Konstruktion eines Kategoriensystems. Die festgelegten Kategorien ermöglichen vor allem die Nachvollziehbarkeit der Analyse und Interpretation für Außenstehende.[45] Das Kategorisieren der Inhalte des Textes gestattet die „Vergleichbarkeit der Ergebnis­se“ und die „Abschätzung der Reliabilität“ der durchgeführten Analyse.[46]

2.2. Methodischer Ablauf der Analyse

Zu Beginn einer Studie muss festgelegt werden, welches „Material der Analyse zugrun­de liegen soll.“[47] In dieser Studie wäre eine Analyse von zeitgenössischen Zeitungsarti­keln oder Zeitschriften zum Thema Vegetarismus möglich gewesen. Letztlich wurden zur Erkenntnisgewinnung die vegetarischen Ratgeberbücher herangezogen. Diese schienen hinsichtlich der Fragestellung sehr umfassend Auskunft über Vorstellungen von Vegetarismus als „bessere“ Ernährungs- und Lebensform zu geben. Zunächst war angedacht sieben vegetarische Ratgeber zu analysieren - das Material wurde jedoch nach Erstsichtung aus Zeit- und Umfanggründen dieser Studie auf vier Ratgeber redu­ziert. Das Kriterium für die Auswahl des Analysematerials richtete sich nach der Best­sellerliste des Onlineversandhandels Amazon.[48] Demnach finden sich die vier ausge­wählten Publikationen auf den ersten sechs Rängen. Angeführt wird die Bestsellerliste von veganen und vegetarischen Kochbüchern, welche für eine Analyse nicht in Frage kamen. Das Buch von Mediziner Claus Leitzmann Vegetarische Ernährung ist zwar ebenso ein Ratgeber, wurde jedoch nicht verwendet, da er vorwiegend auf medizinisch­gesundheitliche Aspekte einer vegetarischen Ernährung eingeht. Kulturwissenschaftlich fruchtbarer erschienen jedoch vor allem ethisch-moralische Aspekte, in denen sich ver­mittelte Normen und Werte erkennen lassen. Ebenso wurde das Buch des Psychologen Hal Herzog Wir streicheln und wir essen sie. Unser paradoxes Verhältnis zu Tieren nicht in die Analyse aufgenommen. Das bestimmende Selektionskriterium war die Tat­sache, dass sich Hal Herzogs Werk ausschließlich auf die Situation in den Vereinigten Staaten beschränkt. Mit Jonathan Safran Foers Tiere essen, weitaus häufiger in Deutsch­land verkauft, schien die amerikanische Perspektive ausreichend abgedeckt zu sein. Demnach wurde das deutschsprachige Buch von Nina Messinger Du sollst nicht töten - Plädoyer für eine gewaltfreie Ernährung der Bestsellerliste folgend zur Analyse heran­gezogen.

Philipp Mayring formuliert drei „Grundformen des Interpretierens“, die je nach Ziel der Analyse ausgewählt werden:[49] Die „Explikation“, die „Strukturierung“, sowie die „Zusammenfassung“.[50] Hier wurde die qualitative Technik der „Zusammenfassung“ gewählt - mithilfe dieser Technik „versucht“ man „alles Material zu berücksichtigen und systematisch auf das Wesentliche zu reduzieren.“[51] „Eine dem Analysemodell der „Zusammenfassung“ folgende Technik ist die „induktive Kategorienbildung“.[52] Sie ermöglicht die Konstruktion des Kategoriensystems „aus dem Material in einem Verall­gemeinerungsprozess“[53] heraus und fand unter diesem Aspekt Anwendung in der vor­liegenden Studie. Die induktive Kategorienbildung schien zur Beantwortung der Frage­stellung besonders geeignet, da sie eine „möglichst [...] gegenstandsnahe[n] Abbildung des Materials ohne Verzerrungen durch Vorannahmen des Forschers, eine Erfassung des Gegenstands in der Sprache des Materials“ gestattet. Dadurch schien es möglich die kulturwissenschaftlich entscheidenden Deutungs- und Bedeutungskonstruktionen der Autoren unverfälscht herausarbeiten zu können. Um dabei systematisch vorzugehen ist es unabdingbar ein „Selektionskriterium“ zu definieren[54] - das Selektionskriterium wird maßgeblich nach der Fragestellung ausgerichtet. Im Falle dieser Studie wurden alle Aussagen erfasst und kategorisiert, welche eine vegetarische Ernährungs- und Lebens­form als die „bessere“ im Vergleich zu einer carnivoren Ernährungsform propagierten.

