Traumatisierungen bei Kindern und Jugendlichen und die Herausforderungen der sozialpädagogischen Fachkräfte in stationären Einrichtungen


Bachelorarbeit, 2014
57 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Trauma - Die Theorie
2.1. Geschichtliche Entwicklung der T raumaforschung
2.2. Was ist ein T rauma?
2.3. Entstehung von Traumata
2.4. Traumafolgen
2.4.1 Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
2.4.2 Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (DESNOS)
2.4.3 Entwicklungsverzögerung
2.4.4 Störung der Bindungsentwicklung
2.5. Neurobiologische Grundlagen

3 Traumapädagogik
3.1. Der pädagogische Zugang zum Thema T rauma
3.2. T raumatherapie und T raumapädagogik
3.3. Traumapädagogische Konzepte und Standards
3.3.1. Grundhaltung
3.3.2. Selbstwirksamkeit und Selbstbemächtigung
3.4. Herausforderungen für sozialpädagogischen Fachkräfte
3.4.1. Die traumatische Übertragung
3.4.2. Die traumatische Gegenübertragung
3.4.3. Die sekundäre T raumatisierung
3.4.4. Weitere herausfordernde Faktoren

4 Unterstützende Faktoren für die pädagogische Traumaarbeit
4.1. Grundkompetenzen sozialpädagogischer Fachkräfte
4.2. Teamarbeit als unterstützender Faktor
4.3. Strukturelle Voraussetzungen und Maßnahmen
4.3.1. Ausgleichende Schutzfaktoren
4.3.2. Stabilisierende Prinzipien von Institutionen
4.3.3. Förderung sozialpädagogischer Fachkräfte

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

1 Einleitung

Seit mehreren Jahren arbeite ich in einer Einrichtung der Jugendhilfe in einer heilpädagogischen Intensivgruppe mit Mädchen und Jungen im Alter zwi­schen 6 und 12 Jahren. Jedes dieser Kinder weist schwere Belastungszu­stände und psychische Probleme auf. Oft wurde eine Posttraumatische Be­lastungsstörung diagnostiziert. Vielen Kindern fehlt diese Diagnose, dennoch ist ihren Akten zu entnehmen, dass sie traumatische Erlebnisse durchlebt und entsprechende Verhaltensmuster entwickelt haben. So unterschiedlich diese traumatischen Erlebnisse auch sind, erfahren alle diese Kinder exis­tenzielle Angst der sie hilflos ausgeliefert sind. Diese Kinder verlieren ihr Ur- vertrauen, fühlen sich nirgendwo mehr sicher und kennen ihren Platz in der Welt nicht mehr.[1] Auf Grund der unter dem bestehenden Kostenduck stetig weiter ausgebauten ambulanten Hilfen nimmt die Zahl der Kinder und Ju­gendlichen mit komplexen Störungsbildern in den Einrichtungen der Jugend­hilfe weiter zu. Eine Ursache dafür ist, dass gerade Kinder und Jugendliche aus einem besonders belasteten sozialen Umfeld bei denen die ambulanten Hilfen nicht mehr ausreichend sind stationär untergebracht werden. Studien zufolge zeigen "... mindestens zwei Drittel der Kinder in stationären Einrich­tungen ... Auffälligkeiten, ein Drittel eine ganze Reihe von Störungen und Problemlagen. Frühe Traumatisierung nimmt dabei eine Spitzenstellung ein. Ungefähr 80% der Kinder aus stationären Einrichtungen geben an, eine oder mehrere traumatische Erfahrungen gemacht zu haben, ... ". [2] Gerade diese massiv psychisch und psychosozial belasteten Kinder und Jugendlichen for­dern die sozialpädagogischen Fachkräfte in ganz besonderem Maße heraus. Häufig konnte ich beobachten, sowohl bei meinen Kollegen als auch bei mir, dass die Reaktionen der Kinder und Jugendlichen die Fachkräfte an ihre physischen und psychischen Grenzen bringen. Viele begleiten die ihnen an-vertrauten Kinder und Jugendlichen mit großem Einfühlungsvermögen und Hingabe, engagieren sich mit Kraft und Elan und sind dennoch überfordert von den vorerst nicht nachvollziehbaren Verhaltensweisen dieser Kinder und Jugendlichen. Sie fühlen sich persönlich angegriffen und zweifeln an sich und ihrer Professionalität. Es macht sich ein Gefühl der Hilflosigkeit und Frustration breit, die Einsatzbereitschaft sinkt und die Krankheitsraten stei­gen.

