Reisen im Geist der Aufklärung. Eine kritische Beurteilung von Carsten Niebuhrs "Reisebeschreibung nach Arabien"


Hausarbeit, 2013

27 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2. Vorbemerkungen
2.1. Zur Quelle: Reiseberichte als historisches Zeugnis
2.2. Zum Autor: Carsten Niebuhr
2.3. Zur Reise: Der Verlauf der Expedition

3. Fremde Völker und Kulturen
3.1. Forschungsmethodik
3.2. Die Darstellung des Fremden
3.3. Türken und Araber, Osmanen und Muslime

4. Carsten Niebuhrs Umgang mit Religionen
4.1. Niebuhr als Protestant
4.2. Darstellung anderer Religionen

5. Carsten Niebuhr als Orientalist

6. Fazit

Bibliographie

1 Einleitung

Asien und Europa, Orient und Okzident – vermeintliche Gegensätze, die den europäischen Blick auf die restliche Welt bis heute prägen. Vom ersten Aufglimmen der Idee eines christlichen Abendlandes bis zum Kalten Krieg steht die Unterscheidung zwischen Ost und West einem friedlichen Miteinander im Wege. Umso erstaunlicher scheint es da, dass ausgerechnet ein Reisender des 18. Jahrhunderts geschafft haben soll, woran selbst heutige Forscher allzu oft scheitern: Die eigene Meinung außen vor zu lassen und die fremde Kultur mit unvoreingenommenem Blick zu studieren. Die Rede ist von Carsten Niebuhr, einem norddeutschen Mathematiker und Geographen, dessen Beschreibung seiner Expedition in den Orient 1761 bis 1767 trotz ihres Alters noch immer wie ein Paradebeispiel wertneutraler Forschungsarbeit wirkt.

Die wissenschaftlichen Leistungen Niebuhrs, sein genaues Auge und seine Offenheit gegenüber den orientalischen Kulturen haben ihm gerade in akademischen Kreisen viel Ruhm und Respekt eingebracht. Denn im Gegensatz zu den meisten Reiseberichten, in denen streng zwischen exotischer Fremde und vertrauter Heimat unterschieden wird[1], durchbricht Niebuhr in seiner Reisebeschreibung nach Arabien[2] immer wieder diese Dichotomie und beeindruckt durch Vorurteilsfreiheit und Objektivität. Doch nichtsdestotrotz ist auch Niebuhr ein Kind seiner Zeit, dessen Werk im historischen Kontext gesehen werden muss. Ziel dieser Arbeit ist es daher, Carsten Niebuhrs Reisebeschreibung zu kontextualisieren und seine vermeintlich objektive Beschreibung der erforschten Völker kritisch zu hinterfragen. Darüber hinaus soll erörtert werden, inwieweit sein Bericht von den zeitgenössischen Diskursen beeinflusst wurde. Im Zentrum steht dabei die Beurteilung Niebuhrs als Vertreter eines Orientalismus im Sinne Saids, also der diskursiven Konstruktion des Orients als homogene, exotische, aber auch dem Westen untergeordnete Region.[3]

Wie die Wirkung von Carsten Niebuhrs Werk zu beurteilen ist, bleibt indes fraglich. Auch wenn Volker Heenes ihm einen „starken Widerhall“ in der gesamten europäischen Öffentlichkeit zuspricht und betont, dass sich sogar Goethe ein Blatt aus der Hand des weitgereisten Forschers erbat[4], scheint sein Echo in den folgenden Jahren weitestgehend ungehört geblieben zu sein. Der Reisebericht, der aufgrund seiner sehr nüchternen Sprache und der weitestgehend klischeefreien Darstellung jenseits der akademischen Welt kaum Zuspruch fand[5], brachte ihm zwar aufgrund der geographischen Leistungen (besonders der Kartographie des Roten Meeres und des Jemen) noch zu Lebzeiten Respekt in wissenschaftlichen Kreisen ein.[6] Doch währte dieser Ruhm nur kurz und war wenig schillernd. Erst 1962 erfolgte eine Aufarbeitung der Reise durch Thorkild Hansens Buch „Det lykkelige Arabien“[7], das jedoch trotz seiner raschen Übersetzung ins Englische und Deutsche kaum zur Kenntnis genommen wurde.[8] In Jürgen Osterhammels „Die Entzauberung Asiens“[9] findet Niebuhr mehrfach Erwähnung, bleibt letztlich jedoch eine Randfigur. Erst bei einem Kolloquium 1999 in Eutin wurden die Ergebnisse der Expedition ausführlich diskutiert und auf die hieraus hervorgegangenen Beiträge stützt sich diese Arbeit in besonderem Maße.[10] Nichtsdestotrotz besteht noch immer ein großer Nachholbedarf, dem auf den folgenden Seiten entgegengewirkt werden soll.

