Die Historie des Pflegeberufes. Gründung und Etablierung der Pflege in Deutschland, den USA und der Schweiz


Akademische Arbeit, 2013
24 Seiten

Leseprobe

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Hinweis

1 Einleitung

2 Gründung und Etablierung der Pflege in Deutschland

3 Gründung und Etablierung der Pflege in den USA

4 Gründung und Etablierung der Pflege in der Schweiz

5 Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser drei Länder

6 Veränderungen für Deutschland mit Fokus auf die amerikanische Geschichte der Pflege

Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Pflegeausbildung in der EU. – Quelle: Hanika 2012: 697.

Hinweis

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit und der vereinfachten Beschreibung wird bei der Bezeichnung von Personen die männliche Schreibweise angewandt, wobei diese jeweils Personen weiblichen und männlichen Geschlechts bezeichnet.

1 Einleitung

Im Allgemeinen ist anzunehmen, dass vielen Mitarbeitern des Gesundheitswesens, und innerhalb dieser Personengruppe vor allem Mitarbeitern aus ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen, bekannt sein sollte, dass in einigen anderen Ländern bessere berufliche Konditionen für sowohl Pflegekräfte als auch für Ärzte vorhanden sind. Viele in das Ausland emigrierte Pflegekräfte oder auch Ärzte berichten nicht allzu selten von besserer Bezahlung, weniger Überstunden und höherem gesellschaftlichem Ansehen. Ein wichtiger Faktor für die anders gewichtete Anerkennung des Pflegeberufes im Ausland ist die im Vergleich zu Deutschland unterschiedliche Zugangsvoraussetzung zum Pflegeberuf. Während hierzulande lediglich der Schulabschluss der 10. Klasse als generelle Zugangsvoraussetzung definiert ist, sind in vielen anderen Ländern deutlich höhere Voraussetzungen vorhanden (vgl. Abb. 1). Das negative Image der Pflege in Deutschland hat seinen Ursprung also nicht nur, wie eingangs erwähnt, in der selektiven Wahrnehmung von negativen Aspekten des Pflegeberufes, sondern auch in politisch bestimmten Rahmenbedingungen. Um das negative Image von Pflegeberufen in Deutschland verstehen zu können, muss die Entstehungsgeschichte dieses Berufsbildes analysiert werden (vgl. Lauber 2012: 27).

Die Entstehungsgeschichte der Pflege hat ihren Ursprung im Zeitalter der Antike (vgl. Lauber 2012: 25; 28). In der Antike entstanden „Worte wie Anatomie, Psychologie, Ethik und Technik“ (Lauber 2012: 28). Die Begrifflichkeiten der Pflege und der Heilkunde etablierten sich in erster Linie im antiken Griechenland und im römischen Reich (vgl. Lauber 2012: 28). Allerdings dauerte es noch bis 700 v. Chr. bis ein Verständnis dafür entwickelt wurde, dass Krankheit von Gesundheit unterschieden werden kann (vgl. Lauber 2012: 29).

2 Gründung und Etablierung der Pflege in Deutschland

Mit der Legalisierung und der entsprechenden Ausbreitung des Christentums im Mittelalter wuchs auch das Verständnis für die Versorgung von Kranken. Bei der Versorgung von Kranken ging es derzeit primär um einen Akt der Nächstenliebe. Hieraus erwuchs auch der Begriff der Caritas, womit so viel wie die christliche Nächstenliebe gemeint ist, „die die Pflege am Nächsten als Dienst an Gott ansieht“ (Lauber 2012: 28; vgl. Schwarz 2009: 77). Ebenso gingen mit der Ausbreitung des Christentums auch Klosterbauten und die Versorgung von chronisch Kranken und Armen durch Ordensleute, also Mönchen und Nonnen, einher (vgl. Lauber 2012: 32 f.). Im Allgemeinen wurde im Mittelalter von der sogenannten Klostermedizin gesprochen, obwohl neben den in der Pflege tätigen Ordensleuten bereits die Heilberufe der „Hebammen, Bader und Chirurgen“ etabliert waren (Lauber 2012: 34). Ärzte waren hingegen nicht an der direkten Versorgung von Kranken beteiligt, sie wurden aber als Berater hinzugezogen (vgl. Lauber 2012: 34).

