Die Pflege im Schatten der Medizin. Wie kann die Attraktivität des Pflegeberufes gesteigert werden?


Akademische Arbeit, 2013
23 Seiten

Leseprobe

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Hinweis

1 Einleitung

2 Pflege oder Medizin – eine Gegenüberstellung

3 Pflege im Schatten der Medizin
3.1 Pflegekräfte als Handlanger der Ärzte
3.2 Mehr Attraktivität durch bessere Bezahlung
3.3 Auswirkungen der DRGs

4 Die Rahmenbedingungen der Pflege

Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Entwicklung Vollkräfte im Pflegedienst in allgemeinen Krankenhäusern 1995 bis 2010 in Prozent - Quelle: dip 2012: 15.

Hinweis

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit und der vereinfachten Beschreibung wird bei der Bezeichnung von Personen die männliche Schreibweise angewandt, wobei diese jeweils Personen weiblichen und männlichen Geschlechts bezeichnet.

1 Einleitung

Im Rahmen von öffentlichen Diskussionen, zahlreichen Abhandlungen sowie Zeitungsartikeln steht häufig die „Attraktivität des Pflegeberufes“ im Fokus. Allerdings erscheint die Begrifflichkeit des „Pflegeberufes“ in Kombination mit dem Begriff der „Attraktivität“ ein Paradoxon zu ergeben. Dies liegt darin begründet, dass die Mehrheit der deutschen Bevölkerung Pflegeberufe eben nicht für attraktiv hält und es sich somit um einen Widerspruch handelt.

In der öffentlichen Wahrnehmung ist es scheinbar nicht notwendig, einen Pflegeberuf im Rahmen eines Studiums zu erlernen. Eine pflegerische Tätigkeit wird von vielen Deutschen mit dem Ansehen von „Schwester Stefanie“ aus der berühmten TV-Serie assoziiert, die „vor lauter Berufung mit allen Patienten ‚mitleide[t]’ und aufgrund ihres ‚Helfer-Komplexes’ versuch[t], die Probleme ihrer Patienten für diese zu lösen ... und [wohl auch] aus diesem Grunde nicht in der Lage [ist], verantwortungsvollen Aufgaben nachzukommen“ (Hasseler, Meyer 2006: 52 f.). Diese Ansicht hat scheinbar mitunter dazu geführt, dass examiniertes Pflegepersonal unter anderem auch für Reinigungstätigkeiten eingesetzt werden kann (vgl. Hasseler, Meyer 2006: 53).

Das Ansehen eines Berufes ist immer noch eines der ausschlaggebendsten Gründe, sich als junger Mensch für einen Beruf zu entscheiden. So bewerben sich viele Abiturienten in Deutschland auf einen Studienplatz im Fach Medizin und interessieren sich weniger für eine Ausbildung im Pflegesektor, da als Zugangsvoraussetzung für eine Ausbildung auch der Schulabschluss der Mittleren Reife ausreicht (vgl. DEKV e.V. 2004: 27). Ebenfalls liegt die Vermutung nahe, dass viele Abiturienten, die ein Medizinstudium anstreben, aufgrund des hohen Numerus Clausus für einen Studienplatz im Fach Medizin, Wartezeit sinnvoll überbrücken möchten. Hierfür spricht, dass in vielen Fällen von Abiturienten nach Abschluss der Pflegeausbildung ein Medizinstudium angestrebt wird (vgl. DEKV e.V. 2004: 27 f.). Grundsätzlich erscheint das Erlernen eines Pflegeberufes für Abiturienten weniger attraktiv als das Anstreben eines Berufes, für den ein akademischer Abschluss zwingend notwendig ist.

