Die (R)evolution bei Georg Forster


Seminararbeit, 2013

30 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Frühe Jahre

3 Jugend und Weltreise

4 Freiheit und Selbstständigkeit

5 Georg Forster als Anthropologe

6 Georg Forster in Mainz

7 Der Politiker Georg Forster

8 Georg Forster in Frankreich

9 Rezeption Georg Forsters

10 Resümee

11 Quellenverzeichnis
11.1 Primärliteratur
11.2 Sekundärliteratur

Anhang

12 Modulportfolio

Literaturverzeichnis:

1 Einleitung

Mit der französischen Revolution 1789 assoziiert man heute gesellschaftliche und politische Umbrüche, die aus der Bevölkerung hervorgingen. Nun hatte diese Revolution auch internationalen Einfluss, u. a. auf Deutschland. In der vorliegenden Arbeit soll das Leben einer der zentralsten Figuren in der deutschen Revolution des ausgehenden 18. Jahrhunderts vorgestellt werden. Georg Forster ist im 21. Jahrhundert wahrscheinlich nur mehr Spezialisten der Philologien, Naturwissenschaften und der Philosophie bekannt. Die breite Masse dürfte kein Verständnis davon haben, wer Georg Forster war und was die Person in gesellschaftlicher Hinsicht ausmachte. Unverkennbar gehört Georg Forster nicht nur zu den führenden Persönlichkeiten der Mainzer Republik, sondern auch zu den ambivalentesten der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In seinem kurzen Leben vermochte es Georg Forster zu gelingen Naturwissenschaft, Philosophie und Anthropologie in konkreter Politik zu realisieren. Die Chronologie dieser Evolution und Revolution in der Person des Georg Forster soll in der vorliegenden PS-Arbeit vorgestellt werden.

Die Struktur der Arbeit orientiert sich an der Biografie Georg Forsters, die Eckpunkte seines Lebens sollen chronologisch vorgestellt werden. Diese sind: Die Vernetzungen in Georg Forsters Leben, d. h. die Beziehungen zu seinem Vater, seiner Ehefrau, Philosophen wie Immanuel Kant und Wissenschaftlern wie Samuel Thomas von Soemmering. Forsters wichtigste Publikationen werden dargestellt, um aus ihnen seine Standpunkte unterschiedliche Problemfelder, Fragestellungen und Wissenschaften betreffend, herauszuarbeiten, um schlussendlich zu zeigen wie sie in seiner politischen Arbeit realisiert wurden.

In einem zweiten Teil wird das Modulportfolio enthalten sein, das die Zusammenhänge und Unterschiede zwischen den Lehrveranstaltungen PS Literatur im „Zeitalter der Revolution“ und VO Romane des 18. Jahrhunderts in essayistischer Form darstellt.

Die Zitation folgt: Ernst, Peter / Klingenböck, Ursula / Zimmermann, Günter / Millner, Alexandra: Das Zitat in der germanistischen Arbeit. Quelle: http://germanistik.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/inst_germanistik/Textarchiv/Methoden_I/Philologische_Konvent_NEU.pdf (letzter Zugriff: 18.11.2012).

Es werden hauptsächlich die Gesammelten Werke Forsters verwendet. Nach dem ersten wörtlichen Zitat wird die jeweilige Sigle verwendet. AA bedeutet Akademie Ausgabe.

2 Frühe Jahre

Johann Georg Adam Forster wird am 27. November 1754 in Nassenhuben bei Danzig geboren. Der älteste Sohn wird von seinem Vater, einem Theologen, der sich zur Naturwissenschaft berufen fühlt, zu Hause bzw. durch Feldforschung unterrichtet. 12-jährig reist Georg Forster mit seinem Vater Reinhold an das rechte Wolgaufer im zaristischen Russland, um die deutschen Kolonien auf ihre Urbarmachung und den Nutzen der Kolonisation zu untersuchen. Georg lernt nicht nur russisch, sondern entwickelt auch sein Verständnis wissenschaftlichen Arbeitens. „Eine einseitige Gelehrsamkeit, wie er sie später im akademischen Betrieb kennen lernen wird, blieb ihm immer wirklichkeitsfremd“1, denn „alles ist unzertrennlich von allem; der blaue Bogen über mir, die helleuchtende Sonne und Berg und Flur, Fels und Wald, Pflanzen und Tiere, der Mensch und seine Kunst, alles ist Teil eines großen, nicht zu umfassenden Ganzen!“2 schreibt er 1790 in seiner Reisebeschreibung „Ansichten vom Niederrhein“.

