Linkshänder in der Grundschule. Zum Umgang mit linkshändigen Schülern und Lehrern im Schulunterricht


Examensarbeit, 2010

56 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Aspekte der Linkshändigkeit
2.1 Begriffsannäherung Linkshändigkeit
2.2 Arten von Linkshändigkeit
2.3 Zur Umschulung von Linkshändern
2.3.1 Gründe für die Umschulung
2.3.2 Methodik der Umschulung
2.3.3 Folgen der Umschulung
2.3.4 Zur Rückschulung

3 Linkshändigkeit in der Gesellschaft
3.1 Historischer Einblick
3.2 Die Wörter links und rechts im Sprachgebrauch
3.3 Heutige Situation von Linkshändern

4 Linkshändigkeit in der Grundschule
4.1 Ergebnisse des Fragebogens für Lehrer zur Bedeutung der Linkshändigkeit von Schülern und Lehrern im Grundschulalltag
4.2 Linkshändige Schüler
4.2.1 Linkshändigkeit im Schreiblernprozess
4.2.2 Unterstützung linkshändiger Schüler im Unterricht
4.2.3 Einstellung der Lehrer und Vorurteile gegenüber linkshändigen Schülern
4.3 Linkshändige Lehrer
4.3.1 Wahrnehmung der Händigkeit von Schülern durch linkshändige Lehrer
4.3.2 Zum Umgang mit linkshändigen Schülern anhand zweier Fallbeispiele
4.3.3 Schwierigkeiten linkshändiger Lehrer im Unterricht

5 Zusammenfassung und Ausblick

Anlagen mit Anlagenverzeichnis

Anlagenverzeichnis

Anlagen

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Weitere Quellen

1 Einleitung

In der vorliegenden Arbeit wird das Thema der Linkshändigkeit in Bezug auf den Grundschulalltag behandelt.

Der Grund für diese Themenwahl liegt in meiner eigenen Linkshändigkeit. Ursprünglich bin ich Rechtshänder, musste mich jedoch vor nunmehr siebeneinhalb Jahren komplett auf die linke Hand umschulen, da eine plötzlich entstandene Thrombose in meinem Arm eine Funktionsstörung der rechten Hand verursachte. Die Händigkeitsumschulung führte bei mir zu Konzentrations- und Gedächtnisschwierigkeiten sowie Gleichgewichtsstörungen und Koordinationsproblemen. Außerdem habe ich durch die dauerhafte Überlastung der linken Hand ebenda eine chronische Sehnenscheidenentzündung.

Durch die Umstellung auf die linke Hand habe ich eine besondere Sicht auf Linkshändigkeit entwickelt. Ich habe die damit zusammenhängenden Schwierigkeiten anders kennengelernt, da ich diese als Rechtshänder wahrnehme, aber als Linkshänder erlebe. Seit der Umschulung habe ich mich immer wieder mit einschlägiger Literatur zu diesem Thema befasst und nehme, da ich durch meine eigenen Erfahrungen darauf sensibilisiert bin, die Händigkeit von Menschen in meiner Umgebung bewusst wahr. Da ich Grundschullehrer werden möchte, ist für mich das Problemfeld der Linkshändigkeit besonders in Bezug auf die Grundschule von großer Bedeutung. Während meiner Praktika beobachtete ich sehr genau das Verhalten von Lehrern und Schülern bezüglich ihrer Händigkeit, wobei mir häufig Details auffielen und ich oftmals Anzeichen einer Umschulung entdeckte.