Ziel dieser Arbeit ist es, zu klären worin die besonderen Belastungen in der Arbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen zu sehen sind und wel­che Maßnahmen die sozialpädagogischen Fachkräfte unterstützen können, eine professionelle und hilfreiche traumapädagogische Arbeit zu leisten ohne dabei selber Schaden zu nehmen.

Um diesen Fragen nachgehen zu können, werden im 2. Kapitel die theoreti­schen Grundlagen von Traumata erarbeitet. Die Legitimation des Terminus Trauma hat fast ein ganzes Jahrhundert benötigt. Viele Rückschläge durch Tabuisierung, Anfeindung der Wissenschaftler durch die Gesellschaft und Stigmatisierung der Opfer mussten von den Pionieren der Traumaforschung aufgearbeitet werden, bevor das Thema Anerkennung fand. Daher wird auch auf die geschichtliche Entwicklung der Traumaforschung eingegangen. Des Weiteren wird der Begriff des Traumas erörtert und untersucht, wie Traumata entstehen und welche Folgeerscheinungen ausgelöst werden. Die Mehrheit der betroffenen Kinder und Jugendlichen in den Einrichtungen der stationä­ren Jugendhilfe wurde durch nahe Bezugspersonen traumatisiert. So können Traumatisierungen im Kindesalter u. a. durch Misshandlung, Vernachlässi­gung oder sexuellen und emotionalen Missbrauch verursacht werden. Des­halb wird auf diese Personengruppe eingegangen. Wichtig für das Verständ­nis der Funktionsweise von Traumata sind die Auswirkungen traumatischer Ereignisse auf die Hirnentwicklung. Aus diesem Grund werden die neurobio- logischen Grundlagen untersucht.

Der pädagogische Zugang zum Thema Trauma wird in Kapitel 3 erörtert. Es wird der Unterschied zwischen Traumapädagogik und Traumatherapie her­ausgearbeitet und deren Notwendigkeit nachgegangen. Schließlich wird un­tersucht, welche Standards und Konzepte den sozialpädagogischen Fach­kräften einen Zugang zur Arbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendli­chen verschaffen und welchen besonderen Herausforderungen sie sich stel­len müssen.

Im abschließenden 4. Kapitel werden professionelle Möglichkeiten von sozi­alpädagogischen Fachkräften, Teams und Institutionen aufgezeigt, die der Unterstützung der individuellen Fachkraft dienen. Schließlich wird die Arbeit durch die Zusammenführung der herausgearbeiteten Themen in einem Fazit abgerundet.

Aus Rücksicht auf die Lesbarkeit wird in dieser Arbeit auf die gleichzeitige Verwendung der männlichen und weiblichen Sprachform verzichtet. Die nachfolgend verwendete männliche Form bezieht selbstverständlich die weibliche Form mit ein.

2 Trauma - Die Theorie

2.1. Geschichtliche Entwicklung der Traumaforschung

Seit Urzeiten erleben Menschen traumatische Geschehnisse. In seinem Stanser Brief beschreibt 1799 schon Pestalozzi einem Freund Kinder, die unter Vernachlässigung, Misshandlung und Elend litten und daher Verhal­tensweisen entwickelt hatten, die ihr Überleben sichern sollten:

"Viele traten mit eingewurzelter Krätze ein, daß sie kaum gehen konnten, viele mit aufgebrochenen Köpfen, viele mit Hudeln, die mit Ungeziefer beladen waren, viele hager wie ausgezehrte Gerippe, gelb, grinsend, mit Augen voll Angst und Stirnen voll Runzeln des Mißtrauens und der Sorge, einige voll kühner Frechheit, des Bet- telns, des Heuchelns und aller Falschheit gewöhnt; andere vom Elend erdrückt, duldsam, aber mißtrauisch, lieblos und furchtsam. "[3]