Die Untersuchungen der Forsters werden von Zarin Katharina II. nicht entlohnt. Georg fühlt sich seinem Vater näher, doch dieser wird seinem ältesten Sohn zeitlebens ein schlechtes Gewissen vermitteln. Tatsächlich ist Georg als Jugendlicher kurzzeitig der Alleinernährer seiner mehrköpfigen Familie. Bereits nach der Russlandreise 1765 beginnt Georg Reisebeschreibungen und ähnliches zu übersetzen. Diese werden von seinem Vater, dessen linguistische Fähigkeiten denen seines Sohnes weit nachstehen, unter dessen Namen publiziert. Aus Russland kehren Vater und Sohn nicht nach Danzig zurück, sondern reisen weiter nach England, in jenes Land mit dem florierendsten wissenschaftlichen Progress.

3 Jugend und Weltreise

Anstatt seinem Sohn für die Unterstützung dankbar zu sein, lehrt Reinhold seinen Sohn nicht nur „sich immer unter Kontrolle zu halten und seine geistigen und körperlichen Kräfte optimal auszunutzen“3, sondern auch eiserne Disziplin, Emotionslosigkeit und strikt empirisches, wissenschaftliches Arbeiten. Auf Grund dessen hat Georg nicht die Möglichkeit seine Kindheit und Jugend altersgemäß zu erleben.

1771 erhält Reinhold Forster den Auftrag als wissenschaftlicher Begleiter an der zweiten Weltumsegelung des berühmten britischen Kapitän James Cook teilzunehmen. Seinen 18-jährigen Sohn Georg nimmt er als Assistent und Zeichner mit. Drei Jahre dauert die Reise und sie ist in vielerlei Hinsicht bezeichnend und wegbereitend für Georg Forster. Während sich Reinhold durch Arroganz und Ignoranz hervorhebt, ist sein Sohn von Cooks Charakter und Arbeitsweise gleichermaßen beeindruckt wie von den ihm unbekannten Gebieten, die er nun bereist. Außerdem wird Georg im Zuge dieser Reise seinen philosophischen Zugang zur Wissenschaft formulieren und denselben praktizieren. Anstatt die Natur, die Tiere und die Menschen nur zu zeichnen, will der junge Mann sie auch beschreiben und zwar ohne Rücksicht auf seine europäische Prägung. Dieser hohe Anspruch an sich selbst mündet in Kritik an den Eingeborenen etwa der ozeanischen Inseln und ihrer Lebensweise sowie an der europäischen Bevölkerung und den Besatzungsmitgliedern der „Resolution“ und „Adventure“ im Speziellen. In Neuseeland treffen die Reisenden auf einen eingeborenen Stamm, deren Frauen durch mangelnde Körperpflege auf sich aufmerksam machen. Nichts desto trotz geben sie sich nur widerwillig den Männern der beiden europäischen Schiffe hin. Als Georg diese Szene beobachtet fragt er sich, „ob unsere Leute, die zu einem gesitteten Volk gehören wollten und doch so viehisch seyn konnten, oder jene Barbaren, die ihre eigenen Weibsleuthe zu solcher Schande zwungen, den größten Abscheu verdienen.“4 Diese Frage beantwortet Forster in seinem ersten Monumentalwerk „Reise um die Welt“:

Warlich! wenn die Wissenschaft und Gelehrsamkeit einzelner Menschen auf Kosten der Glückseligkeit ganzer Nationen erkauft werden muß; so wär´ es, für die Entdecker und die Entdeckten besser, daß die Südsee den unruhigen Europäern ewig unbekannt geblieben wäre.5

Forster kritisiert hier die Kolonisation der unberührten Kontinente wie Afrika und Amerika durch die Europäer, die Behandlung der Eingeborenen durch die Entdecker und den Nutzen von Wissenschaft und Fortschritt selbst. Dies wird er viele Jahre später weiter ausformulieren.