Bereits in meinem ersten Schulpraktikum im Rahmen meines Studiums stellte ich Unterschiede zwischen rechts- und linkshändigen Lehrern im Umgang mit linkshändigen Schülern fest. Mein Mentor aus diesem und auch folgenden Praktika ist selbst Linkshänder und ich habe speziell in diesem Punkt viel von ihm gelernt. In dem Zusammenhang ist mir in meinem zweiten Blockpraktikum die Idee gekommen, meine Examensarbeit über die Bedeutung der Linkshändigkeit von Grundschullehrern zu schreiben. Daraufhin suchte ich nach entsprechender Literatur, konnte jedoch nichts finden. Zur Linkshändigkeit von Kindern und zu umgeschulten Linkshändern gab es einige Bücher, nicht jedoch zu linkshändigen Lehrern. Erzieher und Pädagogen waren nur insofern in der Literatur aufgeführt, als dass sie Hinweise zum richtigen Umgang mit linkshändigen Schülern bekamen. Daher schrieb ich eine E-Mail an die `Erste deutsche Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder´, in der Hoffnung dort mehr erfahren zu können. So bekam ich persönlichen Kontakt zu Frau Sattler, welche die Beratungsstelle leitet und Interesse an meinem Vorhaben zeigte. Von ihr erhielt ich die Auskunft, dass es bisher keinerlei Untersuchungen oder Veröffentlichungen zur Linkshändigkeit von Lehrern gebe und ich mich in meinen Ausführungen ausschließlich auf eigene Beobachtungen und Erfahrungen beziehen könne. Da dies als Grundlage für eine wissenschaftliche Arbeit nicht ausreicht, erweiterte ich mein Thema auf die Bedeutung der Linkshändigkeit von Schülern und Lehrern in der Grundschule.

Zunächst werden im zweiten Kapitel die allgemeinen Aspekte der Linkshändigkeit als theoretische Basis für die späteren Ausführungen dargelegt. Auch werden die Umschulung der Händigkeit und deren mögliche Folgen analysiert. Eltern und Lehrer verfügen oftmals nicht über ausreichendes Wissen, um einen angemessenen und hilfreichen Umgang mit linkshändigen Kindern gewährleisten zu können.

Im dritten Kapitel wird die Stellung der Linkshändigkeit in der Gesellschaft beleuchtet, wobei auch der historische Entwicklungsprozess berücksichtigt wird. Das gesellschaftliche Bild des Linkshänders hat sich bereits positiv entwickelt, doch die Benachteiligung ist noch nicht gänzlich abgeschafft.

Das vierte Kapitel befasst sich mit linkshändigen Schülern in der Grundschule, auftretenden Schwierigkeiten und Möglichkeiten zur Unterstützung. Methodische Kenntnisse zur Förderung von Linkshändern sind eine grundlegende Voraussetzung zu deren gesellschaftlicher Akzeptanz. Außerdem wird die Linkshändigkeit von Lehrern in Zusammenhang mit den Auswirkungen auf den Unterricht fokussiert.

Das abschließende fünfte Kapitel bildet eine Zusammenfassung der Arbeit mit einem Ausblick des Verfassers.

Zur Vereinfachung und besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit ausschließlich die männliche Form verwendet. Diese impliziert aber immer auch die weibliche Form.

Aus datenschutzrechtlichen Gründen gebe ich nicht die Namen der Lehrer, Schüler und Schulen an, sondern bezeichne diese neutral, zum Beispiel als Lehrer 1, Schüler 1 oder Schule A.

2 Aspekte der Linkshändigkeit

2.1 Begriffsannäherung Linkshändigkeit

Da die Händigkeit und deren Ursachen und Auswirkungen noch immer nicht umfassend erforscht sind, gibt es keine allgemeingültige Definition von Linkshändigkeit. Die Meinungen der Wissenschaftler gehen in diesen Punkten weit auseinander (vgl. Sattler 2000, S. 107f., S. 235ff.).

Setzt man sich mit dem Thema Linkshändigkeit auseinander, stößt man immer wieder auf den Namen Sattler. Frau Dr. Johanna Barbara Sattler, approbierte Psychotherapeutin und Psychologin, ist die Leiterin der Ersten deutschen Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder e.V. Sie verfasste zahlreiche informierende und beratende Bücher für linkshändige Kinder, deren Eltern, Erzieher und Lehrer sowie umgeschulte Linkshänder und hält regelmäßig Fortbildungen für Multiplikatoren. Im Folgenden wird auf ihre Ausführungen Bezug genommen (vgl. Sattler 2000, S. 370f.; vgl. Sattler 2008, S. 66f.).

In ihren Büchern `Der umgeschulte Linkshänder oder der Knoten im Gehirn´ und `Links und Rechts in der Wahrnehmung des Menschen´ beschreibt Sattler das Phänomen der Händigkeit als „Ausdruck einer motorischen Dominanz im menschlichen Gehirn“ (Sattler 2000, S. 129). Diese Dominanz zeigt sich in der Bevorzugung der einen Hand, mit der Bewegungsabläufe schneller und präziser durchgeführt werden können sowie der Begünstigung der Verarbeitungsart der zugehörigen, kontralateralen Hemisphäre (vgl. Sattler 2000, S. 108, 113, 129).