Die Auswertung des Materials wurde folgendermaßen durchgeführt: Bei der ersten Aussage, die dem Selektionskriterium entsprach, wurde eine Kategorie konstruiert; bei der nächsten Aussage welche das Selektionskriterium erfüllte wurde diese entweder der bestehenden Kategorie zugeordnet oder bei Nichtpassung eine neue Kategorie konstru­iert. Anfänglich wurden zwölf Kategorien gebildet, nach mehrmaliger Subsumption und Revision (nach etwa 20 Prozent des zu bearbeitenden Materials) der Kategorien wurden letztlich sieben Kategorien gebildet - selbige enthalten „konkrete[n] Textpassagen“[55] der untersuchten Bücher hinsichtlich der Fragestellung. Um die Validität der Forschung zu garantieren, wurde auf die sechs Gütekriterien qualitativer Forschung von Philipp Mayring zurückgegriffen. Das Verfahren wurde exakt dokumentiert und reflektiert (Verfahrensdokumentation). Interpretationen des Materials wurden „nicht gesetzt“, son­dern sind nachvollziehbar argumentativ begründet (Argumentative Interpretationsabsi­cherung).[56] Das Verfahren der Qualitativen Inhaltsanalyse und der gewählten Analyse­form der induktiven Kategorienbildung wurden anhand der oben beschriebenen Verfah­rensregeln durchgeführt (Regelgeleitetheit). Die Nähe zum Gegenstand war nur bedingt möglich sowie nötig, da kein persönlicher Kontakt mit den Autoren aufgenommen wur­de. Die kommunikative Validierung konnte gewinnbringend eingesetzt - die Interpreta­tionen durch viele Gespräche mit Kommilitonen abgesichert werden. Das Gütekriterium der Triangulation wurde durch Heranziehen vieler verschiedener Theorieansätze ge­währleistet.[57]

[...]


[1] Vgl. Gruber, Manuela: Die Zukunft is(s)t vegetarisch. Der Wandel von einer Fleischdominierten Esskul­tur zu einer vegetarischen Ernährungsweise. Hamburg 2013.

[2] Vgl. Information zur Sonderausstellung „ Is(s) was?! Essen und Trinken in Deutschland“ auf der Inter­netpräsenz des Hauses der Geschichte in Bonn: http://www.hdg.de/bonn/ausstellungen/wechselausstellungen/ausstellungen/is-s-was-essen-und-trinken- in-deutschland/ (Stand 31.05.2014).

[3] Vgl. Information zur Sonderausstellung „Das Gelbe vom Ei. Eine Ausstellung über das Essen“ auf der Internetpräsenz des Deutschen Museums in München: http://www.deutsches- museum.de/ausstellungen/sonderausstellungen/2013/das-gelbe-vom-ei/ (Stand: 31.05.2014).

[4] Als Beispiel sei hier genannt: Radisch, Iris: Tiere sind auch nur Menschen. In: ZEIT ONLINE vom 16.08.2010. Online abrufbar unter: http://www.zeit.de/2010/33/Vegetarismus-Essay (Stand 31.05.2014).

[5] Vgl. Barlösius, Eva: Anthropologische Perspektiven einer Kultursoziologie des Essens und Trunkens. In: Teuteberg, Hans Jürgen/ Neumann, Gerhard/ Wierlacher, Alois (Hrsg.):Kulturthema Essen. Ansichten und Problemfelder. Berlin 1993. Hier S. 86.

[6] Vgl. Klotter, Christoph. Einführung Ernährungspsychologie. München 2007. Hier S. 23.