1775 kehren Reinhold und Georg Forster nach England zurück. Reinholds aufbrausende Arroganz mündet in einem Zerwürfnis mit der britischen Admiralität und dem Verlust der Lizenz, die offizielle Reisebeschreibung zur publizieren. Um die Ehre seines Vaters zu wahren, schreibt Georg in kürzester Zeit selbst einen Bericht. „A voyage round the world“ geht 1777 vor dem offiziellen Bericht in den Druck, „der in der Beobachtungsdifferenziertheit und in der systematischen Gründlichkeit alles Bisherige übertrifft.“6 Die Resonanz ist durchwegs positiv, Georg wird Mitglied der „Royal Society“ und erhält Aufträge aus Berlin, der finanzielle Erfolg ist jedoch mehr als verhalten.

4 Freiheit und Selbstständigkeit

In Berlin erhält Forster Besuch aus Weimar – 1779 besucht ihn Johann Wolfgang von Goethe – und er tritt mehreren freimaurerischen Logen bei, u. a. in Kassel jener „Zum gekrönten Löwen“. In diesen Orden findet Forster Gleichgesinnte, „die wie er vom Wunsch beseelt sind, die aufklärerischen Ideale nicht nur durch Schriften zu fordern, sondern im kleinen Kreis auch zu verwirklichen.“7 Auch den Rosenkreuzern treten Forster und sein enger Freund Samuel Thomas von Soemmering bei. Die beiden verbringen unzählige Nächte damit, im Geheimen nach einem Lebenselixier zu suchen, „das ihnen alle Kräfte der Natur dienstbar macht.“8 Zu dieser Zeit durchlebt Forster erstmals eine schwärmerische Phase, er beschäftigt sich auch mit Metaphysik, Gott als Instanz der Schöpfung erhält erstmals Bedeutung für ihn. Forster und Soemmering suchen nach dem „Schlüssel zum Verständnis der Wirklichkeit“9. Dieser metaphysische Zugang spiegelt sich auch in seinem 1781 erschienenen Aufsatz „Ein Blick in das Ganze der Natur“ wider. In diesem Text diskutiert Forster seine Vorstellungen von wissenschaftlichem Arbeiten, den Anforderungen an einen Wissenschaftler und Philosophen, sowie die Fragen Was ist Natur? und daraus resultierend Was ist Gott? Forster kritisiert die zeitgenössische Etablierung von Teilwissenschaften sowie die Generalisierungen durch sogenannte Stubengelehrte. „Die Folgen dieser Sünden blieben nicht aus: sie hemmte die Aufklärung und den Wachsthum des nützlichen Wissens; sie erschwerte die Anwendung neuer Erfindungen zum Besten des Staats, und streute eine reiche Saat von Vorurtheilen aus.“10 Hier finden sich bereits erste Verweise auf die Staatsführung, was Forster in späteren Jahren noch konkretisieren wird.

Die Fragen Was ist Natur? und Was ist Gott? beantwortet Forster, indem er sie verbindet. Für den ursprünglich empirisch denkenden Forster ist Gott nicht mehr außer Acht zu lassen. „Die Natur, es sey als Wirkung oder wirkende Kraft, bleibt allezeit die erste unmittelbare Offenbarung Gottes an einem jeden unter uns.“ (AA VIII, S. 81) Forster formt diesen Gedanken weiter aus. „Erschaffen und Vernichten sind Eigenschaften der Allmacht.“ (AA VIII, S. 82) Die Allmacht ist Gott, der die Welt und ihre Lebewesen so geschaffen hat, dass eine ausgewogene Balance herrscht. Schlussendlich stellt Forster die wahrscheinlich wichtigste Frage: Warum existieren wir?