Bei diesen Kindern wäre derzeit die Rede von Kindern mit Traumatisierun­gen.[4] Es ist festzustellen, dass das Thema Traumata lange tabuisiert wurde und gesellschaftlich nicht anerkannt war. In Zusammenhang mit Kriegserleb­nissen und sexueller Gewalt beschrieben in Paris erstmalig 1887 der Arzt und Neurologe Jean-Martin Charcot und ihm nachfolgend 1904 Pierre Janet die Wirkungen von Traumata auf die Psyche von Menschen. Janet erkannte, dass Menschen Erinnerungen an beängstigende Geschehnisse und die be­gleitenden Gefühlszustände nicht bewusst in ihrem Inneren abspeichern können, jedoch im 'Unterbewusstsein' eine Ansammlung von Erinnerungen an die überlebten Traumata aufzuzeigen, die ihre Interaktionen beeinflus-sen [5] Auch Sigmund Freud stellte 1896 in seinem Bericht "Zur Ätiologie der Hysterie" gravierende Traumata bei seinen weiblichen Patientinnen fest, wel­che oft durch sexuelle Übergriffe, Misshandlungen und Inzest ausgelöst wur­den. Er war der Ansicht, dass jedem Fall von Hysterie sexuelle Gewalt zu Grunde lag. Mit seiner Veröffentlichung über sexuelle Gewalt als Ursache der Hysterie hatte er zweifellos die Grenzen der gesellschaftlichen Glaubwürdig­keit überschritten. In der patriarchalen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts fand Freuds Theorie keine Anerkennung. Es wird vermutete, dass er deshalb seine Theorie widerrief. Obwohl Freud später an seinem Widerruf zweifelte, scheiterte daran die Hysterieforschung - die erste Traumaforschung. Ebenso musste sich der ungarische Psychiater Sandor Ferenczi mit seiner Theorie vom realen Ursprung des Traumas, nach der der Abwehrmechanismus bei Kindern welche Hilflosigkeit und Terror erfahren in der 'Identifikation mit dem Aggressor' liegt, den gesellschaftlichen Einstellungen seiner Zeit geschlagen geben.[6] In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gelangte die Rea­lität von psychischen Traumata in Zusammenhang mit den erschreckenden Ereignissen der Weltkriege erneut in das öffentliche Bewusstsein, da sehr viele der heimkehrenden Soldaten Symptome aufwiesen, die bis dahin bei Frauen mit der Diagnose 'Hysterie' belegt wurden. Psychiater diskutierten über einen kurzen Zeitraum sehr kontrovers über die Ursachen der 'Kriegsneurosen', aber nach dem Kriegsende verebbte das Interesse daran sehr schnell. Die Kriegsheimkehrer wurden ihrem Schicksal überlassen und das Thema 'Trauma' wurde verdrängt und geriet wieder in Vergessenheit.[7] Nach Kriegsende gab es nur wenige Studien, die sich mit den Langzeitfolgen der traumatischen Erlebnisse bei Holocaustopfern und anderen kriegsbe­dingten Traumata beschäftigten. So prägte der Psychoanalytiker Bettelheim, der selbst in Konzentrationslagern interniert war, den Begriff der 'Extremtraumatisierung' und stellte fest, dass Menschen nach extrem trau- matisierenden Erlebnissen eine Persönlichkeitsintegration kaum oder gar nicht möglich sei.[9] Bonhoeffer revidierte unter dem Eindruck der Gescheh­nisse des Holocaust seine bis dahin geltende Meinung, nach der der menschliche Organismus nach psychischen Belastungen unbegrenzt aus­gleichsfähig sei.[8] Ebenfalls in diesem Zusammenhang brachte der Psycho­analytiker Keilson den Begriff der 'sequentiellen Traumatisierung' ein, wel­cher heute in der Misshandlungsforschung eine bedeutende Rolle spielt.[10] Vor allem der Vietnamkrieg brachte der Traumaforschung den Durchbruch in die Anerkennung. Zurückkehrende, vorher gesunde Soldaten organisierten sich in Selbsthilfegruppen und berichteten von den psychischen Folgen der belastenden Kriegserlebnisse.[11] In den 1970er Jahren brachte die Frauen­bewegung das Thema der Traumata durch sexuelle Gewalt gegen Frauen zurück ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Durch das sich entwickelnde Inte­resse am Kinderschutz wurden erstmals auch andere Formen des Traumata wie z. B. Ursachen und Folgen von Kindesvernachlässigung wahrgenommen und erforscht. Hierzu prägte u. a. Shengold 1975 in der Literatur den Begriff 'Seelenmord' für die Vernachlässigung von Kindern.[12] Ebenfalls 1975 entwi­ckelte der britische Psychiater Bowlby die bis dato aktuelle Bindungstheorie. Den Einfluss der Trennung für die frühkindliche Entwicklung untersuchten die im kinderpsychiatrischen Bereich tätigen Sozialarbeiter Robertson.[13] Weitere Pioniere auf dem Gebiet der Traumaforschung sind Luise Reddemann, die den Drei-Phasen-Therapieansatz entwickelte, und Michaela Huber u. a. mit ihren Werken "Trauma und die Folgen" und "Wege der Traumabehandlung" (2003/2004). Durch wachsendes öffentliches Interesse sind im letzten Jahr­zehnt eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten entstanden, die den Zusam­menhang zwischen erschütternden Erlebnissen (z. B. Misshandlung, sexuelle Gewalt und Vernachlässigung) und schweren Krankheitsbildern, die Zeichen einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung zeigen, nachwei- sen.[14] Alle diese Forschungsergebnisse führten 1980 zur Anerkennung und