Besonders markant war zu Beginn des Mittelalters die Ordensregel von Benedikt von Nursia, der einen eigenen Orden gründete. So lautete die Grundlage zur Ausführung von Medizin und Pflege, sich zu „Armut, Demut und Ehelosigkeit, Gehorsam gegenüber dem Abt und vor allem unter dem Leitspruch „Ora et labora“ (Bete und arbeite) zu praktischer Tätigkeit zum Nutzen des Klosters“ zu verpflichten (Lauber 2012: 32). Eine Grundsatzregel der Aufopferung, die bis heute anhält (vgl. Kleinevers 2004: 70). Auch Grundsätze von Hildegard von Bingen wie „Pflege das Leben, wo du es triffst“ sprachen dem Berufsbild der Pflege eher Nächstenliebe zu (Lauber 2012: 34). Darüber hinaus ist von einer sogenannten „Liebestätigkeit“ die Rede (Kelm 2008: 24). Für dieses Berufsbild der Liebestätigkeit sorgte vor allen Dingen die Kirche (vgl. Schwarz 2009: 79). In erster Linie galt es, sich dem Beruf der Pflege aufopferungsvoll hinzugeben und diesen als Berufung zu verstehen (vgl. Schwarz 2009: 82; vgl. Bögemann-Großheim 2011: 9). So waren 11- bis 18-Stunden-Dienste pro Tag üblich. Ebenso war auch ein Verzicht auf Freizeit gewöhnlich, denn Urlaub und arbeitsfreie Tage waren bis in das 19. Jahrhundert gänzlich unbekannt (vgl. Bischoff-Wanner 2000: 28).

Ab dem 19. Jahrhundert etablierte sich der Pflegeberuf immer mehr zu einem Frauenberuf (vgl. Bischoff-Wanner 2000: 17; vgl. Bürki 2008: 113 ff.). Diese Tatsache knüpfte sich an das Rollenbild der Frau sowohl des 19. Jahrhunderts als auch des 21. Jahrhunderts, denn „[d]ie Frau verkörperte Dienen, Opfertum, Emotionalität, Selbstlosigkeit und Gehorsam“ (Schwarz 2009: 78). Für die Frauen des 19. Jahrhunderts war es von großer Bedeutung, dass sie einen Beruf ausüben konnten, der ihrer „weiblichen Natur“ entsprach (Schwarz 2009: 78). Das grundsätzliche feminine Rollenbild hat sich bis heute scheinbar nicht verändert (vgl. Landenberger et al. 2005: 68). Der Pflegeberuf gilt auch heute noch als einer der größten weiblichen Berufsgruppen in der Bundesrepublik Deutschland (vgl. Schwarz 2009: 76).

Der Pflegeberuf zählte im 19. Jahrhundert zu den sogenannten „stummen [Berufs-]Gruppen“. Mit dieser Begrifflichkeit ist gemeint, dass es sich um aufopferungsvolle Pflegekräfte und insbesondere um solche weiblichen Geschlechts gehandelt haben muss, die sich gegen „schlechte“ Arbeitsbedingungen nicht gewehrt haben bzw. wehren konnten (vgl. Bischoff-Wanner 2000: 17[1] ; 30; vgl. Schwarz 2009: 82). Obwohl es Berufsgruppen wie Ärzte oder gar Verbandsfunktionäre gab, die diese schlechten Arbeitsbedingungen in der Pflege wahrnahmen und auch zum Ausdruck brachten, wehrten sich die „Krankenschwestern“ gegen eine mögliche Gleichstellung mit den Proletariern[2] und gegen einen möglichen Verfall der pflegerischen Ideologie (vgl. Bischoff-Wanner 2000: 31 f.; vgl. Schwarz 2009: 82).

Geringe Bezahlung, diskussionswürdige Arbeitsbedingungen, Arbeitslosigkeit und undefinierte Tätigkeitsfelder prägten die Pflege bis in den 1. Weltkrieg hinein (vgl. Lauber 2012: 55). Es sollte noch viele Jahrzehnte dauern, bis aus einem Beruf des Dienens eine Dienstleistung werden sollte (vgl. Schwarz 2009: 82 f.; vgl. Robert Bosch Stiftung 1996: 19). So veränderte sich erst während des Bestehens der Weimarer Republik das Berufsbild der Pflege, was mit „Tarifverträge[n], Unfallversicherung[en] und Arbeitszeitregelung[en]“ einherging (Schwarz 2009: 83).

Auch während und nach dem 2. Weltkrieg blieben das verinnerlichte Ideal des Dienens sowie die untergeordnete Rolle dem Arzt gegenüber nicht aus (vgl. Lauber 2012: 55; vgl. Schwarz 2009: 84).

