Im Schatten der Großevents. Analyse des brasilianischen Sicherheitsdiskurses


Seminararbeit, 2014
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2... Methodik
2.1 Das Forschungsfeld der Diskursanalyse
2.2 Methodische Perspektiven der Diskursanalyse

3... Recherche und Forschungsdesign
3.1 Rechercheablauf
3.2 Forschungsdesign

4... Diskursanalyse
4.1 Gliederung Akteure
4.2 Die Frage der Sicherheit - Feinanalyse des Sicherheitsdiskurs

5. Fazit

Literaturliste

1. Einleitung

Als Joseph Blatter, Präsident des Fußballweltverband FIFA, am 30.10.2007 in Zürich Brasili­en zum Austragungsland für die FIFA Fußballweltmeisterschaft 2014 (WM 2014) ausrief, gingen die Bilder von jubelnden Menschen aus dem bevölkerungsreichsten Land Südameri­kas um die Welt. Mit der Vergabe der olympischen Spiele an Rio de Janeiro zwei Jahre spä­ter wurden zusätzlich die Erwartungen vieler Brasilianer an eine positive Zukunft bestärkt. Die Euphorie der Massen war eng verbunden mit der Hoffnung auf eine konkrete Verbesse­rung ihrer Lebenssituation. Viele sahen in den Großevents neben der Möglichkeit zusätzli­cher wirtschaftlicher Impulse, auch die Chance auf Reforminitiativen der Politik. Ebenso sahen die politischen Entscheidungsträger die Veranstaltungen als eine Möglichkeit, neue Kurse in unterschiedlichen Politikfeldern zu bestreiten.

Doch die Vorstellungen über die Art und Weise der politischen Ausrichtung gehen weit aus­einander. Der Confederations-Cup im Juni 2013 bot den Schauplatz für die größten Mas­senproteste in der Geschichte Brasiliens seit dem Ende der Militärdiktatur 1985. Auslöser waren die Fahrpreiserhöhungen öffentlicher Verkehrsmittel in mehreren brasilianischen Großstädten. Anstatt einer Verbesserung ihrer Lebenssituation erfuhren viele Menschen eine konkrete finanzielle Benachteiligung.

Die Bilder der Demonstrationszüge sorgten zusätzlich für Sicherheitsbedenken, die zuvor bereits durch Meldungen über kriegsähnliche Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Drogenbanden in den Favelas Rio de Janeiros bestanden. Die Proteste weiteten sich schnell auf weitere Themenfelder aus. Zentral waren die Forderungen nach einer gerechteren Ver­teilung finanzieller Mittel zugunsten der öffentlichen Infrastruktur anstelle von Investitio­nen in millionenschwere Großprojekte wie etwa der WM-Stadien. Die Protestler kritisierten den Mangel an Schulen, Gesundheitseinrichtungen und einem ausgebauten Nahverkehr in vielen Städten und Gemeinden. Die Forderungen sind nicht neu, kriegen vor dem Hinter­grund der Großevents aber eine neue Dimension. Diskurse rund um brasilianische policys werden nicht nur national, sondern auch auf internationaler Ebene durch Medienbeiträge, Fachaufsätze und Interviews mit Beteiligten geführt.

Im Fokus dieser Arbeit steht die Frage, welche politischen Themen in dem Spannungsfeld zwischen politischen Entscheidungsträgern, öffentlicher Meinung und medialer Berichter­stattung thematisiert werden. Welche Akteure sind an den Diskursen beteiligt und welche Deutungsrahmen lassen sich identifizieren? Zur Bearbeitung dieser Fragen wurde metho­disch auf das Analysewerkzeug der Diskursanalyse zurückgegriffen, die sich mit der Analyse

Im Schatten der Großevents - Diskursanalyse des brasilianischen Sicherheitsdiskurs von Sprachereignissen befasst. Eine detaillierte Beschreibung des methodischen Konzepts wird in Kapitel 2 vorgenommen um daran anschließend den Rechercheablauf und das ver­wendete Forschungsdesign in Kapitel 3 vorzustellen. Kapitel 4 widmet sich der eigentlichen Diskursanalyse, deren Ergebnisse abschließend in Kapitel 5 zusammengetragen und einge­ordnet werden.

