Dieses besondere Verhältnis zwischen den beiden Dichtern, das schon „die Zeitgenossen durch repräsentative Gegensätzlichkeit“ bestimmt sahen und die unterschiedliche Art der beiden, die griechische Antike jeweils für ihre Dramen wiederzuentdecken, macht einen Vergleich zwischen den Werken „Iphigenie“ und „Penthesilea“ so interessant. Hinzu kommt Goethes ablehnende Haltung gegenüber letzterem Drama und die Tatsache, dass die Tragödie Kleists in der Forschung häufig als „Anti-Iphigenie“ bezeichnet wurde.
Da es sich bei beiden Hauptfiguren um weibliche Helden handelt, wie sie augenscheinlich gegensätzlicher nicht sein könnten, und sich beide Autoren, jeweils auf ihre Weise, auf Humanität beziehen, liegt es nahe, die beiden Dramen unter diesen Gesichtspunkten zu vergleichen. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der zentralen Frage, ob Kleists „Penthesilea“ als düsteres Gegenbild ihrer ‚Weimarer Schwester‘ – als Kontrast „Iphigenies“ bezeichnet werden kann.
Dabei sollen einige einleitende Vergleiche, wie Unterschiede in der formalen Gestaltung der beiden Dramen, und grundsätzliche Aspekte über den klassischen Humanitätsgedanken zum Thema hinführen. Nach einer vergleichenden Betrachtung unter dem Aspekt der „Humanität“ erfolgt eine Gegenüberstellung der beiden Protagonistinnen unter dem Gesichtspunkt „Weiblichkeit“, um dann unter Einbezug beider vergleichenden Aspekte zur abschließenden Beantwortung der Leitfrage zu kommen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Bearbeitung des mythologischen Stoffes
2.1 Die „mythologische Nachbarschaft“ der beiden Dramen
2.2 Goethes klassische Form und Kleists formale Zerrissenheit
3 Humanität und erbarmungslose Grausamkeit
3.1 Der klassische Humanitätsgedanke
3.2 Iphigenie – verteufelt human?
3.2.1 Der antike Stoff
3.2.2 Das humane Potenzial zu Beginn des Stückes
3.2.3 List und Wahrheitssprechung
3.2.4 Humanes Ende?
3.3 Penthesilea – inhuman und barbarisch?
3.3.1 Der antike Stoff
3.3.2 Krieg und Unmenschlichkeit zu Beginn?
3.3.3 Selbstbestimmung wider Fremdbestimmung
3.3.4 Das tragische Ende – Verfehlung der humanen Idee
3.4 Iphigenie und Penthesilea – ungleiche Schwestern?
4 Weiblichkeit
4.1 Goethes „schöne Seele“ und Kleists „Kentaurin“
4.2 So frei geboren wie ein Mann?
4.2.1 Iphigenie – beklagenswerter „Frauen Zustand“
4.2.2 Penthesilea - hineingeboren in einen „autonomen Frauenstaat“
5 Geschlechtsbedingter Konformismus
5.1 Iphigenies Widerwille gegen männliche Fremdbestimmung
5.2 Penthesileas Emanzipation vom Frauenstaat
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Kontrast zwischen Johann Wolfgang von Goethes Iphigenie auf Tauris und Heinrich von Kleists Penthesilea im Hinblick auf das Humanitätsideal und geschlechtsspezifische Konformitätszwänge. Dabei wird analysiert, inwiefern beide Dramen als unterschiedliche Antworten auf das klassische Idealbild der „Humanität“ sowie auf patriarchale und staatliche Fremdbestimmung gelesen werden können.
- Vergleich der klassischen Form (Goethe) und der formalen Zerrissenheit (Kleist)
- Analyse der Humanitätskonzepte in beiden Werken
- Untersuchung der weiblichen Hauptfiguren als autonome Subjekte versus Fremdbestimmung
- Dekonstruktion des klassischen Frauenbildes der „schönen Seele“ bei Kleist
- Bewertung der Rolle des Staates und der gesellschaftlichen Gesetze für die Protagonistinnen
Auszug aus dem Buch
3.2.2 Das humane Potenzial zu Beginn des Stückes
Tatsächlich führte die klassizistische äußere Form der Iphigenie in der über 200-jährigen Forschungsgeschichte häufig zu Fehleinschätzungen des Dramas. Allerdings, so Theo Buck, stelle Iphigenie vielmehr einen Schritt in eine neue Richtung des dramatischen Ausdrucks, statt der „Rückkehr zur antikisierenden Dramenkonvention“ dar. Dieser äußere sich in der dramatischen Wirkungsabsicht der „Neubestimmung des Menschen im Mitdenken des anderen.“ Damit knüpft Goethe an Lessing an, der das Theater als „soziale Institution“ begriff. In diesem Zusammenhang steht der wohl wichtigste „klassische“ Aspekt der Iphigenie – der „Zielpunkt der Humanität als Harmonische Entfaltung der Kräfte.“ Die Verlagerung der Konflikte ins Innere der Figuren impliziert einen Wechsel von der „Handlungsdramatik“ zu „einer Dramaturgie des Bewusstseins.“
Schon zu Beginn des Dramas, im Dialog mit Arkas, in welchem dieser den bevorstehenden Heiratsantrag des Königs ankündigt, wird Iphigenies „zivilisatorisch-pädagogischer Einfluss“ angesprochen. Die Griechin beklagt hier ihr „unnütz Leben“ und ihr Frauenschicksal, woraufhin Arkas sie an die durch sie bewirkte Abschaffung der grausamen Opferung Landsfremder erinnert: Wer hat den alten grausamen Gebrauch, / Dass am Altar Dianens jeder Fremde / Sein Leben blutend lässt, von Jahr zu Jahr / Mit sanfter Überredung aufgehalten, / Und die Gefangenen vom gewissen Tod / Ins Vaterland so oft zurückgeschickt? / Hat nicht Diane […] / Dein sanft Gebet in reichem Maß erhört?