Ein Großteil der Nervenbahnen, welche Impulse zu den beiden Hirnhemisphären hin- bzw. von diesen wegleiten, kreuzt das Rückenmark. Das heißt, dass die rechte Gehirnhälfte hauptsächlich die linke Körperseite kontrolliert und die linke Gehirnhälfte die rechte Körperseite. Die beiden Hemisphären unterscheiden sich wesentlich in ihren Denk- bzw. Verarbeitungsarten. Die linke ist insbesondere auf das analytische und lineare, das logisch-sprachliche Denken ausgerichtet, die rechte hingegen ist auf das synthetische und beziehungsreiche, das ganzheitlich-parallele Denken spezialisiert (vgl. Sattler 2000, S. 113; vgl. Zuckrigl 1995, S. 12f.).

Folglich ließe sich schließen, dass ein Linkshänder eine Person ist, bei der die rechte Gehirnhemisphäre motorisch und sensorisch dominant ist, wodurch eine stärker ausgeprägte Geschicklichkeit der linken Hand hervorgerufen wird. Für die Mehrheit der Linkshänder ist das zutreffend, jedoch nicht für alle. Dies wird im folgenden Abschnitt deutlich, in welchem die unterschiedlichen Formen der Linkshändigkeit vorgestellt werden (vgl. Sattler 2000, S. 108).

2.2 Arten von Linkshändigkeit

Nach der Ursache der Händigkeit lassen sich die Linkshänder in mehrere Arten unterteilen. Die größte Gruppe bilden hierbei die genotypischen Linkshänder; dies sind Personen, bei denen die Linkshändigkeit auf Vererbung zurückzuführen ist. Die Wissenschaftler sind sich einig, dass die Linkshändigkeit weder eine Krankheit noch eine schlechte Angewohnheit, sondern eine genetische Veranlagung ist. Wie genau diese jedoch vererbt wird, ist noch nicht endgültig erforscht. Zu der Gruppe der genotypischen Linkshändigkeit gehören Linkshänder, welche nicht umgeschult wurden und demzufolge mit der linken Hand schreiben sowie die meisten Handgriffe mit links verrichten. Des Weiteren zählen Linkshänder in diese Gruppe, welche durch gezielte Umschulung oder erzieherische Einflüsse zahlreiche feinmotorische Tätigkeiten wie schreiben, malen und essen mit rechts durchführen bzw. mit der rechten Hand schreiben, sonst jedoch vornehmlich die linke Hand einsetzen. Ferner existieren noch weitere Arten von Linkshändigkeit, welche Zuckrigl unter dem Begriff der „erworbenen Händigkeit“ zusammenfasst (Zuckrigl 1995, S. 13). Diese wird in drei Gruppen gegliedert: die Zwangslinkshändigkeit, die pathologische Linkshändigkeit und die Pseudolinkshändigkeit. Von Zwangslinkshändigkeit wird gesprochen, wenn jemand seine rechte Hand bei einem Unfall verloren hat oder diese auf Grund einer Erkrankung gelähmt ist. Pathologische Linkshändigkeit wird durch eine krankhafte Störung der linken Gehirnhemisphäre verursacht. Pseudolinkshändigkeit ist ein seltenes Phänomen und umfasst die Gruppe der aus krankheitsbedingten Gründen umgeschulten Rechtshänder. Jegliche Art der Umschulung zieht meist Primär- und Sekundärfolgen nach sich (vgl. Sattler 2000, S 126ff.; vgl. Meyer, S. 24f.; vgl. Zuckrigl 1995, S. 13f.; vgl. Sovák, S. 68ff.).