Aus dem ursprünglich christlichen Leitbild wurde erst dann ein Beruf der Selbstverwirklichung mit professionellem Anspruch, als in den 50er Jahren die ersten Pflegekonzepte mit einem patientenorientierten Ansatz aus den USA die Pflege in Deutschland stark beeinflusst hatten (vgl. Schwarz 2009: 84). Obwohl sich die Pflege in den USA erst im späten Mittelalter etablierte, waren die amerikanischen Pflegekräfte am Anfang des 20. Jahrhunderts hinsichtlich ihres pflegerischen Leitbildes offensichtlich fortschrittlicher als hierzulande (vgl. Abschnitt 3). Die Pflege entwickelte sich durch den amerikanischen Einfluss immer mehr zu einer ganzheitlichen, am Patienten orientierten Dienstleistung, die auch durch Liliane Juchli[3] in den 80er-Jahren wesentlich mitgeprägt wurde (vgl. Schwarz 2009: 84 ff.).

Eine Akademisierung der Pflege in Deutschland setzte erst zwischen 1989 und 1994 in Hessen ein, allerdings nicht in erster Linie um des gesellschaftlichen Ansehens der Pflege willen, sondern um den Pflegenotstand zu dämpfen (vgl. Grewe, Stahl 2008: 109).

3 Gründung und Etablierung der Pflege in den USA

Die Pflege in Nordamerika (ab 1776 USA) etablierte sich erst im 17. Jahrhundert, nachdem europäische Siedler dort Einzug hielten und die ersten Kolonien gegründet wurden (vgl. Judd et al. 2010: 8). So zählten zu den Immigranten deutsche aber auch britische Siedler, welche die europäischen Werte und Ansichten der Pflege zur damaligen Zeit mit nach Amerika brachten und dort im Laufe der Zeit weiterentwickelten (vgl. Judd et al. 2010: 12). Arme und Kranke sind in Armen- oder Pesthäusern untergebracht worden, um sie von der Öffentlichkeit fernzuhalten (vgl. Judd et al 2010: 8). Der Dreißigjährige Krieg sorgte allerdings dafür, dass viele klösterliche Einrichtungen für Arme und Kranke geschlossen werden mussten, so dass in der Folge viele ungelernte Pflegekräfte die Versorgung der Kranken übernahmen. Hier erfolgte auch die Entwicklung des Pflegeberufes zu einem Frauenberuf[4]. Eine formgemäße Schulung der Pflegekräfte gab es zu jener Zeit nicht und auch das einst christliche Leitbild verschwand in Bälde (vgl. Judd et al 2010: 13 f.). Die ungelernten Pflegekräfte nutzten Kranke häufig zu ihrem eigenen Vorteil aus. Sie ließen sich für den „Liebesdienst“ bezahlen, bestahlen die Patienten oder versorgten die Patienten für ein paar alkoholische Getränke (vgl. Judd et al. 2010: 14). Dabei hatte die Rolle der Pflegekraft eigentlich immer etwas Mütterliches an sich, so dass sich daraus die englische Bezeichnung „Nurse“[5] entwickelte (vgl. Basford, Slevin 2003: 106).

Besonders glich die amerikanische Pflege jene der Briten (vgl. Judd et al. 2010: 14; vgl. Sarnecky 1999: 2 f.). Noch vor dem 19. Jahrhundert wurden zwei Krankenhäuser in britischem Stil errichtet, die nicht nur den verwundeten Soldaten, sondern auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden und mit ungeschultem Personal bestückt waren: Das Pennsylvania Hospital in Philadelphia und das New York Hospital im Bundesstaat New York (vgl. Judd et al. 2010: 15 ff.). Die Auswahl dieser Standorte lässt deutlich werden, dass die europäischen Einwanderer über den Atlantik kamen und sich zunächst an der Ostküste von Amerika niederließen. Richtig zum Einsatz kamen die Pflegenden schließlich während des Unabhängigkeitskrieges von 1775 (vgl. Judd et al. 2010: 16; vgl. Sarnecky 1999: 4). George Washington, der spätere erste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, beauftragte sämtliche Pflegekräfte, sowohl die ungelernten als auch die selbsternannten, mit der Versorgung der verwundeten Soldaten. 1781 endete der Krieg und die Pflegenden kehrten wieder zurück zu ihren Familien ohne eine mögliche Fortsetzung ihrer Tätigkeit oder einer eventuellen Schulung zur professionellen Pflegekraft (vgl. Judd et al. 2010: 16; vgl. D’Antonio 2010: 10).