Die Next-Studie[1] stellte des Weiteren fest, dass für Absolventen mit Mittlerer Reife ein Studium nach einer Ausbildung in der Pflege nicht mehr in Frage kommt und „[d]er Großteil .. vornehmlich in der Pflege [am Patientenbett] bleiben [möchte]“ (DEKV e.V. 2004: 27 ff.). Im Regelfall möchten Abiturienten hingegen nicht in der direkten Patientenversorgung verbleiben. Hier bleibt gemäß der Next-Studie allerdings unbegründet, warum Abiturienten „den Umweg einer Ausbildung vor einem Studium gewählt haben“ (DEKV e.V. 2004: 28). Vor diesem Hintergrund kann die politische Entscheidung, den Pflegeberuf auch für Schulabsolventen mit 10-jähriger Schulbildung zugänglich zu machen, sicherlich nachvollzogen werden (vgl. Teigeler, Lücke 2012: 862). Ebenso erscheint es für die weitere Akademisierung der Pflege jedoch notwendig, einen hohen Anteil an Abiturienten langfristig in einem Pflegeberuf zu halten. An dieser Stelle stellt sich die Frage, was die konkreten Unterschiede zwischen der Pflege und der Medizin sind und welche Faktoren Einfluss auf die jeweilige Attraktivität der Berufsgruppen gegenüber Abiturienten haben. Eine Gegenüberstellung hierzu erfolgt im nachfolgenden Abschnitt.

2 Pflege oder Medizin – eine Gegenüberstellung

Es besteht bereits heutzutage und zukünftig vermehrt eine Konkurrenzsituation zwischen Betrieben aller Branchen hinsichtlich der Rekrutierung von Nachwuchskräften.

Ausgehend von dieser Logik besteht bzgl. der Gewinnung von Abiturienten zwischen der medizinischen und pflegerischen Berufsgruppe ein Konkurrenzverhältnis. Diese Situation wird dadurch verschärft, dass die Anzahl der Abiturienten stetig sinkt. In der Praxis sind bereits heutzutage Modellprojekte vorzufinden, die darauf ausgerichtet sind, gezielt Abiturienten für den pflegerischen Bereich anzuwerben.

Im Universitätsklinikum Greifswald ist bspw. ein derartiges Projekt zur Rekrutierung und Bindung von Abiturienten vorzufinden. Im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes besteht für Abiturienten die Möglichkeit, die Tätigkeitsfelder eines Arztes und einer Pflegekraft kennenzulernen. Diese besondere Form des Bundesfreiwilligendienstes wird als Überbrückungsjahr für Abiturienten, kurz „ÜfA“, deklariert (vgl. Schaupp 2012: 13). Für die teilnehmenden Abiturienten besteht die Möglichkeit, ihren Berufswunsch durch Praxiserfahrung zu überprüfen und eine realistische Einschätzung ihres tendenziellen späteren Tätigkeitsfeldes innerhalb der jeweiligen Berufsgruppe zu gewinnen (vgl. Schaupp 2012: 13).

Der Beruf des Arztes ist im Vergleich zum Pflegeberuf für Abiturienten sicherlich angesehener – Ärzte wurden in der Vergangenheit oft als „die Götter in Weiß“ bezeichnet, aber aufgrund von „Berufsfreiheit, Gesundheitsanspruch und Sozialstaat“ hat sich dieses Ansehen wohl mittlerweile verändert (Schmidt-Jortzig 2009: 92). Allerdings wird die Pflege in ihrer Beschaffenheit noch längst nicht attraktiver, nur weil die Profession Medizin „rechtlich auf das Normalmaß eines anspruchsvollen Handlungsauftrages zurückgestutzt“ wurde (Schmidt-Jortzig 2009: 92). Dennoch behält sich die Ärzteschaft eine gewisse Vormachtstellung durch ihre Therapiefreiheit sowie durch das Vertrauen der Patienten in die Ärzte bei (vgl. Woopen 2009: 188; vgl. Schmidt-Jortzig 2009: 92).

Durch die Geschichte geprägt sind Pflege und Medizin zwei grundverschiedene Professionen. So war die Pflege in der Vergangenheit ein weiblicher Beruf, da nur Frauen diesen Tätigkeiten der „Nächstenliebe“ gerecht wurden. Die Männer wandten sich hingegen der Medizin zu und wurden zu einem Medizinstudium zugelassen, während Frauen vergleichsweise nicht zum Studium berechtigt waren. Das hohe Ansehen der Mediziner erwächst ebenfalls aus der Tatsache heraus, dass dieser Beruf sehr männlich geprägt ist. „Frauenberufe ... zeichnen sich vielmehr dadurch aus, dass ihre Berufsangehörigen zur Mehrzahl weiblich sowie Status und Prestige des Berufs vergleichsweise niedrig sind“ (Bürki 2008: 44). Die Pflege ist nach wie vor eindeutig ein Frauenberuf. So bleibt das Ansehen dieses Berufes zunächst gering, sollte die Pflege in naher Zukunft nicht mehr junge Männer ansprechen und vermehrt Frauen in der Ärzteschaft, insbesondere in Oberarzt- und Chefarztpositionen, vertreten sein.