2.3 Zur Umschulung von Linkshändern

Der Anteil der Linkshänder in der Bevölkerung ist laut zahlreichen Untersuchungen in den letzten Jahrzehnten stark angestiegen. Ältere Statistiken vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in das erste Drittel des 20. Jahrhunderts sprechen von sehr geringen Prozentsätzen – meist zwischen 1% und 10%, wenige Angaben reichen bis 20% oder 30% – während Forscher zur heutigen Zeit von höheren Anteilen von bis zu 50% ausgehen. Die exakten Zahlen sind durch die große Dunkelziffer der umgeschulten Linkshänder nur schwer ermittelbar. Das erklärt gleichzeitig den sprunghaften Anstieg des Auftretens von Linkshändigkeit, denn nicht der tatsächliche Anteil der Linkshänder in der Bevölkerung hat sich geändert, sondern dessen Wahrnehmung und der Umgang mit dieser Situation. So vermutet Rett, „dass die Zahl der permanenten Linkshänder in einer Gesellschaft ein Maßstab für den Grad ihrer Toleranz sein könnte“ und Rückschlüsse auf die Umschulungspraxis zulässt (Rett, S. 41). Die Umschulung reicht „vom unaufgeforderten Nachahmen des erwachsenen Rechtshänders durch das Kind bis zum mit Brachialgewalt erzwungenen Schreiben mit der rechten Hand. Je größer der Zwang, umso stärker sind die aus diesem Prozess resultierenden Folgen“ (Rett, S. 176). In jedem Falle ist die Umschulung der Händigkeit ein massiver Eingriff in die Psyche und Persönlichkeit eines Menschen und ist, wenn möglich, zu vermeiden (vgl. Sattler 2000, S. 107f., S. 242f.; vgl. Sattler 1985; vgl. Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung München, S. 72; vgl. Rett, S. 176f. vgl. Zuckrigl 1995, S. 16; vgl. Sovák, S. 70ff.; vgl. Naegele, S. 57).

2.3.1 Gründe für die Umschulung

Früher war es für einen Erwachsenen im Beruf und zu Hause bei der Verwendung von Gebrauchsgegenständen oft unerlässlich, rechtshändig hantieren zu können, da die meisten Geräte und Werkzeuge nur mit der rechten Hand zu bedienen waren. Die Industrialisierung verstärkte mit der Einführung der Maschinen diesen Zustand enorm. Heute hat sich die Situation erheblich gebessert, da inzwischen zahlreiche Alltagsgegenstände speziell für den linkshändigen Gebrauch hergestellt werden. Gleichwohl gibt es auch heute noch Linkshänder, die umgeschult werden (vgl. Rett, S. 28; vgl. Sattler 1996, S. 85ff.).

Wie in den Ausführungen zu den unterschiedlichen Arten von Linkshändigkeit bereits angesprochen wurde, kann die Umschulung der Händigkeit aus medizinischen Gründen erfolgen. Dies ist jedoch eher die Ausnahme. Weitaus häufiger geschieht die Umschulung aus gesellschaftlichen Zwängen und Vorurteilen heraus. In vielen Fällen sind es die Eltern, die – mehr oder weniger bewusst – ihr linkshändiges Kind umschulen. Dahinter steht meist die Sorge, dass es Linkshänder in unserer rechtshändig orientierten Gesellschaft schwer haben, oft benachteiligt werden, nicht ordentlich schreiben können und feinmotorisch ungeschickt sind. Die Umschulung ist ein Versuch, diese Schwierigkeiten zu umgehen und dem Kind damit zu helfen (vgl. Sattler 2008, S. 25f.; vgl. Noack; vgl. Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung München, S. 9f.).

Von großer Bedeutung ist auch das Erlernen von Kulturverhalten bzw. -techniken, wie zum Beispiel Hand geben, essen, malen und schreiben, das im sozialen Umfeld oft traditionell mit der rechten Hand und nach wie vor unter Verwendung diverser Umschulungsmaßnahmen stattfindet und darüber hinaus bei linkshändigen Kindern häufig ein Modellverhalten hervorruft. Auch dieses Nachahmen kann, wenn es von der Umgebung des Kindes ignoriert oder gar gefördert wird, zu einer Umschulung der Händigkeit führen (vgl. Sattler 2008, S. 25f., S.34).