Die ersten Unterrichtskurse begannen auf Initiative von Joseph Warrington, einem Absolventen der Universität von Pennsylvania, der im Jahre 1839 einen Krankenpflegeverein (Nurse Society of Philadelphia) gründete, um Hebammen auszubilden (vgl. D’Antonio 2010: 10 f.).

In den darauffolgenden Jahren wurden immer mehr Bücher über Medizin und Pflege geschrieben, wie bspw. The Principles and Practice of Nursing, A Guide to the Inexperience und Principles and Practices, wo unter anderem auch beschrieben wird, dass nicht die Pflegekraft, sondern der jeweilige Arzt über die Handlungen der Pflegekraft entscheidet (vgl. D’Antonio 2010: 11; vgl. Andrist et al. 2006: 25). Pflegekräfte waren hier überwiegend weiblich und die Ärzte meist männlich. Zur damaligen Zeit waren viele Ärzte daran interessiert, möglichst viele Frauen im Fach Pflege zu unterrichten. Zu dieser Personengruppe zählten auch viele Ärztinnen (vgl. D’Antonio 2010: 11 f.). Jedoch waren Ärztinnen unter den Männern nicht in vollem Umfang akzeptiert, denn sie trugen nicht die vermeintlichen Eigenschaften eines Mannes wie bspw. „long experience, and the firmness, the nerve, and even the physical strength [of a man]“ (D’Antonio 2010: 13). Eine Ärztin namens Ann Preston sorgte allerdings dafür, dass Pflegekräften sowohl aus den Krankenhäusern als auch aus dem häuslichen Sektor die gleichen Unterrichtsinhalte vermittelt wurden. Darüber hinaus setzte sie sich dafür ein, dass keine Unterschiede zwischen den jeweiligen Gesellschaftsklassen durch ihre männlichen Kollegen gemacht wurden (vgl. D’Antonio 2010: 13).

Männliche Pflegekräfte hingegen waren unter den Frauen genauso wenig akzeptiert wie die weiblichen Ärzte unter den Männern. So wurden sie meist in den Krankenhäusern als ungelernte Pflegekräfte eingesetzt, was hauptsächlich an den weit verbreiteten Idealen von Florence Nightingale[6] lag (vgl. Andrist et al. 2006: 10). Die männlichen Pflegekräfte waren zuständig für „[the] care for insane and violent patients, alcoholics, and men with genitourinary diseases“ (Andrist et al. 2006: 10).

In den darauffolgenden Jahrzehnten folgten unzählige Frauenbewegungen, die dafür Sorge trugen, dass Frauen mehr Rechte und Freiheiten bei Eheschließungen und bei dem Erwerb von Arbeit erhielten. Ebenso breiteten sich im 19. Jahrhundert Diskriminierung und Rassismus gegenüber den Afro-Amerikanern und neuen Immigranten aus Russland, Italien, Griechenland und China aus. Dies führte dazu, dass es zu dieser Zeit lediglich „weißen“ Frauen erlaubt war, als Pflegekraft tätig zu sein (vgl. Andrist et al. 2006: 8).

Zwischen 1878 und 1900 wuchs die Zahl der Krankenpflegeschulen rapide an, von anfangs 15 auf 432. Die rasche Ausbreitung von Krankenpflegeschulen hing mit dem Wachstum der Krankenhäuser zusammen, das zu jener Zeit exponentiell anstieg. Die Schulen waren darüber hinaus von privaten Spenden sowie von der finanziellen Unterstützung des Krankenhausdirektors abhängig (vgl. Andrist et al. 2006: 9).

