Pädagogisches Handeln steht immer in Zusammenhang mit ethischen Fragen. Soll ich etwas tun oder lassen? Welche Gründe sprechen für das Handeln bzw. für das Nicht-Handeln? Das pädagogische Handeln wird bestimmt durch den eigenen Werte und Normenhorizont; nicht selten unreflektiert, aber meistens legitimiert durch eine Art pädagogischen Ethos.
Jeder Pädagoge hat seine eigene Haltung von Richtig und Falsch. Er rechtfertigt durch sein Menschenbild das Handeln und beeinflusst damit den Entwicklungsprozess seines Klienten. Man könnte sagen Pädagogisches Handeln ist immer auch ethisches Handeln (vgl. Dederich, 2001, S.15). Die Frage nach der prinzipiellen Legitimation von Erziehung unter dem Aspekt subjektiver Normengeleitetheit ist im Spannungsfeld von Abhängigkeit und Autonomie, Fremdbestimmung und Selbstbestimmung gerade in der Behindertenpädagogik entfacht. Auf welcher ethisch argumentativen Grundlage werden Entscheidungen begründet? In einer auf Pluralismus und Heterogenität ausgelegten Gesellschaft ist die Frage nach einem ethischen Fundament in der Behindertenpädagogik von großer Bedeutung.
Viele Reformen Behindertenhilfe betreffender Gesetze (Grundgesetz, Betreuungsrecht, Wohn- und Teilhabegesetz, Antidiskriminierungsgesetz, UN Behindertenrechtskonvention um die wichtigsten zu nennen) haben die rechtliche Grundlage für diese Pluralität geschaffen. Noch vor weniger als 20 Jahren zum Beispiel galt sexueller Kontakt zwischen Menschen mit Behinderung als moralisch verwerflich. Heute haben sich diese moralischen Grundlagen verändert. Es gibt viele Ansätze gelebter Sexualität zwischen Menschen mit geistiger Behinderung, auf Fachtagen werden moderne Konzepte partnerschaftlichen Wohnens vorgestellt und in Einrichtungen sind Paarwohnungen und „richtige“ Hochzeiten keine Seltenheit mehr.
Zu einer überdauernden Partnerschaft gehört auch das Thema Kinder. Ich kenne kein Paar aus meiner beruflichen Praxis, das nach einiger Zeit nicht auch einen Kinderwunsch äußert. Orientiert an diesen Einzelfällen, mit Blick auf den konkreten Menschen, habe ich eine Elternschaft stets kritisch beurteilt.
In dieser Portfolioarbeit geht es um das Dilemma zwischen dem Recht auf Selbstbestimmung einer eigenen Familienplanung für Menschen mit geistiger Behinderung (am Beispiel von Janine) und dem Unbehagen eines Teams mit dem Impuls dagegen pädagogisch intervenieren zu müssen. Erkenne ich den Wunsch des anderen an, oder gibt es gute Gründe der Ausgrenzung?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Mein Ethischer Kontext zum Thema
3 Die Methode der hermeneutischen Fallbesprechung
3.1 Die Vorbereitung
3.2 Schritt 1: Analyse der problematischen Situation
3.3 Schritt 2: Ethischer Kontext
3.4 Schritt 3: Verschiedene Szenarien
3.5 Schritt 4: Argumentationen Pro und Kontra
3.6 Schritt 5: Weiteres Vorgehen
4 Auswertung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das ethische Dilemma, in dem sich pädagogische Fachkräfte befinden, wenn der Wunsch nach Elternschaft bei Menschen mit geistiger Behinderung auf institutionelle Vorbehalte und pädagogische Interventionsimpulse stößt, und prüft die Anwendung der hermeneutischen Fallbesprechung als Lösungsansatz.