Beginnen möchte ich dabei mit einer kurzen Beschäftigung mit dem Genre der Reiseliteratur, gefolgt von einer Skizzierung der Biografie Niebuhrs, des Reiseverlaufes und der Publikationsgeschichte, um das Werk in den historischen Kontext einordnen zu können. Anschließend erfolgt eine Auseinandersetzung mit der Art und Weise, wie Niebuhr den Menschen im Orient zu begegnen pflegte. Neben einer allgemeinen Betrachtung stehen hier sein Araber- und Türkenbild sowie die Beschreibung der fremden Religionen im Vordergrund. Den Abschluss bildet die Einordnung Niebuhrs in das Orientalismuskonzept Saids sowie in die Diskurse seiner Zeit.

2. Vorbemerkungen

2.1. Zur Quelle: Reiseberichte als historisches Zeugnis

Wie keine andere literarische Gattung prägte das Genre der Reiseberichte die Vorstellungen, die die Menschen des frühneuzeitlichen Europas von der Welt außerhalb ihrer Heimat hatten. Im Gegensatz zu unserer Zeit, in der „die außereuropäische Welt für Europäer eine Welt der Bilder ist“[11], wie es Jürgen Osterhammel treffend formuliert, war im 18. Jahrhundert der Orient ein literarisches Projekt, das ganz von der Sprache (und wenigen Darstellungen mit dem Zeichenstift) getragen wurde – wer nichts las, der wusste nichts.[12] Bevor wir uns also der Reisebeschreibung des Carsten Niebuhr zuwenden, scheint eine Beschäftigung mit dem Genre der Reiseliteratur als historische Quelle durchaus sinnvoll.

Als allgemeines Gattungsmuster der Reiseberichte gilt die Dreiteilung in die Vorbereitung, den Hauptteil und die Rückkehr[13], die sich meist allein schon aus der chronologischen Erzählstruktur ergibt und so auch bei Niebuhr zu finden ist. Weitere Merkmale sind der Gebrauch „exotisierender“ Ausdrucksweisen sowie wiederkehrende rhetorische Figuren, die vor allem die Glaubwürdigkeit betonen sollen (bspw.: „Ich habe selbst gesehen…“ etc.)[14] Auch der Rückbezug auf andere, oftmals antike Autoren trägt hierzu bei und ist weit verbreitet.[15] Als auffälligstes Merkmal des Genres ist jedoch die Dichotomie von Fremde und Heimat zu nennen, die uns in fast allen frühneuzeitlichen Reiseberichten begegnet. Hierbei kreiert der Autor ein mit seiner (europäischen) Ausgangskultur gleichgesetztes „Wir“, welches er dem ihm auf der Reise begegneten „Anderen“ gegenüberstellt. Der so ermöglichte Vergleich lässt Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Kulturen deutlich hervortreten und macht diese für den Leser nachvollziehbar.[16] Es wird sich zeigen, inwieweit auch Niebuhr von dieser Dichotomie und der Methode des Vergleiches Gebrauch macht.

Abschließend ist noch hervorzuheben, dass uns Reiseberichte keineswegs nur etwas über das darin Beschriebene verraten. Vielmehr können sie als „unfreiwillige kulturelle Selbstdarstellungen“[17] verstanden werden, in denen der Autor durch die Betrachtung des „Anderen“ die Mentalität seines Heimatlandes sowie die darin vertretenen Diskurse (bspw. in Form von Stereotypen) offenbart.[18] In diesem Zusammenhang soll es auch nicht Ziel dieser Arbeit sein, den Wahrheitsgehalt von Niebuhrs Reisebeschreibung auf den Prüfstand zu stellen, sondern vielmehr die darin enthaltenen, aus den Diskursen seiner Heimat erwachsenen Vorstellungen vom „Orient“ und den dort lebenden Menschen herauszuarbeiten.

