Die Hysterie steht für all das, was das Fin de Siècle ausmacht: Lug und Täuschung, Schein und Fassadenhaftigkeit, Unfähigkeit und Krankheit, Betäubung und gescheiterte Existenzen. Schnitzler ist ein Vertreter dieser Epoche und er nimmt den Epochendiskurs auf und nutzt ihn, um in seinen Werken eine Gesamtdarstellung der Gesellschaft darzustellen, indem er ihr einen zeitgemäßen Rahmen und Hintergrund gibt. Auch seine Monolognovelle „Fräulein Else“, erschienen 1924, stellt eine Art fiktive Fallstudie über ein ,,seelisch erkranktes" Individuum dar. Auch Sigmund Freud, ein österreichischer Neurologe und Begründer der Psychoanalyse, war eines der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts.
Diese Seminararbeit untersucht die Hysterie und den Hysteriebegriff um 1900 am Beispiel zweier Krankheitsbilder – ‚Dora‘ und Else. Dabei wird ein Vergleich beider Krankheitsbilder geschaffen. Zunächst wird der Hysteriebegriff definiert und in einem weiteren Schritt zeitlich eingeordnet. Die Geschichte zur Entstehung des Hysteriebegriffs wird in einem weiteren Kapitel dargestellt und insbesondere die Zeit um 1900 mit einbezogen. Weiter geht es mit den Symptomen der Hysterie, um ein bildliches Vorstellungsvermögen des Krankheitsbildes zu haben. In Kapitel 3 erfolgt eine Darstellung über die Anfänge der Psychoanalyse. Spezieller werden die „Studien über Hysterie“ sowie „Bruchstück einer Hysterie-Analyse“ erläutert, um zwei markante Modelle zu verdeutlichen. Um später zum Vergleich von ‚Dora‘ und Else zu gelangen, werden zunächst die beiden Träume von ‚Dora‘ erfasst und analysiert, um sie in Punkt 4 mit der Fallgeschichte Elses gegenüberzustellen. Dabei wird eine kurze Inhaltsangabe Schnitzlers Werk wiedergegeben, um im Anschluss das soziale Umfeld, die Eltern-Kind-Beziehung und das Krankheitsbild zu erläutern.
Zur Hysterie sowie über die Fallstudien Freuds und Schnitzlers gibt es ausreichend Literatur. Basis bilden hier die Werke von Freud „Studien über Hysterie“, „Bruchstück einer Hysterie-Analyse sowie die Monolognovelle „Fräulein Else“ von Arthur Schnitzler. Es wird auf die Ausführungen von Kronberger "Die unerhörten Töchter", Elisabeth Bronfen "Das verknotete Subjekt. Hysterie in der Moderne", Regina Schaps "Hysterie und Weiblichkeit. Wissenschaftsmythen über die Frau" und Dorion Weickmann "Rebellion der Sinne. Hysterie - ein Krankheitsbild als Spiegel der Geschlechterordnung (1880-1920)" zurückgegriffen. Die Arbeit schließt mit einer kurzen Zusammenfassung und [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Hysterie
2.1 Die Entstehung des Hysteriebegriffs
2.2 Der Hysteriebegriff um 1900
2.3 Die Symptome der Hysterie
3. Die Anfänge der Psychoanalyse
3.1 Die „Studien über Hysterie“ von 1895
3.2 Bruchstück einer Hysterie-Analyse von 1905
3.2.1 Der erste Traum
3.2.2 Der zweite Traum
4. Das Krankheitsbild ‚Dora‘ in „Bruchstück einer Hysterie-Analyse“ im Vergleich zu „Fräulein Else“
4.1 „Fräulein Else“ von Arthur Schnitzler
4.1.1 Das soziale Umfeld Elses – die Männer um Else
4.1.2 Die Eltern-Kind-Beziehung
4.2 Elses Krankheitsbild – der hysterische Anfall
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, das Krankheitsbild der Hysterie um 1900 durch eine vergleichende Analyse der Fallgeschichte „Dora“ von Sigmund Freud und Arthur Schnitzlers Monolognovelle „Fräulein Else“ zu untersuchen, um dabei insbesondere den Einfluss des sozialen Umfelds und die Konstruktion weiblicher Identität kritisch zu beleuchten.