So unterscheidet Stier zwischen drei Arten von Einflüssen, „welche der Entwicklung einer extremen Linkshändigkeit trotz entsprechender Anlage entgegenwirken“: der Fremderziehung, der Selbsterziehung und der „Tücke des Objektes“ (Stier, S. 11, S. 12). Das einflussreichste und temporär erste Moment ist hierbei die Fremderziehung, welche vornehmlich seitens der Eltern, Geschwister und Lehrer auf den Linkshänder einwirkt. Sie beginnt bereits in den Anfängen der psychomotorischen Entwicklung eines Kindes und orientiert sich an den gesellschaftlichen Normen. Das zweite Moment ist die Selbsterziehung, die durch den Prozess der Sozialisation hervorgerufen wird. Der Linkshänder ist bemüht, sich seiner rechtshändig orientierten Umgebung anzupassen und übt sich im Durchführen von Tätigkeiten mit der rechten Hand. Das dritte Moment, die sogenannte „Tücke des Objektes“, meint die Notwendigkeit der rechtshändigen Nutzung eines Instrumentes als Folge der Struktur desselben (Stier, S. 11). Diese zeigt sich unter anderem beim Spielen von Musikinstrumenten sowie bei der Handhabung diverser Haushaltsgeräte und Alltagsgegenstände wie zum Beispiel Korkenzieher und Schrauben. Das dritte Moment ist von besonderem Stellenwert, da es nicht von den individuellen Lebensumständen des Einzelnen abhängt, sondern allgemeingültig ist. Das zweite Moment hingegen ist abhängig von der Persönlichkeit des Linkshänders sowie dessen sozialem Umgang. Das erste Moment ist am meisten variabel und wirkt gleichzeitig am kontinuierlichsten und intensivsten auf den Betroffenen ein. In Anbetracht dieses starken Einflusses soll es nun im Folgenden näher betrachtet werden (vgl. Stier, S. 11ff.).

2.3.2 Methodik der Umschulung

Bis vor wenigen Jahren war es üblich, alle Kinder dazu zu bringen bestimmte Tätigkeiten, vor allem das Schreiben, mit ihrer rechten Hand auszuführen, da dies als normal galt. In der Erziehung durch die Eltern und Lehrer wurde streng darauf geachtet, die `gute´ rechte Hand zu verwenden. Früher wurden „massive bis brutale Umschulungsmaßnahmen“ zur Erlernung der Rechtshändigkeit eingesetzt (Sattler 2008, S. 26). Diese reichten von Schimpfen, Überredung und moralischem Druck über vielfältige Strafen, Liebesentzug, Festbinden oder Einwickeln der `falschen´ linken Hand bis hin zum Eingipsen derselben und dem Einsatz von Schlägen (vgl. Sattler 1986; vgl. Sattler 2004, S. 52; vgl. Sattler 2008, S. 26).

Solche gewaltsamen Methoden zur Umschulung werden heute nicht mehr angewendet und dennoch kommt es immer noch und immer wieder zu diesem „massivsten unblutigen Eingriff“ in das menschliche Gehirn (Sattler 1986). Linkshänderinnen und Linkshänder werden – vielleicht auch liebevoll – dazu gezwungen, mit rechts zu schreiben und zu hantieren. Kinder werden aufgefordert, das „schöne Händchen“ zu geben und „wie alle anderen auch“ das Messer oder den Stift in die rechte Hand zu nehmen, den Ball mit rechts zu werfen (Sattler 2008, S. 26, S. 34). Oftmals kommen auch Belohnungssysteme zum Einsatz, mit denen die Kinder zum Gebrauch der rechten Hand motiviert werden sollen. So können linkshändige Kinder schon vor Beginn ihrer Schulzeit in ihrer Händigkeit beeinflusst werden. Mit dem Schuleintritt beginnt dann eine kritische Phase, in der die Kinder bezüglich der Umschulung ihrer Händigkeit zum Teil stark gefährdet sind, da sie unter großem Einfluss der Gruppe und der Lehrer stehen. Nachahmungsverhalten des Kindes sowie unzureichendes Wissen der Pädagoginnen und Pädagogen zum Thema Linkshändigkeit und daraus resultierendes Fehlverhalten können zu einer Umschulung der Händigkeit führen. Laut dem aktuellen Sächsischen Lehrplan für Grundschulen ist keine Umschulung der Händigkeit vorgesehen, sondern linkshändige Schüler sollen im Besonderen berücksichtigt werden und spezifische Hilfestellungen bekommen (vgl. Sattler 2008, S. 25ff., S. 34; vgl. Noack; vgl. Zuckrigl 1995, S. 47; vgl. Sächsisches Staatsministerium für Kultus, S. 3, S. 8).

2.3.3 Folgen der Umschulung

Unabhängig davon, ob sie sanft oder gewaltsam durchgeführt wird, zieht die Umschulung der Händigkeit Folgen nach sich. Deutlicher als in der deutschen Bezeichnung der `Umschulung´ wird das in dem US-amerikanischen Begriff des `brain breaking´ (vgl. Sattler 1985).