2. Methodik

Der folgende Teil befasst sich mit den methodischen Grundlagen die zum Bearbeiten der eingangs formulierten Forschungsfragen verwendet wurden. Eine skizzenhafte Einleitung in das Forschungsfeld der Diskursanalyse soll zunächst den heterogenen Charakter der Diszip­lin verdeutlichen und die unterschiedlichen Perspektiven der Forschung auf den Diskursbe­griff aufzeigen. Daran anschließend werden die für die Arbeit relevanten Begriffe aufgeführt und erläutert.

2.1 Das Forschungsfeld der Diskursanalyse

Von einer detaillierten wissenschaftlich-historischen Aufarbeitung, wie sich die Entwicklung der Diskursforschung seit der Veröffentlichung der „Archäologie des Wissens" (weitestge­hend als Standardwerk angesehenes Werk Foucaults, in dem erste Überlegungen zum me­thodischen Vorgehen einer Diskursanalyse angestellt wurden) gestaltet hat, soll an dieser Stelle abgesehen werden. Dies wurde bereits ausführlich vorgenommen, unter anderem in der Veröffentlichung von Brigitte Kerchner „Foucault: Diskursanalyse der Politik" (vgl. Kerchner 2006). Dennoch möchte ich im Folgenden den Versuch unternehmen, grundle­gende Merkmale der Diskursanalyse aufzuzeigen und dabei der methodischen Umsetzung entsprechenden Raum widmen.

Die Diskursanalyse kommt in einer Vielzahl von Anwendungsbereichen zum Einsatz, wie ein Sammelband von Keller et al. zeigt, der sich der interdisziplinären Forschungspraxis diskurs­analytischer Felder widmet. Von geschichtswissenschaftlichen Fragestellungen, über sozial- und politikwissenschaftliche Ansätze, bis hin zu kulturvergleichenden, sprachwissenschaftli­chen Untersuchungen, kommt die Diskursanalyse ebenso bei der Analyse von Gesprächsse­quenzen innerhalb psychologischer Fragestellungen zum Einsatz. (vgl. Keller et al. 2010, S.12, 13). Hier soll sich aber insbesondere dem sozialwissenschaftlichen, genauer dem poli­tikwissenschaftlichen Verständnis von Diskursen und Diskursanalyse gewidmet werden.

Eine einheitliche Definition, was eine Diskursanalyse auszeichnet und wie sie methodisch anzuwenden ist, lässt sich kaum gewährleisten. Wie die Recherche zeigte, ist diskursanalyti­sches Vorgehen von einem hohen Grad an Flexibilität hinsichtlich der Erarbeitung eines Forschungsdesigns geprägt und muss je nach thematischer Ausrichtung und Fragestellung individuell erarbeitet werden. So stellt Schwab-Trapp in seiner Veröffentlichung zu metho­dischen Aspekten der Diskursanalyse fest, dass „die Diskursanalyse [...] über kein einheitli­ches und von allen Vertretern dieser Forschungsrichtung geteiltes Methodenset zur Analyse diskursiver Prozesse [verfügt] (Schwab-Trapp 2010, S. 171).

Trotz ihres heterogenen Charakters lassen sich Keller zu Folge vier wesentliche Merkmale der Diskursanalyse ausmachen:

1. „Sie beschäftigt sich mit dem tatsächlichen Gebrauch von (geschriebener oder ge­sprochener) Sprache und anderen Symbolformen in gesellschaftlichen Praktiken.
2. Sie betont, dass im praktischen Zeichengebrauch der Bedeutungsgehalt von Phä­nomenen sozial konstruiert und diese damit in ihrer gesellschaftlichen Realität kon­stituiert werden.
3. Sie unterstellt, dass sich einzelne Interpretationsstrukturen als Teile einer umfas­senderen Diskursstruktur verstehen lassen, die vorübergehend durch spezifische institutionell-organisatorische Kontexte erzeugt und stabilisiert wird.
4. Sie geht davon aus, dass der Gebrauch symbolischer Ordnungen rekonstruierbaren Regeln des Deutens und Handelns unterliegt" (Keller 2011, S. 9).

