„Seht jenen Liebhaber, der tiefgesenkt um die Bildsäule wanket. Was tut er nicht, um sein Gesicht zum Gefühl zu machen, zu schauen als ob er im Dunkeln taste?“
So heißt es in Johann Gottfried Herders Schrift „Plastik. Einige Wahrnehmungen über Form und Gestalt aus Pygmalions bildendem Traume“ aus dem Jahr 1778. Das Zitat verweist auf den Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit: die sinnliche Erfahrung des Menschen insbesondere durch den Tastsinn, von Herder Gefühl genannt, und ihre Bedeutung in seinem anthropologischen und ästhetischen Programm.
Bereits seit der Antike lässt sich in der Philosophie eine Hierarchisierung der Sinne verfolgen. Die traditionell angenommenen fünf Sinne des Menschen lassen sich im Allgemeinen wie folgt ordnen: Gesichtssinn, Gehörsinn, Geruchssinn, Geschmackssinn und Tastsinn. Dabei wird zusätzlich zwischen den höheren Sinnen, dem Auge und dem Ohr, und den niederen Sinnen, dem Geruch, dem Geschmack und dem Tasten, unterschieden. Die Annahme, dass wir diese fünf Sinne haben und sie in dieser Rei-henfolge für den Menschen qualitativ bewerten, ist nie unumstritten gewesen, doch seit Aristoteles allgemeinen anerkannt. Insbesondere das Primat des Gesichtssinns zieht sich mit der Begründung des größten Erkenntnisgewinns durch die Jahrhunderte bis zur Aufklärung, der Epoche der Lichtmetaphorik.
Herder hat in seinen Schriften den Tastsinn als hervorragenden Sinn des Menschen herausgestellt, der dem optischen Sinn angeblich als „Organ authentischer körperlicher Erfahrung“ überlegen und von allen Sinnen „der Gewissheit des Seins“ am nächsten ist. Damit nimmt Herder eine historische Schlüsselrolle in der Aufwertung des Tast-sinns ein.
Die folgende Arbeit wird auf die Bedeutung des Tastsinns in Herders „Plastik“ genauer eingehen, besonders in Bezug auf ästhetische und anthropologische Aspekte.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Überblick: Der Tastsinn in der Philosophie bis zur Aufklärung
2. Johann Gottfried Herder: „Plastik“
2.1 Abwertung der optischen Wahrnehmung
2.2 Die Aufwertung des Tastsinns und die Erkenntnis des Schönen
2.3 Die Zusammenführung der Sinne im „sensorium commune“
Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung der sinnlichen Erfahrung, insbesondere des Tastsinns (von Herder „Gefühl“ genannt), in Johann Gottfried Herders Schrift „Plastik“ von 1778. Ziel ist es, Herders Rolle bei der historischen Aufwertung des Tastsinns gegenüber dem bis dahin primären Gesichtssinn innerhalb seines anthropologischen und ästhetischen Programms kritisch zu analysieren.
- Historische Hierarchisierung der Sinne in der Philosophie von der Antike bis zur Aufklärung
- Analyse von Herders „Plastik“ und seiner Theorie der Empfindung
- Kritik an der Dominanz der optischen Wahrnehmung und Plädoyer für den Tastsinn
- Zusammenführung der Sinne im „sensorium commune“ als anthropologische Grundlage
- Bedeutung des Körpers für die ästhetische Erkenntnis und das menschliche Selbstverständnis
Auszug aus dem Buch
2.1 Abwertung der optischen Wahrnehmung
Schon im bereits erwähnten „Vierten kritischen Wäldchen“ beschreibt Herder das Auge als „tausendmal feiner und unterscheidender als das Gefühl“, außerdem wird der Gesichtssinn noch als „am klärsten, am deutlichsten, am unverworrensten“ beschriebenen. Dies bezieht Herder vor allem auf die Farb- und Farbflächenwahrnehmung des Auges. Allerdings sagt Herder auch, dass
„der Sinn des Gesichts flach würkt, er spielt und gleitet auf der Oberfläche mit Bild und Farbe umher; überdem hat er so Vieles und so Zusammengesetztes vor sich, daß man mit ihm wohl nie auf den Grund kommen wird. Er borgt von andern und baut auf andre Sinne: ihre Hülfsbegriffe müssen ihm Grundlage sein, die er nur mit Licht umglänzt.“
Der Mensch kann also nur mit Hilfe des Auges Gegenstände nicht voneinander unterscheiden und abgrenzen, dafür braucht er vor allem die Unterstützung des Tastsinns.
Ein weiterer für Herder wichtiger Kritikpunkt ist die Täuschbarkeit des Urteils durch das Auge im Vergleich zum Urteil durch die Hand. In der „Plastik“ heißt es dazu:
„Kommt in die Spielkammer des Kindes und sehet, wie der kleine Erfahrungsmensch fasset, greift, nimmt, wägt, tastet, mißt mit Händen und Füßen, um sich überall die schweren, ersten und notwendigsten Begriffe von Körpern, Gestalten, Größe, Raum, Entfernung u. dgl. treu und sicher zu verschaffen. […] In wenigen Augenblicken lernt er da mehr und Alles lebendiger, wahrer, stärker, als ihm in zehntausend Jahren Angaffen und Worterklären beibringen würde. Hier, indem er Gesicht und Gefühl unaufhörlich verbindet, […] formt er sein erstes Urteil. Durch Fehlgriffe und Fehlschlüsse kommt er zur Wahrheit“.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Diese Einleitung führt in Herders „Plastik“ ein und verortet den Untersuchungsgegenstand der sinnlichen Erfahrung des Menschen durch den Tastsinn in seinem ästhetischen Programm.