Aufnahme des posttraumatischen Syndroms des psychischen Traumas als Kategorie im offiziellen Handbuch seelischer Erkrankungen DSM und nach Erweiterung und Überarbeitung der Vorgängerversionen in das aktuelle DSM-V.[15]

2.2. Was ist ein Trauma?

Ursprünglich stammt der Begriff vom griechischen Wort 'tra üma' und bedeu­tet 'Verletzung' oder 'Wunde'. In der Medizin wird der Begriff in Bezug auf eine von außen wirkende Schädigung des Körpers verwendet. Die Psycholo­gie beschreibt mit dem Terminus des Traumas eine Verletzung der mensch­lichen Psyche, die durch punktuelle oder dauerhafte Tension ausgelöst wird und im Unterbewusstsein noch lange wirksam ist. Hier wird die Bezeichnung des Psychotraumas verwendet.[16] Im Blickpunkt dieser Arbeit steht das Psy­chotrauma und wird daher im Verlauf mit dem Begriff Trauma gleichgesetzt. Das ICD-10[17] bezeichnet ein Trauma als "...ein außergewöhnlich belasten­des Lebensereignis, das eine akute Belastungsreaktion hervorruft, oder eine besondere Veränderung im Leben, die zu einer anhaltend unangenehmen Situation geführt hat und eine Anpassungsstörung hervorruft...[und]...zu Problemen der sozialen Funktionsfähigkeit führen. "[18]

Im Mai 2013 brachte die American Psychiatric Assosiation seit 1994 die erste komplette Revision des DSM [19] heraus. Im neuen DSM-V ist die PTBS nun nicht mehr unter dem Kapitel 'Angststörungen und PTBS', sondern im neuen Kapitel 'Trauma und Stress Related Disorders' zu finden. Das DSM-V defi­niert Trauma als potenzielle oder reale Todesbedrohung, ernsthafte Verlet- zung oder eine Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit bei sich oder bei anderen, auf die unmittelbar nach dem Ereignis mit intensiver Furcht, Schock oder Verleugnung reagiert wird. Längerfristig werden Reaktionen wie unbe­rechenbare Emotionen, Rückblenden, gespannte Beziehungen und sogar körperliche Symptome ausgelöst.[20] Außerdem wurden Subtypen hinzuge­fügt, die beispielsweise bei der 'PTSD-Preschool' (PTBS bei Vorschulkin­dern) altersangepasste Diagnosekriterien berücksichtigen.

In der modernen Traumaliteratur werden diese Definitionen noch erweitert. So verstehen Fischer & Riedesser Traumata nicht nur als Folge bedrohlicher Situationen die zu Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe füh­ren. Sie beziehen darüber hinaus die Diskrepanz zwischen jenen Situations­faktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten ein.[21] Hiernach ist es den Betroffenen nicht mehr möglich ihre üblichen Anpassungs- und Be­wältigungsstrategien einzusetzen. Der menschliche Organismus schaltet au­tomatisch auf die genetisch festgelegten Notprogramme um, die das Überle­ben sichern. Dies untermauern auch die Erkenntnisse der neueren Hirnfor- schung [22] (vgl. Kap. 2.5).