Des Weiteren steht die Fragestellung der Akademisierung der Pflege im Raum. Die Attraktivität eines Berufes hängt grundsätzlich immer mit dem jeweiligen Akademisierungsgrad des Berufes zusammen (vgl. Gruber, Kastner 2005: 7). Allerdings ist die Pflege noch weit von einer durchgängigen Akademisierung entfernt. Zur Erreichung des akademischen Grades „Master“ im pflegerischen Bereich ist regulär ein Zeitraum von acht Jahren nötig, da vorerst eine dreijährige Berufsausbildung und anschließend ein sechs-semestriger Bachelorstudiengang sowie ein vier- bis fünf- semestriger Masterstudiengang absolviert werden muss. Somit ist der Gesamtzeitraum zur Erreichung des akademischen Grades verglichen mit dem vorgesehenen Zeitraum eines Medizinstudiums um insgesamt zwei Jahre länger (vgl. Teigeler 2012: 1023). Dies führt eher dazu, dass Pflegekräfte eine Weiterbildung dem Studium vorziehen oder vollständig in eine andere Berufssparte wechseln (vgl. DEKV e.V. 2004: 28 f.).

3 Pflege im Schatten der Medizin

Wie durchsetzungsstark die Interessensgemeinschaft der Ärzte in Deutschland wirklich ist, zeigt sich immer wieder in Vergütungsverhandlungen. Generell ist festzuhalten, dass Ärzte wesentlich öfter in den Arbeitskampf treten als Pflegende. Bei den Verhandlungen geht es primär um Lohnerhöhungen und verbesserte Arbeitsbedingungen. Die Streiks der Ärzte waren bereits im Jahre 1904 erstmals zu verzeichnen, da die Interessen der Ärzte nicht konform mit denen der Krankenkassen waren (vgl. Wehler 2006: 741). Allein nur die Drohung eines Generealstreiks im Jahre 1914 reichte schon aus, um einen „Kompromiß [!] zwischen dem Hartmann-Bund[2] und den Krankenkassen“ zu erzielen (Wehler 2006: 741). Die Ärzte erreichten durch ihre Hartnäckigkeit und ihr Durchsetzungsvermögen eine so große Monopolstellung auf dem Markt der Dienstleistungen im Gesundheitswesen, dass sie selbst die Juristen ganz weit hinter sich ließen (vgl. Wehler 2006: 742). Zur selben Zeit lehnte die Berufsgruppe der Pflege jegliche Veränderung ihres Berufsbildes und ihrer Stellung auf dem Arbeitsmarkt ab. Heutzutage erhalten die Ärzte Unterstützung durch die Bundesärztekammer[3], den Marburger Bund[4] sowie die Kassenärztliche Vereinigung[5]. Durch diese Zusammenschlüsse entwickelte sich die Ärzteschaft zur stärksten Berufsgruppe im Gesundheitswesen hinsichtlich der Durchsetzung von Interessen (vgl. Schroeter 2006: 56). Die Pflege hingegen verfügt bislang über keine Pflegekammer auf Landesebene (vgl. Menker, Waterboer 2006: 36). Vor ca. 40 Jahren empfahl „der Wissenschaftsrat (1970, 1973) einen dreijährigen Studiengang des Diplommediziners“ zu etablieren, um „die Monopol- und Vormachtstellung der Ärzteschaft in den Bereichen der Diagnose und Therapie“ aufzuweichen (Schroeter 2006: 55). Gegebenenfalls hätte sich die Stellung der Pflegekräfte bei Durchsetzung dieser Empfehlung im Laufe der folgenden Jahrzehnte grundlegend verändert. Seitens der Ärzte wurde die Empfehlung des Wissenschaftsrates aufgrund der Befürchtung von Autoritätsverlusten abgelehnt (vgl. Schroeter 2006: 55). Heutzutage besteht für Ärzte die Möglichkeit, die Durchführung bestimmter Maßnahmen an Pflegende zu delegieren. Die Pflegenden haben offiziell kein Mitspracherecht hinsichtlich der „Verordnung diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen“ in Bezug auf die Patientenversorgung (Schroeter 2006: 56)[6]. Aus der Sicht der Ärzteschaft wird, aufgrund ihrer Vormachtstellung, der Pflegeberuf auch als medizinischer Assistenzberuf oder auch als nichtakademischer Gesundheitsberuf bezeichnet (vgl. Schroeter 2006: 55; vgl. Neumann 2009: 10). Würde sich die Berufsgruppe der Pflege vollständig akademisieren, so könnte sich dieses Bild des medizinischen Assistenzberufes in der Gesellschaft vielleicht verändern.