2.2. Zum Autor: Carsten Niebuhr

Die zentrale Quelle für die Auseinandersetzung mit der Biografie Carsten Niebuhrs stellt der Nachruf seines Sohnes Barthold Georg[19] dar, ein 88 Seiten starker Aufsatz, der im Herbst 1816 in den „Kieler Blättern“ veröffentlicht wurde.[20] Das Werk ist jedoch mit einiger Vorsicht zu genießen, denn bei dem Publikationsort handelte es sich um ein politisch aufgeladenes Blatt, das sich gegen die zu jener Zeit wachsenden Danisierungsbestrebungen der Kopenhagener Regierung in Holstein zu wehren versuchte.[21] Barthold Georg Niebuhr, selbst überzeugter preußischer Patriot, dürfte also durch die Veröffentlichung des Nachrufs nicht nur die Hervorhebung der akademischen Leistungen seines Vaters im Sinn gehabt haben (obgleich selbstredend dieser Aspekt besondere Betonung fand). Vielmehr stilisierte er den weitgereisten Forscher zu einer Galionsfigur des holsteinischen Patriotismus, gefördert durch die deutsche Politik (vertreten durch den Grafen Johann Hartwig Ernst von Bernstorff, einen maßgeblichen Unterstützer der Expedition nach Arabien), im Stich gelassen von der dänischen.[22]

Nichtsdestotrotz finden wir im Nachruf des Sohnes viele Informationen, die für das weitere Verständnis der Reisebeschreibung von Bedeutung sind. So handelte es sich bei dem 1733 in Lüdingworth (bei Cuxhaven) geborenen Carsten Niebuhr um den Sprössling einer bäuerlichen Familie, dessen Jugend und Ausbildung von den einfachen Verhältnissen und der engen Beziehung zu seiner Heimat gekennzeichnet war.[23] Erst sein „eigener, reger Trieb nach Wissenschaft“[24], so der Sohn, sei schließlich die Motivation gewesen, trotz seiner schlechten finanziellen Ausgangslage[25] das Abitur nachzuholen und ein Studium der Mathematik und Geographie zu beginnen. Eine folgenreiche Entscheidung, führte sie ihn doch 1757 an die Universität Göttingen, wo ihm schließlich die Einladung zur Arabien-Expedition überreicht wurde.[26]

Es mag ein bewusstes Stilmittel des Sohnes gewesen sein, Niebuhrs einfache Wurzeln zu betonen und ihn so zum Sinnbild des selbstlosen Forschers im aufklärerischen Geiste zu stilisieren.[27] Doch lassen sich auf der anderen Seite die Bescheidenheit und die wissenschaftliche Aufopferungsbereitschaft Niebuhrs kaum von der Hand weisen. Nicht nur, dass er selbst nach dem Tod seiner Gefährten – im Werk stets gewohnt nüchtern durch die Hervorhebung derer wissenschaftlichen Leistungen kommentiert[28] – die Strapazen der Weiterreise auf sich nahm. Selbst nach seiner Rückkehr nach Kopenhagen lehnte er viele der vorgesehenen Ehrungen ab (bspw. seine Adelung)[29] und war lange Jahre nicht selbstbewusst genug, seine geographischen Erkenntnisse ohne vorherige Überprüfung zu veröffentlichen.[30]

Da Niebuhr bis heute vor allem für seine Objektivität und Unvoreingenommenheit gerühmt wird[31], wirkt der Schluss des Aufsatzes des Sohnes ein wenig überraschend. Dieser schreibt:

„Er war und blieb überhaupt sein ganzes Leben lang ein echter Bauer mit allen Tugenden und auch mit den kleinen Fehlern seines Geburtsstandes. Unleugbar war er wohl eigensinnig, und ihm einen festgefaßten Gedanken auszureden war sehr schwer; er kehrte immer zu demselben zurück“[32]

Es ist hierbei fraglich, wie diese Aussage zu beurteilen ist, scheint sie doch zunächst widersprüchlich angesichts der in der Reisebeschreibung immer wieder demonstrierten Fähigkeit Niebuhrs, die Grenzen seines eigenen Horizonts zu verlassen und sich auf neue Vorstellungen einzulassen. Möglicherweise handelt es sich hierbei um eine stilistische Überzeichnung der Standfestigkeit Niebuhrs durch den Sohn, vielleicht war der Forscher auch einfach in der Lage, sich selbst „in die wissenschaftliche Zucht zu nehmen“, wie Dieter Lohmeier meint.[33] In jedem Fall findet sich in dieser Aussage aber ein weiterer Anlass, die tatsächliche Objektivität Carsten Niebuhrs eines kritischen Blickes zu würdigen.