2.3. Entstehung von Traumata

Nicht jeder Mensch erleidet nach einem potentiell traumatisierenden Erlebnis eine Traumatisierung. Zwei Drittel der Menschen überstehen das Ereignis ohne langfristige Schädigung. Jedoch bei einem Drittel geht die posttrauma­tische Akutreaktion in ein chronisches Leiden über[23] und verändert das Le­ben der Betroffenen nachhaltig negativ. Wenn das traumatische Erlebnis so intensiv ist, dass die bis dahin erlernten Bewältigungsmechanismen nicht mehr ausreichend sind, kommt es zur Traumatisierung.[24] Maßgeblich für die verschiedenen Reaktionen sind Art, Umstände und Dauer potenziell trauma- tisierender Ereignisse, der Entwicklungsstand der Betroffenen sowie das Fehlen beziehungsweise Vorhandensein unterstützender Bedingungen.[25] Traumatisierungen, die durch wiederholte Gewalterfahrungen über einen längeren Zeitraum von einer nahe stehenden Bezugsperson ausgelöst wer­den (Typ-II-Traumatisierungen), sind durch ihre wesentlich höhere Komple­xität in ihren Auswirkungen erheblich diffuser. Sie führen daher zu wesentlich schwerwiegenderen Symptomen mit komorbiden Störungen der Betroffenen, als ein durch einmaliges Erleben eines traumatisierenden Ereignisses wie z. B. Unfall, Überfall, Naturkatastrophe ausgelöstes Trauma (Typ-I-Trauma- tisierung)[26]. Während bei Typ-I-Traumatisierungen die momentane Angst im Vordergrund steht und damit das grundlegende Vertrauen des Betroffenen bedroht, verlieren Betroffene der Typ-II-Traumatisierung durch die stetige Wiederholung und den längeren Zeitraum das Vertrauen in sich und die Welt. Das Selbstwertgefühl wird nachhaltig herabgesetzt, die Betroffenen fühlen sich machtlos den zerstörerischen Kräften ausgeliefert. Werden die traumati- sierenden Ereignisse von anderen Menschen, evtl. von nahe stehenden Be­zugspersonen ausgelöst, können Betroffene kein Vertrauen mehr in andere Menschen aufbringen. Besonders Kinder suchen häufig die Schuld bei sich und überbewerten ihre eigene Verantwortlichkeit. Dies ist für eine schnelle und gesunde Verarbeitung des Erlebten kontraproduktiv.[27] Ebenso wie Erwachsene geraten auch Kinder in Situationen in denen sie traumatisierenden Ereignissen ausgesetzt sind, welche psychische Verlet­zungen nach sich ziehen, die den biologischen, psychologischen und sozia­len Entwicklungsprozessnachhaltig beeinträchtigen können. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit nach einem traumatisierenden Ereignis psychische Schädigung zu erleiden bei Kindern vor dem elften Lebensjahr etwa dreimal höher als bei Erwachsenen.[28] Für die unproblematische Verarbeitung eines Traumas sind stabile Selbstsicherheit, Lebenserfahrung und Vertrauen in sich und die Welt wichtige Faktoren. Je aktiver der Umgang mit dem Trauma stattfindet, umso besser ist die Chance das innere Gleichgewicht wiederzuer­langen. Da Kinder auf diese Ressourcen nur in begrenztem Maße zurück­greifen können, sind sie ohne entsprechenden Beistand dem Schock und der Angst in besonderem Maße hilflos und verunsichert ausgeliefert. Überdies ist es für Kinder häufig auf Grund der noch nicht ausgereiften sprachlichen und intellektuellen Möglichkeiten schwierig, dem traumatischen Geschehen nach­träglich einen Sinn zu geben und in die eigene Biographie zu integrieren. Dies ist jedoch für eine gesunde Verarbeitung entscheidend.[29] Durch den Versuch der Einordnung des Traumas und der Regulierung der Auswirkun­gen werden Kinder zudem in ihren Möglichkeiten ihre Umwelt zu erforschen begrenzt. Hierdurch sind oft Entwicklungsverzögerungen zu erwarten.[30] Da für Kinder eine sichere Beziehung zu einer Bezugsperson überlebenswichtig ist und Vergleichsmöglichkeiten zu anderen Lebenswelten noch nicht oder nur unzureichend vorhanden sind, werden Vorstellungen und Normen der Bezugspersonen, meistens der Eltern, ohne Widerstand angenommen. Vor allem deshalb gefährden durch nahe Bezugspersonen ausgelöste Traumata das kindliche Verständnis von Sicherheit nachhaltig.[31] Auch bei Jugendlichen ist der Risikofaktor erhöht, da sie in dieser Phase ih­rer Entwicklung mit vielseitigen Veränderungen ihrer Physis und Psyche um­gehen müssen.[32]