Keller sieht in der Diskursanalyse allerdings keine spezifische Methode, sondern eher eine Forschungsperspektive, die je nach Fragestellung und methodisch-praktischer Umsetzung anders verstanden werden kann und maßgeblich von der disziplinären und theoretischen Einbettung abhängt. Er unterscheidet in seiner Einführung zur Diskursforschung für Sozial­wissenschaftler zwischen den Begriffen der Diskurstheorie, die als allgemeine theoretische Grundlagenperspektive auf die sprachförmige Konstituiertheit der Sinnhaftigkeit von Welt verstanden wird, und der Diskursanalyse, die sich auf die empirische Untersuchung von Diskursen konzentriert (vgl. ebd. 2011, S. 8, 9).

Um zu begreifen womit sich die Diskursanalyse beschäftigt, muss man also zunächst klären was ein Diskurs überhaupt ist. Im allgemeinen Sprachgebrauch versteht man unter einem Diskurs, jeglichen interpersonellen Austausch in Form von Schreiben oder Reden wie z.B. sich Unterhalten, Diskutieren, Streiten oder einen Briefwechsel zwischen zwei Menschen. Anne Waldschmidt bezeichnet diese Form des Diskurs als ungeordneten bzw. ungebändig- ten Diskurs. Im sozialwissenschaftlichen Forschungsverständnis sind Diskurse jedoch von einem höheren Maß an Struktur geprägt. „Während die alltäglichen Verständigungen kaum Bestand haben, zeichnen sich Diskurse im engeren Sinne durch Regelmäßigkeit und Perma­nenz aus" (Waldschmidt 2010, S. 155). Elementar sind demnach wiederkehrende Spracher- eignisse, also Aussagen, Deutungen und Beschreibungen der Realität, die einen Diskurs letztlich erst konstituieren. Waldschmidt betont darüber hinaus - mit Verweis auf Foucault - die Dimension von Macht-Wissen-Beziehungen. Diskurse sind keine Produkte machtneutra­ler Verständigungsprozesse, sondern Bündelungen von Wissen, die an unterschiedlichen Machtmechanismen und -institutionen gebunden sind (vgl. ebd. S. 154). Demnach unterlie­gen Diskurse institutionalisierten Regeln des Sprechens und sind maßgeblich von der Ver­teilung von Ressourcen geprägt. Keller fasst diesen Umstand prägnant in den zwei Fragen zusammen:

- Wer darf legitimer Weise wo sprechen?
- Was darf / kann wie gesagt werden? (vgl. Keller 2011, S. 67)

Wer wird beispielsweise in eine Talkshow eingeladen, wer wird in einem Zeitungsartikel zitiert oder wer darf sich in einem Parlament zu Wort melden? Welche Wortwahl nutzt ein Politiker während einer öffentlichen Rede und wie unterscheidet sich diese, wenn er im Wahlkampf mit Bürgern spricht? Ein Diskurs wird also auch in hohem Maße von den Orten und ihren gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bzw. sozialen Normen, den so genannten Arenen, in denen er geführt wird, mitgeprägt.

Donati definiert Diskurse als sprachliche Ereignisse, durch die ideelle und symbolische Kon­strukte in der sozialen Welt realisiert und aktualisiert werden. Der Diskursbegriff verweist ihm zufolge auf „alle Formen sozialen Dialogs, wie er innerhalb und zwischen Institutionen, zwischen Individuen, und sozialen Gruppen, Organisationen und den politischen Institutio­nen im Besonderen stattfindet" (Donati 2001, S. 147). Spezifischer äußert er sich zu den Besonderheiten politischer Diskurse. Diese konzentrieren sich auf die Kontroversen zwi­schen Akteuren und dem Versuch ihre legitimen Interpretationen durchzusetzen. Dabei repräsentieren politische Themen und Policy-Probleme den Ausdruck von konkurrierenden Interpretationen der Realität (vgl. ebd. S. 148). Dieser Auffassung von Diskurs, soll während der Untersuchung und Auswertung der vorliegenden Arbeit gefolgt werden.