Ein weiterer Faktor, der für eine Vollakademisierung der Pflege spricht, ist, dass „das Wissen in der Pflege .. so stark gewachsen [ist], dass es in der dreijährigen Ausbildung kaum noch Platz findet“ (Teigeler 2012: 1022 f.). Als Voraussetzung für die flächendeckende Etablierung von Pflegestudiengängen und die Abschaffung der nicht-akademischen Pflegeausbildung muss jedoch die Rekrutierung von Abiturienten für diesen Bereich angestrebt werden.

3.1 Pflegekräfte als Handlanger der Ärzte

Aufgrund der Übertragung von Teilaufgaben der Ärzte auf die Pflege entsteht das pflegerische Berufsbild des „Handlangers der Ärzte“. Diese Sichtweise hat jedoch auch historische Ursachen, da Pflege „in erster Linie aus einem Bedarf der Ärzte heraus“ entstanden ist, zumindest in Bezug auf die Krankenhäuser. Dort wurde Personal gebraucht, „das komplementär zu ihnen arbeitete und .. Tätigkeiten übernahm ...“ (Neumann 2009: 10). Diese Entwicklung ist am heutigen Berufsbild der Pflege deutlich zu erkennen.

Pflege wird bereits in der Ausbildung als Handlanger der Ärzte sozialisiert, denn „der Anteil der vom Arzt angeordneten Behandlungspflege [ist während der Ausbildungszeit] relativ hoch ... [und] wird im Gegensatz zur medizinischen Ausbildung recht gründlich gelernt“ (Schäfer, Jacobs 2009: 29). Eigentlich müsste die Überschrift dieses Abschnittes jedoch „Ärzte als Handlanger der Pflegekräfte“ heißen. Bei genauerer Betrachtung scheint vielen Pflegenden durchaus bewusst zu sein, dass Ärzte ohne den Berufsstand der Pflege im klinischen Alltag nicht auskommen würden. Die Pflegekräfte übernehmen die Umsetzung „eine[s] Großteil[s] der ärztlichen Anordnungen“ (Sperl 1996: 12). Des Weiteren sind Ärzte in vielen Belangen auf die Krankenbeobachtungen der Pflegekräfte angewiesen (vgl. Sperl 1996: 12). Allein aufgrund dieser Tatsache erscheint es notwendig, Ärzte und Pflegekräfte als gleichberechtigte Partner anzusehen, so wie es bspw. auf deutschen Intensivstationen der Fall ist. Dort arbeiten bereits heutzutage Pflegekräfte und Ärzte Hand in Hand (vgl. Sperl 1996: 12). Fachweitergebildetes Personal für Intensiv- und Anästhesiepflege wird von den Ärzten meist auch als gleichberechtigt anerkannt, vor allen Dingen auch durch die stetig zunehmende Technisierung auf den Intensivstationen (vgl. Erler 2012 o. S.). Das höhere Vorkommen von Technik auf Intensivstationen bedeutet gleichzeitig auch eine höhere Anzahl an männlichen Pflegenden, was wiederum mit einer höheren Attraktivität einhergeht.