Was ist der Sinn des Lebens, wenn „die [Lebewesen, Pflanzen u. ä.] sich doch unaufhörlich zerstören und wieder erneuern?“ (AA VIII, S. 91) Forster wird im Zuge seines Lebens mehrere Antworten darauf formulieren. In diesem Aufsatz sind „Schönheit und Vollkommenheit des Ganzen dabey der allgemeine Endzweck der Natur.“ (AA VIII, S. 87) Forster spricht hier von der Vollkommenheit, die in seinem 1793 geschriebenen und 1794 erstmals in den „Friedenspräliminarien“ publizierten Aufsatz „Über die Beziehung der Staatskunst auf das Glück der Menschheit“ bereits Vervollkommnungsfähigkeit heißen wird. In diesem Aufsatz definiert Forster seine politischen Ansprüche: „Es kommt darauf an, wie dieser Zweck erreicht, wie die Vervollkommnungsfähigkeit, (…) in einem ewigen Schlaf gehalten werden soll.“11 Die Kontrollinstanz über die Vervollkommnungsfähigkeit der Menschen ist die Regierung, die herrschende Elite. Für Forster wird die Vervollkommnungsfähigkeit einer der zentralen Aspekte einer neuen Regierungsform sein. In „Ein Blick in das Ganze der Natur“ verweist Forster auch auf eine weitere Thematik, die er später wieder aufgreifen wird. Die Position des Menschen und seiner Variationen. 1781 definiert Forster den Menschen als zwischen Natur und Gott stehend:

Zur Anbetung des Schöpfers gemacht, gebietet er über alle Geschöpfe; als Vasall des Himmels, und König der Erde, veredelt, bevölkert und bereichert er sie; er zwingt die lebenden Geschöpfe zur Ordnung, Unterwürfigkeit und Eintracht; er selbst verschönert die Natur, er bauet, erweitert und verfeinert sie.(AA VIII, S. 94)

Die metaphysische Phase Forsters als Mitglied diverser Logen ist jedoch bald wieder beendet und das wissenschaftliche und vernünftige Arbeiten ist wieder seine Basis. Zu dieser Zeit verlobt er sich mit Therese Heyne, der Tochter des Altertumswissenschaftlers Christian Gottlob Heyne. Eine hochdotierte Professur in Wilna nimmt Forster an. Die Briefe an seine Verlobte sind nicht schwärmerisch und leidenschaftlich, sondern kühl und argumentativ wie seine Aufsätze, wie ein Auszug aus einem Brief vom 7. Juli 1784 zeigt, in dem Forster einen Mittelweg zwischen Vernunft und Emotion für ein glückliches Leben favorisiert. „Man kann die Heftigkeit einer jeden Empfindung sehr schwächen und manche gänzlich vertreiben, wenn man sich ein Gesetz und eine Gewohnheit macht, der Quelle einer jeden Empfindung, die in uns entsteht, nachzuspüren.“12 Trotz dieser emotionalen Distanz findet am 4. September 1785 die Hochzeit der beiden statt. Forster, der nach wie vor alleine in Wilna lebt, verpflichtet sich zusätzlich zu seiner Professur, die letzte Reisebeschreibung Cooks zu übersetzen, eine Preisschrift auf denselben und ein Schulbuch über Naturgeschichte für den Verlag Campe zu verfassen.

5 Georg Forster als Anthropologe

Ein Jahr nach seiner Hochzeit publiziert Forster im „Teutschen Merkur“ 1786 „Noch etwas über Menschenrassen“, ein als fiktiver Brief an den Popularphilosophen Dr. Johann Erich Biester konzipierter Aufsatz. Tatsächlich diskutiert und kritisiert Forster in diesem die beiden Aufsätze „Bestimmung des Begriffs einer Menschenrasse“ und „Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte“ von Immanuel Kant.

In diesem Aufsatz definiert Forster seine Vorstellungen von wissenschaftlichem Arbeiten, die er bereits auf der Weltreise mit Cook praktisch umsetzte. „So scheint doch der Aufklärung und dem Fortschritt in der Erkenntniß nicht gerathen zu seyn, wenn irgend eine Anlage der menschlichen Natur vernachläßigt werden sollte.“ (AA VIII, 131) Außerdem lehnt es Forster ab, „den Gegenständen die Farbe seiner Brille zu leihen.“ (AA VIII, S. 133) Im Hinblick auf den Stubengelehrten Kant, der Deutschland nie verlassen hat, definiert der weitgereiste Forster seine Anspruch an den Philosophen:

Denn Aufmerksamkeit, Beurtheilungskraft und Unpartheylichkeit sind die Erfordernisse, von welchen hier alles abhängt; diese mögen mit spekulativer Theorie verbunden seyn oder nicht. Das Geschäft des Philosophen ist es, aus einzelnen wahren Angaben die allgemeinen Begriffe zu berichtigen; und wahrlich! bey diesem Geschäfte ist Irren so möglich, wie im Augenblick des Beobachtens. (AA VIII, S. 133)