2.2 Methodische Perspektiven der Diskursanalyse

Dieses Kapitel widmet sich einer Auswahl von Perspektiven, die insbesondere zur Bearbei­tung politischer Diskursanalysen herangezogen werden, um anschließend auf das in dieser Arbeit verwendete Konzept der politischen Rahmenanalyse (Policy-Frame-Analysis) genauer einzugehen.

Bei der Auseinandersetzung mit Diskursen bestehen unterschiedliche methodische Mög­lichkeiten sich diesen zu nähern. Entsprechend der Vielfalt thematischer Ausrichtungen und Fragestellungen stellt die Diskursforschung eine Vielzahl an methodischen Bearbeitungs­möglichkeiten zur Verfügung. Diese müssen nicht zwangsläufig voneinander getrennt an­gewendet werden, sondern fungieren eher als eine Art Werkzeugkasten, an dem sich der Diskursforscher, seinem Forschungsdesign entsprechend, bedienen kann. Scrase und Ockwell berücksichtigen in ihrer Abhandlung über die Rolle von Diskursen und ihrer sprach­lichen Rahmung der Energiepolitik in Großbritannien neben der Policy-Frame-Analysis auch Merkmale anderer Perspektiven, wie der Narrative-Analysis (vgl. Scrase u. Ockwell 2010, S. 2228) oder des Advocacy-Coalitions-Ansatz (vgl. ebd., S. 2227).

Die Narrative-Policy-Analysis geht davon aus, dass Akteure oder Akteursgruppen bestimmte „Storylines" bewusst oder unbewusst nutzen und so zur Strukturierung von Diskursen bei­tragen. Das Ziel des Ansatzes ist es, die zugrunde gelegten Narrative aufzudecken und ge­gebenenfalls Unregelmäßigkeiten zu identifizieren. Narrative bilden demnach Schemata, die in Diskursen kommuniziert werden und die sich soziale Akteure selektiv aneignen (vgl. Viehöver 2001, S.178).

Der Advocacy-Coalitions-Ansatz hingegen stellt die beteiligten Akteure und deren Bereit­schaft zur Kooperation und Koalitionsbildung bezüglich eines Diskurses in den Fokus der Betrachtung und bietet eine Perspektive, um einen Policy-Wechsel über einen längeren Zeitraum zu erklären (vgl. Bandelow u. Kundolf, 2011 S. 113).

Für die Untersuchung der vorliegenden Forschungsarbeit wurde der Policy-Frame-Ansatz gewählt. Einerseits scheint dieses methodische Konzept angemessen für die eingangs for­mulierten Forschungsfragen, da durch die Fokussierung auf unterschiedliche Deutungsmus­ter die verschiedenen Interpretationsansätze der Akteure und damit Realitätsauslegungen erfasst werden können die zur Konstituierung eines Diskurses beitragen, andererseits ist die methodische Umsetzung für den begrenzten Umfang der Arbeit vorteilhaft. Keller bezeich­net sie als forschungsökonomisch, da sie vergleichsweise wenige Texte zur Untersuchung benötigt um das Forschungsfeld adäquat zu erfassen (vgl. Keller 2011, S. 110).

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Im Schatten der Großevents. Analyse des brasilianischen Sicherheitsdiskurses
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Politikwissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
22
Katalognummer
V295525
ISBN (eBook)
9783656944997
ISBN (Buch)
9783656945000
Dateigröße
1179 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politik, Politikwissenschaften, Entwicklungspolitik, Sicherheitspolitik, Globalisierung, Brasilien, Rio de Janeiro, Olympia, Olympia 2016, FIFA, FIFA Weltmeisterschaft, FIFA Weltmeisterschaft 2014, Favela, Blatter, Großevent, Diskurs, Diskursanalyse
Arbeit zitieren
Moritz Blanke (Autor), 2014, Im Schatten der Großevents. Analyse des brasilianischen Sicherheitsdiskurses, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295525

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