Durch die Ärzte wird jedoch Ablehnung signalisiert, mit Pflegekräften, die über einen akademischen Abschluss verfügen, auf Augenhöhe zusammen zu arbeiten, da hierdurch die Assistentenfunktion der Pflegenden hinfällig wäre (vgl. Teigeler 2012: 1023). Des Weiteren würden für die Ärzteschaft ggf. Gehaltseinbußen bei einer Erhöhung der Quote an akademisierten Pflegekräften und ihrer entsprechenden Anerkennung drohen. Wenn sowohl für eine Tätigkeit im Bereich der Medizin als auch der Pflege ein Studium vorausgesetzt würde, müssten Angehörige beider Professionen bei gleichbleibendem Gesamtpersonalbudget innerhalb der Einrichtung die gleiche Entlohnung erhalten (vgl. Teigeler 2012: 1023). Ausgehend von dieser Logik kann, bezogen auf die bereits heute in der Patientenversorgung tätigen akademisierten Pflegekräfte, davon ausgegangen werden, dass diese im Vergleich zur Ärzteschaft deutlich zu gering entlohnt werden.

3.2 Mehr Attraktivität durch bessere Bezahlung

Die jüngste Umfrage des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institutes in der Hans-Böckler-Stiftung macht deutlich, dass der Pflegeberuf nicht angemessen bezahlt wird, macht. Die Pflegekräfte sind zwar mit ihrer Tätigkeit als Pflegende zufrieden, mit ihrer Bezahlung allerdings nicht (vgl. Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut in der Hans-Böckler-Stiftung 2012; vgl. Heisig 2009: 44; vgl. Schlüter 2001: 13).

Die Ursache des geringen Gehaltes in der Pflegebranche ist historisch begründbar. Pflege wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts als „Liebestätigkeit“ bezeichnet (Kelm 2008: 24). Dieses Verständnis der Pflege implizierte, dass Pflegende keine Bezahlung erhalten sollten, sondern vielmehr ein sogenanntes Taschengeld (vgl. Lauber 2012: 27, 48, 55; vgl. Neumann 2009: 11). Daran hat sich bis heute nur bedingt etwas geändert. Das Gehalt von Pflegekräften wird heutzutage zwar nicht mehr als Taschengeld deklariert, am heutigen Berufsbild und der derzeitigen Entlohnung wird jedoch deutlich, dass eine diesbezügliche Aufwertung des Pflegeberufes bislang noch nicht erfolgt ist. Rudolf Henke, Vorstandsvorsitzender des Marburger Bundes, äußerte sich unlängst nach einer Pressekonferenz zur Frage, „ob Pflegekräfte mehr verdienen müssten“, dahingehend, dass Pflege eben nicht angemessen vertreten werde (Gaede 2012: 52). Zudem vermitteln heutzutage viele der in Gesundheitseinrichtungen tätigen Führungskräfte dem dort tätigen Pflegepersonal meist indirekt, dass sie einen erheblichen Kostenfaktor in der Gesamtbilanz eines Unternehmens ausmachen (vgl. Gaede 2012: 53). Führungskräfte des oberen Managements, insbesondere Geschäftsführer, setzen sich eher nicht mit den Gehältern des größten Berufsstandes eines Krankenhauses auseinander. Die Angst davor, weitere Lohnsteigerungen begleichen zu müssen und dadurch die Bonität des Unternehmens zu gefährden, scheint einfach zu groß (vgl. Gaede 2012: 52).

Ein weiterer Faktor, der die offene Diskussion um die Gehälter von Pflegekräften hemmt, ist, dass die deutsche Mentalität eher darauf ausgerichtet ist, nicht über das persönliche Einkommen zu sprechen. Das Thema Geld kann im bundesdeutschen Kulturraum grundsätzlich als Tabuthema angesehen werden, solange nicht öffentlichkeits- und medienwirksame Themen wie die Bankenkrise oder die Gehälter von Managern im Fokus stehen (vgl. Schneider 2011: 299). Es besteht die Annahme, dass dieser kulturelle Einfluss auf die Pflegekräfte in Deutschland eine offene zielgerichtete Diskussion und entsprechende Konsequenzen hemmt.