Eine zentrale Frage ist in diesem Aufsatz: Gibt es Menschenrassen? Forster diskutiert hier die Ansätze mehrerer Wissenschaftler, Philosophen und Anthropologen. Kant, Philipp Carteret, Abbé Demanet, Soemmering und viele mehr werden berücksichtigt. Der Aufsatz macht den Eindruck als wolle sich Forster nicht als Anthropologe in den Mittelpunkt rücken, sondern nur seine Meinung und v. a. seine Erfahrungen, die er u. a. auf der Weltreise gesammelt hat, kommunizieren. Die unterschiedlichen physischen Merkmale, d. h. die Hautfarbe und auch innere Werte, d. h. die Lebensweise und Mentalitäten unterschiedlicher Völker, werden diskutiert. Im Hinblick auf die sich erst entwickelnde Genetik ist es erstaunlich, dass Forster, der die Biologie nicht zu seinen Fachgebieten zählt, bereits über Vererbung und Erbgutvermischung der Eltern spricht. Für Forster sind v. a. das Klima und die geografische Länge ausschlaggebend, auch wenn er nur sehr verhalten darüber spricht, dass ein Kind, das in der Nähe des Äquators geboren wurde, zwingend auch schwarz werden muss. Im Hinblick auf den Sklavenhandel gibt Forster Abbé Demanet Recht, wenn dieser sagt, ein Schwarzer [zu Forsters Lebzeiten war das Wort „Neger“ noch nicht negativ konnotiert. Außerhalb der Zitate wird trotzdem der Begriff „Schwarzer“ verwendet, dieser ist mit „Neger“ synonym zu verstehen.] wäre „eigentlich nur in seinem Vaterlande ein rechter Neger. Ein jedes Wesen der Natur ist, was es seyn soll, nur an dem Orte, für den sie es entstehen ließ.“ (AA VIII, S. 139) Hier ist Forsters spätere politische Überzeugung bereits klar erkennbar. Auch die Arbeit seines Freundes Soemmering diskutiert Forster. Soemmering ist der Ansicht, schwarze Menschen wären Affen ähnlicher als weißen Menschen. Forster stimmt dem nicht zu, räumt aber die Möglichkeit von zusammenhängenden Nuancen ein. Die zentrale Frage ist, gehören Schwarze und Weiße derselben Gattung (species) an oder sind sie als Varietäten voneinander zu unterscheiden? Forster findet folgende Definition:

Nun werde mit einiger Wahrscheinlichkeit dargethan, daß die Farbe des Weissen, so wie die des Negers, nur bis auf einen gewissen Punkt veränderlich sey, sodann aber bey vermischten Zeugungen ohnfehlbar gleichförmig nacharte: so habe ich nichts dawider, wenn man auf diesen Grund hin, den Weissen und Schwarzen als Varietäten (Rassen oder Arten) derselben Gattung aufführt. (AA VIII, S.149)

Und auch den Begriff Rasse definiert Forster weiter aus: „verschiedene Rasse, das ist: ein Volck von eigenthümlichem Charakter und unbekannter Abstammung.“ (AA VIII, S. 152) Hier sind mehrere Aspekte der Forster´schen Politik und Mentalität erkennbar: Toleranz gegenüber anderen Völkern, Offenheit für das Neue und Unbekannte, Ablehnung des Sklavenhandels und damit Eintreten für die Gleichheit aller Menschen. Als Folge dessen findet Forster bereits 1786 konkrete Worte, wenn er von den Kolonisatoren fordert:

Du solltest Vaterstelle an ihm vertreten, und indem du den heiligen Funken der Vernunft in ihm entwickeltest, das Werk der Veredelung vollbringen, was sonst nur ein Halbgott, wie du oft glaubtest, auf Erden vermogte. Durch dich konnte, sollte er werden, was du bist, oder seyn kannst, ein Wesen, das im Gebrauch aller in ihm gelegten Kräfte glücklich ist. (AA VIII, S. 155)

Hier gesteht Forster den Europäern nicht nur eine Verantwortung gegenüber den Entdeckten zu, sondern gibt zu bedenken, dass auch die Entdecker, die Kolonisatoren, nicht unfehlbare, perfekte Menschen sind, sondern genauso ihre Makel haben. Dies führte er bereits in „Reise um die Welt“ an.