Wie in Punkt 2.1 bereits beschrieben wurde, resultiert die Händigkeit eines Menschen aus der bestehenden Dominanz der jeweils kontralateralen Gehirnhemisphäre. Da eine Umschulung „der angeborenen Händigkeit nicht zu einer Umstellung der Dominanz im menschlichen Gehirn führt, kommt es zu einer Überbelastung der nicht dominanten Gehirnhälfte und zu Übertragungs-schwierigkeiten“ im sogenannten Balken, dem Nervenstrang, der die beiden Hemisphären miteinander verbindet (Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung München, S. 70). Somit findet ein störender und behindernder Eingriff in die Prozessabläufe im Gehirn statt, welcher zur Folge hat, dass die Aktivierung der Hirnströme für die Betroffenen mit weitaus größeren Anstrengungen verbunden ist, als für nicht umgeschulte Personen. Die Intelligenz an sich wird dabei nicht vermindert, „jedoch in ihrer Manifestation gestört“, was unter anderem Verzögerungen und Schwierigkeiten beim Ordnen und Formulieren von Gedanken sowie beim Behalten und Abrufen von Informationen bedeutet (Sattler 1999). Intensität und Umfang der Folgen einer Umschulung sind direkt proportional zu der Ausprägung der ursprünglichen Seitigkeit des Einzelnen. Das heißt je stärker die Seitendominanz im Gehirn ist, desto gravierender sind die Umschulungsfolgen (vgl. Sattler 1999; vgl. Sattler 1985; vgl. Sattler 2000, S. 243.; vgl. Zuckrigl 1995, S. 48f.; Sattler 2008, S. 33; vgl. Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungs-forschung München, S. 70ff.).

2.3.3.1 Primärfolgen

Primärfolgen, welche auf Grund einer Händigkeitsumschulung entstehen können, sind unter anderem Gedächtnisprobleme, insbesondere beim Wiedergeben von Lerninhalten. Hierbei sind Kurz- und Langzeitgedächtnis gleichermaßen betroffen. Auch Konzentrationsschwierigkeiten treten häufig auf. Die Zeitspanne der Konzentrationsfähigkeit ist meist stark verkürzt und die Kapazität der Aufnahmefähigkeit für Informationen eingeschränkt. Fernerhin kann es zu Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten sowie zu feinmotorischen Störungen kommen, welche sich zum Beispiel im Schriftbild zeigen. Sprachprobleme wie Stammeln und Stottern sind weitere typische Phänomene nach einer Umschulung. Überdies ist bei umgeschulten Linkshändern oft eine Raum-Lage-Labilität in Form des Verwechselns von rechts und links zu beobachten (vgl. Sattler 1985; vgl. Sattler 2000, S. 70.)

2.3.3.2 Sekundärfolgen

Aus diesen Primärfolgen heraus können sich diverse Verhaltensstörungen und Defekte im Persönlichkeitsbild als Sekundärfolgen entwickeln. Minderwertigkeitskomplexe, Nervosität, Schüchternheit und Zurückgezogenheit sind einige der möglichen Symptome. In diesem Zusammenhang wird oftmals eine gewisse Unsicherheit im Umgang mit Mitmenschen sowie in Prüfungssituationen erkennbar. Dies geht einher mit Widerspruchsgeist, Trotzhaltungen und Provokationsverhalten, was sich im Unterricht zum Beispiel durch schwankende Schulleistungen und „Klassenkasperlespielen“ zeigt (Sattler 2000, S. 70). Des Weiteren kann es zu psychosomatischen und neurotischen Störungen kommen. Dazu zählen zum Beispiel Nägelkauen, Bettnässen, Schlafstörungen und Tics (vgl. Sattler 2000, S. 70, vgl. Schenk, S. 290).

Die eben genannten Folgen können bei jeder Art der Umschulung auftreten, ob gesundheitlich oder gesellschaftlich bedingt, ob ursprüngliche Links- und Rechtshändigkeit, ob Kind oder Erwachsener. Die Ausmaße und die Verarbeitung der Folgen sind jedoch unterschiedlich. Wenn beispielsweise ein linkshändiges Kind aus gesellschaftlichen Zwängen heraus zum Rechtshänder umgeschult wird, obwohl seine linke Hand voll funktionsfähig ist, sind die Folgen der Umschulung viel stärker als bei einem Zwangslinkshänder (vgl. Sattler 1985).

