Die Missionierung durch die Jesuiten in Paraguay. Ein Utopia der Renaissance?


Hausarbeit, 2012
27 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Jesuiten in Paraguay – Ein Staat zwischen Moderne und Kolonialzeit
2.1. Moderne Elemente
2.1.1. Die Katholische Kirche und ihr vereinender Charakter
2.1.2. Der Wohlfahrtstaat der Jesuiten
2.1.3. Die Utopia des Thomas Morus
2.1.4. Pico Della Mirandolas Menschenbild
2.2. Koloniale Elemente
2.2.1. Expansionismus Amerikas - Der Papst, ein Eroberer (?)
2.2.2. Der koloniale Raum als soziales Laboratorium
2.2.3. Widerstand und Untergang

3. Die Jesuitenrepublik in Paraguay – Ein Utopia der Renaissance?

4. Eine gescheitertes Utopia (?)

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Konzept der Jesuiten, im Auftrag Gottes und der Katholischen Kirche, einen autarken Staat in Paraguay zu gründen, der sich trotz Einbindung in das spanische Kolonialsystem, weitestgehend von dem politischen und gesellschaftlichen Modell Spaniens unterschied, hatte über zwei Jahrhunderte große Erfolge zu verzeichnen. Oftmals wird die „Jesuitensrepublik“ Paraguays gleichsetzt mit „Utopia“, das im heutigen Zeitalter den wünschenswerten Zustand einer Welt oder eines Staates bezeichnet. In ihm werden optimaler Weise Jahre grenzenloser Glückseligkeit und Zufriedenheit verbracht. Thomas Morus beschreibt solch einen Idealstaat in seinem Werk De optimo statu rei publicae degue nova insulta Utopia. Im Folgenden soll geklärt werden, inwiefern das Konzept Morus von Utopia mit dem der Gesellschaft Jesu übereinstimmt, um gegebenenfalls Parallelen und Widersprüche daraus schließen zu können. Neben Morus war auch Pico della Mirandola als Humanist und Philosoph seiner Zeit um mehrere Jahre, wenn nicht Jahrhunderte, voraus. Er erkannte eben sowie Morus recht früh die für ihn offensichtlichen Vor- und Nachteile der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen der Renaissancezeit. Unter Einbezug weiterer „moderner“ Komponenten – modern zeichnet sich in diesem Fall durch Ideen und Gedanken aus, die der damaligen Zeit weit voraus sind – wird im Rahmen dieser Arbeit dargestellt, dass sich die Republik der Jesuiten durch ihre Struktur und Organisation von dem reinen Kolonialstaat und seinen allgemeinen Merkmalen wie zum Beispiel den Expansionismus, das soziale Laboratorium als ein Aufeinandertreffen divergierender Kulturen und Zivilisationen und den Widerstand infolge der Eroberung, abhebt. Die modernen Komponenten bzw. Gedankenströme der Renaissance sind in dem Grundmodell der jesuitischen Missionsdörfer ebenso verankert wie die des Kolonialismus, der nicht außen vor bleibt. In ihrer Gesamtheit waren die Guaraní-Missionen mehrheitlich von einem modernen Charakter geprägt. Sie strebten nach einem Wohlfahrtsstaat, einer Einheit (religiös) sowie grundlegenden Rechten wie Freiheit oder Menschenwürde (Pico della Mirandola) und der Utopie, in einer idealen und vollkommenen Welt zu leben.

Der Versuch der Jesuiten ein „Utopia der Renaissance“ aufzubauen, scheiterte jedoch grundlegend an der Einbeziehung kolonialer Elemente sowie der nur teils umgesetzten Grundgedanken von Humanisten wie Morus oder Pico della Mirandola. Bei der „Jesuitenrepublik“ Paraguays handelte es sich vielmehr um eine gescheiterte Modernität, wenn nicht sogar um eine unbewusste und nur in Ansätzen in die Praxis umgesetzte Utopia. Der Anspruch der „Utopia der Renaissance“ ist jedoch nicht gänzlich aus der Luft gegriffen, wie die im Anschluss aufgeführten Parallelen zwischen Theorie und täglicher Praxis in den Jesuitenreduktionen beweisen werden.