2.3. Zur Reise: Der Verlauf der Expedition

Als Friedrich V. 1746 den Thron Dänemarks bestieg, bedeutete dies das Ende der pietistischen kunst- und welthassenden Politik seines Vaters Christian VI. Der neue Regent bemühte sich sehr um die Förderung von Wissenschaft und Kultur und versammelte Künstler und Philosophen aus aller Welt am Kopenhagener Hof.[34] Selbst im fernen Göttingen hörte man von der „kosmopolitische[n] Kulturpolitik“[35] Friedrichs V., die den Orientalisten Johann David Michaelis schließlich dazu beflügelte, den dänischen Staatsminister von Bernstorff um die Finanzierung einer Forschungsreise ins südliche Arabien zu bitten.[36] Aus dem geplanten Ein-Mann-Unternehmen wurde rasch ein groß angelegtes Expeditionsprojekt, für das geeignete Forscher gesucht werden mussten, darunter auch ein Geograph. Hierzu wandte sich Michaelis an den Göttinger Professor Abraham Gotthelf Kästner, der seinen Schüler Carsten Niebuhr vorschlug. Die nächsten anderthalb Jahre nutzte Niebuhr zur Vorbereitung, übte sich im Zeichnen, studierte historische Werke und Astronomie und erlernte die Grundkenntnisse der arabischen Sprache.[37] Neben ihm traten der Philologe Frederik Christian von Haven, der Botaniker Peter Forsskål, der Kupferstecher und Zeichner Georg Wilhelm Baurenfeind, der Mediziner Carl Christian Cramer sowie als Diener der schwedische Dragoner Berggren die Reise gen Arabien an; zurückkehren sollte jedoch nur Niebuhr.[38]

Die Expedition begann am 7. Januar 1761. Über Malta ging es zunächst nach Konstantinopel, wo Niebuhr schwer erkrankte. Nach seiner Genesung segelte man weiter nach Ägypten, wo die Reisegesellschaft ein gutes Jahr verbrachte und sich allmählich an den orientalischen Lebensstil anpasste. Im August 1762 ging es dann nach Suez und von dort aus mit einem Pilgerschiff in den Jemen; während dieser Überfahrt nahm Niebuhr einige astronomischen Messungen vor, die später zur Grundlage seiner berühmten Karte des Roten Meeres werden sollten.

Im Jemen erlebten die Reisenden zunächst eine angenehme Zeit, hatten jedoch bald mit dem heißen Klima und einer unbekannten Krankheit zu tun. Niebuhr deutete diese meist mit Erkältung, doch dürfte es sich hier um Malaria gehandelt haben.[39] Sie kostete Forsskål und von Haven 1763 schließlich das Leben und die übrigen Expeditionsteilnehmer entschieden sich dazu, den Jemen vorzeitig zu verlassen. Während der Überfahrt von Mochha (Mokka) nach Indien starben Baurenfeind und Berggren, in Bombay schließlich auch Cramer. Niebuhr, nun auf sich selbst gestellt, schickte die bisher gesammelten Unterlagen nach Kopenhagen und entschied sich dazu, zum Wohle der Wissenschaft die Reise allein fortzusetzen und über den beschwerlichen Landweg zurückzukehren.

Der weitere Weg führte Niebuhr zu seinem persönlichen Höhepunkt: Persepolis. Im heißen Sand fertigte er zahlreiche Zeichnungen und Abschriften der alten Ruinen an. Schließlich reiste er weiter über Bagdad nach Aleppo. Es folgten noch einige Abstecher nach Zypern (auf Wunsch des dänischen Königs) sowie ins Heilige Land (auf eigenen Wunsch), bis Carsten Niebuhr schließlich über Anatolien zurück nach Konstantinopel und von dort aus über Warschau wieder heim nach Kopenhagen gelangte.