Zu bemerken ist noch, dass all diese Probleme und Störungen natürlich auch unabhängig von einer Händigkeitsumschulung entstehen können (vgl. Zuckrigl 1995, S. 50).

2.3.4 Zur Rückschulung

Den vorangestellten Schilderungen ist zu entnehmen, dass eine Umschulung der ursprünglichen Händigkeit gefährlich ist, da diese vielfältige negative Folgen nach sich ziehen kann. Wenn keine zwingenden körperlichen oder gesundheitlichen Gründe vorliegen, ist eine Händigkeitsumschulung von Linkshändern unbedingt zu vermeiden. Doch was ist mit denjenigen linkshändigen Personen, die bereits auf die rechte Hand umgeschult wurden? Sollte hier eine Rückschulung stattfinden oder nicht? Zunächst ist festzustellen, dass es bisher kaum wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse über die inneren Vorgänge und deren Wirkung im Rahmen einer Rückschulung gibt. Bisher durchgeführte Rückschulungsversuche zeigen sehr unterschiedliche Ergebnisse, was deutlich zeigt, dass ein solches Verfahren Chancen, gleichzeitig aber auch Gefahren in sich birgt. Es besteht die Möglichkeit, dass manche auftretende Störungen behoben oder eingeschränkt werden können. Teilweise haben sich das Verhalten und die Gewohnheiten jedoch schon so verfestigt, dass ein Wechsel zu der eigentlich dominanten, aber jetzt ungeübten Hand zu erneuten und eventuell größeren Schwierigkeiten führt und den Betroffenen nur noch unsicherer werden lässt. Fest steht, dass die Rückschulung mit zunehmendem Alter immer schwieriger wird. Im Kindergartenalter und in den ersten Schuljahren besteht laut Fachpädagogen noch die Möglichkeit einer Rückschulung, welche langsam und unter therapeutischer Begleitung durchgeführt werden sollte. Des Weiteren ist es von großer Wichtigkeit, dass das Kind hierbei Unterstützung und Verständnis von seinem gesamten Umfeld erfährt, da die sonst entstehenden Konflikte sowie die auftretende Frustration genauso schädlich sein können, wie die zuvor bestehenden Umschulungsfolgen. Auch das Kind selbst sollte die Rückschulung wollen, andernfalls führt diese zu keinem positiven Ergebnis und ist nur mit großen Anstrengungen verbunden. Etwa ab der vierten Klasse ist eine Rückschulung nicht mehr aussichtsreich. Hier ist eine therapeutische Behandlung sinnvoller, um die Folgen der Umschulung psychisch zu verarbeiten und Persönlichkeitsstörungen zu vermeiden. Wichtig ist auch, dem Betroffenen Verständnis und Hilfe entgegenzubringen und so gesellschaftliche Ausgrenzung und soziale Schwierigkeiten zu verhindern (vgl. Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung München, S. 79ff.; vgl. Sattler 1996, S. 85; vgl. Sattler 2008, S. 35f.; vgl. Zuckrigl 1995, S. 55ff.; vgl. Sovák, S. 304f.).

3 Linkshändigkeit in der Gesellschaft

Eine Gesellschaft formt sich aus der ihr eigenen Kultur und Erziehung. In Familie und Schule, den beiden zentralen bildenden und erziehenden Institutionen einer Gesellschaft, werden die Mitglieder derselben durch natürliche und gezielte Lernprozesse geprägt. Soziale Wertungen und Vorurteile können durch die Gesellschaft über Generationen hinweg weitergegeben werden, so auch bezüglich der Händigkeit. Die traditionell negative Bewertung von links sowie die traditionell positive Bewertung von rechts lassen sich in nahezu allen Kulturkreisen und Zeitaltern nachweisen. Bis heute ist die gesellschaftliche Bevorzugung von rechts, von der rechten Seite, erhalten geblieben und wirkt sich gegenüber den Linkshändern aus. Dies zeigt sich unter anderem bei der Handhabung von Maschinen und Alltagsgegenständen sowie im Sprachgebrauch (vgl. Kemnitz, S. 27; vgl. Preuss-Lausitz, S. 125; vgl. Swelam, S. 4; vgl. Sattler 1998, S. 117ff., S. 124f.; vgl. Sattler 2000, S. 41ff., S. 54ff.; vgl. Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung München, S. 95).