Erst ab ca. 1895 stieg die Anzahl der Ausbildungsjahre auf 3 an. Gleichzeitig wurde den Auszubildenden eine 40-Stunden-Woche auferlegt. Von einer niedrigeren Anzahl an Arbeitsstunden pro Woche wurde abgesehen (vgl. Andrist et al. 2006: 10). In diesem Zusammenhang kann der Berufsstand Pflege, aufgrund der immer dominanteren Ärzteschaft, als eine unterdrückte Berufsgruppe bezeichnet werden (vgl. Andrist et al. 2006: 25). Hauptsächlich hatte das eher niedrige Ansehen der Pflegekräfte mit ihrem weiblichen Geschlecht zu tun (vgl. Andrist et al. 2006: 26 ff.). Aus diesem gering ausgepräten Ansehen wollten sich die Pflegekräfte durch akademische Ausbildungen der Stellung der Ärzte anpassen, wie zum Beispiel durch die Etablierung zur „[a]dvanced practice nurse[s]“ (Andrist et al. 2006: 25). Durch diese Entwicklung entstanden die ersten akademischen Studiengänge in Amerika bereits am Anfang des 20. Jahrhunderts (vgl. Friesacher 2008: 50). Den ersten Lehrstuhl für Pflege gab es demnach schon 1907 an der Columbia-Universität in New York (vgl. Bischoff-Wanner 2000: 30).

4 Gründung und Etablierung der Pflege in der Schweiz

An dieser Stelle der vorliegenden Arbeit wird die Geschichte der Pflege in der Schweiz näher betrachtet, da viele deutsche Pflegekräfte aufgrund der besseren Arbeitsbedingungen dorthin auswandern (vgl. Schmiegel 2011). Obwohl die Schweiz ein direktes Nachbarland von Deutschland ist, scheint die Entwicklung der Pflege dort anders verlaufen zu sein.

Die Ursprünge der Pflege in der Schweiz lassen sich bis in das 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Die erste Pflegeschule wurde ca. im Jahre 1859 in Lausanne errichtet. Vergleichbar mit den katholischen Orden in Deutschland gab es in der Schweiz unzählige Diakonissenhäuser, die allerdings erst im 19. Jahrhundert gegründet wurden (vgl. Bürki 2008: 121). Das erste Diakonissenhaus wurde 1842 im waadtländischen Echallens in der Schweiz eröffnet. In erster Linie dienten die Diakonissenhäuser der Kranken- und der Altenpflege und sollten vor allen Dingen jungen unverheirateten Frauen die Möglichkeit bieten, einen angesehenen Beruf in der Pflege zu erlernen (vgl. Rüegger, Sigrist 2011: 106). Die Schweizer waren wie die Amerikaner bestrebt die Pflege nach dem Vorbild von Florence Nightingale als gesellschaftlich hoch angesehenen Frauenberuf auszurichten (vgl. Bürki 2008: 121)[7]. Bei diesen Bestrebungen traten primär das Schweizerische Rote Kreuz, dem um die Jahrhundertwende herum die Generalverantwortung für die Pflegeschulen übertragen wurde, sowie der Schweizerische Gemeinnützige Frauenverein in Erscheinung. Das Schweizerische Rote Kreuz argumentierte im Rahmen von parlamentarischen Debatten mit der Weiblichkeit der Frauen, deren Hände nicht mehr für den Kampf gegen Feinde, sondern vielmehr für die Heilung von Wunden zum Einsatz kommen sollten und hob damit ihre Eignung für den Pflegeberuf hervor (vgl. Bürki 2008: 121 f.). Diese Veränderung des Rollenbildes der Frau hatte große Auswirkungen auf das Ansehen der Pflege, sodass nicht mehr von einem „’Unterschichtprojekt’, wie es die Wärtertradition darstellte“, die Rede war (Bürki 2008: 122). Für die ungelernten Pflegekräfte gab es mit der Zeit nur noch im Bereich der Psychiatrie Arbeitsplätze (vgl. Bürki 2008: 122).

Während sich die Pflege im 19. Jahrhundert in der Schweiz zu einem reinen Frauenberuf entwickelt hatte, bestand ab den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts auch für Männer die Möglichkeit einen Pflegeberuf zu erlernen. Damit einhergehend wurden auch die ersten Pflegeschulen etabliert, in denen ausschließlich Männer aufgenommen wurden (vgl. Bürki 2008: 122 f.).