1. Überblick: Der Tastsinn in der Philosophie bis zur Aufklärung: Dieses Kapitel zeichnet die historische Abwertung des Tastsinns sowie die Dominanz des Gesichtssinns in der abendländischen Philosophie von Aristoteles über Thomas von Aquin bis hin zu Descartes und dem Empirismus nach.
2. Johann Gottfried Herder: „Plastik“: Hier wird der biographische und theoretische Kontext von Herders Werk skizziert, wobei seine Abkehr von der kantischen Transzendentalphilosophie hin zu einer anthropologischen Ästhetik hervorgehoben wird.
2.1 Abwertung der optischen Wahrnehmung: Dieses Kapitel verdeutlicht Herders Kritik an der Täuschbarkeit und Oberflächlichkeit des Auges und stellt dessen Notwendigkeit der Ergänzung durch den Tastsinn heraus.
2.2 Die Aufwertung des Tastsinns und die Erkenntnis des Schönen: Es wird analysiert, warum Herder den Tastsinn als „Organ authentischer körperlicher Erfahrung“ und Zugang zur Wahrheit des menschlichen Körpers betrachtet.
2.3 Die Zusammenführung der Sinne im „sensorium commune“: Dieses Kapitel erläutert die Verbindung aller Sinne im „sensorium commune“ als Sinneszentrum, das erst die Gewissheit über das eigene Ich und Sein ermöglicht.
Schlussbetrachtung: Zusammenfassend wird Herders Theorie der Empfindung als Impulsgeber für eine ganzheitliche anthropologische Philosophie gewürdigt, die das an den Leib gebundene Selbstgefühl als Grund der Gewissheit betont.
Schlüsselwörter
Tastsinn, Gefühl, Johann Gottfried Herder, Plastik, Ästhetik, Anthropologie, Wahrnehmung, sensorium commune, Gesichtssinn, Körpererfahrung, Aufklärung, Erkenntnistheorie, Bildhauerei, Leibhaftigkeit, Erkenntnis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Bedeutung des Tastsinns, den Herder „Gefühl“ nennt, innerhalb von dessen anthropologischem und ästhetischem Programm, mit besonderem Fokus auf seiner Schrift „Plastik“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die historische Sinneshierarchie, die Aufwertung des Tastsinns gegenüber dem Gesichtssinn, die Verbindung von Kunstbetrachtung und menschlicher Körperwahrnehmung sowie die Idee eines gemeinsamen Sinneszentrums.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Herders Argumentation für eine stärkere Berücksichtigung der sinnlichen Erfahrung, insbesondere durch den Tastsinn, im Kontext der Philosophie des 18. Jahrhunderts zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Textanalyse von Herders „Plastik“ sowie auf einen historischen Vergleich philosophischer Positionen zur Sinneswahrnehmung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die historische Einordnung des Tastsinns, Herders theoretischen Ansatz, seine Kritik am optischen Primat, seine Theorie des Schönen sowie die Zusammenführung der Sinne im sogenannten „sensorium commune“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Tastsinn, Herder, Plastik, Ästhetik, Anthropologie, Körpererfahrung und sensorium commune charakterisiert.
Wie unterscheidet sich Herders Sichtweise auf den Tastsinn von der seiner Vorgänger?
Während viele seiner Vorgänger den Tastsinn als niederen Sinn abwerteten, hebt Herder ihn als Organ der „authentischen körperlichen Erfahrung“ und als Basis für Erkenntnis hervor, die dem Menschen Gewissheit über sein Sein gibt.
Welche Rolle spielt die Bildhauerei in Herders Theorie?
Die Bildhauerei dient Herder als Beispiel, um zu zeigen, dass die wahre Schönheit des menschlichen Körpers erst durch das Ertasten und nicht durch rein optische Betrachtung erfahrbar wird.
Was meint Herder mit dem Begriff „sensorium commune“?
Damit bezeichnet Herder ein zentrales, vereinendes Wahrnehmungsvermögen, in dem alle Sinneseindrücke zusammenlaufen, um den Menschen als Ganzes mit der Außenwelt zu verbinden.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor zur Bedeutung von Herders Werk heute?
Der Autor schlussfolgert, dass Herders Ansatz einer ganzheitlichen Betrachtung des Menschen durch die Sinne eine moderne Relevanz besitzt, insbesondere im Kontext der heutigen Debatten über den Umgang mit Kunst und Kultur.
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- Rena Gottfried (Author), 2014, Die Bedeutung des Tastsinns in Johann Gottfried Herders Schrift "Plastik", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295183