2. Die Jesuiten in Paraguay – Ein Staat zwischen Moderne und Kolonialzeit

Zu Zeiten von Papst Alexander VI. (1492-1503) befand sich die Welt, darunter vor allem die einzelnen Kolonialmächte, im Umbruch. Die politischen und religiösen Strukturen wurden durch Verträge wie den Vertrag von Tordesillas im Jahr 1493 neu geregelt und betrafen so im Rahmen der Bestimmung von Ländergrenzen Spaniens und Portugals auch die Katholische Kirche. Außerhalb dieser festgelegten Grenzen stand es dem Papst frei, das Land für die katholische Missionierung zu nutzen und somit seinen Einfluss weltweit geltend zu machen. Die im September 1540 unter Ignatius de Loyola gegründete Societatis Jesu (Gesellschaft Jesu) war neben dem Orden der Franziskaner und Dominikaner eine derjenigen Gesellschaften, die bereits im 16. Jahrhundert im Dienste der Katholischen Kirche die ersten Missionsversuche im heutigen Paraguay unternahm. Das Vorgehen der Jesuiten in dem für sie fremden Land begann im Jahr 1586 mit einer Wandermission und wurde im Laufe der Jahre um die Etablierung der sogenannten reducciones (Reduktionen) erweitert und um weitere Details ausgebaut.1

Anhand einer Reihe von ausgewählten Elementen soll im Anschluss hieran untersucht werden, inwiefern die verschiedenen Prinzipien und Bestandteile des Wirtschafts- und Gesellschaftssystems der Jesuiten in Paraguay sich an die Moderne (Renaissance) bzw. an die Kolonialzeit anlehnten und aufgegriffen wurden. Auch die Rolle des Papstes und des Heiligen Stuhles soll hierbei nicht außer Acht gelassen werden und mittels teils provokativer Überschriften wie „Der Papst, ein Eroberer (?)“ auf ihren Wahrheitsanspruch geprüft werden.

2.1. Moderne Elemente

2.1.1. Die Katholische Kirche und ihr vereinender Charakter

Stärke durch Einheit – ein Grundsatz, den die Katholische Kirche stets während ihrer Glaubensmissionierung des Christentums verfolgte und in das Zentrum ihrer Institution stellte. Dies beweist jedenfalls die päpstliche Bulle Orthodaxe fidei propagationem2 aus dem Jahr 1486 von Papst Innozenz VII. (1484-92), der die Katholische Kirche früh auf ihre Pflicht der weltweiten Verbreitung des christlichen Glaubens hinwies. Hinzu kamen die religiösen Kämpfe zwischen 1500 und 1600 innerhalb Europas und die daraufhin einsetzende Reformation, welche die europäischen Mächte voneinander entfernte und ihren Zusammenhalt schwächte. Die katholische Kirche wurde durch Theologen wie Martin Luther oder John Calvin herausgefordert und in ihrer Rolle als Institution in Frage gestellt. Den Theologen zufolge könnten die Christen lediglich durch die Bibel und den Glaube an Gott das ersehnte Heil erfahren, nicht jedoch durch die Vielzahl an Äußerungen der Kirche und seines Klerus. Diverse Gruppen spalteten sich in Folge dessen von der Katholischen Kirche ab und setzten, auf Basis der Bibel als religiöse Doktrin, ihren Weg des Glaubens als Protestanten weiter. Zu diesen Gruppierungen gehörten neben den Lutheranern auch die Calvinisten oder die Kirche (Neu-) Englands. Nachdem die religiöse Spaltung Europas ab den Jahren 1500 bereits zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Weltmächten führte, die schließlich u.a. im Dreißigjährigen Krieg (1500-1648) endeten, handelten die Oberhäupter der Kirche noch Ende des gleichen Jahrhunderts und schlugen einen neuen Weg ein. Ihr Vorhaben bestand nun in der Rückführung der Menschheit zum Glauben. Der Heilige Stuhl erreichte dies vor allem mit Hilfe der Missionierung, von der sich bereits die Protestanten eine größere Hingabe zur Religion erhofften. Im Gegensatz zur protestantischen Glaubensgemeinde bewies sich die Katholische Kirche als äußerst geschickt in ihrer Umsetzung der Missionen in den Kolonialgebieten, insbesondere den spanischen und portugiesischen.3