Derzeit werden immer mehr Stimmen laut, die eine angemessene Bezahlung für Pflegekräfte fordern, da die Überzeugung, dass eine angemessene Entlohnung einen hohen Einfluss auf die Attraktivität eines Berufes ausübt, in viele Personenkreise in Deutschland vorgedrungen ist (vgl. DEVAP 2012). Bekanntermaßen erkämpfen sich die Ärzte im Vergleich zu den Pflegenden höhere Tariflöhne, so dass vom Personalbudget eines Krankenhauses kaum noch etwas für die Pflege übrig bleibt (vgl. Gaede 2012: 52; vgl. Tagesspiegel 2011). Hinzu kommt, dass diesbezügliche Missstände durch die Pflege bislang nicht ausreichend öffentlichkeitswirksam dargestellt wurden. Selbst fachweitergebildete Pflegekräfte werden nicht durchgängig in eine angemessene ihrer Fachweiterbildung entsprechenden Tarifgruppe eingruppiert (vgl. Gaede 2012: 52 f.). Somit ist der monetäre Anreiz, den eine Fachweiterbildung neben persönlichem Wissenserwerb sowie einer Veränderung des Tätigkeitsfeldes bieten sollte, fraglich.

Grundsätzlich ist festzuhalten, dass die Bezahlung für die Mehrheit der Pflegekräfte eher eine untergeordnete Rolle spielt. Als primär wichtig wird von den Pflegekräften das Verhältnis zum Patienten beurteilt (vgl. Blüher, Stosberg 2005: 183 f.). Empfinden sie dieses Verhältnis als positiv, ist auch die Wahrnehmung ihres Berufes „besonders befriedigend“ (Blüher, Stosberg 2005: 184). Auch wenn die Entlohnung somit nicht als Hauptkriterium aufzufassen ist, sollte durch eine unverhältnismäßig schlechte Ausgestaltung der Verdienstmöglichkeiten den primären Beweggründen zur Ausübung eines Pflegeberufes nicht entgegengewirkt werden. Zukünftig müsste die Entlohnung von Pflegekräften entsprechend des Arbeitseinsatzes gerechter gestaltet werden, um die Attraktivität des Berufes zu erhöhen und die Perspektiven hinsichtlich der zukünftigen Rekrutierung von Nachwuchskräften zu verbessern.

[...]


[1] Next-Studie: „[I]nternationale schriftliche Befragung zum frühzeitigen Berufsausstieg von Pflegekräften in Europa ... von 2002 – 2005 ...“ (Bögemann-Großheim 2011: 28).

[2] Vom Leipziger Arzt Hermann Hartmann im September 1900 gegründeter „Verband der Ärzte Deutschlands zur Wahrung ihrer wirtschaftlichen Interessen“ (vgl. Wehler 2006: 740).

[3] „Spitzenorganisation der ärztlichen Selbstverwaltung; sie vertritt die berufspolitischen Interessen der 449.409 Ärztinnen und Ärzte (Stand: 31.12.2011) in der Bundesrepublik Deutschland“ (Bundesärztekammer 2013).

[4] „[G]ewerkschaftliche, gesundheits- und berufspolitische Interessenvertretung aller angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte in Deutschland.“ Es geht hauptsächlich um „bessere Arbeitsbedingungen und eine leistungsgerechte Vergütung in den Krankenhäusern“ (Marburger Bund 2013).

[5] „[E]ines der beiden zentralen Organisationen zur Aufgabenwahrnehmung der Selbstverwaltung der niedergelassenen Ärzte und der psychologischen Psychotherapeuten; neben der Ärztekammer ein Teil der sozialen Sicherung in Form einer Körperschaft des öffentlichen Rechts“ (Gabler Wirtschaftslexikon 2013).

[6] Bundesärztekammer 1991: 2f.; zit. nach Döhler 1997: 98

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Pflege im Schatten der Medizin. Wie kann die Attraktivität des Pflegeberufes gesteigert werden?
Autor
Jahr
2013
Seiten
23
Katalognummer
V295204
ISBN (eBook)
9783656931218
ISBN (Buch)
9783656931621
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
pflege, schatten, medizin, attraktivität, pflegeberufes
Arbeit zitieren
Annemarie Fajardo (Autor), 2013, Die Pflege im Schatten der Medizin. Wie kann die Attraktivität des Pflegeberufes gesteigert werden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295204

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