Kaum zurückgekehrt, machte sich Niebuhr daran, die Ergebnisse der Reise zu veröffentlichen. Als Vorgabe diente ihm dabei ein Dreieck an Fragestellungen, die den Reisenden vom König, der Académie française und Michaelis an die Hand gegeben worden waren.[40] In ihrem Zentrum standen die Aufklärung des Alten Testaments sowie die Erforschung der ost-arabischen Dialekte.[41] 1772 erschien dann als erstes die „Beschreibung von Arabien. Aus eigenen Beobachtungen und aus im Lande gesammelten Nachrichten“, worin sich Niebuhr systematisch um die Beantwortung jener Fragen bemüht[42]. Zwei Jahre später wurde der erste Band der „Reisebeschreibung nach Arabien und anderen umliegenden Ländern“ veröffentlicht, in denen chronologisch der Reiseverlauf von Kopenhagen bis nach Indien geschildert wird. Es folgten zunächst drei Bücher, in denen Niebuhr die Ergebnisse von Forskåls zoologischer und botanischer Arbeit veröffentlichte, bevor 1778 der zweite Band der „Reisebeschreibung“ erschien, mit den Ruinen von Persepolis als Herzstück.

Der dritte Band, der lediglich die Rückreise behandelt, blieb zunächst liegen und erschien erst 1837, da der Autor aufgrund des veränderten politischen Klimas in Kopenhagen direkt nach der Veröffentlichung des zweiten Bandes nach Meldorf übersiedelte.[43] Reaktionen auf sein Werk hörte er zu Lebzeiten nur wenige. Niebuhrs Bücher fanden mit ihrem nüchternen Sprachstil und den wenig den Zeitgeist treffenden, kaum exotisierenden Darstellung nur wenig Absatz.[44] Zudem stießen sie teils auf heftige Kritik – aus Gründen „persönliche[r] Feindschaft“, wie der Sohn berichtet.[45] Positive Rückmeldungen und wissenschaftliche Anerkennung erhielt Carsten Niebuhr erst wenige Jahre vor seinem Tod am 26. April 1851.[46]

3. Fremde Völker und Kulturen

3.1. Forschungsmethodik

Bevor wir uns nun zur Gänze Niebuhrs Blick auf die fremde Welt widmen, lohnt sich zunächst die Betrachtung der Methodik, mit welcher er den Orient zu erforschen pflegte. Denn bereits in den ersten Kapiteln der Reisebeschreibung fällt auf, dass Niebuhr sich bei seiner Beschreibung stets nach einem festen Schema richtet. So beginnen seine Anmerkungen zu den besuchten Städten meist mit einer geographischen Beschreibung der Lage und Architektur des Ortes, oftmals ergänzt durch Angaben von Polhöhen und Zeichnungen. Es folgen Auskünfte zur Bevölkerung (vor allem Anzahl und Religion) und, wenn auch nur vereinzelt, wirtschaftliche und politische Bemerkungen. Den Abschluss bildet meist die Geschichte der Stadt sowie die kurze Nacherzählung von Legenden und besonderen Ereignissen, die Niebuhr aus zweiter Hand erfahren hat und die er zur Abgrenzung meist im Konjunktiv wiedergibt.[47]

Diese strukturierte Vorgehensweise ist zwar typisch für Niebuhr, jedoch keineswegs ein Einzelphänomen. Tatsächlich erinnert sie stark an die Instruktionen sogenannter apodemischer Ratgeber, wie sie im 18. Jahrhundert von zahlreichen Reisenden aus ganz Europa als Vorlage genutzt wurden.[48] Diese Traktate sind das Ergebnis einer Umdeutung der mittelalterlichen Pilgerfahrt zur Bildungsreise während des 16. Jahrhunderts. Die humanistischen Gelehrten jener Zeit waren darum bemüht, zum Wohle der Allgemeinheit schriftliche Ratgeber zur Standardisierung und Optimierung des Reisens auszuarbeiten.[49] Die so entstandene Ars Apodemica („Reisekunst“) beinhaltete nicht nur zahlreiche philosophische Überlegungen zur Thematik des Reisens, sondern auch handfeste Ratschläge zur Vorbereitung und Durchführung jener Unternehmungen.[50] Auch die festen Muster der Beschreibung, wie sie sich in Niebuhrs Reisebericht finden lassen, wurden in den Traktaten behandelt.[51] Es ist allerdings fraglich, ob sich Niebuhr direkt von einem solchen apodemischen Ratgeber leiten ließ (einen direkten Verweis hierauf finden wir in seinen Werken nicht) oder vielmehr anderen Berichten nacheiferte. Fest steht jedenfalls, dass Niebuhr auf seiner Reise eine große Auswahl an fremden Berichten und Fachliteratur mit sich führte, auf die er in seinen Werken häufig Bezug nimmt und die seinen Blick auf die arabische Welt zumindest teilweise mitgeprägt haben dürften.[52]