- Historische Entwicklung des Hysteriebegriffs und dessen medizinische Einordnung um 1900
- Darstellung der Anfänge der Psychoanalyse anhand von Freuds „Studien über Hysterie“
- Analyse der Traumdeutungen in Freuds „Bruchstück einer Hysterie-Analyse“
- Vergleich der familiären Dynamiken und der Rolle des Vaters bei Dora und Else
- Untersuchung der hysterischen Symptomatik als Reaktion auf gesellschaftliche Erwartungen
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Der erste Traum
„In einem Haus brennt es, erzählt Dora, der Vater steht vor meinem Bett und weckt mich auf. Ich kleide mich schnell an. Die Mama will noch ihr Schmuckkästchen retten, der Papa sagt aber: Ich will nicht dass ich und meine Kinder wegen deines Schmuckkästchens verbrennen. Wir eilen herunter, und sowie ich draußen bin, wache ich auf.“
Bei der Analyse des ersten Traums kommt Freud zu dem Schluß, daß Dora in ihrer Kindheit Bettnässerin gewesen sein muss. Dora wurde in ihrer Kindheit regelmäßig von ihrem Vater geweckt, um sie vor dem Bettnässen zu schützen. Das Symbol Feuer, hier das brennende Haus, setzt Freud mit dem Gegenteil in Verbindung – Wasser oder Nässe. Die Nässe steht wiederum für ,,das Naßwerden beim sexuellen Verkehre[...]. Sie [Dora] weiß, daß gerade darin die Gefahr besteht, daß ihr die Aufgabe gestellt wird, das Genitale vor dem Benetztwerden zu hüten.“
Laut Freud symbolisiert der Traum einen Hilferuf an den Vater, der seine Tochter vor Herrn K. retten soll, da sie sonst ihre Jungfräulichkeit verliert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Epoche des Fin de Siècle ein und skizziert die methodische Vorgehensweise des Vergleichs zwischen Freuds „Dora“ und Schnitzlers „Fräulein Else“.
2. Die Hysterie: Dieses Kapitel definiert den Hysteriebegriff historisch von der Antike bis zum 19. Jahrhundert und beschreibt die Symptomatik sowie die gesellschaftliche Stigmatisierung betroffener Frauen.
3. Die Anfänge der Psychoanalyse: Hier werden die Grundlagen der Freudschen Psychoanalyse, die „Studien über Hysterie“ und die Fallstudie „Bruchstück einer Hysterie-Analyse“ inklusive der Traumdeutung thematisiert.
4. Das Krankheitsbild ‚Dora‘ in „Bruchstück einer Hysterie-Analyse“ im Vergleich zu „Fräulein Else“: Dieses Kapitel führt den direkten Vergleich der beiden Fallbeispiele durch, analysiert soziale Umfelder, Eltern-Kind-Beziehungen und die hysterischen Symptome.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen und hebt die Gemeinsamkeiten der Protagonistinnen sowie die Bedeutung des männlich dominierten Umfelds für ihre Krankheitsbilder hervor.
Schlüsselwörter
Hysterie, Psychoanalyse, Sigmund Freud, Arthur Schnitzler, Fräulein Else, Dora, Fin de Siècle, Traumdeutung, Hysteriebegriff, Identität, Weiblichkeit, Geschlechterrolle, Fallstudie, Nervenleiden, soziale Unterdrückung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Krankheitsbild der Hysterie im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert anhand zweier bekannter Fallbeispiele.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die medizinische und psychologische Definition der Hysterie, die Anfänge der Psychoanalyse sowie die gesellschaftliche Position der Frau in dieser Zeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist ein Vergleich zwischen Freuds klinischer Fallstudie „Dora“ und der literarischen Figur „Fräulein Else“ von Arthur Schnitzler.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine vergleichende Literatur- und Fallanalyse durchgeführt, die psychoanalytische Theorien Freuds auf literarische Werke anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehungsgeschichte der Hysterie, Freuds psychoanalytische Ansätze, die Interpretation von Träumen sowie die familiären Hintergründe der Patientinnen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Hysterie, Psychoanalyse, Fin de Siècle, Geschlechterrolle und Identität.
Warum spielt der Vater in beiden Fallbeispielen eine so entscheidende Rolle?
In beiden Fällen wird der Vater als beschützende, aber auch ambivalent wahrgenommene Instanz identifiziert, deren Handeln und familiäre Position maßgeblich zum psychischen Druck auf die Töchter beitragen.
Welche Bedeutung haben die Träume für die Analyse?
Träume dienen sowohl in Freuds klinischer Analyse als auch in der literarischen Figur als Fenster zum Unbewussten, um unterdrückte sexuelle Ängste und Traumata aufzudecken.
- Arbeit zitieren
- Tanja Bergsieker (Autor:in), 2014, Die Hysterie um 1900. Ein Vergleich am Beispiel "Fräulein Else" von A. Schnitzler und "Dora" von Freud, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295488