[7] Vgl. Köstlin, Konrad: Modern Essen. Alltag, Abenteuer, Bekenntnis. Vom Abenteuer, entscheiden zu müssen. In: Mommsen, Ruth (Hrsg.): Essen und Trinken in der Moderne. Münster 2006. Hier S. 19. Hier S. 19.

[8] Klotter, Christoph. Einführung Ernährungspsychologie. München 2007. Hier S. 23.

[9] Der Begriff „bessere“ wird in der folgenden Arbeit vielfach verwendet. Es handelt sich hierbei nicht um ein Zitat. „Bessere“ steht für die, von den Autoren konstruierte und mit verschiedenen Argumentations­strängen begründete, Überlegenheit der vegetarischen Ernährungs- und Lebensform gegenüber einer fleischbasierten Ernährungs- und Lebensform.

[10] Im Folgenden „Ratgeber“ oder „vegetarische Ratgeber“ genannt, auch wenn die gewählten Publikatio­nen keine Ratgeber im klassischen Sinne sind, jedoch implizit als Ratgeber fungieren: Es werden Ernäh­rungsnormen, sowie konkrete Ernährungsratschläge an den Leser vermittelt.

[11] Vgl. Heß, Sabine: Nahrungsmeidung und Vegetarismus. Konzepte und Kontexte von Nahrungsauswahl am Beispiel von Vegetariern in Süddeutschland. Münster 2000.

[12] Hahn, Andreas/ Leitzmann, Claus/ Keller, Markus: Alternative Ernährungsformen. 2. überarb. Aufl. Stuttgart 2005. Hier S. 13.

[13] Vgl. Teuteberg, Hans-Jürgen: Zur Sozialgeschichte des Vegetarismus. In: Vierteljahrsschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 81 (1994). Hier S. 37.

[14] Vgl. Ebd. Hier S. 38.

[15] Vgl. Boje, Christiane: „Vegetarier! Karotte! Gurkenheini! Eine kulturwissenschaftliche Analyse der Darstellungs- und Inszenierungspraktiken des Vegetarismus im zeitgenössischen Film. Köln 2010. Onli­nebestand der Deutschen Nationalbibliothek einzusehen unter: http://d-nb.info/1004759517/34 (Stand: 08.05.2014). Hier S. 85.

[16] Zur Vertiefung empfohlen: Krabbe, Wolfgang: Gesellschaftsveränderung durch Lebensreform. Struk­turmerkmale einer sozialreformerischen Bewegung im Deutschland der Industrialisierungsperiode. Göt­tingen 1974.

[17] Vgl. Teuteberg, Hans-Jürgen: Zur Sozialgeschichte des Vegetarismus. In: Vierteljahrsschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 81 (1994). Hier S. 50.

[18] Vgl. Ebd. Hier S. 52.

[19] Ebd. Hier S. 60.

[20] Ebd. Hier S. 60.

[21] Ebd. Hier S. 64.

[22] Vgl. Ebd. Hier S. 63.

[23] Vgl. Grube, Angela: Vegane Lebensstile. Diskutiert im Rahmen einer qualitativen/ quantitativen Stu­die. Stuttgart 2009. Hier S. 78.

[24] Grauel, Jonas: Gesundheit, Genuss und gutes Gewissen - Über Lebensmittelkonsum und Alltagsmoral. Bielefeld 2013. Hier S. 187.

[25] Vgl. Grauel, Jonas: Gesundheit, Genuss und gutes Gewissen - Über Lebensmittelkonsum und Alltags­moral. Bielefeld 2013. Hier S. 289.

[26] Barlösius, Eva: Soziologie des Essens: Eine sozial- und kulturwissenschaftliche Einführung in die Ernährungsforschung. Weinheim/ München 2011. Hier S. 240.

[27] Vgl. Kofahl, Daniel/ Ploeger, Angelika: Deutsche Ernährungskultur: Trends und Veränderungen. Per­spektiven einer modernen Kulturwissenschaft. In: Ernährungs- Umschau 7 (2012). Hier S. 389.

[28] Vgl. Barlösius, Eva: Soziologie des Essens: Eine sozial- und kulturwissenschaftliche Einführung in die Ernährungsforschung. Weinheim/ München 2011. Hier S. 274.