Für alle Altersstufen gilt, dass sie ein hohes Maß an beständiger sozialer Bindung und professioneller Unterstützung benötigen. Daher gehören zu den zentralen unterstützenden Faktoren bei der Bewältigung traumatischer Erfah­rungen ein stabiles und fürsorgliches soziales Umfeld, kommunikative Kom- petenzen und ein kohärentes Weltbild.[33]

2.4. Traumafolgen

Bei vielen Menschen hinterlassen traumatische Erlebnisse tiefgreifende psy­chische Erschütterungen. Sie haben eine Überlastung des angelegten biolo­gischen Stresssystems zur Folge und behindern eine adäquate Verarbeitung der Erlebnisse. Deshalb sind die Betroffenen nicht wie üblich in der Lage, diese in ihren Erfahrungsschatz zu integrieren und danach mit Abstand zu betrachten. Der Organismus verbleibt auf einem hohen Stressniveau und es entwickeln sich charakteristische Folgebeschwerden.[34] Bei einem Teil der Betroffenen sorgen die Selbstheilungsprozesse im Organismus dafür, dass die akute Belastungsreaktion, die während des traumatischen Ereignisses eintritt, zügig wieder abnimmt und keine dauerhaften Beeinträchtigungen zu­rücklässt. Bei Anderen verstärken sich die posttraumatischen Symptome und bleiben über einen langen Zeitraum bestehen.[35] Die Spannbreite der post­traumatischen Symptome ist jedoch so breit, dass eine ausführliche Bearbei­tung den Rahmen dieser Arbeit überziehen würde. Daher wird im Folgenden nur auf diejenigen Folgesymptomatiken eingegangen, die für das Verständ­nis von Traumata bei Kindern und Jugendlichen erforderlich sind.

2.4.1 Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Bestehen die posttraumatischen Symptome auch noch nach Monaten, leiden die Betroffenen häufig an einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Die zentralen Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung sind:

Übererregung (Hyperarousel)

In diesem Zustand beobachten Betroffene bewusst oder unbewusst ihre Umwelt sehr genau. Sie befinden sich ständig in erhöhter Alarmbereitschaft. Der Körper erhält weiterhin eine Stressreaktion aufrecht und stellt eine er­höhte Menge an Stresshormonen bereit, auch wenn de facto keine Gefahr mehr besteht. Dies führt dazu, dass bedrohliche Situationen nicht mehr von alltäglichen Belastungen unterschieden werden können. Besonders störan­fällig ist das Frontalhirn für diesen Stress. Der Körper reagiert mit allgemeiner Unruhe, Konzentrations- und Leistungsschwächen, plötzlichen aggressiven Impulsdurchbrüchen, Überschusshandlungen und Orientierungslosigkeit.[36]

Wiedererleben (Intrusion)

Intrusion bedeutet die unerwünschte vollständige oder unvollständige Erinne­rung an das Trauma. Gefühle, Gedanken, Bilder und Gerüche der traumati­schen Situation drängen sich auf. Während dieser sogenannten Flashbacks, die oft durch Trigger[37] ausgelöst werden, sind Betroffene nicht in der Lage zwischen dem 'Hier und Jetzt' und dem 'Dort und Damals' zu unterscheiden. Flashbacks sind nicht mit simplen Erinnerungen vergleichbar, da sie nicht vom Willen beeinflussbar sind, häufig das Erlebte lediglich fragmentarisch wiederspiegeln und nicht in den Gesamtkontext der Geschehnisse integriert werden können.[38]

Vermeidung (Konstriktion)

Einerseits ist das willentliche Vermeiden aller Umstände, die an die traumati­schen Erlebnisse erinnern gemeint. Andererseits beinhaltet Konstriktion dis­soziative Zustände, somit unwillkürlich hervorgerufene Bewusstseinszustän­de, die gegen Übererregung wirken. Betroffene sind in diesem Zustand von der Gegenwart abgespalten, reagieren verzögert oder gar nicht.