Die beiden Könige von Spanien und Portugal bestimmten im Rahmen ihrer Eroberung der neuen Welt neben einer Zivilisierung der indianischen Eingeborenen insbesondere deren Christianisierung zu gehorsamen Bürgern. Diese Agenda kam vor allem der Katholischen Kirche und ihrer Machtstellung zu Gute, denn die Institution gründete auf einem vereinenden Charakter, dem sich die Nachfolger Loyolas mit Blick auf die Notwendigkeit zur extremen Spiritualität, verschrieben. Zwar litt zu dieser Zeit die Integrität der Kirche bereits unter der Aufspaltung der Institution in zahlreiche kleinere Ebenen (u.a. Jesuiten vs. Dominikaner) oder der großen Distanz einzelner Divisionen zum Heiligen Stuhl in Rom, dennoch erschütterte diese Tatsache nicht das Vorgehen der Jesuiten in Paraguay. Ihr dortiges Unternehmen, das unter der begrenzten imperialen Kontrolle des spanischen Königs Phillip II. stand, hatte vor allem die Isolierung und den Schutz des Eingeborenenvolkes der Guaraní zum Ziel. Die Jesuiten erhofften sich dadurch, die indigene Bevölkerung vor der für sie bedrohenden säkularen Macht zu schützen, unter der viele Eingeborene im System der kastilischen Encomienda4 und der damit einhergehenden Versklavung und Misshandlung litten. 1604 erhielt die Glaubensgruppe schließlich die königliche Autorisation, die Provinz Paraguay zu gründen und weitere drei Jahre später mit der Errichtung einzelner Missionen zu beginnen. Unter dem Superior Antonio Ruiz de Montoya, der im Jahr 1606 Mitglied der Gemeinschaft Jesu wurde, gelang es den Jesuiten so, in kürzester Zeit mehr als 30 Reduktionen (1609) entlang der Flüsse Paraguays, Uruguays und Paranas aufzubauen und mit indianischen Bewohnern zu bevölkern.5

Die nach Paraguay abgesandten Jesuiten waren nach ihrer Anerkennung als Klerikerorden im Jahr 1540 durch Papst Paul III. eng mit der Einheit der Katholischen Kirche verwoben und unterstanden direkt dem Oberhaupt der römischen Kirche. Ihre Beziehung, sowohl zum Papst als auch zum Heiligen Stuhl, war deshalb so innig, da sie sich angesichts des vierten Gelübdes, neben Gehorsam, Armut und Keuschheit, auch zur Loyalität gegenüber dem Papst verpflichteten. Wie aus dem Auszug des Jesuitenschwures hervorgeht, stand die Gemeinschaft zudem in Gegenwehr zur Reformation und verstand sich zusammen mit der Katholischen Kirche an der vordersten Front der Gegnerschaft.6

„I furthermore promise and declare that I will, when opportunity present, make and wage relentless war, secretly or openly, against all heretics, Protestants and Liberals, as I am directed to do, to extirpate and exterminate them from the face of the whole earth; and that I will spare neither age, sex or condition; and that I will hang, waste, boil, flay, strange and bury alive these infamous heretics, rip up the stomachs […] as I at any time may be directed so to do by any agent of the Pope or Superior of the Brotherhood of the Holy Faith, of the Society of Jesus […].”7

Der Gründer der Jesuiten rief seinen Orden ursprünglich nicht als Oppositionsgruppe zur Reformation ins Leben; angesichts der engen Verbindung zum Papst und dem ihm gegenüber geleisteten Gelöbnis stellten sich die theologischen Anhänger jedoch deutlich hinter diesen und begründeten auf dem Konzil von Trient (1545) die Abwehr gegenüber den Protestanten. Während zu dieser Zeit die Kirche in Europa an Einfluss und Macht verlor, vertrauten die Jesuiten weiterhin auf den Papst und seine Anweisung, eine päpstliche Kirche der modernen Welt ins Leben zu rufen und mit aller Kraft zu unterstützen.8 Mehrere Jahre folgte die Errichtung von Missionsdörfern in Paraguay. Diese verschreib sich dem neuen Konzept der Katholischen Kirche insofern, da ein zentrales Element der Missionierung die Unterrichtung des katholischen Glaubens der indigenen Bevölkerung war. Zusätzlich baten die Jesuiten ein umfassendes kulturelles Angebot, durch das vor allem die jüngeren unter den Guaraní-Einwohnern mittels Gesang, Musik oder Theater angesprochen wurden. Ziel des ganzen war neben der Zivilisierung, den Indianen einen einfacheren Zugang zur Religion zu verschaffen, die Arbeitszeit als auch Freizeit umfasste. In der Río de la Plata-Region verfügte beispielweise jede einzelne Reduktion recht früh über einen eigenen Kirchenchor sowie ein Orchester. Die Jesuitenrepublik in Paraguay gründete folglich auf der Theokratie und war zudem stark paternalistisch geprägt.9