Die Familie Forster ist in Wilna ob der Isolation zunehmend unglücklich. Nur wenige Briefkontakte bleiben erhalten. 1787 erhält Forster das Angebot an einer russischen Expedition in die Südsee teilzunehmen, die allerding auf Grund des neu begonnenen türkisch-russischen Krieges nicht zustande kommt. Die Familie zieht schließlich nach Berlin, eine Stelle als Lehrer in [St.] Petersburg lehnt Forster ab. Obwohl die Familie wieder in Deutschland ist, werfen diese Rückschläge und eine erneute angeschlagene Gesundheit Forster in „eine Periode der Melancholie und halben Verrücktheit.“13 Am liebsten würde sich Georg Forster vollständig der Schriftstellerei widmen, doch wie viele Schriftsteller des 18. Jahrhunderts kann auch Forster nicht ausschließlich davon leben. Er bewirbt sich für die vakante Bibliothekarsstelle in Mainz und erhält diese auch.

6 Georg Forster in Mainz

In Mainz angekommen, schließen Georg und Therese Forster Freundschaft mit Ludwig Ferdinand Huber, einem kleinen Beamten und Hobbydichter. Nachdem Georg Forster seine Tätigkeit als Bibliothekar allen Widrigkeiten des Landesfürsten zum Trotz sehr ernst nimmt, kann er für seine Familie wenig Zeit aufbringen. Therese wendet sich daraufhin Huber zu, diese Freundschaft wird schließlich in einer Affäre und einer Hochzeit nach Georgs Tod kulminieren. Um die finanziellen Anforderungen der Familie zu decken, verdient Forster nach wie vor einiges Geld mit Übersetzungsarbeit. Hierfür stellt er sich mehrere Gehilfen an, eine Übersetzungswerkstatt entsteht. Neben diesen Tätigkeiten hat Forster seine schriftstellerische Karriere noch nicht aus den Augen verloren und verfasst „zahlreiche Rezensionen für den Göttinger Anzeiger, (…) für den Verleger Archenholtz in Berlin eine Geschichte der englischen Literatur und für das Neue Deutsche Museum von Heinrich Christian Boie [einen] Leitfaden zur künftigen Geschichte der Menschheit.“14

Zu dieser Zeit unterhält Forster einen regen Briefwechsel mit Friedrich Jacobi. In den Briefen an diesen wird offenbar, dass Forster weiterhin pragmatisch und praktisch denkt, Metaphysik ist für ihn „im Leben ziemlich entbehrlich“ (AA XV, S. 245). Auch Gott ist für den früheren Rosenkreuzer eine Größe, die über das Bewusstsein und das Verständnis des Menschen hinausgeht, man soll nicht versuchen ihn zu verstehen. Forster lebt immer noch nach den Prämissen Toleranz, Offenheit und Freiheit, so wird sein Haus zu einem Treffpunkt der Freidenker in Mainz. Außerhalb ist die Situation sehr differenziert. In manchen Momenten hat Forster das Gefühl, „das Jahrhundert, wie das Menschengeschlecht überhaupt, rückt nicht vorwärts in einem regelmäßigen Schritt, sondern in einer unaufhörlichen Rotation.“ (AA XV, S. 231) Forster verfolgt die Entwicklungen in Frankreich mit regem Interesse, trotzdem schreibt er am 2. Januar 1789 an seinen Freund Jacobi „es ist mir des Schreibens zu viel, und des Handelns zu wenig in der Welt.“ (AA XV, S. 231) Hier spricht er nicht nur von seiner privaten Situation, sondern auch von der internationalen. Es erfreut ihn, dass im Juni 1789 in Frankreich schließlich Unruhen ausbrechen: Am 17. Juni 1789 wird die Nationalversammlung formiert, am 14. Juli erfolgt der Sturm auf die Bastille, der Adel ergreift die Flucht. Forster findet hierzu klare Worte, wenn er an seinen Schwiegervater am 30. Juli 1789 schreibt:

Schön ist es aber zu sehen, was die Philosophie in den Köpfen gereift und dann im Staate zu Stande gebracht hat, ohne daß man ein Beispiel hätte, daß je eine so gänzliche Veränderung so wenig Blut und Verwüstung gekostet hätte. Also ist es doch der sicherste Weg, die Menschen über ihren wahren Vortheil und über ihre Rechte aufzuklären; dann giebt sich das Uebrige wie von selbst. (AA XV, S. 319)

[...]