[...]


[1] vgl. Eckardt, S.7

[2] Gahleitner, S.1 (Stand: 07.05.2014)

[3] Pestalozzi (1799), S.5 (Stand: 12.04.2014)

[4] vgl. Schulze/Loch/Gahleitner, S.1

[5] 5 vgl. Weiß, S.61 ff.

[6] vgl. ebd., S.64

[7] vgl. ebd., S.65 ff.

[8] vgl. Weiß, S.66f.

[9] vgl. Seidler, S.9

[10] vgl. Weiß, S.67

[11] vgl. Seidler, S.10; vgl. auch Weiß, S.67

[12] vgl. Seidler, S.10; vgl. auch Weiß, S.67ff.

[13] vgl. Weiß, S.69

[14] vgl. Cha, S.4f.

[15] vgl. Cha, S.2; vgl. auch Seidler, S.10

[16] vgl. Duden online (Stand: 07.05.2014)

[17] ICD-10: "International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems", neben dem DSM das andere große Diagnoseschema, herausgegeben von der Welt-gesundheitsorganisation. Hier sind psychische Störungen mit ihren Symptomen beschrie-ben. (vgl. Weiß, S.227)

[18] DIMDI, F43

[19] DSM: "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders", herausgegeben von der American Psychiatric Assocation, Hier sind die Diagnosekriterien für psychiatrische Er-krankungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen festgelegt. (vgl. Weiß, S.225)

[20] vgl. American Psychiatric Assosiation

[21] vgl. Fischer/Riedesser, S.142f.

[22] vgl. Scherwarth/Friedrich, S.18 f.

[23] vgl. Huber, S.22

[24] vgl. Eckardt, S.9

[25] vgl. Schulze/Loch/Gahleitner, S.7

[26] vgl. Terr, S.46ff.; vgl. auch Schulze/Loch/Gahleitner, S.7

[27] vgl. Eckardt, S. 10f.

[28] vgl. Rösch (Stand: 12.05.2014)

[29] vgl. Eckardt, S.19f.

[30] vgl. Schulze/Loch/Gahleitner, S.8

[31] vgl. Fischer/ Riedesser, S.293f.

[32] vgl. Rösch (Stand: 12.05.2014)

[33] vgl. Huber, S.82

[34] vgl. DeGPT, (Stand: 24.05.2014)

[35] vgl. Scherwarth/Friedrich, S.23

[36] vgl. Scherwarth/Friedrich, S.23ff.; vgl. auch DeGPT, (Stand: 24.05.2014)

[37] "Trigger sind Schlüsselreize, die an Aspekte des Traumas erinnern und über neuronale Affektbrücken Alarmreaktionen, Zustände und Bilder aufrufen, wie sie während des Traumas erlebt und durchlebt wurden. Sie können auf allen Ebenen der Wahrnehmung [...] ausgelöst werden." (Scherwarth/Friedrich, S.25f.)

[38] vgl. Scherwarth/Friedrich, S.25ff.; vgl. auch Eckardt, S.17

Ende der Leseprobe aus 57 Seiten

Details

Titel
Traumatisierungen bei Kindern und Jugendlichen und die Herausforderungen der sozialpädagogischen Fachkräfte in stationären Einrichtungen
Hochschule
Universität Kassel
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
57
Katalognummer
V295524
ISBN (eBook)
9783656944973
ISBN (Buch)
9783656944980
Dateigröße
780 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Trauma, Traumata
Arbeit zitieren
Undine Hartweg (Autor), 2014, Traumatisierungen bei Kindern und Jugendlichen und die Herausforderungen der sozialpädagogischen Fachkräfte in stationären Einrichtungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295524

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