3.1 Historischer Einblick

Aufgrund zahlreicher Untersuchungen kamen Altertumsforscher zu der Annahme, dass es bei den Urmenschen weitaus mehr Linkshänder gegeben habe, als in der heutigen Zeit. Doch mit der Erfindung von Werkzeugen und Waffen sowie deren Weiterentwicklung und Präzisierung entstand im Laufe der Zeit eine immer stärker rechtshändig orientierte Gesellschaft. Seit der Bronzezeit, etwa ab dem Jahr 2200 v. Chr., „kann das Überwiegen der Rechtshändigkeit nachgewiesen werden“ (Zuckrigl 1991, S.11). In der Bibel ist im Alten und im Neuen Testament an vielen Stellen die Rede von der rechten und linken Seite, wobei die rechte meist etwas besser oder mehr Wert ist, die linke dabei jedoch nicht abwertend behandelt wird. Im Alten Testament wird bei den Israeliten als handelnde, ausführende Hand oft die rechte genannt, was die überwiegende Anzahl von Rechtshändern deutlich macht. Andererseits werden herausragende Fähigkeiten von einzelnen Linkshändern im Führen von Waffen betont, die Linkshändigkeit als eine besondere, aber nicht zwingend abwertende Eigenschaft behandelt. Nur an einer Stelle, dem Gleichnis zum Jüngsten Gericht, wird in der Bibel die rechte Seite als positiv (gesegnet) und gleichzeitig die linke als negativ (verflucht) dargestellt. Erst die Einflüsse der griechischen und römischen Kultur führten zu einer moralischen Bewertung der rechten, als die glückliche und der linken, als die unglückliche Seite in der christlichen Liturgie und Kunst. Bezeichnend ist die Ansicht der Pythagoreer, der Anhänger des griechischen Philosophen Pythagoras, dass das Gute und das Licht dem Rechts entsprechen; das Böse und das Finstere hingegen dem Links. Bei den Griechen galt die linke als die Unglück verkündende, Unheil bringende Seite. Die Dominanz der rechten Hand wurde als normal und naturgegeben angesehen. Bei den Römern wurde anfangs die linke als die Glück bringende Seite angesehen, was sich jedoch durch den griechischen Einfluss bis zur Kaiserzeit umkehrte. So setzte der christliche Kirchenvater Augustinus aus dem römischen Reich rechts mit der guten Seite gleich, links mit der bösen. Im Mittelalter wurde die Linkshändigkeit den Hexen zugeschrieben und als Zeichen von Ketzerei gedeutet. Die rechte Seite galt damals als „die ehrenvollere, vorzüglichere und bessere“ (Sattler 2000, S. 42). Die Auffassung, dass rechts und damit auch die Rechtshändigkeit, generell als normal und positiv anzusehen ist, blieb ebenso wie die unterbewusste Abwertung von links und Linkshändigkeit, bis in die heutige Gesellschaft erhalten (vgl. Zuckrigl 1991, S. 11f.; vgl. Sächsische Hauptbibelgesellschaft, AT S. 105, AT S. 260, AT S. 331, AT S. 562, NT S. 32, NT S. 51, NT S. 59; vgl. Sattler 1998, S. 117f., S. 125; vgl. Arnold, S. 476; vgl. Sattler 2000 Vortrag; vgl. Sattler 2000, S. 42ff.).

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Details

Titel
Linkshänder in der Grundschule. Zum Umgang mit linkshändigen Schülern und Lehrern im Schulunterricht
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Fakultät Erziehungswissenschaften, Institut für Schulpädagogik und Grundschulpädagogik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
56
Katalognummer
V295410
ISBN (eBook)
9783656944331
ISBN (Buch)
9783656944348
Dateigröße
1842 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Wissenschaftliche Arbeit im Ersten Staatsexamen, Lehramt an Grundschulen
Schlagworte
Linkshändigkeit, Linkshänder, Grundschule, Kinder, Umschulung, Rückschulung, Folgen
Arbeit zitieren
Angela Seidel (Autor), 2010, Linkshänder in der Grundschule. Zum Umgang mit linkshändigen Schülern und Lehrern im Schulunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295410

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