Wesentlich zur Gründung von Pflegeschulen beigetragen haben die Schweizerischen Ärzte und Ärztinnen, die auch beim SRK hauptsächlich verantwortlich waren. So erfolgten zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Ärzten initiierte Gründungen zahlreicher Pflegerinnenschulen[8] und meist an diese Schulen angeschlossene Kliniken bzw. Krankenstationen (vgl. Bürki 2008: 123). Aufgrund der dominanten Ärzte innerhalb des SRK blieb es dem Berufsstand der Pflege verwehrt, eine vollständige Selbstverwaltung ihrer eigenen Profession zu erzielen (vgl. Bürki 2008: 127). So lehnten 1944 die Ärzte des SRK einen Antrag des Krankenpflegebundes zur „Übertragung der Aufsicht über die Krankenpflegeschulen“ ab, obwohl der Ansicht des Krankenpflegebundes nach „die Berufsangehörigen dazu besser in der Lage seien“, denn die „Examenskommission [des SRK bestand] ausschliesslich [!] aus Ärzten“ (Bürki 2008: 126). Zeitgleich errichtete das SRK ein Sekretariat für Pflegerinnen, das mit Krankenschwestern besetzt wurde, „um sich um die Belange der Pflegeschulen zu kümmern“ (Bürki 2008: 127). Dies verdeutlicht unter anderem, dass das SRK die Verwaltung der Pflegeschulen nicht aus der Hand geben wollte und die Pflege selbst keine Möglichkeit fand, sich von der dominierenden Ärzteschaft loszulösen und eine „völlige[r] Autonomie innerhalb eines Berufsverbandes“ zu erreichen (Bürki 2008: 127).

[...]


[1] Zit. n. Fritschi 1990: 16

[2] Definition Proletarier: „dauernd und erblich ins Lohnverhältnis gebundene Arbeiter“ (Briefs 1980: 223).

[3] Liliane Juchli war eine Ordensschwester aus der Schweiz, die „keine eigene Pflegetheorie entwickelt[e]“ (Hein 2007: 6). Ihr Pflegemodell basiert auf den Modellen von Roper und Henderson, welche Juchli lediglich „um ihre persönliche, religiös-christliche Sichtweise erweitert[e]“ (Budnik 2005: 13). Sie trug jedoch im Wesentlichen dazu bei, dass die amerikanischen Pflegekonzepte, die eine patientenorientierte Ausrichtung hatten, in Deutschland verbreitet werden konnten (vgl. Hein 2007: 6).

[4] Die Wahrnehmung des Pflegeberufs als ein Frauenberuf begann direkt nach dem Dreißigjährigen Krieg von 1618 – 1648, nachdem viele klösterliche Einrichtungen, die für die Versorgung von Kranken vorgesehen waren, zerstört bzw. geschlossen wurden. Daraus resultierte auch ein Rückgang männlicher Pflegender (meistens Mönche). Übrig blieben Ordensgemeinschaften, die nur für Nonnen zugänglich waren. Seit dieser Zeit waren es hauptsächlich Frauen, die sich um die Armen und Kranken kümmerten. Die Akzeptanz von Männern in der Pflege nahm kontinuierlich ab (vgl. Judd et al. 2010: 13, 16 f.). Wichtig zu erwähnen ist allerdings auch, dass Frauen in Deutschland bis 1899 „weder .. zum Abitur noch zum Universitätsstudium zugelassen waren“ (Bürki 2008: 39).

[5] In Amerika stammte die Bezeichnung „Nurse“ vom lateinischen Wort „Nutrix“ ab, das im Englischen so viel bedeutet wie „ein Kind füttern“(engl. to nourish) ab (vgl. Frey, Cooper 1996: 123; vgl. Basavanthappa 2004: 1).

[6] Florence Nightingale ist die Gründerin der modernen Pflege. Sie erkannte Mitte des 19. Jahrhunderts die Notwendigkeit einer entsprechenden Schulung der Pflegekräfte, um die Qualität der Patientenversorgung zu erhöhen. Nightingale war die erste Verfechterin der Pflege für eine eigene Profession (vgl. Young et al. 2007: 6).

[7] Zit. n. Fritschi 2006: 157.

[8] Hier war die Ausgrenzung von Männern in der Pflege noch sehr stark, so dass die Schulen als „Pflegerinnenschulen“ bezeichnet wurden. Die Schulen für Männer in der Schweiz in den 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts hatten die Bezeichnung „Pflegerschule“ (vgl. Bürki 2008: 122 f.).

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Historie des Pflegeberufes. Gründung und Etablierung der Pflege in Deutschland, den USA und der Schweiz
Autor
Jahr
2013
Seiten
24
Katalognummer
V295194
ISBN (eBook)
9783656931201
ISBN (Buch)
9783656931607
Dateigröße
685 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
historie, pflegeberufes, gründung, etablierung, pflege, deutschland, schweiz
Arbeit zitieren
Annemarie Fajardo (Autor), 2013, Die Historie des Pflegeberufes. Gründung und Etablierung der Pflege in Deutschland, den USA und der Schweiz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295194

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