2.1.2. Der Wohlfahrtstaat der Jesuiten

Die Gesellschaft Jesu verstand sich seit ihrer Entstehung zwischen 1538 und 1541 als Untertanen und Miliz Gottes, die unter dessen Anweisung die Kirchengemeinde leiten und führen würde, bis daraus zu gegebener Zeit das Königreich Gottes entstehe. Die sich an den Millenarismus anlehnenden Erwartungen der Jesuiten hatten im Gegensatz zu utopischen Zielen anderer religiöser bzw. kultureller Gruppierungen eine realistische Chance der Durchführbarkeit, schließlich richtete sich ihr Konzept nicht ausschließlich auf die Kultur und ihre Dynamik aus, sondern beinhaltete darüber hinaus auch Aspekte der Ökonomie. Die Tragfähigkeit der jesuitischen Missionsarbeit stütze sich neben dem Gesellschaftssystem insbesondere auf das kooperative System, an dem die eingeborenen Guaraní durch ihre tägliche Arbeit in der Landwirtschaft oder dem Handwerk Teil hatten. Obwohl in den Paraguay-Reduktionen keine Arbeit auf den encomiendas geleistet werden musste, wurde dennoch jeder Missionsbewohner, ob jung oder alt, dazu angehalten, täglich 8 Stunden zu arbeiten. Damit stellten die Jesuiten die Einkünfte der Gesamtbevölkerung innerhalb der Missionsdörfer sicher. Auch Frauen übernahmen die im Tagesablauf integrierten Arbeiten, wie zum Beispiel Spinnen, Weben oder Sticken von Textilien.10

Das Erwachen des neuen Lebens- und Naturgefühls und des Denkens aus der mittelalterlichen Bindung heraus, löste in der europäischen Renaissance neue wirtschaftliche Impulse aus, die sich von der frühkapitalistischen Epoche ( bis etwa 1800) schließlich bis hin zur hochkapitalistischen Epoche erstreckte. Die Übergangszeit äußerte sich vorrangig in der steigenden Gier nach Gold und Geld. Die Katholische Kirche stand diesem neuen Wirtschaftssystem äußerst kritisch gegenüber, indem sie sich gegen den gewinnbringenden Zins und den um sich greifenden Reichtum stellte. Auch der Humanist Thomas Morus distanzierte sich von dem kapitalistischen Modell der Renaissance-Wirtschaft und schrieb stattdessen in einem seiner bekanntesten Werke De optimo statu rei publicae degue nova insulta Utopia von dem idealen Staat, in dem eine Art Kommunismus herrschte. Dennoch, und so könnte man behaupten, lehnt sich das Konzept der Guaraní-Reduktionen gewissermaßen doch an die Renaissance und ihre Wirtschaftslage an, insofern diese als früher Wohlfahrtsstaat interpretiert werden können, wie dies Philip Caraman in seinem Werk The Lost paradise: an Account oft he Jesuits in Paraguay, 1607-1768 (1975) tut. Als kooperatives System gelang es den Jesuiten noch lange vor den Europäern über zwei Jahrhunderte einen Staat bzw. eine Republik auf dem Fundament einer hohen Arbeitsproduktivität der Eingeborenen aufzubauen. Um das Ausmaß und die Fortschrittlichkeit der jesuitischen Missionen gänzlich zu verstehen, sollte jedoch erst die Bedeutung von „Wohlfahrtsstaat“ geklärt werden. Hierfür finden sich diverse Definitionen mit Fokus auf unterschiedlichen Charakteristika.11