1 Prinz, Alois: Die Lebensgeschichte des Georg Forster. Frankfurt am Main / Leipzig: Insel Verlag 12008, S. 34. [künftig Prinz (2008) abgekürzt].

2 Forster, Georg: Ansichten vom Niederrhein, von Brabant, Flandern, Holland, England und Frankreich im April, Mai und Juni 1790. Hgg. von Schlemmer, Ulrich. Stuttgart, Wien: Edition Erdmann in K. Thienemanns Verlag 1989, S. 104. (Alte abenteuerliche Reiseberichte)

3 Prinz (2008), S. 48.

4 Forster, Georg: Entdeckungsreise nach Tahiti und in die Südsee 1772-1775. Hrsg. von Homann, Hermann. Stuttgart, Wien: Thienemann, Edition Erdmann 1995, S. 91. (Alte abenteuerliche Reiseberichte)

5 Forster, Georg: Reise um die Welt. Frankfurt am Main: Insel Verlag 102009, S. 332.

6 Schmied-Kowarzik, Wolfdietrich: Der Streit um die Einheit des Menschengeschlechts. Gedanken zu Forster, Herder und Kant. In: Klenke, Claus-Volker (Hg.): Georg Forster in interdisziplinärer Perspektive. Beiträge des Internationalen Georg Forster-Symposiums in Kassel, 1. bis 4.April 1993. Berlin: Akademie-Verlag, 1994, S. 117. (Kasseler Semesterbücher)

7 Prinz (2008), S. 117.

8 Prinz (2008), S. 121.

9 Prinz (2008), S. 122.

10 Forster, Georg: Kleine Schriften zu Philosophie und Zeitgeschichte. In: Georg Forsters Werke. Sämtliche Schriften, Tagebücher, Briefe. Band 8. Hrsg. von der Akademie der Wissenschaften in Berlin. Zentralinstitut für Literaturgeschichte. Bearbeitet von Scheibe, Siegfried. Berlin: Akademie Verlag 21991, S. 78. [künftig AA VIII]

11 Forster, Georg: Revolutionsschriften 1792/93. Reden, administrative Schriftstücke, Zeitungsartikel, politische und diplomatische Korrespondenz, Aufsätze. In: Georg Forsters Werke. Sämtliche Schriften, Tagebücher, Briefe. Band 10. Hrsg. von der Akademie der Wissenschaften der DDR. Zentralinstitut für Literaturgeschichte. Bearbeitet von Popp, Klaus-Georg. Berlin: Akademie Verlag 11990, S. 569. [künftig AA X,1]

12 Forster, Georg: Briefe 1784- Juni 1787. In: Georg Forsters Werke. Sämtliche Schriften, Tagebücher, Briefe. Band 14. Hrsg. von der Akademie der Wissenschaften der DDR. Zentralinstitut für Literaturgeschichte. Bearbeitet von Leuschner, Brigitte. Berlin: Akademie Verlag 1978, S. 123. [künftig AA XIV]

13 Forster, Georg: Briefe 1787- 1789. In: Georg Forsters Werke. Sämtliche Schriften, Tagebücher, Briefe. Band 15. Hrsg. von der Akademie der Wissenschaften der DDR. Zentralinstitut für Literaturgeschichte. Bearbeitet von Fiedler, Horst. Berlin: Akademie Verlag 1981, S. 124. [Künftig zitiert als AA XV.]

14 Prinz (2008), S. 167.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die (R)evolution bei Georg Forster
Hochschule
Universität Wien  (Germanistik)
Veranstaltung
PS Literatur im Zeitalter der Revolutionen
Note
1
Autor
Jahr
2013
Seiten
30
Katalognummer
V295414
ISBN (eBook)
9783656931805
ISBN (Buch)
9783656931812
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
deutsche Revolution, Georg Forster, Anthropologie, POlitik, Literatur
Arbeit zitieren
Christina Kreuzwirth (Autor), 2013, Die (R)evolution bei Georg Forster, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295414

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