[29] Vgl. Ebd. Hier S. 280 f.

[30] Ebd. Hier S. 281: „Ernährungsexperten, die sich auf wissenschaftliches Wissen berufen, Krankenkas­sen, die mit dem Solidarprinzip argumentieren, oder Gesundheitspolitiker, die für sich in Anspruch neh­men, das Gemeinwohl zu vertreten“.

[31] Ebd. Hier S. 288.

[32] Ebd. Hier S. 285.

[33] Kofahl, Daniel/ Ploeger, Angelika: Deutsche Ernährungskultur: Trends und Veränderungen. Perspekti­ven einer modernen Kulturwissenschaft. In: Ernährungs- Umschau 7 (2012). Hier S. 390.

[34] Prahl, Hans-Werner/ Setzwein, Monika: Soziologie der Ernährung. Opladen 1999. Hier S. 131.

[35] Grauel, Jonas: Gesundheit, Genuss und gutes Gewissen - Über Lebensmittelkonsum und Alltagsmoral. Bielefeld 2013. Hier S. 224.

[36] Barlösius, Eva: Soziologie des Essens: Eine sozial- und kulturwissenschaftliche Einführung in die Ernährungsforschung. Weinheim/ München 2011. Hier S. 240.

[37] Vgl. Mayring, Philipp: Einführung in die Qualitative Sozialforschung. Lehrbuch. 4. Aufl. Basel/ Wein­heim 2002. Hier S. 114.

[38] Ebd. Hier S. 114.

[39] Vgl. Ebd. Hier S. 114.

[40] Vgl. Mayring, Philipp: Einführung in die Qualitative Sozialforschung. Lehrbuch. 4. Aufl. Basel/ Wein­heim 2002. Hier S. 114.

[41] Vgl. Ebd. Hier S. 121.

[42] Vgl. Mayring, Philipp: Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. 11. aktual. Aufl. Basel/ Weinheim 2010. Hier S. 11.

[43] Vgl. Ebd. Hier S. 12.

[44] Vgl. Ebd. Hier S. 49.

[45] Vgl. Ebd. Hier S. 49.

[46] Vgl. Ebd. Hier S. 50.

[47] Vgl. Ebd. Hier S. 52.

[48] Zu finden in der Amazon- Bestsellerliste: Bücher - Kochen u. Genießen - Vegetarisch- und vegane Küche: http://www.amazon.de/gp/bestsellers/books/189569/ref=zg_bs_nav_b_2_189528#1 (Stand: 23.03.2014)

[49] Vgl. Mayring, Philipp: Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. 11. aktual. Aufl. Basel/ Weinheim 2010. Hier S. 65.

[50] Vgl. Ebd. Hier S. 64.

[51] Vgl Ebd. Hier S. 66.

[52] Vgl Ebd. Hier S. 83.

[53] Vgl Ebd. Hier S. 83.

[54] Vgl. Mayring, Philipp: Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. 11. aktual. Aufl. Basel/ Weinheim 2010. Hier S. 84.

[55] Ebd. Hier S. 85.

[56] Vgl. Mayring, Philipp: Einführung in die Qualitative Sozialforschung. Lehrbuch. 4. Aufl. Basel/ Wein­heim 2002. Hier S. 145.

[57] Vgl. Ebd. Hier S. 144-148: „6.3. Sechs allgemeine Gütekrieterien qualitativer Forschung“.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
„Die Zukunft is(s)t vegetarisch“. Zu Vorstellungen von Vegetarismus als „bessere“ Ernährungs- und Lebensform aus kulturwissenschaftlicher Perspektive
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Institut für Volkskunde)
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
43
Katalognummer
V295044
ISBN (eBook)
9783656932123
ISBN (Buch)
9783656932130
Dateigröße
828 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zukunft, vorstellungen, vegetarismus, ernährungs-, lebensform, perspektive
Arbeit zitieren
Joschka Martin Geyer (Autor), 2014, „Die Zukunft is(s)t vegetarisch“. Zu Vorstellungen von Vegetarismus als „bessere“ Ernährungs- und Lebensform aus kulturwissenschaftlicher Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295044

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