Definition des Wohlfahrtsstaates:

„it involves state responsibility for securing some basic modicum of welfare for its citizens.”12

„usually used to refer to expenditure on health, education, personal social services and income maintenance programmes such as pensions […] and social assistance […].”13

Funktionen:

„persons´s being taken into account in society”14

„commitment to full employment”15

„emerges as an institutional/administrative form which seeks to “harmonize” the “pri-

vately regulated” capitalist economy […].”16

Formen:

liberal

demokratisch

sozialdemokratisch17

Über die einzelnen Elemente und Bestandteile eines Wohlfahrtsstaates hinaus, stellt diese Art von Sozialstaat einen Schritt in Richtung Moderne dar und ist Teil des Entwicklungsprozesses eines Landes oder Staates hin zu einem modernen Nationalstaat. Wie aber sind die oben aufgeführten beispielhaften Charakteristika auf das Modell der Jesuitenmissionen im heutigen Paraguay zu beziehen? Die Jesuitenväter stellten der Guaraní-Bevölkerung durch ihr Wirtschafts- und Gesellschaftssystem nicht nur spirituelles Wohlergehen in Aussicht, sondern boten ihnen ferner auch weitaus notwendigere Dinge wie einen täglich geregelten Tagesablauf und eine Arbeit in der Landwirtschaft oder im Handwerk in Aussicht. Die Regelung und Organisation beider Aufgaben übernahmen die Jesuitenbrüder, sodass die Guaraní von der Ausbeutung jenseits der Missionsdörfer durch Kolonisten verschont blieben. Auch wenn den Jesuiten oft zu Gute gehalten wird, den Eingeborenen viel Leid vor den Spaniern und Portugiesen erspart zu haben, so war die Gemeinschaft doch auf regelmäßige Einkünfte und Erträge durch Vieh und Ernte angewiesen. Als Vormund der oft als Kinder oder Tiere belächelten Indianer, sorgten die Jesuiten für eine 6-8 stündige Beschäftigung ihrer einzelnen Bewohner. Die Kinder befanden sich meist in der Schule, wo sie von den Glaubensbrüdern unterrichtet wurden. Besonders profitabel für die Guaraní gestaltete sich im frühen 18. Jahrhundert vor allem der Verkauf von yerba caaminí, eine Pflanze, die aufgebrüht den sog. Mate (Teegetränk) ergibt. Zusätzlich ergaben sich für die Dörfer Einnahmen durch Viehverkauf, Textilprodukte und handgemachte Kunstwerke.

Die für diese Zeit außerordentlich gut ausgeprägten Marketing-Fähigkeiten der Jesuiten sowie der eingeschränkte Steuererlass trugen überdies zum Erfolg des Wirtschaftsmodells hinzu. Somit erfüllten die jesuitischen Reduktionen ein Mindestmaß an Wohlstand (finanziell) innerhalb der Zivilgesellschaft, schließlich herrschte keine Hungersnot und der Bedarf an Kleidung und Nahrung war durch Vollbeschäftigung (siehe Funktionen) der Eingeborenen für gewisse Zeit gesichert.18

Neben der Arbeitsbeschaffung und Versorgung von Kranken durch Nahrung widmeten sich die Jesuiten in ihren Missionen ebenso der Bildung und Erziehung der Bevölkerung, vor allem der jüngeren Generation. Die Katholische Kirche sah darin eine wichtige Aufgabe, um die Einheit und den frühmodernen Katholizismus in geordnete Bahnen zu lenken und im zerrütteten Europa zu stärken. Die intellektuell gut ausgebildeten Jesuiten nutzten die Kultur als Schlüssel zum Christentum und richteten neben diversen Volksspielen und Tanzvorstellungen mit Musik, das Augenmerk auf eine Erziehung, die den Renaissance-Humanismus mit katholischer Moral und religiösen Werten vereinte. Mit dem Rückhalt der Katholischen Kirche konnten die Jesuiten folglich ihr Vorhaben gemäß „Give me a child until he is seven, and he will remain a Catholic the rest of his life“19 durchführen und bis zu ihrer Vertreibung aus Paraguay im Jahr 1767 aufrechterhalten.