Weiter vergleicht Arkas ihre Wirkung auf die taurische Gesellschaft mit heilendem „Balsam.“ Iphigenie veranlasste zumindest ein vorrübergehendes Aussetzen der blutigen Menschenopferungen. Statt blind „vermeintliche Götterbefehle“ zu befolgen, erkennt die Heldin diese selbstständig als inhuman und grausam. Diese unabhängige Erkenntnis zeichnet den humanen Menschen aus, weswegen von einem humanen Einfluss Iphigenies tatsächlich gesprochen werden könnte.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den historischen Kontext der Dichtung im 18. Jahrhundert und führt die Fragestellung zum Vergleich zwischen Goethes Iphigenie und Kleists Penthesilea ein.
2 Die Bearbeitung des mythologischen Stoffes: Dieses Kapitel vergleicht die stoffgeschichtlichen Hintergründe der Dramen sowie die formale Gestaltung, kontrastiert Goethes klassische Geschlossenheit mit Kleists formaler Zerrissenheit.
3 Humanität und erbarmungslose Grausamkeit: Hier wird der Humanitätsbegriff analysiert, wobei Iphigenie als Modell der Humanisierung und Penthesilea als tragischer Gegenentwurf im Kontext des Amazonenstaates beleuchtet werden.
4 Weiblichkeit: Das Kapitel analysiert die unterschiedlichen Frauenbilder der beiden Dramen, von der „schönen Seele“ zur „Kentaurin“, und hinterfragt, wie beide Heldinnen mit dem „Frauenzustand“ ihrer jeweiligen Welten umgehen.
5 Geschlechtsbedingter Konformismus: Dieser Abschnitt thematisiert den Widerstand der Protagonistinnen gegen männliche Fremdbestimmung sowie die Emanzipation aus patriarchalen oder staatsideologischen Strukturen.
6 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass beide Dramen – trotz ihrer Unterschiede in Struktur und Ausgang – als verwandte Auseinandersetzungen mit Humanität und weiblicher Autonomie gelten können.
Schlüsselwörter
Humanität, Weimarer Klassik, Iphigenie auf Tauris, Penthesilea, Frauenbilder, Selbstbestimmung, Fremdbestimmung, Mythologie, Autonomie, Widerstand, Geschlechterrollen, Menschenwürde, Dramaturgie, Antike, Emanzipation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht die zwei Dramen Iphigenie auf Tauris von Goethe und Penthesilea von Kleist und untersucht, wie beide Autoren das Ideal der Humanität sowie die Rolle der Frau in ihren Werken darstellen und kritisieren.
Welche sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit konzentriert sich auf die Themen Humanität, die Gestaltung weiblicher Rollenbilder, das Verhältnis zwischen Individuum und staatlichem Gesetz sowie die Kontraste zwischen klassischer Harmonie und tragischer Zerrissenheit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist es zu klären, ob Kleists Penthesilea als ein düsteres Gegenbild bzw. als bewusster Kontrast zu Goethes Iphigenie betrachtet werden kann und wie beide Autorinnen ihre Protagonistinnen zu einer Form von Autonomie führen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche, vergleichende Analyse, die sich auf Textstellen der beiden Dramen und die Sekundärliteratur stützt, um Motive und ästhetische Konzepte gegenüberzustellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung des mythologischen Stoffes, eine detaillierte Analyse der Humanitätskonzepte in beiden Dramen, eine Betrachtung der Geschlechterrollen und schließlich eine Analyse der Emanzipationsprozesse der Protagonistinnen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Humanität, Klassik, Autonomie, Fremdbestimmung, Weiblichkeit, Geschlechterrollen und die dramaturgische Gegenüberstellung von Iphigenie und Penthesilea.
Warum wird Iphigenie oft als „schöne Seele“ bezeichnet?
Der Begriff bezieht sich auf die idealisierte Darstellung der Figur bei Goethe, welche in der Forschung diskutiert wird, wobei die Arbeit kritisch beleuchtet, ob diese Bezeichnung das gesamte Wesen und die Entwicklung der Figur adäquat erfasst.
Inwiefern unterscheidet sich der „Frauenstaat“ bei Kleist von patriarchalen Strukturen?
Der Amazonenstaat bei Kleist stellt eine gewaltsame Antwort auf patriarchale Unterdrückung dar, schafft jedoch, wie die Arbeit aufzeigt, ein neues, repressives System, das die Autonomie des Individuums durch strenge Gesetze erneut einschränkt.
- Arbeit zitieren
- Candida Denk (Autor:in), 2014, Studien zu Goethes „Iphigenie“ und Kleists „Penthesilea“. Die ,schöne Seele‘ und die ,zerrissene Weiblichkeit‘ im Spiegel der Humanität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295363