Neben der Konsultation von Fachliteratur waren es vor allem seine umfassende Beobachtungsgabe sowie der rege Austausch mit den Menschen vor Ort, die Niebuhr als Informationsquelle benutzte. Hierbei ging er weiter als die meisten anderen europäischen Reisenden und passte sich, vor allem was die Kleidung und Ernährung anging, völlig den Gegebenheiten des Orients an.[53] Eine Verhaltensweise, die ihm bei seiner Forschung gute Dienste leistete und deren Wichtigkeit er in seinem Bericht gerne hervorhebt.[54]

3.2. Die Darstellung des Fremden

Während seines Aufenthaltes in Ägypten schrieb Carsten Niebuhr nicht nur über die prächtigen Zeugnisse des Altertums oder das politischen Geschehen in Kairo, er widmete sich auch der eingehenden Betrachtung der Menschen, ihrer Kleidung und sogar ihres Zeitvertreibs während müßiger Stunden. So berichtet er über verschiedene Spiele[55], das Rauchen von Wasserpfeifen[56], die arabische Musik[57] und schließlich auch von Affen, denen man zur Belustigung der Menge das Tanzen beigebracht und europäische Kleider angezogen hat:

„Weil die lange morgenländische Kleidung sich nicht wohl für einen Affen schickt, da er die meiste Zeit auf allen vieren geht, so kleidet man in Egypten die zum Tanz abgerichteten Affen oftmals nach Europäischer Art. Dieß giebt dem gemeinen Mohammedaner Anlaß uns mit diesen Thieren zu vergleichen, vornehmlich wenn er einen wohl gepuzten Europäer mit bloßem Kopfe und einem horizontal herabhängenden Degen sieht, der ihm, so wie dem Affen der Schwanz, hinten zwischen den Kleidern heraussteckt.“[58]

Diese kurze Episode offenbart eine Eigenart Niebuhr, die charakteristisch ist für seine Art, mit fremden Kulturen umzugehen. Denn entgegen den meisten anderen Reisenden des 18. Jahrhunderts war der norddeutsche Forscher stets darum bemüht, den eigenen Standpunkt zu verlassen und das Seinsverständnis anderer Kulturen nachzuvollziehen.[59] Die Affen-Geschichte zeigt, welch großes Gespür für Wechselspiele der Fremdwahrnehmung er hierbei an den Tag legte. Hätten die meisten anderen Europäer die Bekleidung der Tiere wohl als Ausdruck der arabischen Fremdenfeindlichkeit gedeutet, so zieht Niebuhr den völlig logisch erscheinenden Schluss, dass die europäische Kleidung schlicht praktischer für die wilden Tiere sei. Auf diese Weise erklärt er auch die wenig schmeichelhafte, jedoch verständliche Analogie, die der „gemeine“, also ungebildete Ägypter hieraus ziehe.[60]

[...]


[1] Harbsmeier 1982, S. 12.

[2] Sein Erstlingswerk, die Beschreibung nach Arabien, soll nicht Teil dieser Arbeit sein. Nicht nur, dass dies den vorgegebenen Rahmen sprengen würde. Das Werk dürfte sich auch aufgrund seiner systematischen Argumentationsweise und des Bezuges zu den royalen und akademischen Vorgaben weniger für eine derartige Analyse eignen.

[3] Vgl. Said, Edward: Orientalism (= Penguin Classics), London 2003.

[4] Heenes 2007, S. 49; zur Rezeption Niebuhrs durch Goethe vgl. Mommsen 1988, S. 26 f.

[5] Conermann 2002, S. 413.

[6] Gerade in England, das sehr von der exakten Kartographie profitieren konnte, erlangte Niebuhr einige Bekanntheit; vgl. Carsten Niebuhrs Leben, S. 910; Conermann 2002, S. 413; Lohmeier 2002, S. 39 f.