2.1.3. Die Utopia des Thomas Morus

Der Humanist und Lordkanzler des englischen Königs Heinrich des VIII. entwickelte im Rahmen seines Buches „Utopia“ aus dem Jahr 1515 einen neuen Gesellschaftsentwurf, der den Status Quo des damaligen Englands in Frage stellte. Sein Staatsmodell eines neuen Europas richtete sich insbesondere gegen das Privateigentum und den zunehmenden Wohlstand Einzelner durch eine ungleichmäßige Verteilung des Privateigentums. Die Kritik greift das soziale Übel der Zeit an und kann als Reformprogramm angesehen werden, das Morus dem „Hindernis gerechter Politik“20, dem Privateigentum, gegenüberstellte. In dem Utopia-Staat kennt man letzteres finanzielles Modell nicht, sondern distanziert sich davon, indem das Allgemeingut im Mittelpunkt steht. Das Wohl der Bürger und die damit verbundene wirtschaftliche Tragfähigkeit des Staates begründen sich laut Morus auf der Produktion und dem Handel, nicht jedoch der Bedeutung von Geld und Gold. Das Gemeineigentum hingegen erscheint in den Augen Morus eine angemessene Organisation der Eigentümer zu sein, sodass die Menschen nicht mehr auf ihren Privatvorteil, sondern auf das Gemeinwohl achten. Solange alle Einwohner Utopias ihre Privatbedürfnisse dem Gemeingut unterordnen, werden alle öffentlichen Speicher gefüllt sein. Dies wird durch die Arbeitsorganisation erreicht, unter der „jeder fleißig sein Gewerbe treibt, ohne indessen vom frühen Morgen bis tief in die Nacht wie ein Lasttier sich beständig abzurackern.“21 Somit sei schließlich die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit der Gesellschaft vorerst gesichert.22

[...]


1 vgl. Clossey (2008): 20f.

2 Eine von Papst Innozenz VII. erlassene Bulle vom 13.Dezember 1486, die erstmals festlegt: „Our chief concern and comission from heaven is the propagation of the orthodox faith, the increase of the Christian religion, the salvation of barbarian nations, and the repression of the infidels and their conversion to the faith.” (Kupperman (1995): 195).

3 vgl. Parker (2010): 189.

4 Mit der Einführung des Encomienda -Systems im Jahr 1503 unterwarf die spanische Krone Angehörige der Indiodörfer in den Kolonien der Tributpflicht. Die indigenen Arbeitskräfte dienten dem sog. Encomendero, der dazu angehalten war, die eingeborene Bevölkerung im Gegenzug zu beschützen und sie zum Christentum zu bekehren. Oft wurde das System allerdings von den Plantagen- und Minenbesitzern ausgenutzt und endete in einer Form von Sklaverei.

5 vgl. Vilaça/Wright (2009): 23 f.

6 vgl. Bunker/Woodlwall (2002): 35.

7 Bunker/Woodwall (2002): 34.

8 vgl. Dwyer (1998) : 268.

9 vgl. Francis (2006): 617.

10 vgl. Krauss (1979): 44f.

11 vgl. Ordonez in Castillo/Lollini (2006): 305.

12 Pierson/Castles (2006): 60.

13 Kennett (2004): 180.

14 Brunczel (2010): 168.

15 Van Oorschot (2008): 36.

16 Pierson (2006): 58.

17 vgl. Oschek (2007): 17.

18 vgl. Saeger (2007): 17f.

19 Weaver/Brakke (2009): 99.

20 Pfetsch/Kreihe (2003): 188.

21 Morus (1980) zitiert nach Münkler/Llanque (2007): 233.

22 vgl. Häußling/Brei (2004): 71 f.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Die Missionierung durch die Jesuiten in Paraguay. Ein Utopia der Renaissance?
Hochschule
Universität Passau
Note
2,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
27
Katalognummer
V295377
ISBN (eBook)
9783656931881
ISBN (Buch)
9783656931898
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Utopia, Kolonien, Paraguay, Missionare, Jesuiten, Thomas Morus, Pica della Mirandola, Renaissance
Arbeit zitieren
Christina Drechsel (Autor), 2012, Die Missionierung durch die Jesuiten in Paraguay. Ein Utopia der Renaissance?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295377

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