- Elternschaft von Menschen mit geistiger Behinderung
- Ethische Reflexion pädagogischen Handelns
- Anwendung der hermeneutischen Fallbesprechung
- Spannungsfeld zwischen Autonomie und Fürsorge
- Rolle von Führungskräften in der Behindertenhilfe
Auszug aus dem Buch
3 Die Methode der hermeneutischen Fallbesprechung
Unter Hermeneutik versteht man die Lehre vom Verstehen und der Interpretation. Ursprünglich bezog sie sich auf das Verstehen und Auslegen von Texten als Hilfswissenschaft der Theologie und Philosophie. Heute ist sie eine anerkannte wissenschaftliche Methode. Nach Heidegger (1979) ging es bei der Hermeneutik um die Entwicklung eines Grundverständnisses menschlichen Seins. Erst analysiert sie viele Einzelphänomene, um anschließend ein genaueres Verständnis des Daseins insgesamt zu ermöglichen (vgl. Steinkamp 2010, S.283). Im Laufe des 20.Jahrhundert hat sich die Hermeneutik als Methode zum verstehenden Erkenntnisgewinn weiterentwickelt. Hans-Georg Gadamer (1990)vertritt den Ansatz, dass dies am besten durch ein Gespräch mit gemeinsamer Fragestellung möglich ist. Das Gespräch stellt sich unter „die Führung der Sache“ (s. Gadamer, 1990, S.373), zentrales Element ist nicht die Argumentation, sondern die Kunst des Fragens. Das Gesagte wird nicht auf seine Schwäche hin untersucht, sondern ist Bestandteil der Wahrheit (vgl. Steinkamp, 2010, S.284).
Dies entspricht zwar nicht dem Anspruch wissenschaftlicher Objektivität, gilt aber als Ansatz zu einer Psychologie des Verstehens. Neuere Ansätze sprechen z.B. von einer „hermeneutischen Spirale“ (Jürgen Bolten). Das Verstehen des Ganzen wird laufend ergänzt durch ein genaues Verständnis des Einzelnen. Dadurch kommt es zu einem ständigen Verstehens-Prozess und ist damit „kein zirkuläres Zurückkehren zu seinem Ausgangspunkt“ (s. Bolten 1985, S.362).
Auch bei der hermeneutischen Methode der Fallbesprechung geht es darum, die Erfahrungen des Einzelnen im Umgang mit seinem Klientel und seinen Kolleg_innen in einem Gespräch darzulegen, sie besser zu verstehen. Nicht die konkrete Entscheidung oder die Begründung für eine Entscheidung steht dabei an erster Stelle, sondern eine bessere Orientierung über sein mögliches Handeln zu bekommen. Die hermeneutische Fallbesprechung wird in fünf Schritte unterteilt (vgl. Steinkamp 2010, S.281f):
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet das Spannungsfeld zwischen pädagogischem Handeln und ethischen Fragen in der Behindertenpädagogik, insbesondere im Kontext von Elternschaft und dem Recht auf Selbstbestimmung.
2 Mein Ethischer Kontext zum Thema: Der Verfasser reflektiert seine eigene professionelle Entwicklung und die Bedenken, die in der Vergangenheit seine Haltung gegenüber der Elternschaft von Menschen mit Behinderung geprägt haben.
3 Die Methode der hermeneutischen Fallbesprechung: Dieses Kapitel führt in die theoretischen Grundlagen der Hermeneutik ein und erläutert den strukturierten Prozess der Fallbesprechung anhand eines konkreten Praxisbeispiels.
4 Auswertung und Fazit: Das Fazit reflektiert die Ergebnisse der Fallbesprechung, betont die professionelle Notwendigkeit zur Unterstützung statt Bevormundung und plädiert für eine pluralistische Gesellschaftsordnung.
Schlüsselwörter
Elternschaft, geistige Behinderung, Behindertenpädagogik, hermeneutische Fallbesprechung, ethisches Dilemma, Selbstbestimmung, Autonomie, Kindeswohl, Inklusion, pädagogisches Handeln, Interventionsdilemma, Aufklärung, Hilfeplanung, Führungskraft, Normalisierungsdebatte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt das ethische Dilemma pädagogischer Fachkräfte beim Wunsch nach Elternschaft von Menschen mit geistiger Behinderung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Themen sind die Selbstbestimmung, das Recht auf Familienplanung bei Behinderung und die Rolle pädagogischer Institutionen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Erprobung der hermeneutischen Fallbesprechung, um ein besseres Verständnis des Dilemmas zu erlangen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird die Methode der hermeneutischen Fallbesprechung nach Steinkamp/Gordijn angewandt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in fünf Schritte, von der Analyse der problematischen Situation bis hin zu konkreten Handlungsentwürfen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Selbstbestimmung, Inklusion, Elternschaft und ethische Reflexion.
Wie reagierte das Team auf die vorgeschlagene Methode?
Das Team erlebte die Zerlegung des komplexen ethischen Problems in konkrete Schritte als hilfreich und positiv für das Verständnis.
Welche Rolle spielt die Führungskraft in dieser Arbeit?
Die Führungskraft reflektiert kritisch die eigene Haltung und die Verantwortung, die der Träger für Unterstützungsangebote trägt.
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- Stefan Cornelius (Author), 2015, Tabu oder Normalität? Elternschaft von Menschen mit geistiger Behinderung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295327