[7] Hansen, Thorkild: Det lykkelige Arabien. En dansk ekspedition 1761 – 67, Kopenhagen 41966.

[8] Lohmeier 1986, S. 5 f.

[9] Osterhammel, Jürgen: Die Entzauberung Asiens. Europa und die asiatischen Reiche im 18. Jahrhundert, München 1998.

[10] Conermann, Stephan; Wiesehöfer, Josef (Hrsg.): Carsten Niebuhr (1733-1815) und seine Zeit. Beiträge eines interdisziplinären Symposiums vom 7.-10. Oktober 1999 in Eutin (= Oriens et Occidens 5), Stuttgart 2002.

[11] Osterhammel 1998, S. 176.

[12] Osterhammel 1998, S. 176.

[13] Harbsmeier 1982, S. 2.

[14] Ebd., S. 6.

[15] Maurer 2002, S. 328.

[16] Harbsmeier 1982, S. 12.

[17] Ebd., S. 7.

[18] Ebd., S. 1.

[19] Der für diese Arbeit verwendete Text findet sich innerhalb des von Wolfgang Stammler edierten Werkes, das auch den Reisebericht Carsten Niebuhrs beinhaltet (Carsten Niebuhrs Leben, S. 885-918).

[20] Walther 2002, S. 87.

[21] Ebd.

[22] Ebd.

[23] Carsten Niebuhrs Leben, S. 885 f.; vgl. auch Lohmeier 2002, S. 19.

[24] Carsten Niebuhrs Leben, S. 886.

[25] Ebd., S. 889.

[26] Ebd., S. 886 f.; Lohmeier 2002, S. 20 ff.

[27] Conermann 2002, S. 426.

[28] Bspw. beim Tod von Havens: R I, S. 369.

[29] Lohmeier 1986.

[30] Lohmeier 2002, S. 23, 39.

[31] Vgl. Lohmeier 1986, S. 50-53; Brandtner 2002, S. 238.

[32] Carsten Niebuhrs Leben, S. 917.

[33] Lohmeier 2002, S. 20.

[34] Bregnsbo 2002, S. 60.

[35] Lohmeier 2002, S. 22 f.

[36] Heenes 2007, S. 90.

[37] Ebd., S. 51.

[38] Lohmeier 2002, S. 27.

[39] Ebd., S. 30.

[40] Hartwig 2002, S. 158.

[41] Vermeulen 1999, S. 24 f.

[42] Und aus Sicht des Philologen Michaelis scheiterte, vgl. Vermeulen 1999, S. 26.

[43] Lohmeier 2002, S. 33.

[44] Conermann 2002, S. 413.

[45] Carsten Niebuhrs Leben, S. 900 f.

[46] Katzer 2008, S. 138; Lohmeier 2002, S. 38-41.

[47] Ein schönes, kompaktes Beispiel für dieses Schema findet sich bei der Beschreibung Beit El Fakihs: R I, S. 317-321.

[48] Stagl 2002, S. 94.

[49] Ebd., S. 77 f.

[50] Vgl. Ebd., S. 95-105.

[51] Maurer 2002, S. 334.

[52] Hartwig 2002, S. 189; eine umfassende Übersicht über die von Niebuhr genutzte Literatur findet sich auf S. 196-202.

[53] Osterhammel 1998, S. 138.

[54] Vgl. R II, S. 3 f.

[55] R I, S. 171.

[56] R I, S. 174 f.

[57] R I, S. 175 f.

[58] R I, S. 189.

[59] Conermann 2002, S. 431.

[60] Osterhammel 1998, S. 82.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Reisen im Geist der Aufklärung. Eine kritische Beurteilung von Carsten Niebuhrs "Reisebeschreibung nach Arabien"
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte)
Veranstaltung
Vertiefungsseminar: Ost und West in Reiseberichten der Aufklärung
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
27
Katalognummer
V295527
ISBN (eBook)
9783656934615
ISBN (Buch)
9783656934622
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
reisen, geist, aufklärung, eine, beurteilung, carsten, niebuhrs, reisebeschreibung, arabien
Arbeit zitieren
Julius Burghardt (Autor), 2013, Reisen im Geist der Aufklärung. Eine kritische Beurteilung von Carsten Niebuhrs "Reisebeschreibung nach Arabien", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295527

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